Der Indietronics-Brückenkopf Lali Puna arrangiert sich nicht mit dem falschen Leben im Falschen, sondern kündigt bei Pro 7, feilt an seiner kritischen Melancholie und klingt auch im Sommer nach Herbst.
Text: moritz metz | moritz@metznetz.net
aus De:Bug 53

indietronics

Lali Punas Welttheorie

Indiepopkultur korrekt: Lali Puna aus Weilheim gefallen allen, gehen (ohne über Musik zu reden) mit Radiohead essen, arbeiten mit Bomb the Bass, spielen zusammen in sechs Bands und kündigen bei Pro 7, während sie im Interview über ihre eigene Correctness und die alten Indieband-Fragen reflektieren.
Denn Indietronic sind sie geblieben, die vier Lalis, und schickten zum 10. Oktober ein zweites Album mit bunten Punkten auf dem Cover an den Start. Heißt “Scary World Theory”, die Coverpunkte sind schwarz-weißer geworden, die Musik ausgefeilter, die Texte seltener portugiesisch. Aber aus der Stimme Trebeljahrs, aus den Synthesizern, den Melodien und Texten spricht noch die selbe bescheiden-verträumte-kritische, dabei wunderschöne Lali-Puna-Melancholie.
Weil Valerie Trebeljahr, Markus Acher, Christoph Brandner und Florian Zimmer so dicke in der Weilheim-Landsberg-Hausmusik-Connection stecken, ist Sängerin Valerie beim Gesprächstermin ganz alleine. Der zweite Bandkopf, Markus, will nächsten Monat lieber seine Gitarrenband Notwist repräsentieren und sich somit in seinen Aussagen nicht zu sehr wiederholen.

DE:BUG: Reden wir übers Wetter. Ich finde, das Album klingt nach Herbst.
Valerie: Es ist aber natürlich nicht im Herbst entstanden, sondern von Mai bis Juli. Das ging ziemlich schnell, wir hatten schon einige Lieder, Strukturen fertig und haben den Großteil zusammen mit Mario Thaler im Studio gemacht. Wir sind eher die Band, die im Studio und zu Hause am Computer entsteht, nicht im Proberaum. Na, und ob es mit dem Herbst zu tun hat – es ist halt melancholisch, aber das liegt eher an diesem Weilheilm-Kram, die ganzen Bands von hier haben ja mehr einen melancholischen als so einen Happy-Sound.

DE:BUG: Ihr werdet bald auf Tour gehen. Wie macht ihr die Live-Auftritte? Sind die euch wichtig?
Valerie: Wir haben bisher alle Spuren live umgesetzt, das barg viele Fehlerquellen in sich, wurde zwar rockiger, aber für die neue Tour wollen wir auch mit Computern auf der Bühne arbeiten, weil das mittlerweile gar nicht mehr anders zu schaffen ist.
Das Live-Spielen ist schon sehr wichtig, das Problem aber, dass wir nicht so viel touren können, weil in der Band eben Leute von Console, von Iso 68, von Notwist, vom Tied & Tickled Trio, von Fred is Dead spielen, und die Projekte auch alle mal dran sein wollen, so dass unterm Strich für jedes nur begrenzt Zeit bleibt.

DE:BUG: Wie ist das passiert mit Bomb the Bass?
Valerie: Das kam über den englischen Vertrieb, über Baked Goods. Der Typ, der das macht, hat unser Album dem Tim Simenon, also Bomb the Bass, gegeben. Tim produziert immer mit anderen Leuten und hat uns nach einem Stück gefragt. Wir haben das dann hin- und hergeschickt, er uns die Basics, den Rhytmus und einen Basston, und wir haben die Keyboards und den Gesang gemacht.

DE:BUG: Will Lali Puna Tracks oder Songs machen?
Valerie: Es funktioniert beides, und das ist auch ganz gut so. Bei dieser Platte sind mir die Texte superwichtig, deshalb sind sie diesmal auch abgedruckt. Ich will, dass die Leute zuhören, sich irgendwann mal was dazu denken.

