Last.fm hat sich in den letzten Jahren in zweierlei Hinsicht zum neuen digitalen Mainstream entwickelt, zum einen als wichtigste Musik-Community im Netz und zum anderen als der Archetyp einer Konsumkultur, die auf Streams und nicht auf Downloads basiert.
Text: Ji-Hun aus De:Bug 135

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Von Ji-Hun Kim (Text) & Daniel Gebhart (Bild)

Als vor ziemlich genau sechs Jahren das erste Mal in diesem Magazin über Last.fm berichtet wurde, war nicht abzusehen, was für eine Karriere die soziale Musikrevolution, wie sie sich selber großkotzig nannte, als Kombination aus sozialem Netzwerk, Empfehlungs-System und Radio aufs Parkett legen sollte. Die Idee, Musikgeschmäcker anhand von Streams in Profilen niederzulegen, war der Grundstein für all das, was uns in den letzten Jahren als neue digitale Musikkultur in verschiedenster Form entgegentrat. Viel ist derweil passiert.

Das Büro im Osten Londons beherbergt mittlerweile 80 Arbeitsplätze, aus dem “nerdigen Rockband-Jungs-Ding, denen Napster-Partys zu langweilig wurden”, wie es Mitgründer Martin Stiksel formuliert, ist ein globales Unternehmen geworden, das Ende 2007 für spektakuläre 280 Millionen Dollar vom US-Medienmogul CBS übernommen wurde. Web 2.0 ist mittlerweile voll und ganz Axel-Springer-tauglich, die “Generation Filesharing” wurde, wie aktuelle Medienkonsumstudien postulieren, durch die “Generation Stream” ersetzt. Auch hierzu hat Last.fm einen großen Teil beigetragen.

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DER NEUE MAINSTREAM

Das in die Jahrzehnte gekommene Neubaubüro nahe der Old Street Station im Londoner Stadtteil Hackney befindet sich im leichtem Vakuum zwischen stickigem Großstadttransit und laschem Lagerhaustreiben. Die Last.fm-Etage im Obergeschoss ist mit viel hellem Holz ausgelegt. Zwischen verglasten Konferenzräumen stapeln sich alte Server neben einer Tischtennisplatte.

Bis vor kurzem gab es sogar einen bunten Ballraum zum Entspannen der Kreativität, wie in einer Möbelhaus-Kinderwelt. Derartige Verspieltheiten konnte sich wohl auch die New New Economy nicht verkneifen, wobei hier anstatt snobistischer Loungechair-Attitüde eher eine nüchterne Expedit-Sachlichkeit dominiert.

Das ist sie also, die Zentrale der digitalen Musikindividualisierung, wo mittlerweile 37,5 Millionen User ihre musikalische Heimstatt haben, und die Community nicht aufhört zu wachsen – vor allem in Brasilien und Polen waren zuletzt überraschende Wachstumsraten zu verzeichnen. Last.fm profitierte in Polen vor allem davon, dass es dort das erste soziale Netzwerk überhaupt war – vor MySpace und Facebook -, was die Community mittlerweile zur drittgrößten im weltweiten Netzwerk macht, noch vor England und hinter Deutschland und den USA.

Mittlerweile beinhaltet die Musikdatenbank 50 Millionen Tracks, die per Unique Fingerprint und Metadaten katalogisiert sind. Das macht sie zur größten Online-Musikbibliothek der Welt, zumal die lokalen Ableger in Asien oder Südamerika Musik zutage bringen, die im Westen noch nie wahrgenommen werden konnte. Zum Vergleich: Der europäische iTunes-Store hat mit fünf Millionen Songs gerade mal ein Zehntel im Angebot.

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Bild: Martin Stiksel, Mitgründer von Last FM

Martin Stiksel und Co-Gründer Felix Miller kommen aus der Mittagspause – einem ihrer letzten Lunch Breaks bei Last.fm. Wenige Wochen zuvor gaben die beiden gemeinsam mit Richard Jones, ebenfalls Mitbegründer und Erfinder des Audioscrobbler, bekannt, dass sie sich gemeinsam aus der Geschäftsführung zurückziehen würden. Es wäre Zeit, die “Zügel weiterzugeben”. Stiksel redet bedacht und in smartem Österreichisch.

