Raketen, Schusswaffen und inzestuöse Familienverhältnisse – Tigerbeat6 ist wahrscheinlich das amerikanischste aller Mikro-Label der USA und existiert im offenen Widerspruch zu seinen höchst unamerikanischen Umtrieben. Miguel Depedro, als Kid606 Laptop-Punk der Stunde Null, betreibt den Sweatshop für arbeitswütige Kinder, deren Produkte einmal die Welt beherrschen sollen.
Text: Gerd Ribbeck aus De:Bug 70

Sie sind jung und sie sind Ami
Tigerbeat 6

Jung und Ami – in dieser Kombination scheint alles möglich. Depedro war gerade 16 Jahre alt, als er für Vinyl Communications Merzbow-CDs konfektionierte. Mit 19 hatte er so ziemlich alles inhaliert, was europäische und japanische elektronische Musikgeschichte bedeutet und, ganz Ami, respektlos assimiliert. Ami, wenn er darauf scheißt, was allzuoft als Kunst oder gar Kultur heilig gesprochen wird, indem er erst gar nicht darüber nachdenkt. Ami, wenn Ideen einfach beim Schopfe gepackt und umgesetzt werden. Frühreif oder spätpubertär – bei Tigerbeat6 ist das irgendwie alles eins. Mit einer Attitüde zwischen Punk und Proll, mehr fartsy als artsy pupst das kalifornische Label giftige Fürze der Unverdrossenheit in die naserümpfenden Fressen humorloser IDM-Datenbanken. Mit einem sicheren Händchen für Provokation veröffentlicht Depedro alles, was andere nicht veröffentlichen würden. “That was punk, this is now“ – der Claim von Vinyl Communications wirkt nach.
“Tigerbeat6 ist definitiv der Bastard von Vinyl Communications, aber es gibt keine wirkliche Verbindung außer ein paar Künstlern und der Tatsache, dass ich dort so lange gearbeitet habe. Ich habe eine Menge bei VC gelernt. Ohne dieses Wissen hätte ich Tigerbeat6 nie starten können. Und ich musste es starten, weil ich Angst davor hatte, Vollzeit-Musiker zu sein. Ich konnte mir nicht vorstellen, jeden Tag aufzuwachen und mich nur mit mir und meiner Musik zu beschäftigen. Wahrscheinlich wäre ich total selbstsüchtig und introvertiert geworden und meine Musik hätte darunter leiden müssen.“

Drauf geschissen

Kaum vorstellbar, dass Tigerbeat6 ohne Depedro existieren könnte. Mit einer Geschwindigkeit von mindestens 20 eMails pro Minute kommuniziert er mit dem Draußen und ködert Mitglieder für die Tiger-Familie. Und das mit nur 9 1/2 Fingern – eine Hälfte opferte er unfreiwillig für das Startkapital seiner musikalischen Karriere, als ihm mit 16 eine Modellrakete in der Hand explodierte und er den Hersteller vor Gericht zu einer Finanzeinlage in seine Zukunft bewegen konnte. Von dem Schmerzensgeld kaufte er sich Synthies, die er später gewinnbringend gegen Computer eintauschte. Selbstverstümmelung ist wohl das Letzte, was er von seinen Label-Künstlern erwartet, wobei Hi-Tech-Prothesen von übermorgen Tänzern durchaus helfen könnten, sich zu so manchem paralympischen Tigerbeat-Noise angemessen zu bewegen. Musikalisch lässt Depedro seinen Leuten völlig freie Bahn, solange sie sich easy-going zur Familien-Idee bekennen: “drauf gefickt“.
“Klar, dass alle Künstler entweder mit mir oder sonstwem von Tigerbeat6 geschlafen haben müssen, um auf das Label zu kommen. Ich möchte schon gern annehmen, dass wir eine Familie werden, wenn Leute mit uns arbeiten. Im Großen und Ganzen müssen wir an jemanden glauben, an dessen Musik und Kunst, und das Gefühl haben, wir könnten einander helfen. Es ist hilfreich, wenn man locker mit Leuten arbeiten kann, ich hasse Künstler mit ‘nem Stock im Arsch, wir haben schon viele von ihnen abgewiesen, obwohl es großartige Musiker sind.“

Kein Wunder also, dass als Gemeinsamkeiten der Tigerbeat6-Künstler vor allem abseitiger Humor und die Lust an Ideen und Musik in Frage kommen. Musikalisch möchte das Label kein explizites Genre bedienen. Neben bekannten G4-Größen wie Kid606, Lesser oder Electric Company gibt’s auch HipHop-Experimente mit Cex, Gold Chains oder Dälek sowie angekrautete Phantasien im Rockotronic-Format von Bands wie Numbers, Erase Errata oder Stars As Eyes. Blectum from Blechdom, vom Teufel entzweit, sind nunmehr solo als Blevin Blechdom und Kevin Blechdom auf lektrospastischer Spurensuche. Spacken nach dem Geschmack eines Kid606 finden sich auf der ganzen Welt. Mit Acts wie Dat Politics aus Frankreich, Pimmon aus Australien sowie Merzbow und Com.a aus Japan und den Fahnenträgern der Booty-Bewegung DJ Rupture aus Spanien und Knifehandchop aus Kanada kann sich Tigerbeat6 getrost zu den Global Playern des Very Special Interest zählen.