BUT YOU WONT LISTEN ANYWAY

DE:BUG: “Don’t Think” hat die Stelle: “…I am answering your questions / but you won’t listen anyway.” Meinst du, die Leute hören zu selten zu?
Valerie: Diesen Text habe ich aus einer ganz konkreten Situation heraus geschrieben. Ich hatte für so ein Yuppie-Unternehmen gearbeitet, mittlerweile aber aus Überzeugungsgründen gekündigt, und als ich damals in der Mittagspause immer mit denen Essen war, haben die Kollegen wahnsinnig schnell gesprochen, um immer möglichst viel Information in kurzer Zeit unterzubringen, und ich saß immer daneben, habe nie etwas gesagt. Und wenn ich doch mal was sagen wollte, waren sie immer schon drei Sätze weiter. Es lag nicht daran, dass ich zu langsam bin, sondern daran, dass deren Zeit so schnell vergeht.

DE:BUG: Die Kündigung hat dann auch mit der Stelle “dont work for people you don’t trust” aus “middle course” zu tun?
Valerie: Ja klar, ich erkläre es zwar immer ungern, weil ich dann rausrücken muss, wo ich gearbeitet habe…

DE:BUG: Ja, bitte!
Valerie: (lacht) Bei Pro7 in München, im Musikbereich der Nachrichtenagentur. Ich bin gegangen, weil ich einerseits auf Haltung poche, mich auf der Platte darüber beklage, dass zum Beispiel in der Musik immer gleich auf die Charts geschielt wird, dass keiner mehr Bock hat, Underground zu sein, und dass immer gleich ganz oben angesetzt wird und ich diese Haltung im Endeffekt gar nicht beweisen konnte, weil ich ja doch die Kohle bei diesem Unternehmen einsackte. Es stimmt insofern auch, dass “scary world theory” eine Platte übers Älterwerden ist. Ich und die Leute um mich herum stecken gerade alle in einer Phase, in der die Jugend langsam vorbei ist und in der man endlich mal Geld verdienen oder eben doch bei der Sozialhilfe enden muss.

DE:BUG: Und dann kommt die ängstliche Welttheorie?
Valerie: Der Titel der Platte ist der Titel einer Theorie aus der Kommunikationswissenschaft, die untersucht, wie sich Gewalt in den Medien auf die Menschen auswirkt und besagt, dass alle Morde, die man im Fernsehen sieht, das Weltbild im Unterbewusstsein prägen und es schlimmer machen, als es in Wirklichkeit ist. In der Realität passieren ja weniger Morde als im Fernsehen. Ich bin ein sehr ängstlicher Mensch und finde, es gibt ganz konkrete Sachen, die passieren, vor denen man eigentlich total viel Angst haben müsste.

DE:BUG: Zum Beispiel?
Valerie: Es gibt politisch so viel, beängstigend sind aber auch die Medienkonzerne. Das ist Wahnsinn. Ich habe mich im Studium viel damit beschäftigt und zum Beispiel immer gesagt: ich schreibe auf keinen Fall für Springer. Jetzt ist aber Kirch mit vierzig Prozent an Springer beteiligt….wofür schreibt man dann?

DE:BUG: Unser Inlandsvertrieb läuft auch über Springer. Die hatten die allergünstigsten Konditionen. Die Frage ist, ob man nun mitzieht oder nicht. Wie früher die Frage, ob man sich ein Handy kaufen soll.
Valerie: Genau. Früher war ich natürlich totaler Handygegner; und jetzt habe ich eins. Das ist aber nur ein Beispiel. Es ist ebenso schwierig, konsequent zu bleiben, weil: sich die ganze Zeit immer zu erkundigen, wer wie an welchem Unternehmen beteiligt ist, das ist total stressig – und die Leute, die überall arbeiten, die sind ja alle nett, es geht eben um die Systemfrage. Und zur Zeit vermischt sich alles; es gibt doch niemanden mehr, der sich stark abgrenzen möchte! Die Strokes zum Beispiel, die sind jetzt bei BMG, aber hey, die machen richtig gute Musik mit einem Statement und es kümmert keinen, dass die nun bei einem Großlabel herauskommen.

DE:BUG: Aber vielleicht sollte man gerade das tun, um eine Masse von Menschen, die die Message sonst nie hören würden, zu erreichen?!
Valerie: Die Gefahr liegt darin, dass sich die Ansprüche von einem solchen Label an eine Band total verändern, es geht immer um Geld, das Label will ja, dass die Summe, die es vielleicht aus Imagegründen in eine Band steckt, wieder maximiert herausbekommt. Das kann Bands kaputtmachen.

