Konvergenz ist mal wieder das Wort der Stunde. Unser Handy mutiert von der multimedialen Wundertüte zum Standarddatenträger der Zukunft. Terristrische Telefonnetze ein Auslaufmodel. Das Internet und Voice over IP machts möglich. Ein kleiner Überblick.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 87

Last Exit Konvergenz
Es war einmal das Telefon

Unser ständiger Begleiter – formerly known as Handy – mutiert zusehends. Ob man es wahr haben will oder nicht, es gibt kaum noch Mobiltelefone ohne Kamera, die Megapixel-Grenze liegt weit hinter uns. In einigen asiatischen Ländern sind in der nächsten Saison ein Drittel aller Telefone MP3-Player. Egal ob mit Speicherkarten oder Gigabyte Festplatten (gibt’s schon) oder Mischformen: Das Handy ist der anvisierte Standarddatenträger der nächsten Jahre. Über Bluetooth kann man schon jetzt den Datenverkehr des kleinen Telefons über den Computer routen, anstatt die teure Handyleitung zu benutzen. Man muss nur wissen wie – und schon hat man in ein paar Sekunden einen MP3-Klingelton auf dem eigenen Rechner gebastelt und aufs Handy geladen, ganz ohne Klingelton-Bill.

Das Handy ist einer der Hauptschauplätze der Konvergenz. Die Voice-Telephonie ist tot, lang lebe die Konvergenz. Sätze wie dieser klingen in sich schon so widersprüchlich, dass sie irgendwie aufregend neu, blöd und unwahrscheinlich zu gleich sind. Klar, SMS, MMS etc. kennt jeder, sogar WAP. Auch wenn es kaum jemand benutzt, hat man es zumindest im Ohr, aber das Telefon (Tele-Phon) ist zum Telefonieren da möchte man – Oldschool wie man nun mal ist – am liebsten stur und in lauten Phonzahlen weiter behaupten. Und telefonieren macht man mit Stimme (Voice). Dass das Internet und das Telefon irgendwie zwei nebeneinander laufende Systeme sind, scheint offensichtlich, offensichtlich aber auch irgendwie überflüssig. Dass Wi-Fi, Handynetze, Telefon und Internet in nicht allzu langer Zeit zusammenwachsen werden, ist irgendwie noch unwahrscheinlich. Trotzdem ist eins der aufstrebendsten Telefonsegmente Voice over IP (VoIP).

Genau da wird es aber zum ersten Mal schwammig, denn Voice over IP ist eigentlich keine Voice-Telephonie. Oops. Doch erst mal kurz zu den Grundlagen. Unser Telefon funktioniert im Allgemeinen so: Man wählt, wird verbunden, bzw. verschaltet, denn da werden eine ganze Menge Schalter (circuit-switching) umgelegt, bis man eine freie Leitung hat, und dann hat man die quasi exklusiv (dedicated line) für die Dauer des Telefongesprächs für sich und seinen Gesprächspartner gepachtet, da funkt keiner dazwischen. Das – im Normalfall überflüssige, aber herzerwärmende – Geschwätz wird dann mal (wenn auch nur noch in selteneren Fällen) analog oder digital übertragen und solange keiner diese spezielle Leitung kappt, funktioniert das alles ganz gut. (Bei Handys ist es prinzipiell übrigens das Gleiche.) Für eben diesen Zweck steht bei jedem Telekomunternehmen, in allen Kellern dieser Welt und auf der Straße eine unsägliche Menge an Hardware rum und es müssen endlos viele mögliche Leitungen bereitgestellt werden, damit nicht ständig besetzt ist. Voice over IP aber funktioniert ganz anders. Wie das Internet eben (IP = Internet Protocol). Das Geplapper wird in handliche kleine Daten-Pakete (packet-switching) verschnürt, die alle selber wissen, wo sie hin sollen und diverse Wege durchs Netz nehmen, bis sie am Ende wieder der Reihe nach aufgereiht und am Zielort ausgepackt in Sprache verwandelt werden. Klingt etwas kompliziert, hört sich aber – falls der ein oder andere Skype- oder iChat-User mithört – eigentlich ganz ok an. Das Hauptproblem an der Geschichte ist erst mal offensichtlich, das was in Telekomingeneursenglisch “Quality Of Service” (QoS) heißt. Lange Zeit stand VoIP im Verdacht, so eine Art Mittelwellen-Telefon zu sein. Pakete gehen verloren (Packet-loss) oder kommen zu spät an und am Ende klingt jedes Gespräch so wie ein Glitch-Experiment. Diese Zeiten sind allerdings jetzt vorbei und QoS konzentriert sich mehr darauf, dass man sich beim Telefonieren nicht mehr anstrengen muss (ähnlich wie beim Handy).