Man ist sich gänzlich bewusst, was die improvisierte Idee eines Empfehlungssystems heute für einen Stellenwert erlangt hat: Vom Betreiber des Netlabels Insine zum Chef einer globalen Musikmaschine zu werden, einer Neuauffassung des Begriffes Mainstream, der in diesem Zusammenhang zugleich eine schlitzohrige Doppeldeutigkeit birgt:

“Ich sehe Musik heute ein bisschen wie eine Landkarte, in die man rein- und rauszoomen kann und auf der alles verknüpft wird: eigentlich also der Mainstream, der durch die zahllosen Nischen repräsentiert wird. Mainstream ist ja an sich nichts Schlechtes, solange ich daraus ziehen kann, was ich will. Mainstream heißt doch erstmal, dass es verfügbar ist. Das Netz hat das gelöst.

Heute haben wir den ‘Mainstream der Minderheiten’, wie es bei Holert und Terkessidis schon hieß. Wieso und wie sollte man da noch gegen den Mainstream sein, wenn es doch um die Filter geht, darum, herauszuholen, was einen interessiert? Mein Username heißt deshalb auch ‘mainstream’”, erklärt Martin Stiksel ein bisschen kokett. Auf seinem Profil finden sich derweil aber eher Rhythm and Sound, Carl Craig, Fennesz und Brian Eno als Lady Gaga oder Beyoncé.

Debug: Was waren rückblickend betrachtet die großen Herausforderungen der vergangenen Jahre?

Martin Stiksel: Tägliche Improvisation. Keiner von uns hatte je zuvor eine Firma geleitet. Wir hatten aber nie diesen “Corporate-Druck”, weil wir sehr gesund gewachsen sind und das beste Business-Modell hatten. Die meisten Konkurrenten bauen ihre Angebote nur auf dem Musikhören auf, was dann teuer wird. Unsere Mischung aus Hören, Seiten anschauen, Events und anderem verteilt die Kosten ganz gut. Eine Herausforderung war am Anfang immer das Geld.

Not macht zwar erfinderisch, aber irgendwann ist Not auch nur noch Not. 2003, kurz nach der Napster-Geschichte, wollte ja keiner mehr in Musik im Netz investieren. Die Labels waren auch eine große Herausforderung – die Majors wollten ja alle nichts mit uns zu tun haben. Das ging bis 2006, als sie gemerkt haben, dass sie nicht mehr dagegen anstemmen können, sondern so oder so kooperieren müssen.

Bis dahin wurde der Kopf in den Sand gesteckt oder man hat die Deiche höher gezogen. Das Wachstum an sich war auch spannend: Wenn man plötzlich eine Million User hat, ist das ein ganz eigener Druck. Die Leute sind nämlich von Grund auf konservativ. Sie wollen keine Veränderungen, allein eine Farbänderung ist bereits Grund für eine Revolte.

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Im Nachhinein sagen sie dann, dass es vielleicht doch ganz cool war, aber im ersten Moment wollen alle ihren Account löschen. Das ist der größte Stress, den wir haben, auch für unsere Mitarbeiter, vor allem die jungen. Als wir im Sommer ein neues Design gelauncht haben, ging der Aufschrei los und einige Mitarbeiter waren wochenlang deprimiert, weil sie nur Hass-Mails bekamen, Blog-Kommentare, wie scheiße doch alles sei. Das zehrt an der Moral.

Debug: Das ist dann der Nachteil einer offenen Community?

Stiksel: Das muss man in Kauf nehmen. Aber wenn man sieht, dass solche Änderungen mehr Erfolg bringen, noch mehr Menschen erreichen, dann bestätigt das einen natürlich auch. Da wird man professioneller mit der Zeit.

Debug: Wie hat sich die Lage mit den Musiklizenzen bei euch entwickelt?

