Ganz und gar nicht pessimistisch

Laurel

Man übertreibt nicht groß, wenn man Laurel Halo eine der interessantesten Künstlerpersönlichkeiten der letzten Jahre nennt. Die in Brooklyn ansässige Produzentin, Musikerin und – nicht zuletzt – Sängerin hat bislang mit Veröffentlichungen für Labels wie Hippos in Tanks und Hyperdub ihren Aktionsradius zwischen bleepiger Elektronik, Ambient und dubbigen Forschungen am Grunde des Aquariums weit gesteckt. Ihr 2012 erschienenes Album “Quarantine” war eine karge, jeder bekannten Welt entrückte Versuchsanordnung von Schmirgel-, Brumm,- und Fiep-Geräuschen, überlagert von windschief inszenierten, in jeder Faser porös tönenden Stimmen. “Quarantine” war ein Album des vergangenen Jahres, nun erscheint unter dem Titel “Chance Of Rain” – abermals bei Hyperdub – der zweite, wieder sehr gute Longplayer von ihr. Nach dem verspukten Minimalismus des Vorgängers nähert er sich dem Dancefloor an – und verzichtet auf Gesänge. Es scheppert blechern, die Beats sind aus scharfkantigem Eis gehauen.

Das Distinktions-, um nicht zu sagen, Alleinstellungsmerkmal deines letzten Albums “Quarantine” war deine Stimme und dein Umgang mit ihr. Seltsam unbehandelt klang die da, kaum technisch nachgebessert, wie man es heute ja von so gut wie jeder Pop-Produktion kennt. Und manchmal wurde sie brüchig, oder du hast dich mit ihr aus einem dir angenehm wirkenden Spektrum hinausbewegt. Gerade, dass deine Stimme wenig bearbeitet war, ließ sie aber noch futuristischer erscheinen. Das “Echte” klang außerweltlicher als das “Künstliche”.

Für mich klangen die Vocals auf dieser Platte in gleichem Maße echt und artifiziell. “Echt” in dem Sinne, dass unbearbeitete, direkte Vocals nicht durch massiven Einsatz von Delay oder Hall zu einer Art kosmischem Ort emporgehoben wurden, sondern schlicht so etwas sind wie lautere Versionen deiner eigenen Gedanken. Aber genauso “künstlich”: Es gab kaum eine technische Nachbearbeitung, die den Vocals den Effekt verliehen hätte, in einem echten, natürlichen Raum zu existieren. Sie klingen also so, als befänden sie sich in einem Vakuum. Ein bisschen erinnert mich der Sound an die Voyager Golden Records (Anm: Datenplatten, die an Bord der beiden Raumsonden Voyager 1 und 2 angebracht sind, als mögliche Botschaften für etwaige außerirdische Lebensformen) – echte Musik, die an einem Ort, in einem “Space” existiert, der möglicherweise nie gehört werden wird.

Ist das etwas, das dich in deiner Arbeit beschäftigt? Diese alte, vielleicht manchmal bloß behauptete Dichotomie “Authentizität/Realness” vs. “Künstlichkeit”?

Die Idee der Authentizität ist heutzutage interessant, weil sie sich verändert – die alten Kanäle der ästhetischen Produktion und Distribution sind tot und es gibt keine richtige und keine falsche Antwort. Beide Positionen können dasselbe sein, “authentisch” kann sehr “artifiziell” sein, und vice versa.

Wie sehr bestimmt das Equipment deine Tracks?

Das neue Album ist Maschinenmusik. Aber vielleicht ein bisschen fucked durch die Bedienung von Menschenhand. Ich habe mein Live-Setup verwendet, um Sampleund Percussion-Sequenzen herzustellen; während ich aber im Live-Kontext die Tracks komplett spontan und im Moment zusammenbaue, habe ich dieses Mal im Studio zwar improvisiert, danach die einzelnen Teile aber mit einer konkreten Vorstellung, wohin die Sache führen soll, neuangeordnet und arrangiert. Die Sounds, die Stimmung und der Flow kamen zuerst und diktierten danach die finalen Strukturen.