Vertrauen in den neuen Standard …
Für Überseegespräche entwickelt sich VoIP zum Standard. Große Firmen ersetzen stellenweise in der internen Kommunikation schon jetzt das Telefon durch VoIP, Push To Talk (letztendlich eine VoIP-Applikation auf Handys) drängt in Amerika stark nach vorne. Und überhaupt, die 3G-Telefonnetze (sprich UMTS) basieren eh komplett auf Packet-Switching. Vorteile: Die Infrastruktur ist immens billiger, weil man weniger Leitungen braucht und nicht zwei verschiedene Netze betreiben muss (eins für Telefon, eins für Internet), und die meisten Kabel können ruhig mal für eine Weile ausfallen, die Päckchen nehmen dann einfach einen anderen Weg.

Die BT Group (ehemals British Telecom) hat es als erste angekündigt. Noch vor Ende dieses Jahrzehnts wollen sie ihr gesamtes terrestrisches Telefonnetz auf TCP/IP umgestellt haben. Alle anderen ziehen nach. Bye bye Voice-Telephonie, bye bye Packet-Switching. Es wird nur noch VoIP geben, kein “Festnetz” mehr im alten Sinn, nur noch Internet. Je älter die Netzinfrastruktur jetzt ist, desto schneller wird umgestellt werden. Wer das alles für eine Mogelpackung hält – schließlich wird immer noch telefoniert – für den drehen wir jetzt die Konvergenz-Schraube etwas schneller.

Auch die Mobilnetze selber sind im Visier der Verschmelzungstechnologien. Der neue Nokia Communicator packt zum ersten Mal Tri-Band und Wi-Fi in eine kleine Kiste, ein Horrorszenario für die Telekom-Provider, denn alle Träume einer geschlossenen DRM-Welt auf dem Telefon lösen sich schon in Luft auf bevor überhaupt mehr als eine Handvoll Downloads bezahlt wurden. Und wer will garantieren, dass keiner mit dieser Kiste über die DSL-Standleitung “telefoniert”? Die Wi-Fi-Coder für den iPod sind seit ein paar Monaten an der Arbeit und selbst wenn es nie ein Apple-Telefon geben wird, heißt das noch lange nicht, dass man nicht mit dem iPod telefonieren können wird. Mit W-Lan über mehrere Kilometer wie Wi-Max und ähnlichen Variationen des 802-Standarts wird das Paradigma der doppelten Telefonrechnung (Handy und Festnetz) schon jetzt aufgeweicht.

… auch daheim
Digitale Fernsehempfänger im Handy kannibalisieren in Kürze den noch nicht mal angelaufenen UMTS-Clip-Markt. Der Preis eines Blockbusters via UMTS wird übrigens auf 300 Euro geschätzt – für einmal sehen – der einer runtergeladenen CD auf ca. 30 Euro bei den jetzigen Preisen. Von einer spielerischen Seite betrachtet: Jede XBox ist ein VoIP-Endgerät und mit über einer Millionen Nutzern von XBox live ist Microsoft eigentlich der größte VoIP-Provider Amerikas. Fast drei Millionen Playstation-User nutzen AOL. VoIP incl., wenn auch nicht gezählt. ICQ, AIM, MSN Messenger, Yahoo Messenger, alle VoIP fähig. Es gibt keinen neuen Rechner mehr ohne VoIP. Yahoo z.B. hat schon einen Deal mit der BT Group abgeschlossen, die PC-Telefon-Kommunikation direkt über die Telefonrechnung abrechnet.

Aber damit hört es längst nicht auf. Und die Prognosen, ob wir nun in den kommenden Jahren nur noch ein Handy mit uns herum tragen, das alles kann, oder Geräte, die vieles können, meist aber auch telefonieren, scheint nur noch eine ideelle Geschmacksfärbung zu sein. Die tatsächlichen Funktionalitäten einer konvergierten Welt der Technologie in der Wi-Fi, mobile Netze, Festnetze und sämtliche Kleingeräte sowie das Internet fleißig und kunterbunt Pakete austauschen, könnte auch auf eine andere Art den Tod der Voice-Telefonie bedeuten. Wir werden viel mehr telefonieren, aber gar nicht mehr wissen, dass wir es tun. Mal heißt es Chat, mal einfach (VoIP)-Fernbedienung, mal hilft das Callcenter auf Knopfdruck beim Verständnis der viel zu vielen Funktionen in der neuen Kamera, auch wenn die eigentlich keine Hörmuschel hat, mal ist nur die Mailbox dran und man clickt sich durch, mal spricht man den neuen Blogeintrag durchs Handy ins Netz, mal direkt in den Computer, mal singt man ihn in den Brausekopf. Wir prophezeien für 2010 das erste weltweit erreichbare Radio, dessen Studio aus einer 5 Dollar Shareware für’s Handy besteht und das man im Auto, auf dem iPod, auf der Stereoanlage und dem Telefon natürlich hören kann. Und kurz bevor die iPod-Batterie das nächste Mal den Geist aufgibt, tönt aus den Kopfhörern die beruhigende Stimme von Ellen Feiss: “beep beep, sorry, you bought one of those models and the batteries in them, well, they are all like goners. You should hop over to the next store soon and I’ll fix you up with a new one, well, not me like personally but, you know …”

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Elektronische Lebensaspekte.