USA! USA! Und Japan

Es ist ein unbestätigtes Gerücht, dass Miguel Depedro Besuch vom FBI erhielt, weil angeblich George Ws Nemesis, gemeint sind seine Töchter Barbara und Jenna Bush, in der Kundenkartei von Tigerbeat6 auftauchten. Unvorstellbar ist das nicht, denn das Label ist der Kindergarten für alle aufmüpfigen Kids Of America, deren Protest darin besteht, Erwartungen anderer zu enttäuschen. Tigerbeat6 kümmert sich um seine Zielgruppe und lässt sie einfach nicht zur Ruhe kommen. Regelmäßig unregelmäßig ballert Hyperaktivist Depedro Tonträger in allen Hautfarben und Größen in die Fangemeinde. Das Angebot erstreckt sich von der 3’’ CD bis zur 11-stündigen MP3-Sammlung und umfasst alle Spielarten von Vinyl. Seit der ersten Veröffentlichung im Januar 2000 (Kid606 & Friends Vol. 1 CD) hat Tigerbeat6 knapp 80 Mal “MEOW“ gemacht – so der Labelcode in der Katalogabkürzung, wobei nicht alle Katalognummern zur Veröffentlichung kamen. Und ganz anders als die vielen Klemmi-Kollegen von der Insel sind die Tigerbeat6-Acts ein besonders zeigefreudiges Völkchen und touren ständig durch ihr riesiges Land, bewaffnet nicht nur mit Laptops und Banjos. So fängt sich der Tourmanager schon mal eine Kugel ein aus einer Pistole, von der keiner weiß, wie sie in die freundschaftliche Rangelei zwischen den Bandmitgliedern von Stars As Eyes und Numbers geraten ist, als sie besoffen und bepilzt den tiefen Süden des Landes nach unbegrenzten Möglichkeiten erkunden.
“Unser Hauptmarkt ist Amerika, und meines Wissens sind wir das einzige Label für elektronische Musik mit dieser Ausrichtung, alle anderen machen ihre Platten in Europa oder verschiffen sie dorthin. Wir waren immer lokal ausgerichtet, und obwohl Amerika eine eklige, kranke, krebsverseuchte Nation aus Lügen und Problemen sein kann, ist es unsere Heimat. Wir sind ein amerikanisches Label und können nicht so tun, als wären wir es nicht. Es ist zwar so, dass die meisten Labels und Musik, die wir mögen, aus Europa kommen, und die Leute von uns fast schon erwarten, dorthin zu ziehen und dem schönen Leben zu frönen. Aber wir mögen die Herausforderung und den Kampf (ich zumindest).“

Deutschland, von vielen als der Markt für elektronische Musik schlechthin zitiert, kommt bei Tigerbeat6 abgeschlagen an vierter Stelle – nach den USA, Japan und Großbritannien. Keine CD-Käufer hierzulande, stattdessen Vinyl und jede Menge Downloads, vermutet Depedro. “Kanada läuft noch schlechter, aber da kauft sowieso keiner Musik, weil die Leute da schlauer sind und ihr Geld in wichtigere Dinge wie Schusswaffen investieren, mit denen sie dann keine Menschen umbringen.“

Inzwischen beschäftigt Tigerbeat6 eine Vollzeitkraft, nämlich Cathy Ellis als Labelmanagerin. Die kümmert sich auch um die Geschäfte des Tigerbeat-Ablegers Violent Turd, das eigens in Neuseeland gegründet wurde, um von dort aus Copyright-problematisches Material vom Kid, DJ Rupture und DJ Broken Windows zu veröffentlichen.

Gespaltene Töne

Die Kleinteiligkeit elektronischer Musik springt schonmal in die Köpfe ihrer Liebhaber und fängt von innen heraus an, Haare zu spalten. Und Meinungen. So verwundert es nicht, dass Tigerbeat6 entweder Fans oder Verweigerer hervorbringt, wie es scheint. Echte Hardcore-Fans kaufen alles, was das Label hergibt, gleichzeitig versteht es Tigerbeat6, das Vertrauen der eher verbissenen Musikliebhaber regelmäßig zu zerstören. Musikstilistische Labelverlässlichkeit, so wie sie in Europa praktiziert wird, ist für Depedro ein Kuriosum.
“Es ist doch total irre da drüben, besonders weil alle ihren eigenen strikten Musikstil pflegen, selbst wenn der nicht besonders originell ist oder sich nicht von anderen Labels unterscheidet. Und dann diese ganzen Unterlabels, für jeden Stil ein anderes. Das war anfangs ein Riesenproblem für uns, denn wir hatten und haben keinen strikten musikalischen Code. Das verwirrt die Leute. Aber mittlerweile sind sie weniger überrascht, vielmehr erwarten sie Irritation von uns. Die meisten Leute dachten wohl, alles auf Tigerbeat6 hört sich an wie Kid606, was für ein beschissener Alptraum! Ich würde mich umbringen, wenn das der Fall wäre …“

Web-Fundstücke: Kid606 – Classic or Dud?
http://ilx.wh3rd.net/thread.php?msgid=2303822

„…the whole tigerbeat thing just seems like an annoying clique of rich kids trading wacky in-jokes without any concern as to quality of the actual, uh, music…“

„The thing I can’t stand about the Tigerbeat6 camp is their tendency to repackage horrid, inherently unlistenable stabs of digital tomfuckery as their own native, oh-so-mischievious brand of audio pranksterism. It’s a tactic that’s worn continually thin as their catalogue expands. Kid is probably the guiltiest of all of them – in spite of his oft- stated anti-scenisms, I’m starting to interpret his actions as the work of somebody who’s desperately afraid of being taken seriously.“

„i’d say classic. not necessarily because i love his music or anything, but simply due to his different approach to making music. the way he’s made a name for himself alone makes him a classic.“

„undecided about the guy himself, but tigerbeat6 = CLASSIC“

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Elektronische Lebensaspekte.