Stiksel: Klagen in dem Sinne hatten wir nicht. Ich bin persönlich lieber zu all den Indies gefahren und hab da selber angeklopft, bei Compost, Disko B, City Centre Offices und Kompakt usw. Von denen haben wir auch alles bekommen. Das war super. Die Majors haben erst gar nicht auf die E-Mails geantwortet, die haben wir dann konsequenterweise nicht gespielt.

YouTube und MySpace haben sich nicht drum geschert und sind Vollgas nach vorne gefahren und haben Metallica, Beatles, Led Zeppelin gespielt und sind dadurch vielleicht auch schneller gewachsen. Aber mein Gott, man weiß halt vorher nie, wie man´s richtig macht. Wir haben diese Entscheidung getroffen und haben das durchgezogen. Im Nachhinein, man weiß es nicht … Viele Leute sind sehr dafür belohnt worden, dass sie Copyrights gebrochen haben – das ist äußerst frustrierend.

Debug: Bereut man das rückblickend?

Stiksel:
Bereuen nicht, im Endeffekt stehen wir ja jetzt besser da, als die Leute, die das früher so gemacht haben. Aber man kam sich schon vor wie der nette Streber, der sich um alles schert und die anderen machen die Party.

Debug: Und dann kam die CBS. Ist Last.fm eine Art neues MTV, gerade auch, weil es jetzt in einem so großen kommerziellen Medienverbund agiert?

Stiksel:
MTV war über 15 Jahre das Coolste, was Musik anbetraf. Aber dann hat das Internet etwas sehr elegant gelöst, nämlich jegliche Nischen und tausende Kanäle zur Musik aufzumachen. Und dann sind sie allmählich aus der Musik ausgestiegen. Es gibt auch keine Superstars mehr.

Du kannst die Masse nicht mehr über eine einzige Schiene anfahren. Wir sehen die Herausforderung eher darin, die Intelligenz unserer Community in ein Unternehmen wie CBS zurück zu füttern. Zu helfen, das terrestrische Radio zu optimieren, weil wir wissen, was die Leute hören und hören wollen, ob in Chicago oder Atlanta. So kann man sich Wert schaffen, der nicht nur über Banknoten funktioniert.

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Debug: In 2.0 wurde viel Geld investiert. Jetzt stehen die ersten Entlassungswellen an. Keiner weiß mehr, wie man Seiten wie YouTube finanzieren soll. Wir hatten die erste New-Economy-Blase Ende der 90er, jetzt haben wir die 2.0-Krise. Hat man was gelernt?

Stiksel: Die erste Blase haben wir ja gar nicht mitbekommen, weil wir eigentlich aus dem Musik- und nicht aus dem Internet-Geschäft kommen. Erst als wir 2003/2004 nach Investoren gesucht haben, wurde uns gesagt, dass wir verrückt seien und ob wir keine Zeitung lesen würden. Die erste Blase stand von Beginn an auf wackligen Beinen. Da ging es kurzfristig um astronomische Zahlen, die langfristig eventuell Sinn machten, aber so nicht verwirklicht werden konnten.

Da haben irgendwelche Leute eine Powerpoint-Präsentation vor Investoren gehalten und 25 Millionen kassiert, von denen fünf erstmal in teure Bürostühle “investiert” wurden. Da war klar, dass das nichts wird. Die zweite Blase, wenn wir die so nennen können, ist auf jeden Fall berechtigter. Weil jetzt die Masse da ist.

Das Internet hat sich etabliert als eine Konstante, die bleiben wird. Das kann uns keiner mehr wegnehmen und es ist auch eine große ökonomische Kraft. Mit E-Commerce oder E-Travelling wird so viel Geld umgesetzt. Wie man aber daraus Gewinne zieht, ist eine andere Frage. Man darf nicht vergessen, dass diese Industrie noch immer recht jung ist.

Ein paar gute Business-Modelle gibt es schon, Google hatte mit den AdWords eine gute Idee und ist zu einer der weltgrößten Firmen angewachsen. Tatsache ist aber auch, dass Medien in den gesamten letzten hundert Jahren werbefinanziert waren, eventuell schon früher. Der Bischof von Salzburg hat Mozart ja auch gesponsert, damit er ihm schöne Hymnen schreibt. Das war schon professionelle Imagepflege. Wie bei den Medici und Michelangelo auch.

