Sexelnde Samplequeen
Text: Jan Wehn & Timo Feldhaus aus De:Bug 159

Ihre erste Karriere als Popküken fuhr Lizzy Grant direkt gegen die Wand, die zweite unter dem Pseudonym Lana del Rey lässt sich dafür umso vielversprechender an: Es umranken sie so viele Geheimnisse, dass selbst gestandene Popschreiber wackelige Knie kriegen, wenn sie zum Interview bittet. Im Gespräch kommt dann auch wirklich alles zusammen: Entrüstung, Kälte, Sex, Empörung, Neugier, Ehrlichkeit, Lügen. Und noch viel mehr Geheimnisse.

Lana del Rey sieht irre aus. Das ist immer das erste, was kommt: die Daffy-Duck-Lippen, die Operierthaftigkeit, die künstliche, verwirrende Schönheit, die brutal traurigen Augen. Irgendwann ihre dunkle Stimme, das Lied “Video Games” und der dazugehörige körnige, sonnendurchflutende Vintage-Bilderreigen des Videos, in dem sich für einen Moment die visuellen Sehnsüchte des aktuell contemporary scheinenden Jungseins bündelten. Und das auf die Schnelle elf Millionen YouTube-Zuschauer fand. Dann kommt lange nichts. Aber jetzt kommt ihr Album.

Das große Entmystifizierungsfressen
Was dem findigen Popdiskursler bisher zu Lana einfällt: das Retromanie-Rolemodell mit der Hollywood-Sehnsucht in den smokey Eyes. Ein White Trash Vamp mit Hang zu Tumblerismen, grob verortet zwischen Film Noire und Nostalgia. Eine sexelnde Samplequeen, der Hype des Herbstes 2011 und natürlich ein gefundenes Entmystifizierungsfressen für nörgelnde Nerdblogs. Die Frau, die Fragen nach Identität genau richtig stellt, so nämlich, dass sie wie Antworten aussehen. Ungebetene Antworten zu ihrer geheimsinnvollen Vergangenheit kamen derweil auch aus anderen Ecken: Etwa, dass die 25-Jährige, bevor sie sich den Namen Lana del Rey – eine Mischform aus dem Ford del Rey und der Hollywood-Actrise Lana Turner – gab, bereits unter ihrem bürgerlichen Namen Lizzy Grant firmierte und eine lupenreine Popkükenkarriere gegen die Wand fuhr. Es läuft für uns also zwangsläufig auf die Frage hinaus, die heutigentags natürlich immer auch die blödeste Frage ist: Wie viel Wahrheit steckt hinter dem Zitatezyklus? Wer ist diese Lana aus Brooklyn?

Lookbook-Lolita
Haben wir es wirklich mit dem ersten Hipster-Popstar des 21. Jahrhunderts zu tun, in dessen Aura und Attitüde sich all die Hoffnungen und das Ironiedenken der derzeitigen Pretender-Persönlichkeiten zu einem Übermenschen vereinen? Eine Twenty-something-Göre, die den Leuten mit ihrem Sehnsuchtsgesäusel aus der Krise helfen soll? Wie schön wäre es denn, diese Lookbook-Lolita da oben mitmischen zu sehen. Oder ist Lana del Rey doch der größte Fake des Jahres 2011, mit etwas Chillwave behandelt, am Reißbrett findiger A&R’s entstanden? Und unabhängig davon auch das bis dato drastischste Beispiel dafür, dass die vorschnelle Erhebung in den Pop-Olymp bei einer derartigen Hype-Halbwertszeit echtes und langlebiges Star-Tum der letzten 40 Jahre vollkommen zunichte macht? Der Beweis dafür, dass es nie wieder Diven, Größen, Primadonnen geben wird? Wie genial-selbstironisch ist da bitte der Titel des Albums “Born To Die”? Denn so stark die Singles “Blue Jeans” und “Videos Games” waren, so stark fällt das Debüt mit einer Mischung aus seichtem Sadcore, öden HipHop-Beats, halbgarem Throwback-Soul und letztjährigem Gitarren-Pop ab.

