Die japanische Labellandschaft ist so groß und unübersichtlich wie die Tokioter Markthalle. Die Speerspitzen der Elektronik hier im Überblick, ohne Anspruch auf Vollständigkeit ...
Text: alle sammeln!!! aus De:Bug 90

19-T
Ich habe noch nicht ein Release dieses Labels gesehen, bin aber unschwer davon zu überzeugen, dass eine Truppe von 19 Japanern, von denen die Hälfte sich damit beschäftigt, nackt auf der Bühne herumzutanzen, der Rest knarzend und bratzig über den Laptops hängt oder irgendwo unauffindbar verschwunden ist, einfach nur gut sein kann. Obendrein sind es Brothers von Ad Adaat. Der Labelboss heißt CDR, hat obendrein ein MP3-Label (rdcrecords.com) und ist Soulseekaddict. Ach, äh, Infos auf ihrer Webseite werden vom 19-t Translation System übersetzt.
http://www.19-t.com

Amorfon
Alle Japaner sind Kleinkinder. Denkt man jedenfalls oft genug, wenn man japanische Platten hört. Amorfon wehrt sich gegen dieses schlappe Vorurteil mit einer Compilation für Babys und einem so großen schwangeren Bauch auf dem Cover, dass man jegliche Verniedlichungsideologie sofort vergisst. Die Artistalben bislang: ein Russe (Fitz Ellard), ein Serbe (Cinc) und die Band des Labelmachers. “Borderless” will Amorfon sein. Der Slogan des Labels: Lovely Experimental Music Label. Das Label wird von Yoshio Machida, einem Tokyoter Musiker, gemacht, heißt nach seinen selbst gebauten Max/MSP-Steeldrums und ist gekoppelt mit den von ihm veranstalteten Colavo Kunstevents. Yoshio Machida ist der Erfinder der Photobatik.
http://www.amorfon.com

Cubic Music
Cubic Music blickt schon auf eine sehr, sehr lange Geschichte zurück. 1999 gegründet, haben sie Worlds End Boyfriend sowie die Bands Gnu und Piana zur Welt gebracht und kennen wie so oft keine Grenze zwischen Jazz, Plinkerpiano und digitaler Avantgarde. Glücklicherweise aber sind Cubic Music in Deutschland via A-Musik ganz gut zu bekommen.
http://www.cubicmusic.com/

Happy
Japan, nur andersrum. Taylor Deupree, Chef von 12k aus New York, kümmert sich auf seinem Sublabel ausschließlich um japanische Popmusik. Zwei Releases gibt es bis jetzt und schon hat sich Happy zu everybody’s darling entwickelt. Egal ob das erste Album von Piana (“Snow Bird”), ursprünglich auf Cubic in Japan releast, oder das neue Mini-Album von Gutevolk … , der Slogan von Happy (“Unconventional Japanese Pop”) trifft hier genau ins Schwarze.
http://www.12k.com/happy/

Cirque
Yoshihiro Hanno beschreibt sich selbst als Multiphonic Ensemble (oder auch Ensemble (sic.)) und hat soeben ein neues Clickhop-Album (ja, das gibt’s noch und zurecht) als RadiQ auf Logistic releast. Seine Alben auf Progressive Form und Sub Rosa sind hier wohl am bekanntesten und ob sein Label Cirque wirklich noch existiert, lässt sich von hier aus schwer beurteilen, wir vermuten, es sind Minimalstauflagen, denn nur so jede dritte schafft es bis zu uns, releast aber digitale Klarheit in Reinstform. Hannos Portfolio enthält neben HipHop-Experimentalfusionklassik auch Seifenoper-Musik mit Ryuichi Sakamoto und Filmmusik für Platform und All Tomorrows Partys.
http://www.cirque.cd

Clockwise
Ryo Kato aka DJ Klock sorgte mit seinen Mixen und Kollaborationen mit Cacoy auf seinem eigenen Label seit 2000 dafür, dass die Tradition von Turntableism und experimenteller Musik weiterlebt, die von DJ Krush (mit dem er auch zusammengearbeitet hat) in Japan angestoßen wurde, und schafft es, Sutekh und Gangstar ebenso schlüssig zusammenzumixen wie Dupree und Roni Size. Seine Mixe widmet er Brooklyn, und Clockwise wird, in einer merkwürdigen Symbiose aus Streetstyle und Kunst, immer mehr wieder zum Tapelabel, auf dem selbst Hermann & Kleine zum Battletool werden und zurzeit eine Serie von Live-DJ-Mitschnitten (Token), die aussehen, als wären sie Einzelstücke, und das breiter angelegte “Direction Of Rainbow” Tape erscheint. Sein letztes Album “Sensation” erschien 2004 auf Revirth.
http://www.clockwise-rec.com

Fly Rec.
Ein Label, dass man allein schon wegen eines Künstlers lieben muss: Dill. Einige von uns hatten das Glück, den quirligen Herrn auf einem seiner Konzerte im letzten Winter in Deutschland zu erleben. Sein Album “wyhiwyg” zersägt Elektronika mit dem landestypischen Respekt, und wenn das live einmal gespielt ist, setzt sich Yuji Inoue gleich wieder hinter den Rechner und schmeißt alle Zuschauer mit Breakcore raus. Dann raucht er meistens eine. Und sonst? Neu bei Flyrec ist Kazumasa Hashimoto, dessen Album “Epitaph” nach einem umwerfend schönen Soundtrack für graue Tage klingt. Grundsympathisches Label, das im Wust der japanischen Elektronik-Experimente seine Position mit den klaren Tönen gefunden hat. Nice one.
http://www.flyrec.com

