Lambent holt den nächtlichen Meeresstrand in Clubs zwischen Berlin und Tokyo. Das merkt nur keiner, denn es klingt wie fluffy Electronica mit Hiphop-Beats. Trotzdem ein rundes Konzept, das jetzt auch ins Wohnzimmer kommt.
Text: Multipara aus De:Bug 90

Der Strand im Kopf
Lambent

Das Blöde an den Japanern hier in unseren Breitengraden ist ja, dass man nie davor sicher ist, sie wieder an ihr Land zu verlieren, dass sie irgendwann wieder zurückgehen nach Japan. Bei Akira Inagawa und seinem Projekt “Lambent” ist es jetzt soweit. Wenn dieser Artikel erscheint, ist Lambent nach zehn Jahren Ausland, davon die letzten drei Jahre in Berlin, nach Japan zurück, der Liebe wegen. In dieser Zeit sind seine zahlreichen Electronica-Livesets und DJ-Gigs (vor allem HipHop) hier so selbstverständlich geworden, dass die Lücke, die er damit reißt, sich noch gar nicht ausmalen lässt. Die Musik von Lambent war nämlich immer sehr unauffällig. Sie klang nach Berlin, war angenehm, perfekt arrangiert, und blieb überhaupt nicht hängen – Lambent verzichtete auf Hooks, und erstellte ständig neues Material. Wie flüssig ihm das von der Hand ging, zeigte sich vor wenigen Monaten anlässlich eines spontanen Bookings mit Miss Hawaii (19-t Records), als der sonst so sanfte Akira ein passendes, an einem Nachmittag vorbereitetes Ballerbass-Schredder-Hardcore-Set aus dem Ärmel schüttelte, dass alle Münder offenstanden. Überhaupt kam extrem viel Musik zusammen: “Vor ein paar Tagen habe ich meine Freundin angerufen, bei ihr lief Musik, die mir gefiel, aber die ich nicht kannte. Sie sagte, das sei ich! Ich hab meine eigene Musik nicht erkannt!”

Bei Lambent liegt das Missverständnis nahe, dass sich hier jemand an unbestrittenen Vorbildern wie Arovane und Vladislav Delay abarbeitet, ohne deren Griffigkeit und Intensität zu erreichen. Das räumt sich am besten mit einem Blick auf Inagawas Geschichte aus. Vor zehn Jahren, mit 22, kam er am Londoner Flughafen an, um dort Architektur zu studieren, und war kaum vorbereitet. “Als sie bei der Einreise fragten ‘Waren Sie schon mal hier’, verstand ich ‘Haben sie Bohnen’. Ich dachte nur ‘Was hab ich getan!’…” Aber das Grundstudium bot viel Freiheit, und er fing bald an, sich für die britische Konzeptkunst zu interessieren, kaufte nebenbei Platten auf Touch und Mego und begann schließlich sich mit elektronischer Klangerzeugung zu beschäftigen. Als Kind hatte er schon etwas Schlagzeug gespielt: “Meine Eltern gaben den Nachbarn Geschenke, damit sie sich nicht beschwerten … das hab ich erst viel später erfahren.” Am Ende machte er einen Abschluss in Bildhauerei – mit einer Soundinstallation – und veröffentlichte im selben Jahr eine EP-Seite auf dem Londoner Label Insine als Lambent. “Beim Ausdruck ‘Lambent’ geht es mir vor allem um den Bedeutungsaspekt des Fließens. Ich hab eigentlich immer das Bild eines Strandes vor mir, auf den die Wellen einrollen, stetig, leicht, ohne sich exakt zu wiederholen, linear, aber nicht loopy. Diesen Eindruck versuche ich einzufangen, und wenn ich mit dem Thema durch bin, heiße ich auch nicht mehr Lambent.”

Das Thema hat sich allerdings als unerwartet ergiebig erwiesen. Die frühen Arbeiten sind noch reine Soundschichtungen, die von weichen, graduellen Spannungsbögen geprägt sind. Seine Erfahrungen als HipHop-DJ verbunden mit Arovanes Kunst, rhythmische Strukturen so frei zu variieren, dass sie grooven, ohne zu loopen, haben ihm dann neue Möglichkeiten aufgezeigt, die er mittlerweile wie kein zweiter beherrscht. Was so leicht und kopfnickend ins Ohr geht, basiert auf ungewöhnlich komplexen Mikroarrangements, die ihre Stärke wohl erst auf Platte ausspielen können, also bei wiederholtem Hören. So berichtet die japanische Sängerin Kazumi, mit der er gerade ein Album für CCO aufgenommen hat, von extremen Schwierigkeiten, seine Stücke auswendig zu lernen – was natürlich bedeutet, dass sie ihm gelungen sind. Davon können wir bis dahin vor allem auf “These Days” einen Eindruck gewinnen, seinem ersten Albumrelease, der im Januar auf dem Londoner Label Expanding erschienen ist. Und noch eine gute Nachricht zum Schluss: im Juli ist er schon wieder hier – auf Tour mit Miwon und Fleckfumie.

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Elektronische Lebensaspekte.