Debug: Wobei zwischen einem Mäzenen und einer werbefinanzierten Anzeige schon Unterschiede bestehen.

Stiksel: Interessant war, dass der Tonträger einen Ausbruch aus beidem ermöglicht hat. Seitdem hat sich der Künstler von seinen Förderern emanzipiert. Jetzt ist es wieder umgekehrt, Live steht wieder vor Tonträgern. Wir haben aber, um zu der 2.0-Krise zurückzukommen, ein festes Publikum, das Musikpublikum. Wir machen zwar viel, aber MySpace und Facebook machen noch viel mehr: Horoskope, Comedy, Blogs, Kino, weshalb die Musikinitiativen auch nicht so erfolgreich sind. Das ist dort nur Beiwerk.

Debug: Aber die Kernidee von MySpace war doch ursprünglich Musik!

Stiksel: Zumindest wurde es so dargestellt. Wenn man von News Corp gekauft wird, dann kann man auch seine Geschichte wieder so umschreiben, dass es passt. Die Erfolgreichen sind doch die, die sich mit einer Sache beschäftigen. Auf Flickr findet man die wahren Fotofreaks und Millionen von Bildern, da ist die Community stabil.

Das ist ja nicht wie bei MySpace und Facebook, wo innerhalb kürzester Zeit auf einmal alle Leute von der einen auf die andere Seite abwandern. Da gibt es keine Kern-Message oder -Materie. Wir wollten Last.fm einfach mit Musik synonymisieren. Den Platz besetzen, den Flickr für Fotos innehat. Solche Konzepte lassen sich auch am einfachsten monetarisieren.

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Debug:
Soziale Netzwerke funktionieren also nur dann, wenn man einen konkreten Inhalt hat, den es zu vermitteln gilt?

Stiksel: Genau, es braucht einen Kern. Um den kann man dann Community und Werbekunden positionieren.

Debug: Die Major-Industrie verändert sich rasant. In Deutschland setzt zum ersten Mal die Popkomm aus. Ist das der Long Tail, auf den wir so lange gewartet haben?

Stiksel: Da haben wir unseren Beitrag geleistet. Der Long Tail spricht von einer 80:20-Relation und bei uns liegen diese 80 Prozent auf 30.000 Acts, da sind wir schon sehr weit. Dass Musik weitergeht, ist keine Frage. Es wird immer Möglichkeiten geben, mit Musik Geld zu verdienen. Aber jetzt kommt zu der Krise auch noch eine Inflation von Produktionen hinzu.

Es ist also nicht nur der Kuchen kleiner geworden, sondern es sind auch mehr Künstler geworden, die essen wollen. Da wird es eine Konsolidierung geben. Dass man herausfindet, dass es für viele besser ist, Musik als Hobby zu sehen und nicht als Beruf. Dass es Qualität braucht, um überleben zu können. Noch nie gab es so viele Musiker auf der Welt wie heute. Gute Manager werden für die Zukunft wichtiger werden, auch weil die großen Firmen mit 360 Grad versuchen, immer mehr Management-Tätigkeiten auszuüben.

Majors waren immer nur auf verkaufte Plastikeinheiten aus, jetzt lernen sie vielleicht, dass der Künstler selbst das Kunstobjekt ist und nicht seine CD. Ganz Radikale sagen mittlerweile, das MP3 sei nur die Metadatei des Künstlers. So wie beim DJ, der heute ein paar Platten machen muss, damit er gebucht wird. Das hat die Drum- and-Bass-Szene damals schon mit ihren Dubplates gemacht.

Dann haben sie ein künstliches Vakuum erzeugt, wo dann drei Jahre lang die Platten nicht erschienen, sich dabei aber selber das Wasser abgegraben haben. Aber es gibt Modelle. Und Musiker sind erfinderisch und sie hatten immer einen gesellschaftlichen Wert – das wird nicht aussterben.

