Singing was how I escaped the pain of my reality
Text: Björn Schaeffner aus De:Bug #154

Yin und Yang als kreative Losung, Gender-Aktivismus im Viervierteltakt: Die Beatdown-Story der Kalifornierin Lady Blacktronika erscheint jetzt in Albumslänge. Selten war House so persönlich. Und gleichsam so politisch.

“This is embarassing.” Peinlich ist ihr das Ganze. Akua Michelle Grant alias Lady Blacktronika ist sich nicht sicher. Ob sie wirklich reden will. Denn was sich hier auf einer schepprigen Digitalleitung zwischen zwei Kontinenten ankündigt, ist immerhin ein öffentliches Coming-out. Ob sie dazu wirklich bereit ist? Wir haken ein paar Tage später noch mal schriftlich nach. Ja, es sei gut, antwortet sie dann. Drum raus damit: Die kalifornische House-Produzentin Lady Blacktronika, auch als First Lady of Beatdown bekannt, ist transsexuell. Respektive transgender. Sie wurde mit einem Penis geboren und hat sich später zur Frau operieren lassen. So einfach ist das. Und natürlich auch so kompliziert.

Man könnte jetzt zum tiefen Gender-Fanfarenstoß ausholen, denn die Geschichte von Lady Blacktronika ist außergewöhnlich. Sie handelt vom Anderssein und vom Ausgegrenztwerden. Von einer unglücklichen Kindheit und dunklen Erfahrungen. Diese Geschichte handelt aber auch davon, wie Musik ein Leben aufrichten kann. Von einer Frau, die sich durch allerlei Widrigkeiten zu ihrer Kunst durchkämpft. Und, ist ihr House einmal erbaut, ihr dort Applaus entgegenbrandet.

Das Prinzip Underdog
Klingt kitschig? Ein Hollywood-Lehrstück ließe sich aus der Vita von Lady Blacktronika locker zusammenschustern, vorausgesetzt es gäbe in den USA so etwas wie ein Mainstream-Interesse an House-Kultur. So wäre es am Ende dann doch eher ein kleines, feines Drama für ein kunstbeflissenes Publikum, eins nach dem Prinzip Underdog, wie es am Sundance Festival zur Vorführung kommen könnte. So ein Amalgam aus den Filmen Precious und Transamerica. Wüsste Lady Blacktronika von dieser Vorstellung, würde sie wohl ihr rauchig-effeminiertes Lachen erklingen lassen. Ihr Lachen, das oft ein bisschen nervös klingt. Und einem bedeutet: “This is embarassing.” Ja, wie recht wäre es ihr doch, wenn ihre Produktionen nicht im Spiegel ihrer sexuellen Identität betrachtet würden. Lady Blacktronika findet, dass sich da draußen zu viele Zirkusklischees tummeln, zu viele Abziehbilder von Camp und Drag. “Ich will nur meine Musik machen. Musik, die real ist. Wenn ich daran denke, dass jemand meine Musik nicht mehr mag, nur weil er jetzt weiß, dass ich Transgender bin: Die Vorstellung ist für mich ziemlich scary.” Andererseits: Sie will diese Entblätterung auch. Das Getting-naked, es ist ihr mehr als nur ein notwendiges Übel. Im Track “Gender Bias” proklamiert ein Rap-Sample “I know my gender. Can you accept my reality?” Nach einer Weile stimmt Blacktronikas Stimme in den Singsang ein. Heruntergepitcht, eine Oktave tiefer. “In diesem Höhenunterschied spielt sich meine ganze Wirklichkeit ab: Das eine Sample ist weiblich, das andere männlich. Da geht’s um die Realität, als Transgender-Frau zu leben. Von der Schwierigkeit, akzeptiert zu werden. Für das, was ich bin.”

Der Schmerz in der Stimme
Es ist eben nur konsequent, dass Lady Blacktronika ihre Messages voiced, wie es im Amerikanischen so schlüssig heißt. Auch wenn sie das verklausuliert tut, weil es nicht einfach ist, öffentlich darüber zu sprechen. Und trotzdem äußert sie sich unentwegt, vokalisiert sie ihre Identität, stimmt sie sozusagen zurecht. Sie hat ihre eigene Musik politisiert: Soundblack Recordings heißt ihr Eigenlabel auch deswegen, weil ihr, dem Mischlingskind, früher von Gleichaltrigen oft vorgehalten wurde, sie töne zu wenig black. Ihre eigene Stimme zu finden, darum ist es eigentlich schon immer gegangen: “Als Kind war ich häufig depressiv, ich bin ja in keiner glücklich liebenden Umgebung aufgewachsen, war das schwarze Schaf in meiner Familie. Weil ich kein Geld hatte, um mir CDs zu kaufen, hörte ich mit elf oder zwölf die ganze Zeit Radio.

