Schon komisch. Da hat sich ein englisches Label mit queren Techno-12"s, Noise und sonischen Experimenten über Jahre hinweg eine kompromisslose Reputation aufgebaut, war Sprungbrett für die Elektronikhelden von heute und schaffte es mit Sigur Ros und Múm gleichzeitig in die CD-Regale aller Tankstellen. Für das Brightoner Label ist das kein Widerspruch, wie auch die aktuelle Compilation zeigt.
Text: Johannes Schardt aus De:Bug 73

Unsere Art, Musik zu hören

Von Zeit zu Zeit braucht es immer mal wieder eine Werkschau von FatCat, um halbwegs einen Überblick über den Output des Labels zu behalten. Und da zu dem ohnehin schon mannigfaltigen Backkatalog in der jüngeren Vergangenheit weitere Veröffentlichungen hinzugekommen sind, die die musikalischen Eckpfeiler des Labels um weitere Kilometer verschoben haben, hilft nun die Compilation “branches and routes” dabei, sich die reiche Palette an verschiedenen Releases vor Ohren zu führen.

Branches and routes. Eine Metapher, die für FatCat zutreffender nicht sein könnte. In den Linernotes spricht man von sich selbst ganz bescheiden zwar nur als kleinen Knoten in einem großen Geflecht von Künstlern und anderen Labels, aber von diesem Knotenpunkt dürften wohl mit die meisten Verästelungen ausgehen. Die japanischen Klangterroristen Xinlisupreme, Laptop-Streuner Kid 606, die isländischen Elfenbeschwörer Sigur Ros, Superstar Björk oder das Post-Punk-Funk-Trio Giddy Motors – ihre Wege kreuzen sich bei FatCat und zusammen mit vielen anderen hinterlassen sie eine Diskographie, die beim geneigten Hörer immer wieder Entzückung, aber auch Kopfschütteln provoziert. Darum weiß auch Marcus Thorne, zuständig für die nicht einfache Aufgabe der Promotion von solch unterschiedlichen Acts: “Einige Leute sind sicherlich verwirrt bei einem derart offenen Labelprogramm wie dem unsrigen, aber das ist nun einmal die Art, wie wir Musik hören. Es gibt kein wirkliches Ziel bei uns, außer weiterhin inspirierende Musik mit einer konsistenten Qualität herauszubringen, egal aus welchem Genre.” Und das glaubt man ihnen aufs Wort, denn auch nach all den Jahren, die FatCat jetzt schon im Geschäft ist, scheinen die Macher immer noch vom puren Enthusiasmus getrieben, der stärker als jedes Kalkül ist. Trotz etablierter Labelacts wie Múm oder Sigur Ros lassen es sich die FatCatler nicht nehmen, immer wieder mit vielen nahezu unbekannten Artists zu arbeiten. Dieser zwanghafte Missionierungsdrang in Sachen Musik reicht zurück bis ins Jahr 1990, als Dave Cawley und Alex Knight in der Londoner Satellitenstadt Crawley einen kleinen Plattenladen unter dem Katzenlogo eröffneten. Schnell entwickelte sich dieser zu einem der wichtigsten europäischen Umschlagplätze für Detroit-Techno und der gerade entstehenden britischen Elektronika-Szene; ein Eldorado, das Leute wie Jeff Mills, Richie Hawtin und Aphex Twin des Öfteren vorbeischauen ließ. Als der Laden dann im Sommer 1997 schließen musste, fing die FatCat-Mannschaft an, selbst Platten zu veröffentlichen. In dieser Anfangsphase des Labels wurde auch die Split-Series initiiert, die viele einflussreiche Elektronika-Acts erstmalig vorstellte. In nackten 12″ Sleeves, von Hand numeriert und durchbohrt, befand sich Musik von V/Vm, Gescom, Matmos, Team Doyobi und auch heute noch ist diese Serie ein wichtiger Bestandteil des Labels. Weitere Projekte, die neben dem regulären Katalog laufen, sind die Splinter Series (CD Serie mit Ultra-Red, Janek Schaefer, Xinlisupreme u.a.), 130701 (ein Sublabel für orchestrale Intrumentalalben) oder e-rmx (Remixe von Emiliana Torrini). Viele werden bei dem Namen FatCat allerdings an Sigur Ros denken, die mit Abstand bekannteste und kommerziell erfolgreichste Band im aktuellen Labelkatalog (ihr letztes Album “Agaetis Byrjun” erhielt in Großbritanien kürzlich eine Silberne Schallplatte). Aufgrund ihres überraschenden Erfolgs musste das Label den schwierigen Spagat zwischen kleinen Indiestrukturen auf der einen Seite und größeren Vertriebswegen und Marketingbudgets auf der anderen Seite vollziehen. Aber trotz dieses neuen Levels, auf dem FatCat nun operieren, lassen sie es sich nicht nehmen, weiterhin CDs mit Noisegewittern oder anderen obskuren Klängen zu veröffentlichen. Und daher klingt es auch keineswegs wie eine gern benutzte Floskel von Plattenfirmen, wenn Marcus sagt: “Natürlich haben wir eine Idee davon, wie populär oder weitreichend der jeweilige Release sein kann. Aber das ist kein Kriterium für uns, eine Platte zu veröffentlichen oder nicht.” Ein kurzer Blick auf die Diskographie von FatCat wird jeden Zweifel am Wahrheitsgehalt dieser Aussage zerstreuen. Wohin die Wege von FatCat in Zukunft auch führen werden, wahrscheinlich werden sie weiterhin verschlungen sein und in alle Himmelsrichtungen mäandern.

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Elektronische Lebensaspekte.