Debug: Wenn der Künstler sich aber im Netz selber zu 360 Grad vermarkten könnte, wozu noch das Label?

Stiksel: Die Labels haben noch immer einen immensen Backkatalog, das dürfen wir nicht vergessen. Was alles in den letzten 100 Jahren aufgenommen wurde …

Debug: Seid ihr und die Majors eigentlich mittlerweile Freunde?

Stiksel: Wir sind Geschäftspartner. (lacht verschmitzt)

Debug: Wo siehst du dich selber in fünf Jahren?

Stiksel:
Musik ist weiterhin wichtig. Ich will mich wieder mehr meiner alten Leidenschaft, dem Sounddesign, widmen. Ich glaube, dass exklusive Musik, die für etwas ganz bestimmtes komponiert wurde, eine große Zukunft hat: Soundlogos etc.

SONDIEREN

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Bild: Jonas Woost, Communications Specialist

Martin Stiksel geht mit einer freundlichen Verabschiedung zurück zu seinem Arbeitsplatz. Ein bisschen Wehmut scheint man im Büro in der Baches Street wegen des kommenden Umbruchs dennoch zu verspüren. Es wird weitergehen. Aber was sind die kommenden Herausforderungen, die im Verbund von Fans, Musikservices, Labels und Technologien zu meistern sein werden? Jonas Woost und Anil Bawa-Cavia gehören ebenfalls zum Last.fm-Team.

Jonas Woost ist für die Kommunikation mit den Musikrechteinhabern zuständig, also den Labels und Verwertungsgesellschaften. Anil Bawa-Cavia ist Lead Web Developer und koordiniert somit alle Prozesse, die die Webseite, Interfaces, APIs und Engines betreffen. Bawa-Cavia war zuvor Journalist für elektronische Musik in England. Woost arbeitete bei einem Hamburger Label, las 2003 den De:Bug-Artikel über Last.fm und ist über einen Initiativ-Anruf später in London gelandet.

Wir versuchen, die Lage zu sondieren. Wie sehen die Implikationen für Konsum und Subkulturen aus und was wird ausschlaggebend für die Zukunft von Last.fm sein?

Debug: Gerade Verwertungsgesellschaften stellen doch in einem internationalen Markt wie eurem ein Problem dar.

Woost: Dabei sind sie eigentlich ein wunderbares System! Und sehr gerne hätten wir eine Lizenz für alle Verwertungsgesellschaften, denn so wäre es transparent. Aber wenn es nur zehn Leute in Argentinien gibt, die uns hören, dann müssen wir uns mit der dortigen Gesellschaft auseinandersetzen. Noch immer sind es Interessensverbände – und die entwickeln sich noch langsamer als die Majors.

Die Lizenzsituation, die wir heute haben, ist umständlich, teuer und träge, obwohl ich der Meinung bin, dass Künstler Geld für ihre musikalische Verwertung erhalten sollten. Ich denke, dass die Kultur-Flatrate eine Option darstellt, die besser funktionieren könnte. So etwas erscheint mir als eine sehr einfache Lösung. Ob als Steuer oder als Gebühr ist ja zunächst egal.

Debug: Bei einer Kultur-Flatrate verhielte es sich doch wie bei Rundfunkgebühren. Erstmal zahlen das viele nicht, und wie werden die Künstler einzeln abgerechnet?

Woost: Ich führe die Diskussion so häufig und die Lösung ist wirklich denkbar einfach! Denn: Die Daten sind ja alle da. Wir wissen genau, wann, was, für wen gespielt wurde. Das Land, die Uhrzeit, was davor und danach gespielt wurde. Wir sitzen auf den Daten und wir würden sie gerne rausgeben, anonymisiert natürlich.

Spotify hat die Daten, Pandora hat die Daten. Die Frage nach der fairen Auszahlung ist doch sekundär. Wenn wir als Gesellschaft erstmal entscheiden, dass die Kreativen ausbezahlt werden, und zwar alle, und die GEMA oder jemand anders würde das Geld verwalten, wäre das doch kein Problem.

