Einträchtig steht das Powerbook neben den Technics. Egal ob Super8-Loops oder beatsynchron gemixte Flashanimationen. Das Clubumfeld ist ideal für das Experimentieren mit Bildern und Sound.
Text: sven von thülen aus De:Bug 45

clubvisuals

Willkommen in der kreativen Rappelkiste
Pfadfinderei, Visualitäter, Codec und Labstyle

Einen Steinwurf entfernt von Berlins schönster Mitte liegt der Club Kurvenstar. Na ja, eigentlich ist es eher eine Bar mit angedeuteter Tanzfläche. Aber egal. Lange Zeit (und wohl auch heute noch) galt der Kurvenstar als die erste Adresse für die Hip Hop liebenden Freunde unter uns. Mit der wöchentlichen Veranstaltung Labstyle hat sich in den letzten anderthalb Jahren eine Veranstaltung durchgesetzt, die ein wenig wie eine Oase in der voll durchcodierten Welt des Hip Hop erscheint. Der einzige Style, der hier regiert, ist Freestyle. Labstyle ist das Gemeinschaftsprojekt von mindestens elf jungen Menschen, die jede Woche auf’s Neue versuchen, die Konvergenz zwischen Visuals und (mehrheitlich) elektronischer Musik in neue Sphären zu treiben. Ein Projekt, das wie die Freundschaften der Beteiligten langsam gewachsen ist. Mit von der Partie sind neben den DJs Skate und Jereecoone, der Sängerin Mia (inklusive gleichnamiger Band) und den Elektronikfricklern Modeselector auch die VJs und Grafikdesigner der Pfadfinderei und Visualitäter sowie VJ Codec. Die Pfadfinderei wurde vor zwei Jahren von Critzler und Honza gegründet, die Visualitäter bestehend aus Martin und Florian kurze Zeit später. Durch einen Flyer auf die Pfadfinderei, die unter anderem das gesamte Artwork für Ellen Alliens Label BPitch Control übernommen haben, aufmerksam geworden, verschaffte Stefan Schilden, der Inhaber eben jenes Kurvenstars, den beiden einen Kontakt zu MTV. Der Auftrag, ein Studio für MTV-Urban zu bauen, war das Ergebnis. Etwa zeitgleich lernte man den Berliner VJ Codec kennen, der die Jungs von der Pfadfinderei auf der MTV-Urban Tour begleitete. Zufrieden mit der Zusammenarbeit wurde zusammen mit Stefan Schilden die Idee einer Veranstaltung geboren, die ein Experimentierfeld für Visuals und Musik darstellen sollte. Labstyle. Mittlerweile ist Codec Resident VJ der Drum and Bass-Veranstaltung Hard:Edged, die Pfadfinderei und Visualitäter haben unter anderem für die 2Step Sendung von Moving Shadow den visuellen Mix abgeliefert und zusammen hat man ein Büro unweit des Kurvenstars bezogen. Aber lassen wir die Kids selber reden.

Deb:Bug: Codec fang mal an.

Codec: Ich habe mit Fotografieren angefangen. Irgendwann hab ich eine Super-8 Kamera in die Hände bekommen, vor drei oder vier Jahren. Damals habe ich einen Event gemacht, bei dem ich Super-8 Loops gegen digital bearbeitete Loops derselben Bilder laufen ließ. Kurz darauf habe ich Torsten Oetken von Visomat Inc. kennengelernt und bin zum ersten Mal mit dem Videomixer in Berührung gekommen. Das war der Flash.

Deb:Bug: Wie arbeitest du jetzt als VJ?

Codec: Ich mache weniger Grafik, sondern arbeite mehr mit realen Bildern. Was mir sehr wichtig ist: dass ich nicht sample, wie das viele andere VJs machen. Ich versuche all das, was ich zeige, auch selber zu filmen. Die ersten Aufnahmen, die ich ganz gezielt für meine Visuals gemacht habe, sind in London bei Breakdance Meisterschaften entstanden. Ich wollte weniger abstrakte Aufnahmen, sondern Bilder, die mit dem zu tun haben, was mir wichtig ist und was mich umgibt. Das kann Architektur sein, Straßenzüge oder Skateboarding, BMXen oder Breaken. Ich arbeite mit Mini-DV und meinem Rechner. Im Gegensatz zu den Jungs von der Pfadfinderei und den Visualitätern, die mit ihren Laptops arbeiten, baue ich mir immer so kleine Sequenzen, die ich dann wiederum auf VHS ausspiele. Dazu mache ich noch viel Compositing, das heißt, ich baue viel in die Bilder ein oder bearbeite bestimmte Bewegungen in den Bildern..

Deb:Bug: Ihr habt vorher ja vor allem eine Menge Print, also Flyer, Plattencover etc. gemacht. Wann habt ihr mit Visuals angefangen?

Critzler: Als die MTV-Urban-Tour anstand, hatten wir noch keine Ahnung, wie wir Visuals machen sollten. Ich hatte zu der Zeit einen alten Rechner. Der hatte eine so schlechte Grafikkarte, dass sich die Freehand-Dateien, die Honza gebaut hatte, extrem langsam von hinten nach vorne aufbauten. Das sah total cool aus. Also haben wir MTV angerufen und haben denen gesagt, dass wir doch Visuals machen können, nur noch nicht wissen, wie wir sie aus unserem Rechner rauskriegen. MTV hat ein Kamerateam angeheuert, die das Ganze mit einer 16mm Kamera von meinem Bildschirm abgefilmt haben. Daraus sind dann auch die Jingles für Urban entstanden..

