Das Chicagoer Label "Hefty" ist von einer Ein-Künstler-Plattform zu einem Knotenpunkt für gemütsmenschliche Experimentalelektronik gewachsen. Vor Savath & Savalas, Telefon Tel Aviv oder Slicker kapituliert der Post Rock-Begriff beschämt. Und alte Freejazz-Größen wittern den zweiten Frühling.
Text: Florian Brandlmeier aus De:Bug 61

Vibes from the Hefty Tribe
Hefty

Der Name ist auch beim Chicagoer Label Hefty Programm – hefty gleich heftig – wenn auch nicht unbedingt bewusst aus diesem Grunde gewählt. Das Label, dem in vielen Plattenläden ein Fach im Post-Rock-Eck zugewiesen wird, bescherte uns in letzter Zeit wunderbarerweise am laufenden Band großartige und durchaus einflussreiche Releases. Der Name verrät aber nicht, wie vielfältig und umtriebig Hefty Records ist.

Gründer und Betreiber von Hefty ist der 26-jährige John Hughes, der als Slicker im letzten Jahr mit seinem Knüller-Album “The Latest” fast allerorts Lorbeeren einheimsen konnte. Auch die Platte, auf der seine Tracks den Remixen von Matmos, Mice Parade und anderen unterzogen wurden, sowie die einzige Auskopplung “The Frustrache EP” haben aufhorchen lassen. Ursprünglich, im Gründungsjahr 1995, ging es Hughes eigentlich nur darum, seine eigenen Produktionen zu veröffentlichen. Unterdessen aber haben sich so einige Artists zu ihm gesellt und Hefty ein erstaunlich breites Spektrum an Veröffentlichungen ermöglicht.

Savath & Savalas, Telefon Tel Aviv und Konsorten

Während Heftys frühe Acts wie Retina Italy, Mondii, Super ESP oder The Aluminium Group noch etwas weniger Aufmerksamkeit erregten, waren die Debüt-Alben “Fahrenheit Fair Enough” von Telefon Tel Aviv und “Folk Songs for Trees, Trains, and Honey” von Savath + Savals, einem Pseudonym von Scott Herren, der u.a. auch als Delarosa & Arosa auf Schematic und als Prefuse 73 auf Warp große Erfolge feiern konnte, in aller Munde und CD-Playern.

Auf der Suche nach dem richtigen Label stieß der aus Atlanta stammende Scott Herren auf Hughes, der nach Erhalt des Demo-Tapes sofort hin und weg war. Die weniger komplizierte Grundlage dieser smooth-groovigen Produktion, die später von Warp lizensiert wurde, bildet meist die Instrumentation mit Gitarre und Schlagzeug. Stärker im Hintergrund platziert dann die elektronischen, zumeist disharmonischen bis noisy Elemente und allerlei bewusst so belassene Fehlerhaftigkeiten. Gespannt darf man nun auf sein neues Album warten, dem die diesen Monat erscheinende ”The Rolls and Waves EP” vorausgehen soll.

Telefon Tel Aviv nennen sich Joshua Eustis and Charles Cooper aus New Orleans, die seit 1999 gemeinsam musizieren. Auf ihrem Debüt-Album mischen auch sie die Klänge von akustischen Instrumenten (wie Rhodes, Piano und Gitarre) mit einer elektronischen Textur, die in aufwendiger Handarbeit und häufig unter Verzicht auf Loops entstand: Die programmierten Sounds sind meist nur einmal und Bruchteile von Sekunden lang zu hören. Darüber schichten die beiden auf vielen der Songs ihres insgesamt kontrastreichen und bogengleich aufgebauten Longplayers schöne und schwermütige Melodien.

Nicht zu vergessen sind schließlich Beneath Autumn Sky aus Florida, die sich aus Smaze One und Zane 3 zusammen setzen. Smaze hatte sich bereits davor einen Namen als Sprüher und Beatbastler gemacht, der mit Pausen-Taste, 4-Spur-Mischer und manuell gefertigten Tape-Loops arbeitete. Und Zane brachte den PC in die Mix-Sessions ein. Ihr erstes Release, die aus fünf beat- und basslastigen Tracks bestehende ”Ernki du’s Mono EP”, ist PostHop, der die zentralen Grooves mit Samples und Sounds aufpeppt. Ein Longplayer wird folgen.

Der personifizierte Vibe

Zuletzt stieß schließlich die Free-Jazz-Legende Phil Ranelin zur Hefty-Bande. Einen Namen errang sich der in Indianapolis geborene Posaunist vor allem mit seinen beiden Alben “The Time is Now!” (1974) und “Vibes from the Tribe” (1976). Darüber hinaus begründete er den Detroiter “Tribe” mit – ein Künstler-Kollektiv, das sich ebenso wie ähnliche Organisationen in anderen amerikanischen Städten zur damaligen Zeit die künstlerische Selbstbestimmung bewahren wollte und überdies zu einer Quelle des “Black Pride” wurde. Als Vehikel für Musiker, Künstler, Schriftsteller und Denker veröffentlichte der Tribe eigenständig Platten und informierte in seinem eigenen Magazin die Detroiter afro-amerikanische Community durch soziale und politische Kommentare (wie etwa in Ranelins Kolumne), Musik-Reviews und Interviews.

