Grime-Superstar mit Nerven ohne Grime
Text: Johanna Grabsch aus De:Bug 111


Der erste Superstar des Grime ist längst kein Grime mehr, dafür läuft’s auch sonst schwierig. Lady Sovereign macht gute Miene zum nervigen Spiel.

Louise Harman ist schon vor ihrem ersten Album durch die Major-Maschinerie gepresst worden, nachdem sie sich als die freche Göre des Grime empfohlen hatte. Jetzt erscheint das Album mit einem guten Jahr Verspätung. In Hackney, wo die Ideen zu den Songs entstanden sind, die jetzt größtenteils nicht das Album schmücken, wollten wir sie und ihren Produzenten und Entdecker Gabriel Olegavic-Prokofiev, Enkel des russischen Komponisten, gemeinsam treffen.

Aber wie schon beim letzten Interview mit Englands souveränster MC werden alle Termine verschoben. Ein Videoshoot, ein Gig, eine Erkältung kommen dazwischen. Vielleicht ist es aber auch gut so, denn durch die räumlich und zeitlich getrennten Gespräche, die ich im Folgenden geführt habe, kommen unterschiedlichere Antworten zustande, als sie in einem gemeinsamen Raum jemals hätten hervorgebracht werden können.

Vor der Interviewcollage entmystifizieren wir aber erst mal den “Louise from the Block“-Mythos, der behauptet, das 16-jährige, weiße Mädchen aus Chalk Hill wäre nach ein paar Whitelables und einem Freestyle von Jay Z auf Def Jam gesignt worden: 16 war Louise Harman zwar allemal, als sie anfing, mit Medasyn (Gabriel) Beats zu produzieren. Das Ergebnis der Kollaboration, “The Battle“, wurde jedoch sofort gesignt – auf Casual Recordings. Schon damals zeichnet sich ab, was die typische Begleiterscheinung im Leben der beiden werden soll, der Release der Platte wird verzögert, letzten Endes erscheint sie gar nicht. Stattdessen überträgt Labelchef Ross Allen die MC auf seinen anderen Arbeitsplatz: Island Records – Teil der Universal Music Group.

Nach kurzem Hype wird “Hoodie“ releast, der Chartseinstieg der von Basement Jaxx neu gemixten Version auf Platz 39 lässt zu wünschen übrig. Der Major ist ratlos. Drei weitere Stücke finden nicht ihren Weg zur Pressmaschine. “9 to Five“, “Random“ und “Fiddle with the Volume“ werden schließlich mit enormer Verspätung auf dem amerikanischen Ableger Chocolate Industries verwertet. Erst hier kommen Jay Z und jener Freestyle in seinem Studio ins Spiel und die Rechte werden kurzerhand vom einen Teil (Island) zum anderen (Def Jam) der Plattenfirma übertragen. Island hat einen Grund zum Grübeln weniger und der kleine Komplikationen anhäufende Star wird nach Amerika abverkauft. Schön, die wissen da eh besser, wie das geht mit dem HipHop. In England verbrennt man sich an “Black music“ nur die Finger.

Gabriel: Die BBC wollte Sov nicht spielen, wir waren alle glücklich, dass jemand das Geschäft in die Hand nimmt, der etwas davon versteht. Hier war selbst Miss Dynamites Album gründlich in die Hose gegangen. Soul2Soul waren die einzige “Black music group“, die in England jemals groß werden konnte. Die Strategie, sie erst in den Staaten groß zu machen und dann als Star ins Heimatland zurückzuimportieren, machte Sinn.

Mittlerweile hat Gabriel resigniert. Das Album featuret bis auf zwei amerikanische Produktionen nur alte Stücke, die meist von der Plattenfirma wiederholt neu abgemischt und editiert wurden, bevor sie “radiotauglich genug“ erschienen. Die internationale Presse bejubelt die Londoner Göre, in einer Ecke im Wohnzimmer liegen, sauber ausgeschnitten, hochkarätige Presscuts en masse. Auf Fanbasis wird eine Schlacht geschlagen. Love me or hate me: Territorialverhalten, Sexismus und Rassismus sind leider zu häufige Randerscheinungen im HipHop-Biz. Nun denn, Sov bleibt Englands große Hoffnung.

Persönlich erwische ich sie endlich in Berlin. Auch hier will man mir das Interview absagen/verschieben, weil Frau “Har – man“ einen “bad hair day“ hat. White girls can´t braid – die deutsche Friseurdame hat ihre Zöpfe falsch geflochten. Mit viel Geduld und nach weiten Ausflügen bekomme ich 20 Minuten mit dem kleinen Energiebündel. Im Universal-Friseursalon.

A public warning

De:Bug: Als ich dich das letzte Mal interviewt habe, hast du gesagt, das Album kommt im Januar (2006).