Deb:Bug: Heutzutage arbeitet ihr aber vor allem mit Flash-Animationen.

Critzler: Zu Flash sind wir eigentlich über Martin von den Visualitätern gekommen, der damit schon vor uns gearbeitet hat. Stefanie von der Pfeffifabrik hat uns dann ein Flashtool programmiert, mit dem wir einzelne Filmloops über Tastatur abrufen können, so dass wir wirklich beatsynchron arbeiten konnten. Da wir das Geld, das wir für unseren MTV Job bekommen hatten, in Laptops angelegt haben, waren dann alle Voraussetzungen geschaffen, mit Flashloops live über Laptops zu arbeiten und zu mixen. Das hat unsere Entwicklung im Videobereich ziemlich beschleunigt. Mit Flash konnten wir relativ kostengünstig die Grafiken und Ideen, die wir schon auf Flyern usw. umgesetzt hatten, zum Leben erwecken. Das ganze Know-How, das wir uns als Grafiker erarbeitet hatten, und unseren persönlichen Stil, den wir zum Beispiel mit Vektorgrafik entwickelt hatten, können wir jetzt mit Flash animieren.

Deb:Bug: Verfolgt ihr eine bestimmte erzählerische Strategie?

Critzler: Assoziativ soll es sein. Eine lineare Handlung interessiert uns weniger.

Codec: Unsere Visuals sind ganz oft ein Spielen mit bestimmten Thematiken, die man in einen Rhythmus transferiert. Nimm zum Beispiel eine Fahrt einen Berg runter. Diese Bilder werden zu einem Dialog zwischen Musik, Bild und Grafik transformiert. Mit der Thematik spielt man eine Weile, bis wellenförmig die nächste Thematik auftaucht. Daraus ergibt sich halt keine stringente Handlung, sondern ein Film, in den man sich immer mal wieder ein- und ausklinken kann.

Honza: Bei Live-Acts, beziehungsweise bei Konzerten, gehen die Visuals auch mal über die pure Begleitung hinaus und werden zu einem gleichberechtigten Teil.

Codec: Die Visuals sollten sich an den unterschiedlichen Situationen, in denen sie gezeigt werden, orientieren. Bei Labstyle bewegen sich die Leute nicht, während sie die Bilder sehen, wobei bei den Hard:Edged-Parties alle am Tanzen sind und währenddessen vielleicht mal hochgucken. Da sollen die Bilder mit den Leuten tanzen und sie sozusagen noch mal rhythmisch begleiten.

Critzler: Im Club sind die Visuals natürlich dynamischer, schneller und rougher. Abseits des Dancefloors, wo man die Geschwindigkeit runterfahren muss, muss man feiner und genauer arbeiten. Dinge im Kunstkontext wie beim Artforum haben schon eine andere Spannung, weil die Leute, die da kommen, sich ganz gezielt mit den Sounds und Visuals auseinandersetzen.

Deb:Bug: Interessiert euch so ein Kunstkontext wie das Artforum?

Codec: We don’t like that artsy fartsy shit (Gelächter). Ich glaube, da spreche ich für alle, oder? Ich stehe dem nicht ablehnend gegenüber, aber im Clubkontext fühle ich mich schon am wohlsten.

Honza: Ich würde super gerne mal einen ganzen großen Raum gestalten. Nicht nur mit Filmen und ein paar Screens, sondern im Ganzen; das, was wir grafisch machen, in einen Raum übertragen. Deswegen interessieren mich Kunstsachen schon, weil man da am ehesten die Möglichkeiten hat, solche Installationen zu machen. Das ist aber immer noch ein finanzielles Problem. Unser Budget gibt es meist noch nicht her, unsere Ideen so richtig umzusetzen.

Deb:Bug: Bei Labstyle, eurem gemeinsamen Projekt, bündelt sich dann alles zu einem kreativen Netzwerk.

Codec: Was Labstyle so interessant macht, ist die konzeptionelle Offenheit. Sowohl musikalisch als auch visuell fließen sehr unterschiedliche Einflüsse ein. Ich komme vom Hip Hop und Drum and Bass. Gernot, Lars und die anderen DJs eher aus einer frickeligen Elektronika Ecke und dann haben wir mit Mia und Modeselector noch zwei Bandprojekte, die elektronische und akkustische Elemente verbinden. Da entstehen vollkommen neue Dinge. Bei Labstyle kann ich Bilder benutzen, die ich bei Hard:Edged-Parties nicht verwenden würde, weil es allein wegen der Musik nicht passt.

Critzler: Die Idee von Labstyle ist, alle möglichen Menschen an den Entstehungsprozessen und an unseren musikalischen wie visuellen Experimenten teilhaben zu lassen. Wir sind zwar nicht perfekt, aber da steckt unser Herz drin. Das und die Offenheit bekommen die Leute auch mit.

Skate: Jeden Donnerstag ab 22 Uhr öffentliche Probe im Kurvenstar. (Gelächter)

Gernot: Labstyle soll ein Experimentierwohnzimmer sein, in das man gerne geht und sich wohlfühlt.

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Elektronische Lebensaspekte.