DE:BUG: Vielen Dank

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

text
Text: thaddeus herrmann aus De:Bug 31

Cover Your Eyes, You WonÕt See Me Auf der Couch mit Lali Puna Genau 41 Sterne zieren das Cover von “Tricoder”, dem Debutalbum von Lali Puna, und ihre Musik ist mindestens genauso hell, leuchtend, warm und freundlich wie alle diese Himmelsgeschöpfe zusammen. Wahrscheinlich ist ein besonders schönes Exemplar auch dafür verantwortlich, dass das neulich mit der Marssonde schief gegegangen ist. Stern und Sonde zischen jetzt als beste neue Freunde piepsend und blinkend durchs All und kümmern sich einen Dreck um die NASA…beruhigend. Lali Puna haben mit der NASA nur sehr mittelbar etwas zu tun, kennen auch den Mars nicht persönlich, dafür deutsche Autobahnen umso besser, denn die Band um Valerie Trebeljahr und Markus Acher betouren extensiv die Republik und sind froh, auf dem Sofa im Hauptquartier der Berliner Plattenfirma mal einen Sonntag die Füsse hochlegen zu dürfen. Lali Puna funktioneren ungefähr so. Valerie, die Anfang 1998 eine Mädchenband in München namens L. B. Page gegen ein Vierspurgerät tauschte, haucht, wahlweise auf englisch oder portugiesisch, Geschichten in Mikrophon oder Kopfhörer. Portugiesisch nicht, weil sie ursprünglich aus Korea stammt, sondern weil sie in Lissabon zur Schule gegangen ist, die Sprache sich wunderbar singt (ich nenne meinen Plattenspieler seit geraumer Zeit schon Toca-Discos, was ihm sehr gut gefällt), und es nur wenige Leute verstehen. Dennoch legt Frau Trebeljahr grössten Wert auf die Lyrics. Verdrehte Miniaturgeschichten, die den Blick auf die kleinen Dinge und die mit ihnen verbundenen, fast banalen Wahrheiten lenken. “Put Your Hands Over Your Ears, You WonÕt Hear Me. ItÕs Like IÕve Never Been Here And YouÕve Never Known Me.” Und das alles, während unten herum kleine, mit Kirschholzimitat verkleidete Rhythmusboxen klopfen, elektronische Tasteninstrumente Melodien spielen, die mir aus dem Blockflötenunterricht recht vertraut erscheinen, eine Bassgitarre fröhlich in Oktavsprüngen purzelt und ab und zu von einem tatsächlich existenten Schlagzeug angefeuert wird. Nein, neu ist das nicht, und ja, den Vergleich mit Stereolab haben sie schon das eine oder andere Mal gehört, was sie aber auch gar nicht als störend empfinden, denn erstens lieben Stereolab eh alle, zweitens wäre man beinahe mit ihnen gemeinsam durch England getourt und drittens hat Lali Puna mehr grade Bassdrums, auch wenn die so fusselig tuckern, dass sie bei einem lokalen Betriebsausflug ins Ultraschall nicht unbedingt in der Top10 des Abends spielen würden. ”Tridecoder” ist eines der lässigsten Erstlingswerke dieses Jahres. Dass das alles so herrlich locker daherkommt, hat zunächst damit zu tun, dass Lali Puna sozusagen eine Allstars Band ist: Markus Acher ist bei Notwist und Tied &Tickled Trio beschäftigt, Christoph Brandner spielt bei Console und ebenfalls dem Tickled Trio und Florian Zimmer bei ISO 68. Damit ist Lali Puna ein fast repräsentativer Querschnitt durch die, zugegeben sehr unübersichtliche, Indie-Szene rund um Weilheim, Landsberg und München, die sich inzwischen, ursprünglich aus Langeweile, den einen oder anderen Majorvertrag und Freunde auf der ganzen Welt erspielt hat. Auch hier hat man mittlerweile die stilistischen Grenzen längst hinter sich gelassen. Gitarristen interessieren sich für Synthesizer und umgekehrt, Teile der Plattensammlung, die noch vor kurzer Zeit bei gesellschaftlichen Zusammenkünften als absolut tabu galten und kurz vor Partybeginn noch schnell bei der Oma untergestellt wurden, können nun stolz präsentiert werden, und grade Bassdrums, von denen die Lalis ja nun eine ganze Menge haben, gehen plötzlich auch in Ordnung. Wenn uns die letzten Jahre irgendetwas wirklich wichtiges gebracht haben, dann einen lockereren Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Lali Puna profitieren davon.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.