Eine Biografie als urbanes Märchen, auch Lady Sovereign kann damit dienen. Mit fünfzehn von der Schule fliegen, dank eines im Netz kursierenden Demos entdeckt werden und mit neunzehn Feature-Tracks von Missy Elliott und Jay Z für ihr Debüt-Album einheimsen. Eine Grime-Erfolgsstory. Noch Fragen?
Text: Johanna Grabsch aus De:Bug 97

Querkopf reimt besser

Ähnlich wie im HipHop lesen sich die meisten Grime-Biografien wie urbane Märchen: ”Jenny from the block“ heißt in diesem Falle Louise Charmann und wächst in einem Housing Project in East London auf. Ein guter Anfang. Als nächstes aus der Schule fliegen, dieser Part ist einfach. Die folgenden Schritte ihrer Karriere unterscheiden sich von denen der männlichen Kollegen. Während diese sich zu Crews zusammenschließen und ihre Battles auf der Straße und auf illegalen Raves austragen, übt die Lady ihre MC-Stimme zu Hause vorm Spiegel. Weiter geht’s: Einer modernern 15-Jährigen ist das Internet das, was meiner Generation Barbies und Matchboxes waren – Das Lieblingsspielzeug von heute aber kann mehr als nur hübsch aussehen. Lady Sovereign oder auch S.O.V. nimmt per Computer-Mic kurze Demos auf und verschickt ihre geplaybackten Lyrics per p2p. Zufälle geben sich die Klinke in die Hand und die cheeky little Lady steuert ein Demo für eine MC-Doku bei. Diese landet bei Gabriel Prokofiev, Produzent und Keyboarder bei Spektrum, die beiden fangen an zu produzieren, andere MCs werden eingeladen. Der erste Track (The Battle) wird ein heimlicher Hit: “Ladies we can run this world“.
Vier Jahre später hat Grimes erster weißer Star einen 3-Millionen-Pfund-Vertrag mit einer der größten Plattenfirmen der Welt in der Hosentasche und fängt an, mit Basement Jaxx und Wonder (Dizzee Rascal) Target + Danny Weed (Roll Deep Crew), Menta und natürlich ihrem Mentor Gabriel ihr Album zu produzieren. Ihre Lyrics sind direkt und rotzfrech, im Gegensatz zu den Jungs im Business immer humorvoll, provokativ und nie eindimensional. Der ganzen Musik haftet eine Leichtfüßigkeit an, die im schweren, teilweise gerne sehr darken Grime sonst nicht zu finden ist.

Anruf aus Amerika
Jay Z ruft und Louise wird folgen. Filesharing sei Dank. Außerhalb Englands sind ihre EPs wie das meiste Grime-Vinyl immer noch schwer zu bekommen, die 12“s auf Casual höchstens per teurem, langwierigem Mailorder, da sind Soulseek oder Limewire die einfacheren Alternativen. Auch Missy Elliott will mit ihr produzieren. Haben wir da etwa die Queen der “Copy kills Music“-Hetze beim illegalen Download erwischt?
Der Lady selbst ist das egal: “Die Leute sollen meine Tracks herunterladen, aber wenn mein Album kommt, sollen sie es kaufen.“
Das Album. Das Album, das selbst eine große Plattenfirma wie Universal in so hellen Aufruhr versetzt, dass keiner so recht weiß, ob das Thema Chefsache ist oder nicht. Und sowieso, über was für Musik reden wir hier eigentlich?
In den USA wird auf ganzer Linie versucht, aus Grime die UK-Variante von Crunk zu machen und so einer größeren Zuhörerschaft den Zugang zu ermöglichen, und während Kontinentaleuropa noch grübelt, ob Grime überhaupt den Hype verdient, scheinen sich die Größen des US-HipHop einig zu sein, das ganz große Ding entdeckt zu haben, und verleiben sich einen Teil echten Undergrounds ein, um weiterhin innovative Beats für die Massen produzieren zu können.
Auch Universal – in diesem Falle Island – scheint sich sicher zu sein, einen guten Fang gemacht zu haben, darauf lässt nicht nur der hochdotierte Plattenvertrag schließen, den die 19-jährige Hauptakteurin am liebsten in Burger umsetzt. Nur wie man damit umgehen soll, weiß keiner so richtig. Das Thema ist heikel und mir ist noch nicht klar, wieso sich der hochprofessionelle Apparat eines Majors auf einmal so langsam bewegt.
Das Releasedate wird in den zwei Wochen seit meiner Interviewanfrage vier Mal verschoben und steht am Ende in den Sternen – die Promodame aus England schickt mir ständig neue Ansprechpartner, deren Telefonnummern in der Einbahnstraße Anrufbeantworter enden. Und warum das alles, Berührungsängste mit dem Thema “Grime“, obwohl Dizzee schon alle Wege in die Staaten geebnet hat? Initiationsangst selbst wenn Missy, die Neptunes und the Jigga/Jay Z jeweils einen Track zum Album beisteuern? Da muss sich doch kein A&R mehr Sorgen machen, nach dem Release gefeuert zu werden. Konkrete Aussagen von Labelseite gibt es jedenfalls erst mal keine – dafür umso mehr von der fünf Fuß großen MC, sie ist überzeugt: “Mein Album kommt im Januar.“
Und welche Tracks werden darauf sein?
“Das weiß ich nicht. Es ist fertig, aber ich habe die fertigen Tracks von Missy und den Amerikanern noch nicht gehört, ich muss die erst mal hören, bevor ich entscheide, was mit denen passiert.“
Das bestimmt nicht dein Label?
“Nein, das entscheide ich alles selber.“