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Bild: Anil Bawa-Cavia, Lead Web Developer

Debug: Kann man in euren Augen bei der aktuellen Situation überhaupt noch von klassischem Musikkonsum sprechen?

Bawa-Cavia: Wir nennen es deshalb auch Exposure, was heißt, dass man mit Musik in Kontakt tritt bzw. sich damit auseinandersetzt. Exposure oder kultureller Konsum ist viel wertvoller, als etwas käuflich zu erwerben. Die Interaktion ist bedeutender als die Transaktion.

Debug: Wie sehen die kulturellen Implikationen bezüglich lokaler Subkulturen aus, wenn man sich die Entwicklung der letzten Jahre ansieht?

Bawa-Cavia: Das, was mit Technik heute möglich ist, zeigt eigentlich nur die Entwicklung, die in der Regel zuvor vonstatten ging. Es gibt aber noch immer sehr lokale, aber auch sehr globale, netzbasierte Nischen. Heute hat man eine sehr weite, scheinbar wahllose Sicht auf die Welt.

Wenn sich aber sehr spezielle Musikrichtungen über Last.fm austauschen und es findet ein Gig in Australien statt, stellt man fest, dass dort auf einmal drei Mal so viele Leute hingehen. Da hat die globale Sicht Auswirkungen auf die konkret lokale Szene einer Musik. Von Gleichschaltung zu reden, ist prinzipiell ein Fehler. Lokal einen Verbund zu haben, vor Ort auf Konzerte zu gehen, ist für die musikalische Identität weiterhin von großer Bedeutung.

Klar, es gibt viele Kräfte, die angleichend wirken, aber das ist eher das, wogegen wir ankämpfen wollen. Zum Beispiel ist die Art des Musikhörens durch digitale Techniken immens beeinflusst worden. Alphabetische Sortierungen haben unser Hörverhalten stark verändert. Nur weil es die Voreinstellung bei iTunes ist, passen sich dem die meisten Menschen einfach an. Die wissen nicht, dass man da mehr Spielräume hat. Technologien haben tatsächlich einen großen Einfluss auf unser kulturelles Verhalten.

Debug: Last.fm ist ja auch mitverantwortlich dafür, dass sich durch den Stream die Wahrnehmung der Musik verändert hat.

Woost: Die Aufnahme der Musik war für viele schon eine künstliche Idee. Das Album war dann ebenfalls eine künstliche Idee, die teilweise willkürlich entstanden ist. Prinzipiell ist es doch schön, dass sich diese Grenzen auflösen und die Leute entscheiden können, ob sie jetzt einen Song oder zehn von einem Künstler haben wollen. Das haben die Konsumenten mittlerweile erreicht und da müssen die Labels den Wünschen entgegenkommen.

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Bawa-Cavia: Das ist aber nicht die einzige Dimension. Die Demokratisierung der Produktionsmethoden hat viel geschaffen, die Masse ist unüberschaubar geworden. Was aber wirklich bedenklich ist, bezüglich der Rezeptionskultur, ist der Lautheits-Wahn, der die letzten 20 Jahre immer größer geworden ist. Die Vielfalt von gut produzierter Popmusik drängt sich in einen super-komprimierten Brei.

Wenn man sich die Long-Tail-Musik anhört, die wir spielen, dann zieht die im technologischen Krieg der Popmusik im Vergleich zu den großen Major-Produktionen den Kürzeren. Da gibt es innerhalb eines Streams frappierende Unterschiede und wir haben das Problem, dass wir eigentlich nicht in den Sound der Tracks eingreifen wollen, indem wir den EQ oder Limiter anpassen, damit die Indie-Sachen halbwegs mithalten können.

Das ist eine ethische Frage. Versuchen wir die Erfahrung von Musik zu optimieren oder belassen wir Sachen so wie sie gemacht wurden? Wir bekommen regelmäßig Beschwerden, wo Leute einen Stream hören und von einem überkomprimierten Song total erschrocken sind.

