Kurt Wagner spricht über sein neues Album "Mr. M", die Occupy Bewegung und den American Dream
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 160

Kurt Wagner ist noch immer der coolste Hund aus Nashville. Er und seine Band Lambchop haben mit ihrem mittlerweile elften Album “Mr. M” das vielleicht beste ihrer ganzen Laufbahn abgeliefert. Das empfindet auch Kurt so. Wir sprachen mit ihm über die wirklich wichtigen Dinge im Leben. Zum Beispiel, warum man erst mit 53 seinen ersten Lovesong schreibt.

Debug: Trotz allem Klassizismus, “Mr. M” klingt zeitlos modern.

Kurt Wagner: Danke. Viele Dinge finden versteckt statt und sind gut eingebettet. Einige meiner Bandkollegen sind passionierte Elektroniker. Scott Martin (Drums) und Ryan Norris (Gitarre, Keys) machen gemeinsam das Projekt Hands Off Cuba. Gerade Scott ist ein begnadeter Sample-Künstler. Sie sind wie ich aus Nashville, obwohl die wenigsten diese Stadt mit künstlich erzeugten Klängen verbinden würden. Es kann gut sein, dass Hypes aus Berlin vielleicht erst ein, zwei Jahre später bei uns ankommen, aber immerhin kommen sie an. Man hört an den Texturen und Sounds des Albums, dass eben diese Elemente eine wichtige Rolle spielen.

Debug: Jeder Sound hat seinen eigenen perfekten Platz gefunden.

Wagner: Richtig. Ich versuche bei meinen Kollegen auch immer, möglichst viel von ihren Persönlichkeiten mit einzubeziehen. Es mag subtil sein, aber dieses Andere ist definitiv da. Auch die Art und Weise, wie wir mit den Streichern gearbeitet haben, war unorthodox. Wir haben die Ensemble-Spuren zerhackt, auseinandergenommen, durch Gitarreneffekte gejagt, bis wir feststellten, dass es wie ein Synthiesound klingt, der komplett auf Wellenformen basiert. Die Balance zu halten, ist das Wichtige dabei.

Debug: Das Cover der letzten Platte zierte ein Gemälde deines früheren Uni-Professors. Auf “Mr. M” ist das Portrait eines gewissen Adrian M. Killebrew Jr. zu sehen, das du gemalt hast.

Wagner: Es handelt sich um einen Teil einer von mir angefertigten Portrait-Reihe namens “Beautillion Millionaire 2000”. Das Bild und der Titel basieren auf einem Artikel der Memphis Newspaper aus dem Jahr 2000. Es ging um eine Art Verein, eine Debütantengesellschaft, von deren Teilnehmern Fotos abgedruckt waren. Sie wirkten wegen der Kostümierung gänzlich aus einer anderen Zeit. Auch wenn die ganze Debütantensache an sich bereits aus einer vergessenen Zeit zu stammen scheint.

Debug: Ich hab den Namen gegoogelt und bin auf ein Facebook-Profil gestoßen.

Wagner: Wirklich, das hast du gecheckt? Was macht der?

Debug: Ich weiß nur, dass er in Memphis geboren wurde, heute in Dallas lebt und irgendwas mit Handys zu tun hat.

Wagner: Ich bin schwer davon ausgegangen, dass ich nie wieder was von ihm mitbekommen würde. Das ist scary!

Debug: Malst du auch deshalb, weil Musik alleine manchmal zu abstrakt ist?

Wagner: Ich mag es einfach gerne, Dinge zu machen und herzustellen. Musik spielt natürlich eine wichtige Rolle, so wie das Texte schreiben. Malen bedeutet neben Spaß auch eine andere Art des Arbeitens. Es ist im Gegensatz zu einer Band eine ziemlich einsame Angelegenheit.

Debug: Musik und Kunst werden gänzlich anders wahrgenommen.

Wagner: Es geht doch nur um Wahr-nehmung. Was passiert wirklich während der Betrachtung eines Gemäldes, oder beim Hören von Musik? Kann man das überhaupt irgendwie erklären?

Debug: Du lebst bekanntlich in Nashville. Wie hat man sich einen typischen Tag dort vorzustellen?

Wagner: Zunächst ist es ziemlich langweilig. Es ist eine verzogene Südstaaten-City wie viele andere auch, was aber ein allgemeines Problem des Südens der USA darstellt. Heute gibt es sogenannte Metropolen, Gentrifizierung, mobile Individuen. Viel vom klassischen Charme, den man ursprünglich mit dem Süden assoziiert hat, gibt es heute nicht mehr. Wenn dann gibt es einen Souvenir-Shop, das war’s aber schon. Ich bin dort ja nicht viel unterwegs. Momentan habe ich eine Lebensphase erreicht, wo ich das Nichtstun genießen lerne. (lacht)

Debug: Wobei die Situation, die du schilderst, gut zu “Countrypolitan” passen würde. Irgendwann haben euch Musikjournalisten diesen Stempel verpasst.