Der Album-Opener nennt sich “Dr. Echt”. Was hat es mit dem Wort “echt” auf sich?

“Echt” ist eines der wenigen nützlichen deutschen Worte, die ich kenne!

Dein neues Album klingt roher, improvisierter und nicht so konstruiert wie frühere Produktionen. Würdest du sagen, dass “Chance of Rain” auch deutlich finsterer, vielleicht gar pessimistischer ist?

Die Platte ist ganz und gar nicht pessimistisch. Ich weiß nicht, warum dieses Wort jetzt schon immer wieder auftaucht! “Chance of Rain” hat eine dunkle Färbung, ist aber gleichzeitig von einer ziemlichen freudigen Stimmung geprägt.

Ist es dir langweilig und muffig über Gear und Equipment zu sprechen? Manch ein Produzent scheint eine Religion daraus zu machen, dass er ausschließlich die exklusivsten Vintage-Synthesizer verwendet.

Ich liebe es, mit Freunden über Geräte zu sprechen! Wie mein Traumstudio aussehen würde – das ist ganz und gar nicht langweilig! Großartige Musik kann auf alle möglichen Arten entstehen. Manche der besten Tracks sind mit der 909 oder der 303 gemacht worden, manche mit billigenCasio-Keyboards, manche mit Fruity Loops. Es geht nur darum, wie die Musik klingt, welche Stimmung, welche Ideen und was für einen Flow sie hat. Ob die Musik eine Identität hat.

“Quarantine” hat zwar zu großen Teilen gute bis allerbeste Kritiken bekommen, hat aber auch verstörte bis ablehnende Reaktionen provoziert. Bist du davon überrascht, dass Hörer sich noch in diesem Maße überrascht zeigen können, wenn eine Künstlerin Material veröffentlicht, das ein wenig unerwartet ist? Oder empfandest du “Quarantine” gar nicht als so großen Bruch mit deinen früheren Arbeiten?

Es ist nur natürlich, dass die Menschen von einem Künstler das hören wollen, was sie schon zuvor gehört haben. Ich will aber niemals dieselbe Platte zwei Mal produzieren. Vor “Quarantine” hatte ich zwei von Beats dominierte Platten veröffentlicht, weshalb das Album vielleicht für manche ein harter Übergang gewesen sein könnte. Genauso hatte ich davor aber auch eher Ambient- und Vocal-lastige Musik veröffentlicht, mir schien die Platte daher nicht als so großer Bruch.

Bist du eine schnelle Arbeiterin?

Nein, im Gegenteil. Ich bewundere Produzenten, die Tracks ganz einfach schnell fertigstellen und veröffentlichen können.

In den letzten ein, zwei Jahren ist viel die Rede gewesen von einer so genannten “neuen Welle” weiblicher Musikerinnen im Feld der Elektronik: Grimes, Maria Minerva, Stellar Om Source, du selbst, you name it. Ein Diskurs, der es sich teilweise sehr einfach gemacht hat und oft, wie ich finde, herablassend und sexistisch ist. Mit der Losung: “Wow! Schau mal, Frauen können auch Maschinen bedienen und Kunst und Musik machen!”

Die schreibende Zunft wird schon dahinterkommen, dass so eine Sichtweise langweilig ist und dass Frauen in der Geschichte der elektronischen Musik durchwegs präsent gewesen sind. Es ist wichtig, zuallererst über den Sound einer Künstlerin oder eines Künstlers zu sprechen. Natürlich existiert sehr viel Doppelmoral und allgemeiner Bullshit, wenn man kein weißer, heterosexueller Mann ist, das ist wahr, Punkt. Ich bin aber überzeugt, dass killer Musik mit Identität und Seele immer ihren Weg finden wird, und dass Frauen sich durch einen Mangel an Repräsentation nicht entmutigen lassen sollten. Sie sollten sich darauf konzentrieren, fantastische Musik zu machen, die danach verlangt, live und auf Platte, gehört zu werden.

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lebt für die Musik.