Megazerbrechlichkeit
Wir treffen sie für 20 Minuten im Soho-Haus in Berlin-Mitte: Lana. Wie alle großen Schauspieler(innen) ist sie in Wirklichkeit viel kleiner und noch viel dünner als auf dem Bildschirm. Sie sieht nicht im eigentlichen Sinne hübsch, sondern im uneigentlichen Sinne modern aus: freaky und geil. Lana nimmt auf einem mit rotem Samt bestickten Sofa Platz, sie trägt weißes Spitzenkleid und Chucks, beim Versuch natürlich rüberzukommen, wirkt sie superkünstlich. Selbstbewusst scheinen, erweckt bei ihr den Eindruck, als fiele sie einem jeden Moment weinend um den Hals und erzählt die Horror-Geschichten aus der Kindheit. Wir kommen zu zweit, weil wir Angst hatten, dass sie einen allein blenden könnte. Wir wollen ehrlich fragen, obwohl wir natürlich gleichzeitig fürchten, die Megazerbrechlichkeit dieser Person zu sprengen. Im Gespräch kommt dann alles zusammen: Entrüstung, Kälte, Sex, Empörung, Neugier, Ehrlichkeit, Lügen. So falsch, so echt, so verschlossen und durchschaubar. Vielleicht ist es die stete gleichzeitige Aufrechterhaltung all dieser Komponenten, die Lana del Rey ausmacht. 

 

Debug: Erinnerst du dich an Träume aus Kindertagen?
 
Lana del Rey: Als ich ein kleines Kind war, hatte ich den Traum, dass ich alleine auf einem Boot aufwache. Und ich wusste ganz genau, dass außer mir niemand anderes auf der Erde ist.
 
Debug: Was für ein Boot war das?
 
Lana: Ein Holzboot.
 
Debug: Ein kleines Boot?
 
Lana: Zwei Stockwerke hoch.
 
Debug: Das ist gut. Wobei, das ist ja eigentlich nicht so gut.
 
Lana: So ist es passiert. Das ist, woran ich mich erinnere.
 
Debug: Wie schaffst du es eigentlich, so gelangweilt und dramatisch zugleich auszusehen?
 
Lana: Denkst du, ich sehe gelangweilt und dramatisch gleichzeitig aus? Okay, lass mich überlegen. Wann?
 
Debug: Etwa in deinen Videos.   
 
Lana: Also in “Video Games” versuche eigentlich, nicht gelangweilt zu schauen, da ich sehr viel Spaß am Leben habe. Vielleicht liegt es daran, dass ich, als ich “Video Games” gesungen habe, sehr ernsthaft und fokussiert war. Ich liebe diesen Song. Vielleicht ist es auch die Art, wie meine Stimme klingt. Ich singe in einer sehr tiefen Tonlage. Das verstärkt sicher meine Wirkung vor der Kamera. Ich bin nicht gelangweilt, ich bin sehr glücklich. Und ich schaue dramatisch, weil ich es vielleicht bin. Wenn ich es will, dann kann ich das schon sein. 

Debug: Als ich dich kürzlich jemandem beschrieben habe, klang das etwa so: große, dunkle Stimme, warme, visuelle Retrovibes, ein großer Schmollmund, enorme Wimpern, Lolita-Look, wohldosierter White Trash. Was macht das Bild von Lana del Rey komplett?
 
Lana: Ich weiß es nicht. Ich denke, dass es das ist.
 
Debug: Das kann nicht wahr sein. 
 
Lana: Lass mich mal überlegen, ob mir noch etwas einfällt. Ich habe ein Philosophiestudium abgeschlossen, das hat meine Art Songs zu schreiben sehr beeinflusst. Ich war immer darin interessiert, warum wir hier sind. Das Wichtigste, das mich ausmacht, ist aber, was in meinem Privatleben passiert. In meinen Beziehungen. Die Sachen, die ich jeden Tag mache. Also auch die Wimpern und mein Look.
 
Debug: Gibt es einen Unterschied zwischen der Person Lana del Rey und Lizzy Grant?
 
Lana: Nicht dass ich wüsste.
 
Debug: Warum hast du dann einen anderen Namen gewählt?
 
Lana: Als ich 17 war, machte ich schon meine eigenen Videos und schrieb meine eigene Musik. Aber ich entschloss mich, ein Kunstprojekt zu sein. Es war also kein wirklicher Wandel von einem zum anderen Charakter. Es ist keine andere Persönlichkeit.
 
