Der Popstar als lebendig gewordener Tumblr-Blog
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 158


Foto: Nicole Nordland

“Heaven is a place on earth with you”, singt Lana del Rey. In diesem Himmel kann man rebloggen, soviel ist sicher. Wen die verführerische amerikanische Sängerin mit den Daffy-Duck-Lippen in ihrem diesjährigen Über-Song “Video Games” anspricht, ist bei weitem weniger klar. Im Interview (das es in der Januar/Februar-Ausgabe zu lesen gibt) weiß sie darauf selbst keine rechte Antwort. Der Kollege Jan Wehn formuliert daraufhin ungefähr in diese Richtung: “Du bist ein lebendig gewordener Tumblr-Blog.” Das findet Lana überhaupt nicht so toll. “Tumblr, ist das nicht, was Hipster die ganze Zeit über machen?”

Weil heute junge Menschen nicht mehr in klar strukturierte Sub-Szenen aufgeteilt werden, muss man ständig das Wort Hipster gebrauchen, sobald jemand ein iPhone halten und drei gerade und coole Sätze hintereinander sagen kann. In dem Video zu “Video Games” (Album kommt im Januar) werden viele der Formalien und Memes aufgerufen, die sich bloggende Hipster in den letzten zwei Jahren in kleinteiliger Arbeit konstruiert hatten. Streetstyle, Chillwave, Super 8, das Nostalgie-Trash-Glamour-Ding aus raren 50er-Jahre-Old-Hollywood-Pics, hartem Sonneneinschlag und viel verträumter, verblichener Erinnerung an die Zeit als die erweiterte Jugend noch die echte war.


JPGs im Schleudergang.
Installationsansicht: Yngve Holen, sensitive to detergent, 2011. Galerie Autocenter, Berlin. (Foto: Nick Ash)

In diesem Jahr bloggte man nicht mehr Schrift ins Tagebuch, sondern führte ein Tumblr-Bildblog. Die Kulturkritikerin Nina Franz hatte zu Anfang des Jahres den Term “Tumblrism” etabliert. Für sie war es das Jahr einer gigantische Abstimmung darüber, was die geilsten Bilder sind, bei der Reblogs in Tausenden und Follower in Millionen gezählt werden. “Jeder Tumblr ist die Repräsentation eines individuellen Geschmacks, man hat das Subjektive und das Allgemeine direkt beieinander, das eine speist sich aus dem anderen: Mega-Sophisticated-Distinktion und die quasi-kommunale Erschaffung von Kriterien und ästhetischen Codes. Im Tumblr wird endgültig das Kuratieren bzw. Auswählen über das Produzieren gestellt.”

Die Kunst des Auswählens, der Türsteher im Kopf – womit wir am Ende natürlich wieder im Berghain ankommen: Der berühmte Fotokünstler und Doorman des “besten Clubs der Welt” Sven Marquardt bezeichnete sich Mitte des Jahres in der New York Times ohne falsche Scheu als Kurator. Der Discogänger als sortierbares Bild – auf dieses Jahr gerechnet war das nur folgerichtig. Auch 2012 wirst du dich also beim Gang in die Disco fragen müssen: “Wäre ich es wert heute Abend getumblrt zu werden?”

Aus dem Special in De:Bug 158: FAZIT 2011

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