Workshop wird betrieben von Lowtec und Even Tuell. Mit sechs Releases in zwei Jahren wird bewusst auf Qualität gesetzt. Nicht nur für Liebhaber sind alle Platten der beiden Freunde aus Thüringen und Hessen zum Pflichtprogramm geworden. Aus dem Dunstkreis von R.A.N.D. Muzik entstanden, steht man nun für Wertigkeit durch Deepness und dezente Langsamkeit als Statement.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 128


Workshop
Qualität durch Entschleunigung

Workshop als Newcomer-Label zu bezeichnen, ist irreführend. Denn hinter dem Label verbergen sich keine aufgeregten House-Jungspunde, die ihr erstes Label an den Start gebracht haben, sondern zwei gestandene Produzenten und Label-Betreiber, die mit beiden Beinen tief in der deutschen House- und Techno-Geschichte verankert sind. Dass Jens Kuhn aka Lowtec und Paul David Rollmann, der als Even Tuell veröffentlicht, trotzdem in einer Newcomer-Strecke auftauchen, ist zu großen Teilen ihrer Labelpolitik geschuldet. Denn die unterscheidet sich stark von denen der House-Label, die in den letzten Monaten Siegeszüge durch die internationalen Clubs angetreten haben.

Während der Groove reduzierter, perkussiver House-Tracks in diesem Jahr endgültig zum Konsens-Sound avanciert ist und der Strom an Platten, die sich an diesem Sound abarbeiten, in fast schon beängstigender Geschwindigkeit und Menge weiterfließt und so letztendlich Gefahr läuft, sich genauso zu kannibalisieren, wie es Minimal vor nicht allzu langer Zeit getan hat, sind sich Jens und Paul einig: Als Label reicht es, wenn man drei, maximal vier Platten im Jahr herausbringt.

Mit dieser Politik haben es die beiden in den zwei Jahren, in denen es Workshop gibt, auf sechs Veröffentlichungen gebracht. Sechs schimmernde House-Kleinode von langjährigen Freunden wie Move D oder Benjamin Brunn, Newcomern wie Sascha Dive oder Kassem Mosse und natürlich von den beiden selber. Meist in reduziertem Tempo und voll glückseliger Deepness. ”Im Vergleich zu Leuten wie Johnny D sind wir Schildkröten. Die Geschwindigkeit, in der die arbeiten, kann ich nicht nachvollziehen. Da bräuchte ich einen 48 Stunden Tag”, sagt Paul und Jens fügt an:” Drei bis vier Platten im Jahr ist ein sehr guter Rhythmus. Da hat man genug Zeit, den nächsten Release in Ruhe zusammenzustellen und man gibt den einzelnen Platten genug Zeit, wenn sie veröffentlicht sind.” Die Rastlosigkeit des Maxi-Business mit der dazugehörigen Kurzlebigkeit der meisten Platten ist etwas, das den beiden vollkommen abgeht. Ihr Label soll ein Gegenpol dazu darstellen. Jeder Release wird genau abgewägt. “Ich brauche immer sehr lange, bis ich mir bei einem Stück sicher bin, dass das jetzt wert ist, auf Vinyl gepresst zu werden”, erklärt Paul. “Wir wollen die Welt nicht mit Vinyl zumüllen. Für mich ist Persönlichkeit ein wichtiges Kriterium. Wenn ein Track auf zu viele andere Label passt, dann ist er schon wieder weniger interessant für mich. Da kann er noch so gut produziert sein. Auf Workshop soll Musik rauskommen, die ein eigenes Gesicht hat und die andere sich vielleicht nicht trauen würden rauszubringen”, ergänzt Jens.

Dass Workshop ein Liebhaber-Label ist, das sich primär aus der Liebe zur Musik speist und dem keinerlei Businessplan zugrunde liegt, nicken beide sofort ab. Musik ist ihre Leidenschaft, nicht ihr Beruf. Während Jens in der thüringischen Provinz als Entwicklungsingenieur für die Autoindustrie arbeitet, ist Paul im südhessischen Darmstadt als gelernter Schneider seit 1995 Chef seiner Firma airbag craftworks, die äußerst robuste und schicke Taschen und unter dem Namen A2 seit einiger Zeit auch Modekollektionen herstellt.

Kennen gelernt haben sich die beiden Mitte der Neunziger. Damals, als in der Dreiecks-Connection zwischen Schmalkalden, Leipzig und Darmstadt mit dem Label-Kollektiv und Presswerk R.A.N.D. Muzik deutsche House-Geschichte geschrieben wurde. Als die R.A.N.D.-Label wie Out To Lunch und USM 2005 sukzessive eingestellt wurden, gründete Jens kurz darauf Workshop. Paul kam wenig später als zweite Qualitätskontrollinstanz hinzu. ”Geplant war es, dass wir mit jedem Release bei Null rauskommen. Also so um die 350 Platten verkaufen. Das Ziel haben wir übererfüllt. Ich hätte nicht gedacht, dass wir so erfolgreich sein würden”, erzählt Jens.

Die Zeichen stehen nach wie vor gut für deepe House-Musik, auch wenn die Release-Dichte in den letzten Monaten stark zugenommen hat. Paul: “Deep House ist sehr, sehr spannend. Da liegen Langeweile und versteckte Schönheit manchmal sehr nah beieinander. Deepness heißt für mich auch, dass sich manche Details, die dann den Unterschied machen, erst langsam offenbaren. Man muss auch mal was zerstören, um weiterzukommen. Oder eine Sequenz einbauen, an die man sich erst mal gewöhnen muss. Es muss nicht immer alles gleich so eingängig sein. Nur die klassischen Motive zu wiederholen ist zu wenig. Das ist durchexerziert und abgehakt.“

Workshop

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One Response

  1. De:Bug Musik » Kassem Mosse und Even Tuell im Interview

    […] Workshop, das Label von Lowtec und Even Tuell, zieht nach wie vor gemütlich seine Runden auf einer eigenen Deepness-Umlaufbahn. Die House- und Techno-Emissionen der Kernmitglieder, also Lowtec, Even Tuell, Move D und Kassem Mosse, haben meist diesen ganz speziellen roughen Glanz, für den das Label so geliebt wird. Tracks, die sich langsam entfalten, die erst bei wiederholtem Hören ihre Geheimnisse und Zauberformeln preisgeben. […]