Dicke Compilation, reichlich Pläne für die Zukunft und weit verzweigt.
Text: Eike Kühl aus De:Bug 132


Aus Music. House Music. Oder doch etwa “aus Musik”? ”Vielleicht eine Mischung aus beidem“, lacht Will Saul, der sich zum Zeitpunkt unseres Interviews irgendwo in den Staaten zwischen Miami und San Francisco auf Tour befindet, und trotzdem gut gelaunt und mit britischem Charme Fragen beantwortet … was die sympathische Aura des englischen Label-Kleinods Aus Music nur zu verstärken scheint.

Seit knapp drei Jahren, erzählt er, betreibt er Aus Music nun schon gemeinsam mit Fin Greenall, der vor allem als Fink durch angejazzte Donwtempo-Beats auf Ninja Tune bekannt wurde. Die Veröffentlichungen sind überschaubar, vielleicht auch weil Will Saul mit seinem anderen Label Simple Records bereits seit Anfang 2003 eine stilsichere House-Bastion in England etabliert hat und damit Aus Music ganz entspannt betreiben kann.

Im letzten Jahr kam der Großteil der Releases aus der Feder von MyMys Lee Jones, der hier neben zahlreichen EPs auch sein hochgelobtes Debütalbum ”Electronic Frank“ herausbrachte, und schon seit der Gründung von Aus Music im Jahr 2006 an Bord ist. Eine Entwicklung, die ganz im Sinne der Idee des Labels steht: ”Lee habe ich über Fin kennengelernt noch lange bevor es MyMy gab.

Die beiden sind zusammen zur Uni gegangen und haben damals, Mitte der 90er, gemeinsam als E.V.A. Musik gemacht. Als ich mit Fin dann das Label gegründet habe, war sicherlich auch ein Grund, den Produktionen der beiden eine weitere Plattform zu geben. Als dritter Core-Artist kam dann kurz nach den ersten Releases Sian dazu. Wir halten es klein und freundschaftlich.“

Der Unterschied zu Simple Records zeigt sich aber auch vor allem im Sound, denn wo Simple ganz klar auf die Tanzfläche abzielt, wirken die Releases auf Aus häufig um einiges zurückhaltender und unaufdringlicher, mal deeper, mal vertrackter, ohne sich dadurch in eine bestimmte Ecke drängen zu lassen, auch wenn es natürlich gelegentlich Überschneidungen gibt. So sind Motorcitysoul, die einzigen Nicht-Briten, die bis jetzt auf Aus veröffentlicht haben, inzwischen auch beim ”großen Bruder“ Simple gelandet.

Und doch scheint es schwierig, dem Sound von Aus Music einen Trademark-Stempel aufzudrücken. Von den Dub-Klängen Sideshows, dem Nebenprojekt von Fin(k), der gerade sein zweites Album fertiggestellt hat, über die verschachtelt-technoiden Tracks des Schotten Sian bis hin zu den melodiösen, breitflächigen Housetracks von Lee Jones – stilistisch bietet Aus bei aller Überschaubarkeit an der Oberfläche eine tief verwurzelte Vielfalt, die man bei Aus selbst als die ”experimental side of House and Techno“ bezeichnet, auch wenn hier differenziert werden muss: ”Experimentell, hm, ja“, versucht Will die Label-Philosophie aufzugreifen, ”experimentell eher in dem Sinne, dass es nicht nur um ein 4/4-Pattern geht, sondern vor allem um Originalität.

