Der gealterte Künstler zwischen Pop und fidelen Anwandlungen
Text: Anne Waak aus De:Bug 126


Beim Interview im Büro der Plattenfirma raucht Kurt Wagner ziemlich viele Zigaretten, ascht in Ermangelung eines geeigneten Auffanggefäßes aus dem Fenster und lacht oft. Die Laune des Songwriters und der Stimme von Lambchop ist offenbar bestens, also frisch losgefragt. Thema: Der in die Jahre gekommene Künstler und der Pop.

Auf die zugegebenermaßen recht unverfrorene Frage nach den Freuden des Alterns antwortet Wagner schlicht, er schätze es mehr zu schlafen und einen festen Ort, ein Zuhause zu haben. Einen anderen Rat als “Go ahead, mess things up and try to learn from it“ des heutigen Kurt an den 25-jährigen hätte er nicht. Und nein, er sei nichts als zufrieden mit allen Remixen, die zum Beispiel Zero7 oder Schneider TM von Lambchop-Stücken gemacht haben.

Ein recht unexzentrischer Geist, dieser Mann aus Nashville. Aber Schrillheit ist nun auch Lambchops Sache nicht. Man liebt die Band kaum für besonders uplifting wirkende oder vertrackte Kompositionen. Sondern vielmehr für Songs, die ruhenden Gewässern gleichen: kein Fauchen, Spritzen oder Protzen, sondern quiet quality.

Das Cover von “OH (Ohio)” zeigt in naiver Malerei ein nacktes, auf weiße Laken hingegossenes Paar. Der Blick ist aufeinander gerichtet, die Manneshand befühlt die Frauenbrust. Die durch das Fenster sichtbare Szenerie – die nächtliche, durch Neonlicht erleuchtete Straße, auf der soeben ein Verbrechen verübt und der Täter festgesetzt wurde – bleibt von ihnen unbemerkt. Insofern ist eine der Freuden des Alters die Fähigkeit zum weitestgehenden Rückzug hin zu nichts als freudvollen Dingen. Und das Geschehenlassen sowohl der Zumutungen des Alltags, als auch der Verwerfungen in der Welt.

Ist es also eher Altersmilde oder doch Ausdruck einer jugendlich unbekümmerten Einstellung, wenn für Kurt Wagner das Clearing von Songrechten nichts als eine Behinderung darstellt? Er bekennt sich als Fan von Sample-Wilderern wie Girl Talk. “So und nicht anders muss es sein. Diese ganzen Anwalts-Sachen und das Clearing von Sounds behindert doch jegliche Kreativität. Worum sollte man etwas, was man geschaffen hat, nicht mit jemandem teilen dürfen?”

Es ist wohl dieselbe Mischung aus Pragmatismus und Liebe zur Musik, die Lambchop auch jeden Song auf “OH (Ohio)” von zwei Produzenten separat beackern ließen, um dann die gelungenere Version für das Album auszusuchen. “Auf die fertig produzierten Songs zu warten ist natürlich aufregend. Wie ein Paket, das mit der Post kommen soll. Du bestellst etwas, von dem du ein Bild im Magazin gesehen hast und dann kommt es an. Oha, so sieht es also aus. Manchmal passen die Schuhe, manchmal tun sie es eben nicht. Aber dieses Mal hatten wir die gleichen Schuhe in zwei verschiedenen Größen und konnten wählen”. Das nennt man Ergebnisoptimierung.

Vertontes Erwachsenenalter
Moderate Freude statt wilder Euphorie. Nicht blinde Wut, sondern tief empfundene Trauer. Eine Familie gründen, zur Ruhe kommen, beginnende Gebrechen, drohender Verlust. Von der Erfahrung besonders von letzterem war das vor zwei Jahren veröffentlichte “Damaged” getränkt. Der Nachfolger dagegen wirkt weit weniger desperat und verschattet.

Manchmal wird es gar geradezu fidel, wie etwa bei einem instrumentalen hidden track – einem Stück, dessen Grad an guter Laune im Band-Oeuvre ungefähr einem Sommerhit entspricht. Trotzdem ist Lambchops zehntes Album wie jeher eher Schwermutsmusik, allerdings mit so anheimelnden Melodien und feinen, schwarzhumorigen Texten, dass sich niemals so etwas wie Trostlosigkeit einstellt.

Ab und zu springt Wagner eine unbekannt bleibende Frauenstimme zur Seite und haucht ein wenig Zartes über seinen Märchenonkel-Bass, manchmal singt er zusammen mit der Bassgitarre. Darüber, dass Frühlingsgrün auch nichts wert ist, wenn man sich blue fühlt, über Benzinknappheit oder darüber, einen Tag lang wie ein Pirat zu reden.

Eine beliebte Plattitüde über Kurt Wagners Stimme geht ja so: Er könnte einem aus dem Telefonbuch vorsingen und es wäre sofort tolle Musik. Das ist in etwa was er macht, wenn er einen ganzen Song mit dem Verb “stand” betextet: “stand up, stand alone, stand against …” Das sind Mutparolen, gut gemeinte Arschtritte von einem Gebeutelten für seinesgleichen. Lernen von den Alten klingt nach wie vor selten so gut wie bei Lambchop.
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Elektronische Lebensaspekte.