Aguilera anrufen, Album selber machen
S.O.V hat gesprochen. Auf diesem Album will sie ganz alleine sein. Keine Backup-MCs, keine Partner in Crime. Dafür sind die EPs da. Riko und JME, Shystie und Frost durften dort Vocals beisteuern. Auf dem Album will sie die Einzige sein. Ihre naseweißen Texte spitten und in einer halsbrecherischen Geschwindigkeit klingen wie eine ausgewachsene Afroamerikanerin mit einem Frosch im Hals.
Wenn Eminem eine Frau wäre, wäre sie gerne wie Lady Sovereign. Auch wenn sie zu Hause weiterhin Teenager-Foren mit ihren Bildern füttert und in einer kindlichen Aufregung das Netz nach neuen Kommentaren über sich absucht. Produzent und Entdecker Gabriel, den Grime-Nerds eigentlich nur als Medasyn bekannt, verrät: “Als Paris Hiltons Telefon gecrackt wurde und die Nummern der Stars durchs Internet rasten, hat SOV völlig enthusiastisch alle angerufen, sogar Christina Aguilera.“
Underground vs. Mainstream bekommt eine neue Dimension und wir können gespannt sein, wie das dann klingt. Wird die englische Herangehensweise – die EPs für die Straße und das Album für den Markt – beibehalten, könnte der UK Underground eine Heldin verloren haben, mit einer anderen Strategie feiern vielleicht alle bald gemeinsam.
Nach dem Release könnte es schwer werden, die Dame in einem stillen Moment nach ihrer Karriere zu fragen, im Moment spricht sie noch frank und frei über alles, sehr zum Ärger ihres Labels. Aber das sei ihr Ding, sagt sie, sie lasse sich nirgendwo reinreden. Sie produziert selbst oder wählt sich eigens ihre Produzenten aus, sie ist es ja schließlich auch, deren Name dann unter allem steht, und was auf Platte rauskommt, soll genauso sein wie sie: cheeky, Random, mit 200% Self Esteem und wenn es dann auch noch Ch-Ching macht – umso besser.
Just das letzte Wort gesprochen, cuttet ein stiller Zuhörer in unser Telefonat: 20 Minuten sind rum, das ist deine letzte Frage, und während ich auf der deutschen Seite des Telefons krampfhaft überlege, was ich dringend noch wissen muss, plappert die UK-Seite weiter und sagt, ich solle mich nicht daran stören, ich soll einfach fragen, “Relax – wir machen weiter“, das lässt sich die Stimme des Labels nicht gefallen und fängt an zu protestieren, woraufhin sich für ein paar Sekunden die Stimmgewalt eines SOV-Tracks erhebt und ihre Promodame lautstark auffordert, sofort aus der Leitung zu verschwinden. Ich frage mich, ob das Thema Louise Charman wie eine heiße Kartoffel behandelt wird, weil Missy und Jay Z jetzt mit im Boot sitzen, oder weil keiner so recht weiß, wer seine Kraft dem davor strotzenden Teenager widmen soll – wie lenkt man einen Souverän? Und es zeigt sich, der Name ist extrem gut gewählt.

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Elektronische Lebensaspekte.