Debug: Auf mich wirkt es manchmal, als wärst du ein menschgewordener Tumblr-Blog.
 
Lana: Vielleicht.
 
Debug: Bist du ein Fan von Tumblr-Blogs?
 
Lana: Ich weiß nicht, ich war noch nie auf Tumblr. Ich habe gehört, dass es etwas für Hipster ist? Das sagen die Leute doch, oder?
 
Debug: Das mag stimmen, ja. Aber wie verbringst du deine Zeit im Internet, wenn du nicht Tumblr-Bilder anschaust?
 
Lana: Ich bin meistens auf YouTube, schaue mir Biografien von Leuten an. Oder ich intensiviere mein Studium der Metaphysik oder all der Sachen, die mich interessieren. Ich lese mich durch die Geschichte des Rock’n’Roll und versuche herauszufinden, woher das alles kommt. Oder, wenn ich ein Video machen soll, dann sammele ich Bilder auf YouTube, die schön aussehen könnten. Bilder, die für mich auf unterschiedliche Weise interessant sein könnten. Entweder Elvis, weil ich seine Stimme mag, oder Bilder von Palmen, die im Wind wehen, weil das schön anzuschauen ist. 
 
Debug: Wer hört eigentlich Lana del Rey?
 
Lana: Ich weiß es nicht.
 
Debug: Würdest du es gerne wissen?
 
Lana: Ich weiß es nicht.
 
Debug: Du hast mal gesagt, dass du während deines Studiums versucht hast, Gottes Existenz mathematisch zu begründen. Was war das Ergebnis?
 
Lana: Meine Philosophie ist, dass es viele Fragen, aber keine Antworten gibt. Wenn ein Wissenschaftler die Existenz von Gott bewiesen hätte, dann hätten wir schon davon gehört, oder? Deshalb: nur Fragen, keine Antworten. 
 
Debug: Das Kreuz, dass du an einer Kette um den Hals trägst, ist nur zum Spaß, oder?
 
Lana: Das trage ich, weil es schön aussieht. Und aus persönlichen Gründen.
 
Debug: Persönliche Gründe, das klingt interessant.
 
Lana: Ist es nicht. (grinst) Es ist nur ein Kreuz, dass mir jemand geschenkt hat. Es ist von meiner Großmutter.
 
Debug: Für wen singst du eigentlich “Video Games”. Für dich selbst, oder?
 
Lana: Ich denke, die meisten meiner Songs singe ich für mich selbst. Am Ende des Tages bist du immer noch dir selbst überlassen und auf dich gestellt – auch wenn du mit jemandem verheiratet bist. Egal, an wen der Song gerichtet ist, es geht meistens um Dinge, die mich beschäftigen. Und ich singe natürlich auch für ihn.
 
Debug: Fühlst du dich oft allein?
 
Lana: Nein. Ich fühle mich glücklich.
 
Debug: Deine Musik klingt eher melancholisch, aber das muss ja kein Widerspruch sein, nicht wahr? 
 
Lana: Aber ich bin immer glücklich. Ich habe gemerkt, dass es sehr schwierig ist, menschlich zu sein. Nur am Leben zu sein, generell menschliche Aufgaben zu erledigen.
 
Debug: Du hältst es für schwer am Leben zu sein, aber bist glücklich darüber? Das klingt toll und absurd.
 
Lana: Bin ich absurd? Ist das euer Eindruck?
 
Debug: Nein.
 
Lana: So fühlt sich das aber an. Das denkt ihr über mich.
 
Debug: Interessant ja, absurd nein.
 
Lana: Gefällt euch denn, was ich mache?
 
Debug: Wir glauben schon, doch. 
 
Lana: Ihr glaubt also, dass ihr es mögt, sicher seid ihr euch aber nicht. Das ist, was ich gerade spüre.
 
Debug: Okay. (eine sehr lange Pause, Schlucken, Klimaanlage, man hört das Tippen der Musikmanagermenschen auf ihren MacBooks. Man entschließt sich wortlos aber geschlossen, jetzt einfach mal weiterzumachen als wäre nichts gewesen)
 
Debug: Was ist dein Lieblingsfilm von David Lynch?
 
