Elektropop ist eigentlich von gestern
Text: Ruben Donzbach aus De:Bug 141

Wieso mit Lali Puna nun gerade die Vorhut dieser Variante neudeutscher Behutsamkeit ein Album vorlegen, dass die Zukunft des Pop hörbar macht, klärt unser Autor Ruben Donzbach im Gespräch mit der Sängerin Valerie Trebeljahr: Über das Hier, das Jetzt, und das Morgen, über Handy-Melodien pfeifende Vögel und Popmusik mit Kind.

Vor etwa zehn Jahren nannte eine neuen Generation von Hörern diese Art der Musik Elektropop. Komisch eigentlich, denn die von Weilheim ausgehenden Entwürfe von Bands wie Ms John Soda oder Guther hatten wenig gemein mit dem aufgedonnerten Hochglanzpop von Human League oder ABC und schon gar nicht mit den düsteren Synthieexperimente von Depeche Mode und Cabaret Voltaire – spielten sie doch behutsame, verschlafene Lieder, begleitet von tranig-melancholischem Frauengesang. Doch die Bezeichnung war nicht nur ein Versehen, insofern die süddeutschen Befindlichkeitspopper eine Umdeutung der Genre-Schublade gewissermaßen ihrer Zeit entsprechend nachvollzogen.

Während Bands, die besonders gerne aus Sheffield kamen, sich durch gestylte Produktionen und gesteifte Hemden von der langhaarigen Hippie-Kultur befreiten, indem sie ästhetische und politische Widersprüche provokant in Maschinenklänge und Affirmationsgesten vereinten, erspielte eine Band wie Lali Puna in den ausgehenden 90ern recht genau das Lebensgefühl einer Generation im behäbigen Wartestand.

Der satte Klang eines amtlicher Synth war da natürlich wenig angemessen, eher klampfte man vorsichtig zum Laptopgefrickel. In ihrer Hochphase um die Nullerjahre herum kam diese Musik in Kleinstadt-Cafes und Studentenwohnheimen an und irgendwo dort ging sie auch verloren. Lali Puna bildete damals die Vorhut, die eleganteste Variante. Jetzt sind sie plötzlich zurück. Und hellwach.

Sechs Jahre ist es her, seit Lali Puna ihr letztes Album “Faking The Books” veröffentlicht haben. Auf dem Nachfolger “Our Inventions” verbinden sich nun die vorsichtig forschenden, fragenden Texte von Trebeljahr mit dem scheinbar mühelosen Sound von Analogem und Elektronischem zu einem sonderbar arabesken und spielerischen Minimalismus. Und man bekommt eine Ahnung davon, wie der Pop der Zukunft klingen könnte.

Sängerin Valerie Trebeljahr sagt, das neue Album sei das bisher gemeinschaftlichste der Band. In Zeiten der allumfassenden Digitalisierung der Lebensumstände und der Krise der Musikwirtschaft scheint dieser beinahe familiäre Produktions-Ansatz eine Renaissance zu erleben: auch und gerade im Bereich der elektronischen Musik.

De:Bug: Der Name eures neuen Albums, Inventions, klingt nach Wissenschaft und Versuchsaufbau, nicht nach einem traditionellen künstlerischen Prozess. Beschreibt das eure Arbeitsweise treffend?

Valerie Trebeljahr: Eigentlich nicht. Der Titel kommt daher, dass ich mich in der letzten Zeit zunehmend kritisch mit einer naiven Zukunftsgläubigkeit beschäftigt habe. Auf den musikalischen Prozess kann man das nicht so einfach übertragen. Wir machen noch immer sehr intuitiv Musik.

De:Bug: Im Begriff Inventions steckt ja auch der Fortschritt oder wie du sagst: die Fortschrittskritik. Was stört dich?

Trebeljahr: Was interessant ist: Du sagtest ja schon Wissenschaft. Die Süddeutsche Zeitung hat eine Wissensseite eingeführt. Am Anfang dachte ich, das würde mich gar nicht interessieren. Aber inzwischen lese ich das am liebsten, weil es ganz seltsame Dinge bündelt. Es gab verschiedene Nachrichten darüber, wie Vögel ihr Verhalten ändern. Und zwar dadurch, dass sie ständig Handy-Melodien hören und die dann einfach nachpfeifen. Da macht man sich natürlich Gedanken: Wie beeinflusst der Mensch die Umwelt? Das war mir wichtig bei der Platte, das ist ein Thema für mich.

De:Bug: Inwiefern ist das neue Album deine Platte bzw. eine kollektive Arbeit?