Wir wollen den Künstlern die Chance geben, sich weiterzuentwickeln. Wichtig ist, dass es einen gewissen musikalischen Aufhänger gibt, und hier liegt auch der gemeinsame Nenner: Jeder von uns hat einen unterschiedlichen Sound, aber was uns vereint, ist unsere Liebe für Melodien und Musikalität.“

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Stichwort Melodie
Hier scheint Aus Music in der Tat seine große Stärke auszuspielen, fast alle Tracks besitzen eine gewisse Melodienverliebtheit, subtile, detailverliebte Hooks, die manchmal erst nach mehrmaligem Hören so richtig aufblühen, und sich womöglich eher bei einer Tasse Tee am Nachmittag als im dunkel-verrauchten Club so richtig entfalten, was auch mit Wills persönlichen Vorlieben, nicht nur für Tee, sondern vor allem für Melodien zusammenhängt, wie er gesteht: ”Die Melodien, die ich liebe, sind meistens etwas gedämpft und melancholisch.

Von Philly Soul zu frühem Detroit Techno – es sind immer die introvertierten und traurigen Melodien, die mich am meisten berühren, vor allem wenn gleichzeitig noch ein gefühlvolles Moment durchbricht. Da ich A&R bei Aus mache, ist es wohl auch kein Wunder, dass auch gerade dieser Sound immer wieder auftaucht.“ Doch auch wenn die letzte Entscheidungs-Instanz bei Saul liegt, die Zusammenarbeit mit Greenall, der eine gänzlich andere musikalische Sozialisation erfahren hat, trägt wesentlich zur klanglichen Vielfalt des Labels bei, das auch in Sachen Artwork und Präsentation ein sympathisches Understatement versprüht.

Die charakteristische Typografie des Label-Logos, deren drei Buchstaben im Verlauf des letzten Jahres aus so mancher prominenter Plattenkiste herausgeschaut haben, stammt von Michael Place, der auch schon in Diensten von Designers Republic stand, und nun mit Build sein eigenes Studio betreibt. ”Details und komplexe Texturen versuchen wir vor allem in der Musik zu repräsentieren. Das Artwork soll daher nicht ablenken, aber dennoch einprägsam sein. Wir arbeiten da schon mit einem gewissen Understatement, einer zurückhaltenden Eleganz.“

Und doch, aller Originalität, Understatement und Headphone-Tauglichkeit zum Trotz, verliert man bei Aus Music nicht den Club-Kontext aus den Augen, verbindet Will Saul als DJ doch selbst mit der Tanzfläche eine untrennbare Leidenschaft. Zum Glück gibt es Remixe, denn hier, so erklärt er uns, wird die Ästhetik des Labels auf ein weiteres Level gehoben: ”Die Original-Tracks müssen nicht im Club funktionieren, da liegt auch ein Unterschied zu Simple. Das können sie natürlich, aber uns ist erstmal wichtig, dass sie originell sind.

Mit den Remixen sieht es dann schon anders aus: Hier versuchen wir, die Tracks dann auch etwas mehr in einen Dancefloor-Kontext zu pushen.“ Dass man bei Aus auch weiterhin darauf bedacht ist, neue Wurzeln zu schlagen, wird bei einem Blick auf die Tracklist der kommenden Compilation deutlich, einer Retrospektive der ersten drei Jahre, auf der sich neben den vier Hauptkünstlern auch noch einige prominente Namen aus dem Dubstep-Lager befinden, was ein kleiner Wink in die Zukunft ist, wie Will verrät: ”Mit Martyn, Appleblim und Ramadanman tauchen drei Künstler auf, von denen wir auf jeden Fall gerne Platten veröffentlichen wollen.

Ich möchte auch zusammen mit Mike Monday und Appleblim ein weiteres Label zu gründen, auf dem wir uns gezielt den Lücken zwischen House, Techno und Dubstep widmen wollen.“ Will Saul und Fin Greenall haben es geschafft, ohne laut zu werden, ein Label zu erschaffen, bei dem Qualität eindeutig vor Masse steht, das der durchprogrammierten Dancefloor-Maschinerie die kalte Schulter zeigt, und trotzdem ganz vorne am Zahn der Zeit arbeitet. Und das ausdrücklich gut.

http://www.ausmusic.co.uk/

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Elektronische Lebensaspekte.