Die Ranelin Re-Issues und Remixes

Die Re-Issues basieren auf den originalen Master-Tapes, neu gemischt und restauriert von John McEntire (Tortoise, Sea & Cake). Die Jazz-Welt war begeistert. Im Anschluss an die Re-Issues folgte dann ein Projekt, das in der jüngsten Hefty-Veröffentlichung “The Phil Ranelin Remixes” mündete. Ziel war es vor allem, einem jüngeren Publikum die Musik Ranelins näher zu bringen. Hier versammeln sich Prefuse 73, Kirk Degiorgio, Jan Jelinek, El-P, um zusammen mit Telefon Tel Aviv, Beneath Autumn Sky und schließlich Slicker himself Ranelins Stücke auf jeweils sehr eigene und virtuose Weise zu remixen. Anfänglich stand Hughes dem Projekt noch sehr zögerlich gegenüber, da ihm die Original-Tapes heilig waren. Doch durch die Offenheit und Unterstützung Ranelins, der das Remix-Album als kreative Art, seine Platte besser zu vermarkten, betrachtete, entstand bald schon Vertrauen und Enthusiasmus.

Vorbild Tribe

Passt denn das zusammen? Ein Free-Jazzer aus den 70ern neben all den anderen Hefty-Projekten? “Mir geht es nur darum, gute Musik zu veröffentlichen”, meint Hughes. “Ich will mich nicht nur auf ein Genre beschränken.” Und mit Ranelin würde Hefty Weisheit und Geschichte erhalten, was Hughes bei vielen anderen Labeln vermisst. Seiner Meinung nach hätte Ranelins Werk dem Label einen unschätzbaren Beitrag als Betätigungsfeld und im Sinne einer “philosophical Guidance” gebracht. Womit aber natürlich nicht gemeint ist, dass Hughes die damaligen Vorstellungen von Ranelin und dem Tribe komplett adaptieren will. “Phil hatte einen Grund dafür, politische und musikalische Ideen zu fusionieren. Ich besitze nicht die gleiche Art von Motivationen wie er, denke aber, dass ich die gleiche Leidenschaft habe. Hefty beinhaltet meines Erachtens keinerlei politisches Element, aber ich sehe, dass wir eine musikalische Gemeinschaft aufzubauen versuchen. Das ist der Teil des Tribes, der auf mich abfärbt. Für mich ist er ein perfektes Modell. Weil ich zu jemandem wie Phil Zugang habe, macht es die Struktur des Tribes für mich erreichbar. Ich mag die positiven Vibes der 70er Jahre Jazz-Bewegung. Und ich will die gleiche Art Vibes durch Heftys Venen fließen sehen. Ich will, dass sich Hefty einen Geist bewahrt, der ultra-independent ist, während weiterhin den praktischen Seiten, ein erfolgreiches Business zu führen, Aufmerksamkeit geschenkt wird. Und ich achte weiterhin auf die Qualität, Integrität und die gesamte Vision des Labels.”

Netzwerk aus Artist-run Labels

Doch damit nicht genug. Hughes will mehr mit Hefty. Und kümmert sich in letzter Zeit verstärkt um die Zusammenarbeit mit anderen Labeln v.a. aus dem US-Underground. “Hefty hat sich langsam in einen Mittelpunkt für Label verwandelt, die selbst von Künstlern betrieben werden. Wir haben damit angefangen, solchen Artist-run Labeln wie “Eastern Developments”, das zum einem Teil von Scott Herren betrieben wird, und Jamie Hodges “Aestarium” sowohl Herstellung als auch Vertrieb anzubieten. Zugleich helfen wir anderen weniger großen, von Künstlern betriebenen Labeln durch den Vertrieb ausgewählter Stücke.” Die bekanntesten unter diesen Labeln sind wohl Matthew Herberts “Soundslike” und “Lifelike” sowie Stewart Walkers “Persona”. Neben dem Vorteil der gegenseitigen musikalischen Beeinflussung und Inspiration innerhalb der enger kooperierenden Label sieht Hughes aber auch die – gerade in den USA – bestehende Notwendigkeit eines solchen Netzwerkes: “Zur Zeit scheint es mehr denn je, dass Künstler zusammen arbeiten und etwas bewegen sollten. Es finden so viele interessante Dinge statt, aber nicht viele erlangen Bekanntheit. Dadurch dass die Platten-Distribution auf der Ebene der Label-Ketten zunehmend zusammenbricht, denke ich, dass es an der Zeit ist, dass talentierte Leute zusammen arbeiten und etwas auf der grundlegenden Ebene bewegen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bevor etwas Neues explodiert.”

Hefty = Post-Rock?

In den kommenden Monaten soll mit der “Immediate Action”-Serie wieder Gas gegeben werden. Gerade viele der Immediate Action-Beiträge, aber auch ein Großteil anderer Projekte befinden sich am Rande der experimentellen elektronischen Musik. Insofern scheint die gerne betriebene Kategorisierung Heftys als Post-Rock-Label fehl am Platz. Wie sieht Hughes das selbst? Was ist “Post-Rock” denn für ihn? Und in welcher Beziehung steht Hefty zu dieser Erscheinung? “Wie für die meisten Künstler ist es auch für mich recht schwierig, musikalische Genres zu diskutieren. Aber sicherlich bin ich der Meinung, dass Post-Rock als Genre existierte, speziell in Chicago. Dennoch denke ich gerne, dass Hefty etwas anderes macht. Post-Rock scheint auf dem absteigenden Ast zu sein. Ich glaube, dass Hefty manchmal mit anderen Labeln aus Chicago und dem Sound, für den Chicago in den späten 90ern bekannt war, in Verbindung gebracht wird. Aber meines Erachtens besitzt Hefty eine sehr breite Palette von musikalischen Stilen und Veröffentlichungen. Ehrlich gesagt schreckt mich der Begriff Post-Rock ab!”
http://www.heftyrecords.com

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Elektronische Lebensaspekte.