Wagner: Der Begriff Countrypolitan wurde bereits für Musik aus den späten 60ern/frühen 70ern angewandt. Man versuchte damals schon, Musik aus dem Süden dem Wellengang einer Großstadt anzupassen. Am Ende war es Popmusik. Aber es war ein eigenständiger Sound, da bedarf es irgendwann einer wie auch immer gearteten Schublade. Nashville ist noch immer eine Schallplatten-produzierende Stadt, die Musikindustrie ist tief in ihrer Genetik verankert. Mit der Zeit hat sich hier eine besondere kreative Szene versammelt, Menschen, die alle irgendwie mit der Schallplattenproduktion zu tun hatten. Musiker, Techniker, Designer, Illustratoren, Business-Leute. Die sind immer noch da. Im Vergleich zu New York oder Berlin, wo es für alles kleine Szenen gibt, funktioniert Nashville kommerzieller. Dort geht es eben um die Produktion von Musik. Von meinem Wohnhaus aus befindet sich im Umkreis von einer Meile alles, was man zur Herstellung einer Schallplatte braucht. Ich sitze im Wohnzimmer, schreibe einen Song, gehe drei Blöcke weiter zu unserem Produzenten Mark Nevers und wir nehmen ihn gemeinsam auf. Dann gehen wir einen halben Block weiter und lassen es dort mastern. Ein paar Häuser weiter kann ich das Master an ein Schallplattenpresswerk übergeben. Während die Platten gepresst werden, male ich daheim ein Cover and that‘s it! Das ist ziemlich einzigartig.

Debug: Ist “Mr. M” das beste Lambchop-Album aller Zeiten?

Wagner: Es fühlt sich so an.

Debug: Wieso hat das denn so lange gedauert?

Wagner: (Lacht) Das ist gemein. Natürlich habe ich bei einigen Platten davor auch schon gedacht, das ist das Beste, was wir je gemacht haben. Und es wäre auch blöd mich hier hinzustellen und zu behaupten, es sei nicht das Beste, was wir bisher gemacht haben. Aber seit langer Zeit schwebte mir so etwas wie “Mr. M” vor. Es hat sich quasi ein Wunsch erfüllt. Wir haben mit vielen Ideen, die wir jetzt umgesetzt haben, auch schon bei früheren Aufnahmen geflirtet. Irgendwann platzte der Knoten.

Debug: Zum ersten Mal in der Bandhistorie gibt es mit “Never My Love” einen echten Lovesong zu hören.

Wagner: Stimmt. Wenn man wie ich alte Country-Musik Revue passieren lässt, dann kann so was schon mal passieren. Es waren sehr klassische Harmoniefolgen und ich habe dabei festgestellt, dass es OK wäre, mit simplen Strukturen zu arbeiten und der Sentimentalität eine gerade Richtung zu geben.

Debug: Hast du bis dahin bewusst versucht, das Wort Liebe zu vermeiden? War es dir zu offensichtlich?

Wagner: Das ist ja die Standardeinstellung bei Popmusik: “Ich mache jetzt einen Lovesong und singe Love, Love, Love.” Man kann über Gefühle reden, ohne das Wort Liebe zu benutzen. Vielleicht bin ich auch davon ausgegangen, dass so viel mehr über die eigentlichen Dinge der Liebe gesagt werden kann, wenn es nicht so offensichtlich ist.

Debug: Jetzt bist du aber 53. Ist es nicht ein bisschen spät, jetzt erst mit den Liebesliedern anzufangen?

Wagner: Ich rede und singe darüber ja die ganze Zeit, so ist es ja nicht.

Debug: Dann erkläre bitte Liebe.