Debug: Wie kann man den heutigen Markt sondieren? Es gibt viele Nachkömmlinge …

Woost: Der Kuchen ist noch nicht ganz aufgeteilt. Da nimmt keiner jemandem etwas weg. Alle wachsen, alle können momentan koexistieren im Bereich Musikservice. Es gibt zum einen immer mehr Leute im Internet und die Services und Programme, die gebaut werden, sind einfach cleverer als “illegale” Sachen.

Auf Pirate Bay finde ich ja nicht, was ich haben will, nach einer Zeit gehe ich dann auf die Top 100, was dann wiederum das Schlimmste ist, was man tun kann. Die Services sind aber alle smart und da sind spannende Dinge zu finden. Zu Spotify z.B. sehen wir auch gar keine Konkurrenz, weil zwischen On Demand und Radio nicht verglichen werden sollte.

Bei uns wissen die Leute nicht, was sie hören wollen. Da sehe ich On Demand Services eher als komplementär. Bei den vielen nationalen Musikdiensten, die dauernd aus dem Boden schießen, sieht man aber, dass sie sehr nah an Last.fm dran sind. Da würden wir uns mehr Schritte nach vorne wünschen.

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Debug: Gibt es nicht auch Nachteile, die sich entwickelt haben?

Bawa-Cavia: Aus der Soundengineering-Perspektive haben wir das Problem, dass wir uns von der CD wieder einige Schritte entfernt haben. Es gibt zwar Leute, die meinen, dass sich das bald lösen würde, aber erstmal existieren bereits jetzt Unmengen an kodierter Musik, die neu berechnet werden müsste.

Die wenigsten haben die Möglichkeit, Musik wirklich ohne Qualitätsverlust zu speichern und zu hören. Dann darf man die Kosten für eine bessere Bandbreite nicht unterschätzen, die eine CD-Qualität im Netz bräuchte. Wir reden ja hier über ein massives Netz und eine riesige Infrastruktur. Um so im Netz zu streamen, müssen noch ein paar Jahre vergehen.

Debug: Was wird für die Zukunft ausschlaggebend sein? Musik, Internet, neue Märkte und Community …

Woost: Man überschätzt ja gerne die asiatischen Märkte wie Indien oder China, weil die Menge an Leuten, die dort wirklich Musik hören, so wie wir es kennen, verschwindend gering ist. Unsere Seite gibt es zwar auf Chinesisch, aber ein Chinese erklärte mir mal, dass das so nicht funktioniert, weil das Interface und Layout für die Sprache nicht greift. Da gibt es viele Einstiegshürden. Als Zukunftsmarkt finde ich Brasilien viel interessanter, da sie eine viel ältere Popkultur haben, auch wenn das Wachstum nicht so rasant ist.

Bawa-Cavia: Die Lizenzen sind der allerwichtigste Punkt. Das muss von Grund auf geändert werden. Aber für die Zukunft bleibt die Erfahrung von Musik wichtig. Noch sitzen wir vor einem Bildschirm und benutzen Tastaturen und hören Musik. Aber auch einen iPod zu haben, den an die Anlage anzuschließen, das sind alles noch enorme Einschränkungen. Online ist zwar ein wichtiger Bestandteil, aber was das Entdecken von Kultur anbetrifft, sind wir noch längst nicht an unseren Grenzen angelangt.

Wenn Discovery Engines mit guten Empfehlungssystemen auch auf andere Medien wie Film oder TV angewandt werden können, wird das auch zu einem besseren Kulturverständnis führen. Das wird der nächste Schritt für personalisierte Online-Medien sein. HQ-Filme werden sich dann auch mit Sicherheit nicht auf Webbrowsern abspielen.

Das Konzept des Browsers, wie wir ihn jetzt kennen, ist ja auch schon ein paar Jahre alt und vor allem für Filme viel zu langsam.
Da gleichen sich Möglichkeiten und Präferenzen immer wieder schrittweise an. Wir generieren aber im Moment so viele Daten, die irgendwann einen eigenen Sinn haben werden, wenn es denn verstanden wird. Das ist der eigentliche Wert von dem, was wir für die Zukunft tun.

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Elektronische Lebensaspekte.

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