Lana: Ich habe “Blue Velvet” gesehen. Den mochte ich sehr. Ich mochte das Cover.
 
Debug: Wie ist das mit den Visuals? Auf die Ballons bei deinem Auftritt gestern wurden hin und wieder auch feministische Zitate wie “Women, know your rights!” projiziert. Wie geht das mit deinem Lolita-Charme zusammen?
 
Lana: (lacht) Es ist eigentlich ein Witz. Dieser Clip kommt aus einem BBC-Special, das sich mit der These beschäftigt, dass Männer schlauer sind als Frauen. Sie zeigen dort Diagramme, die belegen sollen, das männliche Gehirne sehr effizient funktionieren, während die der Frauen zu nichts gut sind. Und die Männer sagen: “Frauen, kennt eure Rechte.” Das war nur ein persönlicher Joke von mir.
 
Debug: Man sieht oft auch Fotografen, die ihre Kamera wiederum in die Kamera halten und abdrücken. Oder Aufnahmen davon, wie John F. Kennedy aus dem Flugzeug steigt und die Menschenmassen erwarten ihn schon. Was fasziniert dich so daran, ein Star zu sein und von Leuten erkannt zu werden?
 
Lana: Ich weiß es noch nicht.
 
Debug: Willst du denn so berühmt werden?
 
Lana: Nein. Ich verwende diese Clips nur, weil ich denke, dass sie schön und strange sind. Es ist eine seltsame Seite der Menschen. Ich kommentiere das auch nicht. Ich füge es nur ein, weil es sich so von unserem normalen Leben unterscheidet. Wenn Kennedy aus dem Flugzeug steigt und fotografiert wird, dann ist das etwas ganz anderes – das ist wie Leben auf Crack.
 
Debug: Was sagst du Leuten, die behaupten, du wärest zu gut, um wahr zu sein?
 
Lana: Ich versuche gerade herauszufinden, was man darauf antworten kann. Ich habe die letzten Jahre damit verbracht, in meinem Zimmer in Brooklyn zu sitzen und zu schreiben. Ich weiß, dass Leute denken, dass das alles sehr gut und überlegt konstruiert ist, aber es ist etwas, dass ich instinktiv zusammengesetzt habe – aus Dingen, von denen ich denke, dass sie schön sind: Erinnerungen, die mir viel bedeuten, kombiniert mit der Art wie ich aussehe. So etwas lässt manche Leute vielleicht denken, dass Lana del Rey zu gut ist, um wahr zu sein. Für mich ist das alles sehr natürlich. So sind die Dinge nun mal.
 
Debug: Stimmt es, dass die Rapperin Princess Superstar eine deiner besten Freundinnen war, als du im Trailerpark gelebt hast?
 
Lana: Ja. Nachdem ich mein erstes Album aufgenommen habe, begann ich mit ihr zu arbeiten. Sie produzierte und ich sang. Wir nahmen sechs Tracks auf, von denen ich allerdings nicht weiß, wo sie sind. Sie hat sie wohl bei sich in New York, wo sie mit ihrem Mann und ihrem Kind lebt. 
 
Debug: Bist du gerade in einer Beziehung?
 
Lana: Ja.
 
Debug: Das ist gut.
 
Lana: Ja, das ist schön.
 
Debug: In einem Interview hast du deine Heimatstadt als kältesten Ort der ganzen Welt bezeichnet.
 
Lana: Ja, es ist wirklich der kälteste Ort in Nordamerika.
 
Debug: Es war also nur physisch gemeint?
 
Lana: Jaja. Ein sehr kalter Winter, alles war ständig zugefroren.
 
Debug: Aber du warst trotzdem immer sehr glücklich?
 
Lana: Als ich sehr jung war, habe ich nach Glück gesucht. Aber ich wurde immer glücklicher, je älter ich wurde. Weil ich das Leben so leben konnte, wie ich wollte. Ich versuche nicht, ein falsches Bild für euch zu zeichnen. Natürlich war nicht immer alles Glück und Sonnenschein – ich habe viele schwierige Zeiten durchgemacht, aber ich habe sie nie meine Zukunft ruinieren lassen. Ich wurde glücklicher, je älter ich wurde und mein eigenes Ding durchziehen konnte.

Lana del Rey, Born To Die, ist auf Universal Music erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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