Lady Sovereign lacht.

De:Bug: Schade, dass nun nur alte Tracks auf dem Album sind. Wer hat entschieden, was auf dem Album sein soll?

Lady Sovereign: Ich, es gab noch einige Entwürfe mehr, aber das Album ist jetzt so etwas wie ein “Best of“ geworden.

Offensichtlich will (/kann/darf) sie nicht über ihre Enttäuschung sprechen, die laut Gabriel groß sein muss, nicht nur über die Verzögerung, sondern auch über die Auswahl der Tracks, die Verwandlung, durch die einige Stücke, wie z.B. “Those were the days“, gehen mussten, bevor sie releast werden durften.

Gabriel: Den Text zu diesem Stück hatte Sov schon lange geschrieben, er wurde ursprünglich über einem ganz anderen Instrumental aufgenommen. Als die jetzige Version kam, hat sie sich zunächst geweigert, irgendetwas damit zu machen, sie fand sie einfach zu cheesy. Auf Druck des Labels musste sie letztendlich den Track freigeben und sogar noch mal darüber singen. Oder “Gatheration”, das noch mal an Menta, (der auch schon einen Random Remix gemacht hatte) zum Drübergehen gegeben wurde.

De:Bug: Gatheration klingt für mich auch wie eine amerikanisierte Kopie von Random.

Gabriel: Ja, es ist schade. Er war ganz anders, aber das Label wollte es so nicht. Sov hat den Track gehasst, als sie diese Version gehört hat.

De:Bug: Mit mehr Abstand sieht Louise das nun nicht mehr so, sie wirkt zufrieden mit dem, was da unter ihrem Namen auf den Markt gestellt wird.

Lady Sovereign: Viele Leute sehen einfach auch nicht die harte Arbeit, die in dieses Album geflossen ist, überall geht es ständig nur darum, warum ich als Engländerin in den USA Karriere machen kann. Hier fühlt sich einer auf die Füße getreten, weil ich den Underground verrate, dort bin ich das weiße englische Kid, das versucht, sich irgendwo reinzudrängen. Das versuche ich aber gar nicht, ich mache einfach mein Ding, und die Leute sind einfach dämlich, wenn sie sich so aufhängen.

De:Bug: Warum glaubst du, polarisierst du so?

Lady Sovereign: Ich verstehe es nicht, Neid spielt sicher eine Rolle, ich werde ständig auf einem persönlichen Level abgeurteilt, viele Leute denken, sie würden mich kennen. Ich versuche mich nicht daran zu stören und weiterhin einfach das zu machen, wozu ich Lust habe. Ich arbeite schon am neuen Album, und das wird ganz anders. Vielleicht fange ich an zu singen.

De:Bug: ???

Lady Sovereign: Das war ‘n Witz. Nee, ich hab mir Equipment gekauft und produziere Beats.

De:Bug: Gabriel hat erwähnt, dass du dabei bist, Studioequipment anzuschaffen, was hast du dir denn zugelegt?

Lady Sovereign: Mein Tourmanager stellt mir was zusammen, ich hab Logic, brauch noch ein bisschen mehr Arbeitsspeicher, dann geht’s los.

Gabriel: Sov hatte schon für dieses Album eine Menge Beats gebastelt, sie ist sehr begabt, aber ist nie dazu gekommen, die Sachen auszuarbeiten, deswegen hat es auch kein Stück aufs Album geschafft. Bei vielen der veröffentlichten Stücke hat sie aber auch wesentlich zur Gestaltung beigetragen, entweder selbst Keyboards eingespielt oder ganz genaue Vorgaben gemacht.

De:Bug: Wie kam denn “My England“ zustande?

Lady Sovereign: Ich hab Gabriel gefragt, ob er irgendwelche Pferde-Samples hat, und er hatte echt einen ganzen Ordner voll.

De:Bug: Die hat er ja auch schon bei Spektrum (seinem Bandprojekt) benutzt.

Lady Sovereign: Ja? Jedenfalls wollte ich einen weirden 60s-Britpop-mäßigen “Gardening Party”-Song machen.

Gabriel: Ich hab mich ins Studio gestellt und einen ganzen Tag lang Instrumente eingespielt.

De:Bug: Die Brass-Sektion sind keine Samples?

Gabriel: Nein, ich habe French Horn und Trompete selber gespielt, früher habe ich das auch manchmal auf der Bühne mit Sov gemacht.

Lady Sovereign: Gabriel ist voll klassisch ausgebildet, der spielt ja auch noch zehn andere Instrumente. Am Ende kam dieses Stück heraus, das einfach in keine Kategorie passt. Ich hasse es eh, meine eigene Musik zu kategorisieren. Vor allem, weil ich auch ständig was anderes will.