Cross
Lulie Kutsuma (MIMI), die eine Weile lang in Paris gelebt hat, wovon ihnen noch der Grafiker der wunderschönen Cover Benoa Berger geblieben ist, hat Cross 99 gegründet. Nun ist auf einmal, wo wir wieder mal dran denken, die Cross Webseite verschwunden. Hm, sollte Lulie doch noch ihre Ankündigung aus der Debug 68 wahr gemacht haben: “I love +croSs. I love everything, every design, every music, every guy. But sometimes there is a moment I don’t want to continue +croSs anymore.” Wir würden Cross vermissen.
http://www.f5f5dc.net/cross

Progressive Form
Elektronika, Japan und Progressive Form gehören zusammen wie Köln, Kölsch und Karneval. Nik, nur Nik, ein Nachname ist nicht überliefert, heißt der Labelchef, der zunächst als Kind in Südamerika eine Profigolfer-Karriere anstrebte, dann aber aufgrund fehlender 1,80 m Körpergröße aus dem Landschaftssport gemobbt wurde, mit seiner Familie nach Japan zurückkehrte und mit dem Debutalbum von Aoki Takamasa sein Label startete. Mit einem mächtigen Katalog an Releases, der dem Label den Ruf einbrachte, das Mille Plateaux Japans zu sein, und Künstlern wie Yoshihiro Hanno, Eater, Takamasa, einer Mix-CD von Hosono usw., hat sich Nik gleichzeitig als Promoter einen Namen gemacht: Regelmäßig organisiert er Konzerte von europäischen Musikern. Das neueste Album von Yoshihiro Hanno hat Nik weltweit lizenziert, denn im Moment, so munkelt man, widmet er sich schon wieder einer neuen Aufgabe: dem Management von Towa Tei.
http://www.dropcontrol.com/~p_form/

O-Parts
Sensation! Ein japanisches Label, das auch Vinyl macht, weshalb man es in Japan auch gerne “analoges Label” nennt, auch wenn die Tracks sich ebenso zwischen digitaler Elektronika und Minimaldub bewegen. Daikei, der das Label leitet, lässt es klassisch angehen mit Split EPs, auf denen er gerne selber eine Seite macht, mit Gästen wie Wild Jazz, Flatic, Omb, Mitsuki, Body System etc. und Compilations, die er gelegentlich mal nachlegt.
http://o-parts.com

Romz Records
Romz Records ist der japanische Bruder von Planet µ und Tigerbeat, von denen dort auch diverse Releases in Lizenz erscheinen. Begonnen von Com.a (damals hieß es wohl notekrec), mittlerweile von Mitsuhide Endo geleitet, sorgt ROMZ aber auch dafür, dass die japanische Terrorfraktion wie Milky-Chu auch in Japan eine Heimat direkt neben wirren Elektronikern wie Worlds End Boyfriend hat. ROMZ hat Transvestiten, Turntableisten, Titten auf Flyern, eigene Handtücher und uns soeben seinen Backkatalog in einer Kiste von 25 CDs geschickt, nach denen wir reif sind für Worlddomination.
http://www.romzrecord.com

Saag Records
Das Tokyoter Label Saag wurde 2002 von Taro Peter Little (aka Sabi / sabii.com) und Toshiaki Ooi (aka Jemapur) gegründet und nennt sein eigenes Konzept: Pillen für die Ohren. Dass dabei dann doch kein Gedaddel rauskommt, sondern eher ein kunstvolles Label für Compilations und Künstlermini-CDRs, die sehr digital klingen, ist wohl Japan zu danken. Die Artistliste von Saag ist lang und featured neben zahllosen Japanern diverse Netaudio-Berühmtheiten (Proswell z.B.) und internationale Acts wie Kettle oder Ghislain Poirer.
http://saagrecords.com

Sonore
Einst ein französisches Label, ist Sonore irgendwann nach Tokyo umgezogen, um seine Vorstellung von Musik zwischen Geräuschkunst und Lofielektronik nebst viel, viel Attitude (einer der Acts z.B. heißt Satanicpornocultshop, aber Nexus6 ist in dieser Hinsicht auch nicht ohne). Andererseits gibt’s aber auch akademische Töne mit Wono oder Carl Stone. Ein Label, dessen Schrägheit auch in Japan noch als schräg empfunden wird.
http://www.sonore.com

Spotlight Records
Spotlight ist für mich eins der kryptischsten japanischen Labels. Nicht nur weil sie es sich grundsätzlich sparen, englische Infos für was auch immer zu machen, sondern weil die Releases egal ob von Illreme oder DJ Amagumo, Mode oder Chazam & Xtra Systols (ein Franzose) undefinierbar zwischen Turntableattitudes, klassischem Kinderzimmerfunk, Punkrock und Easylistening hin und her tändeln, ohne dass man sich einen Reim draus machen könnte. Gut klingen tun sie aber immer.
http://www.spotlight-jp.com

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Elektronische Lebensaspekte.