Der Finne Esa Ruoho gehört als Lackluster seit Urzeiten zur Online-Music-Szene. Jetzt geht er offline und wird zum Vermittler zwischen Vinylund MP 3. Entschieden unentschieden zwischen den Formaten und Arbeitsweisen.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 37

/elektronika/finnland Caress that shiny vinyl feel Lackluster Sascha Kösch [bleed@de-bug.de] The State Of Online Music. Das ist eine Frage, die einen grundsätzlich irgendwie beschäftigen dürfte, sei es nur wegen Distributionskanälen, Netzpolitik, Softwareproblemen oder was sonst noch so in diesem unfreiwilligen Gewirr aus Neogeoglobalpolitik und Copyrightnationen zusammenkommt, aufeinanderprallt oder zerbrochen wird. Dass man das an den einzelnen Personen weder festmachen kann noch festmachen wird, dürfte einem erst später einfallen. Auch dass die Schauplätze dessen, was musikalischer Content ist, sich immer schon woandershin verlagert haben. Lackluster als Finne Esa Ruoho, der seit Ewigkeiten ein Teil der Online Musik Szene ist, Releases auf dem legendären Label Monolink hatte und Staffmember von Scene.org ist (einem der ersten dezidierten ftp-Provider für Online Musik überhaupt), geht seit ein paar Monaten Offline. Das dürfte Gründe haben, dachten wir. Es wird ebenso etwas über Online Musik aussagen, wie es über Offline sagt. Vor allem aber über Musik. Denn die sucht sich nach wie vor trotz aller Gerüchte und Möglichkeiten Wege, bei denen ein Plattenladen in irgendeinem Dorf genauso wichtig sein kann wie eine Multimillionendollarwebseite. Vinyl vs. Glasfaserkabel Seine Releases auf Focus haben Esa Ruoho sofort in einen Status gebracht, den das Netzlabel Monolink wiederum mit Applaus bedenkt und unweigerlich verlinkt. Focus wurde von Claire (Ex-Rephlex, dann Clear CEO und A&R) neugegründet und hat innerhalb nur weniger Releases, trotz unbekannterer Acts, die volle Aufmerksamkeit und die Unterstützung der gesamten Electronika Posse Englands erhalten. Doppelte Aufmerksamkeit. Einer von uns ist jetzt da draussen, heisst es im Netz. Man freut sich. Online Musik ist wer, auch in dieser anderen Welt. Der der Vinyls und CDs. Und Lackluster ist lieber dort, in der Sperrigkeit des alten Mediums. Scheint es. Aber die Spuren von ihm im Netz, seine Tracks in Zippaketen auf diversen Servern, seine Mailsignatur auf diversesten Newsgroups und Mailinglisten, seine CD Liste mit For-Sale-Offerten sagen vielleicht immer noch mehr über ihn, als es die paar minimal verteilten Reviews und Artikel in Print und über den Plattenladentresen könnten. Aus dem Netz kommen die wenigsten der Musiker, die es dann irgendwann in das Plattenregal machen. Auch A&Rs sind sicherlich die seltenste Sorte Mensch auf MP3 Sites. Aber vielleicht ändert sich eben das mit Lackluster. Ökonomie der Aufmerksamkeit Mehr als ein Wechsel der Seiten bildet er vielleicht einen weiteren wichtigen Link zwischen diesen beiden Szenen, der genauso wie ein neues Stück Software Dinge vernetzen kann, denn das Netz wird nicht bleiben, wo man es vermutet, nie. Wie ist die Situation? Dazwischen. Esa sagt: “Claire hat mich gefragt, und wer wäre ich, nein zu sagen? Ich glaube, dass Leute, wenn sie Vinyl hören, mehr zuhören. Im Netz Sachen zu bekommen, hat schnell diese Skip, Skip, Skip Attitude. Keine Aufmerksamkeit. Background Musik. Vinyl oder CDs kann man überall hin mitnehmen. Hören, wenn der Computer aus ist. Es bringt mehr zusammen.” Der Status der Online Musik bestimmt sich durch das, was man als Offline definiert. Warum gibt es so etwas? Räume, in denen kein Computer an ist? Clubs, in denen man keine MP3s mixen kann? Oder besser, bis wann noch? Aber es gibt auch Gründe, sich aus dem Netz zu verabschieden, oder es beiseite treten zu lassen. Gründe, die seine interne Struktur betreffen, wie den Mangel an Filtern, an etablierter Kommunikation. “Es gibt soviel Mittelmässiges, das niemand hören möchte. Es dauert Jahre, die wirklich interssanten Dinge aus dem herauszufischen, was eigentlich Schrott ist. Es ist gut, dass jeder veröffentlichen kann, aber wer nimmt sich schon die Zeit, dort etwas zu lernen?” Bewusstlosigkeit als Arbeitsmethode Obwohl das Netz darüber hinaus der Arbeitsweise von Esa mehr als nahekommt, denn wie endlose Producer arbeitet er am liebsten allein. “Sicher gibt es Freunde um mich herum, die ähnliches tun. Aber alleine zu arbeiten ist mir lieber, weil ich mir dann nicht darüber bewusst werden muss, was nun mein Beitrag zu dem wäre, was man zusammen macht.” Bewusstlosigkeit als Arbeitsmethode, so eigenartig sich dass vielleicht erst mal anhören mag, ist einer der Gründe für elektronische Musik. Nicht Abwesenheit oder Sprachlosigkeit, nicht Zentrierung auf irgendein ultrahedonistisches Autisten-Ich (Generation Ich, wie die Tittenpresse das nennt), sondern ein in der Schwebe halten von hergebrachten Arbeitsweisen und ihrer strangen umklammernden Dialektik wie Improvisation oder Programmierung, Kommunikation und Arbeit, Musik und Körper. Ein entschieden Unentschiedenes. Was Esa Ruohos Musik will, ist immer auch das, was man nicht wollen kann. Den direkten aber eben unwillkürlichen Effekt. Der, in dem sich Körperlichkeit und Bewusstsein auflöst in einem Schauer, einem Moment, einer Bewegung. “Ich glaube, viele Leute zur Zeit sind etwas zu DSP versessen. Sie verharren in der Technizität und verwechseln Komplexität und Technizität mit Content. Nicht dass ich selber nicht ein übles Contentdefizit habe… Andererseits analysiere ich allerdings keinesfalls Tracks daraufhin, ob sie melancholisch klingen oder wütend, glücklich, angestrengt oder verrückt. Ich höre sie einfach an. Mit einer einfachen emotionalen Palette, die man durchsuchen kann, kommt man nicht drauf. Gute Musik ist für mich Musik, die dir unwillkürliche Schauer den Rücken runterjagt, die dieses Warme in einem erzeugt.” http://www.scene.org/~esa/ http://www.mono211.com/content/lackluster.html http://www.scene.org/~esa/lldiscog/index.html ftp://ftp.scene.org/pub/music/artists/distance/

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Elektronische Lebensaspekte.