So betrachtet sind die Stücke auf Public Warning auch wirklich keine homogene Masse. Man könnte das Album weder Grime noch HipHop zuschreiben und bevor Public Warning auf dem Allgemeinplatz “Pop“ landet, wird es vielleicht doch Zeit für eine neue Kategorie:

Lady Sovereign: “Heavy bass music“. Das ist sowieso etwas, was ich fürs nächste Album machen will, dreckige Elektrobeats, Breaks, Baile Funk, das ganze Spektrum, es gibt diese Seite, die voller toller DJ-Mixe ist, mit Genres, von denen ich noch nie vorher etwas gehört habe.

De:Bug: Blentwell.com?

Lady Sovereign: Ja genau. Da ist so weirdes Zeug drauf, das will ich auch alles machen.

De:Bug: Vielleicht mit Diplo arbeiten?

Lady Sovereign: Ja, dem habe ich grad was geschickt

De:Bug: Aber er ist in Australien.

Lady Sovereign: Genau, wenn er wiederkommt, bin ich erst mal auf Tour, aber dann machen wir was zusammen. JME bastelt auch an ‘nem Beat für mich.

De:Bug: Toll, er ist irgendwie einer der wenigen, der es aus dem ganzen Grime-Hype herausgeschafft hat und immer noch großartige Platten macht.

Lady Sovereign: Er macht halt auch andere Sachen und hängt mit anderen Leuten rum.

De:Bug: Was ist mit Grime passiert? Warum ist es so still geworden?

Lady Sovereign: Sie haben einfach aufgegeben, nicht genug Geduld gehabt, sowohl Plattenfirmen als auch Akteure, Wiley macht nix mehr, die ganzen Parties sind geschlossen worden. Die Künstler releasen nur noch Mxtapes und keine Alben mehr, sind zurück auf der Straße, die Industrie hat gekniffen.

De:Bug: Aber die ganzen großen Hoffnungsträger Roll Deep, Dizzee Rascal, Kano … von denen hört man auch nichts mehr, was ist da passiert?

Lady Sovereign: Dizzee ist im Studio, sein neues Album kommt im Mai, er hat mir erzählt, er will jetzt etwas “breitentauglichere“ Musik machen. Andere Freunde haben gesagt, es klänge immer noch ganz schön Dizzee.

De:Bug: Warum hat er es nicht in den USA geschafft, nach dem Track mit Ashanti und diesem Charity Song müsste doch genug Aufmerksamkeit dagewesen sein?

Lady Sovereign: Mir haben einige Leute in den Staaten gesagt, dass sie einfach nicht verstehen, was er sagt.

De:Bug: Also kein Kulturenmix im Melting Pot?

Lady Sov schaut mich selten an, während sie mit mir spricht, sicher, wir sind im Universal-Friseursalon und sie wartet ungeduldig auf den nächsten Versuch, ihre Markenzeichen-Zöpfe rechtzeitig fürs Bravo-Fotoshooting und den MTV-Auftritt an der Kopfhaut befestigt zu bekommen.

Gabriel hatte mir noch erzählt, wie kreativ ausgebrannt sie war, als Def Jam immer neue Songs verlangte, nichts gut genug schien und Missy Elliott das sehnlich erwartete Feature nicht live mit ihr im Studio einsingt, sondern ein File schickt. Davon ist jetzt nicht mehr viel zu merken, in ihren Augenwinkeln scheint es, als hätte die MC aus ihren Erfahrungen gelernt, statt großer Ankündigungen hält sie sich lieber bedeckt, was als Nächstes aus ihrer Trickkiste zu erwarten sei.

Wer dieses Album noch nicht kennt, dem sei gesagt: Es ist wirklich gut. Bis auf die beiden amerikanischen Produktionen von Dr Luke (Produzent auch für Kelly Clarkson, Mos Def und Pink) sind Lady Sovereigns Stücke auch zwei Jahre nach ihrem Entstehungsdatum noch frische und geniale Impulse für die Rapmusik (der Insel). Und wie glattgebügelt auch immer, sucht man Stücke wie “Tango”, “A little bit of Shhh” oder “Blah Blah” umsonst auf Def Jam oder irgendwelchen anderen Majors dieser Welt. Minimale Grime-Instrumentierung ohne darken Chauvinismusfaktor, Bauchmuskeltraining via Bass, Spaß an Genreausflügen und eine wirkliche Weltklasse-MC kommen hier zusammen. Nur schade, dass es davon nicht mehr (und Neues) gibt, aber wenn der Mainstream das frisst, dann ist Pop ein ganz großes Stück weiter.
http://www.ladysovereign.com

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Elektronische Lebensaspekte.