Wagner: Well, listen son. I gotta tell you something (lacht). Im Ernst, du stellst irgendwann fest, dass du in deinem Leben mit Verlusten zu kämpfen hast. Menschen aus deinem Umfeld sterben mit der Zeit. Erst deine Großeltern, später deine Eltern, das ist vielleicht normal. Irgendwann sind es aber deine nächsten Freunde. Wenn man diese Erfahrungen macht, dann fragst du dich: What the fuck? Wie gehe ich jetzt damit um? Du beginnst zu realisieren, dass Beziehungen zu Menschen eine Bedeutung haben müssen. Dass das der Kern der ganzen Sache ist. Wieso hängt man gemeinsam ab, was verbindet einen? Es sind die subtilen Dinge. Mitgefühl zum Beispiel, wieso kümmert man sich um den anderen. Wieso ausgerechnet dieser Mensch und nicht irgendwer anders? Wenn man sich anschaut, was draußen gerade passiert, sei es in einem Park, vor einer Versicherung oder einem Bankgebäude, wo junge Menschen sich zusammenfinden und friedlich protestieren. Eine der Fragen dieser Leute ist doch: Was bedeutet eigentlich Empathie, Mitgefühl, sich um die Angelegenheiten anderer Menschen kümmern? Wohin zur Hölle hat uns die Entwicklung der vergangenen Jahre gebracht? Das sind wesentliche Elemente jener Sache, die man gemeinhin Liebe nennt. Es ist nicht christlich, nicht religiös, es ist einfach ein menschliches Ding, das dich dazu bringt, zu fragen, ob der Mensch neben dir in der Bahn ein gutes Leben führt. Du stellst fest, es geht nicht nur ums Kuscheln und sich Berühren. Es geht um Respekt, festzustellen, dass jeder die selben Rechte haben sollte wie du selbst. Teilen zu lernen. Die USA haben sich lange genug mit Eigennutz und Entlieben beschäftigt, das ändert sich vielleicht.

Debug: Du sprichst dabei von der Occupy-Bewegung?

Wagner: Ich finde gut, was passiert, auch wenn die Situation bei genauerer Betrachtung natürlich sehr kompliziert ist. Ich sehe die Gefahr, dass alles wie ein Strohfeuer erst hell aufflammt und schnell wieder erlischt. Aber die Aktivisten sind smart und das ist es, was gerne unterschätzt wird. In den 60ern ging es um eine leidenschaftliche Antwort auf konkrete Dinge wie den Vietnamkrieg oder die Civil- Rights-Bewegung. Heute stellt man fest, dass irgendwie alles ziemlich abgefuckt ist – nicht auf den ersten Blick, es zieht sich aber durch so viele Lebensbereiche, dass es quasi unmöglich ist, ein konkretes Feindbild zu haben. Mir haben aber viele der Transparente gefallen. Wenn man Schilder sieht, wo drauf steht: “Things are fucked! What up?”, dann scheint das vielleicht plump, aber für mich ist das eine ziemlich starke Message, weil man feststellen muss: Ja, die Dinge laufen ziemlich scheiße, was machen wir nun? Es ist eine wunderbare Mischung aus Bullshit und dem, was wirklich wichtig ist.

Debug: Aber keiner hat wirklich eine Lösung parat.

Wagner: Natürlich nicht. Aber ist das der Punkt? Eine Lösung zu haben? Da bin ich mir gar nicht so sicher. Der Punkt ist doch, ins Gespräch zu kommen, einen Diskurs zu beginnen. Festzustellen, dass ein elitärer Klüngel in der jetzigen Welt immense Probleme verursacht. Statt dies zu ignorieren oder gänzlich ausgeschlossen zu sein, fängt man an, Fragen zu stellen. Die Verantwortlichen haben doch genau so wenig eine Antwort. Sie bemühen sich nicht mal um ernsthafte Lösungen. Wenn es um‘s Geld geht, ist sich jeder selbst der Nächste. Fortschritt muss doch einen Sinn haben. Der Mensch, der diesen Laptop hier erfunden hat, der war sich doch nicht darüber im Klaren, dass solche Maschinen die Welt verändern können.

Debug: Du glaubst also an die Revolution?

Wagner: Fuck yeah! Ich war auch mal jung, ich war genauso am Arsch. Ich hatte zwar eine gute Bildung, musste aber lange Zeit meines Leben als Handwerker Böden verlegen. Das war damals meine Zukunft. Für viele ist das nicht mal die Bezeichnung Zukunft wert. Es hätte bedeutet, dass ich durch die ganze Plackerei mit 40 zum Krüppel geworden wäre. Genau das war meine Welt. Ich muss von einem sehr großen Glück sprechen, dass so viele dankbare Zufälle mich dahin gebracht haben, wo ich heute bin. Viele Menschen in meinem Umfeld leben hart an der Grenze zur Obdachlosigkeit und Armut. Das kann nicht der Weg sein, den unsere Gesellschaft zu gehen hat. Es geht nicht darum, sich verpflichtet zu fühlen oder karitative Einrichtungen zur Verantwortung zu ziehen. Es ist nicht schwierig, sich gegenseitig zu helfen. Es profitiert jeder davon, wenn man gut zueinander ist. Das Problem der Gesellschaft ist doch, dass keiner dem anderen helfen will. Wir haben es nicht gelernt. Aber man kann doch miteinander reden, seine Hilfe anbieten.

Debug: Aber ist der Eigensinn und Egozentrismus nicht etwas, das den American Dream erst definiert hat.

Wagner: Das stimmt. Der Rest der Welt hat aber auch andere Wege gefunden. Jetzt wird es Zeit, dass auch bei uns etwas passiert.

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