Damals begann ich auch, selbst zu singen. Und tröstete mich so. Denn ich hatte ja niemanden, der mich sonst tröstete. Auf diese Weise kam ich zu meiner Stimme. Eine Stimme, die ich in meiner Familie nie hatte.” Und dann sagt sie diesen Satz, und jetzt vibriert der Pathos der Lady Blacktronika irgendwie ganz wunderbar: “Singing was how I escaped the pain of my reality.” Das Singen, es ist das große Puzzlestück im Rätsel der Lady Blacktronika. Es ist ihr Blues, ihr höchstpersönlicher, den sie da vorträgt. “Natürlich sehe ich mich hier in einer afro-amerikanischen Tradition. Darum heißt das Album ja auch Future Blues.” Den Blues, den hat Akua Michelle Grant auch anderswo gefunden. In der jazzig-melancholischen Detroiter Spielart von House, dem Beatdown: “Dreams” von Norma Jean Bell war der Track, der bei Lady Blacktronika den Groschen fallen ließ.

Beatdown als Wahn und Wille
Ende der Neunziger Jahre, da lebte Akua Michelle Grant eine Zeit lang auf der Straße, sie machte Prostitution und Drogenabhängigkeit durch. Auf der Entzugsklinik hörte sie sich nach dem Zapfenstreich insgeheim immer wieder Beatdown-Tapes an. Als ob das Radio ihrer Kindheit wieder auf Sendung gegangen wäre. “Ich hörte da so vieles, was mich ansprach. Unglaublich viel Zorn und Schmerz, Angst und Glück, Freude und Liebe. All diese Emotionen, die in diesem langsamen Beat verdichtet waren.” Und als die Detroit Beatdown Compilation auf Third Ear erschien, wurde ihr schlagartig klar: Dieser Sound ist official. Dass ein Stück auf ihrem Album “Desperately Seeking Theo” heißt, hat natürlich seinen Grund. Die Musik von Theo Parrish, sie wurde ihr zur Obsession, wie sie sagt: “Theo war der Auslöser, weshalb ich zu produzieren begann. Vor etwa fünf Jahren tauschten wir via Myspace auch einige Nachrichten aus. Bis ich ihm gestand, dass ich ihm zu Ehren einen Track machen wollte. Darauf hörte ich nie mehr was von ihm. Ob er sich bedrängt fühlte? Weil er meinte, ich sei eine verrückte Stalkerin? Hm, that was embarassing.”

Wenn Lady Blacktronika einen Theo gesucht hat, dann ist es der schwelgerische Theo des Tracks “Heal Yourself and Move”. Oder der afrozentrische Theo von “Serengeti Echoes”. Der Theo Parrish, der die beiden großen Alben Parallel Dimensions und First Floor erschuf. Dabei hat sich Lady Blacktronika selbstredend von ihrem Vorbild emanzipiert. Ihr Grundrezept ist die Arbeit mit Vocals, das Produzieren von Tracks versteht Lady Blacktronika als eine kreative Verlängerung ihres Stimmorgans. Man muss sich nur in “Toxic 312” vertiefen, diese Rhodes-Elegie, mit der sie ihr Album beschließt. Da wird ein vermorphtes Electroboogie-Sample in eine veritable Vocalorgie verwickelt. Bald Wonnelaut, bald Wehklagen. Süßes Gift aus dem Innersten der Lady Blacktronika. Auf dieser Geschmacksnote könnte man auch diesen Text enden lassen, nur eins nimmt uns noch Wunder: Warum sie eigentlich in Mount Shasta lebt, in einem Kaff in den nordkalifornischen Bergen, unweit des gleichnamigen Vulkans? “Das Leben ist hier einiges billiger als in der Großstadt, ich kann mich ganz gut auf meine Kunst konzentrieren, weil jeder ungestört sein eigenes Ding macht. Kulturell ist hier aber tote Hose. Es ist schon so: Ich habe hier meinen Platz. Und gehöre trotzdem ganz woanders hin.”

Lady Blacktronikas “Future Blues” erscheint auf Your only Friend
http://www.myspace.com/ladyblacktronika

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Elektronische Lebensaspekte.