Trebeljahr: Es ist beides. Alle sind tatsächlich sehr darauf fokussiert, was mir gefällt. Das hört sich etwas diktatorisch an. Aber es ist eben so in einer Band, dass man eine Idee davon hat, was man tut. Zudem gibt meine Stimme eine bestimmte Richtung vor, was man machen kann und was nicht. Und trotzdem ist das neue Album die kollektivste Platte, die wir jemals gemacht haben. Was einfach daran liegt, dass Markus und ich (Acher: Lali Puna, The Notwist) jetzt eben ein Kind haben. Das gibt bestimmte Produktionsbedingungen vor, die komplett anders sind als früher.

De:Bug: Hat ein Kind zu bekommen deine Herangehensweise an den künstlerischen Prozess beeinflusst?

Trebeljahr: Nein. Aber da war ich auch total drauf bedacht. Man kennt das ja. Ein Kind zu bekommen ist ein totaler Einschnitt ins Leben. Ich wollte aber einfach nicht, dass es sich in der Musik widerspiegelt. Das habe ich bei anderen mitbekommen und fand das dann immer etwas komisch. Doch auf der anderen Seite verändert man sich derart durch ein Kind, dass womöglich etwas auf meine Texte und die Musik abgefärbt ist. Aber das kann ich gar nicht sagen.

De:Bug: Christoph Schlingensief hat während der Berlinale in einer Performance auf den Kulturbetrieb geschimpft, der zunehmend selbstreferentiell wird und bleibt. Man müsse etwas Neues schaffen, zu einem neuen Ort vordringen. Scheinbar geht es vielen so, dass man des Retros überdrüssig wird. Nur wo könnte dieses Neue liegen?

Trebeljahr: Das ist eines der großen Themen der Platte. “Nothing new these days” und so weiter. Es gibt eine komische Diskrepanz in der Kultur, in den klassischen Sparten, alles bleibt stecken. Jetzt sind schon wieder die 90er Jahre in. Alles dreht sich und man hat das Gefühl, das war ja schon alles einmal da. Was aber jeder Kulturschaffende anerkennen muss, ist wohl, dass die Erneuerungen woanders stattfinden: im Internet. Die Kultur wird sich durch das Web2.0 stark verändern. Es ist einerseits sehr schwer für jemanden, der kreativ etwas schafft, zu sagen: Ich bewege mich in einem Feld, in dem es wenig Neues gibt. Und trotzdem ist es wichtig was man macht.

De:Bug: Diskutiert ihr das als Band?

Trebeljahr: Weniger. Aber ich arbeite beim Zündfunk (Bayrischer Rundfunk). Und da gibt es ganz viele Diskussionen darüber: Was für eine Berechtigung hat Pop? Wo sind die Jugendlichen. Ich sag dann immer: Die sind immer noch da. Die sind 17 und finden die White Stripes trotzdem toll. Sie kennen halt nicht die ganze andere Musikgeschichte. Doch gesellschaftlich findet das Neue hier nicht mehr statt. Weder im Pop noch in der Mode. Sondern in der Kommunikation selbst.

De:Bug: Für euch als Künstler stellt sich durch das Netz zunehmend die Frage nach dem Urheberrecht. Platten werden frei herunter geladen. Einerseits will man ja, dass Kunst frei zugänglich ist. Andererseits müssen die Künstler davon leben können.

Trebeljahr: Nun, die neue Platte ist bereits geleaked. Sie ist seit ein paar Tagen im Netz. Man kann sie einfach laden. Natürlich schluckt man dann. In unserem Umfeld haben alle Kinder. Von “Faking The Books” konnte ich gut leben. Oder wir als Familie mit den Notwist-Geldern noch dran. Das ging. Aber ich sehe, dass das nun verdammt schwierig wird. Man kann sich darauf nicht mehr verlassen. Ich behalte auf jeden Fall meinen Nebenjob beim BR. Es wird sich irgendwann regeln. Nur wird es dann wohl uns nicht mehr helfen.

Lali Puna, Our inventions, ist auf Morr Music/Indigo erschienen.
http://www.morrmusic.com

2 Responses

  1. palu

    heyho, ick les debug ja schon seit nen paar jahren jetzt, sowohl print als auch online, find euch natürlich supergut und alles, aber was mir immer wieder auffällt, ist, dass ihr recht häufig “dass” mit “das” verwechselt und vice versa. eigentlich könnt ich sogar für umme korrekturlesen, da ich ohnehin die meisten artikel lese. ;o)
    grz

  2. nibula

    lali bluna ist so ziemlich das langweiligste was ich an musik kenne . ich mußte mal ein konzert mit meiner freundin ertragen,habs genau 3 lieder ausgehalten.soll lieber wieder bei
    mtv anfangen oder so ….;)