Laurent Garnier rückt auf seinem neuen Album die Geschichtsschreibung zurecht und erinnert alle Diaspora-Jünger mit "Back to Africa"-Sticker an ihre Pink-Floyd-Vergangenheit. Wenn Ufos durch die Vorstadt fliegen, ist Wagner näher dran als Sun Ra ...
Text: jan joswig aus De:Bug 89

Das UFO des weißen Mannes
Laurent Garnier

Die 80er? Durch, so was von durch. Längst sprießen an jeder Clubecke die Neotrancer hervor, Frankfurt und Hamburg sind die kommenden Städte, Hardfloor und Superstition die Institutionen, die jetzt reif fürs Geschichtsbuch werden. Das 90er-Revival läuft volltourig an. Stopp, ihr Lemminge, nicht mit mir, denkt sich Laurent Garnier, falsche Richtung. Der Revivalzug hat bei den 80ern zu früh und vor allem zu feige die Bremse gezogen. Lachhaft, dieses halbironische, halbidentifikatorische Beklatschen ach so smarter Oberflächen. Weiter zurück hätte die Devise sein müssen. Unerschrocken voll rein in das Zeitalter von Progrock, Klassik-Rock, Art-Rock. Das war Musik, die so tief ging wie sie monumentale Gipfel überklomm, erhaben, masssiv, eine Naturgewalt, aber dabei schwer intellektuell. Andere sagen aufgeblasene Pathosphrasen dazu, scheinintellektueller Bombast. Aber das sind die verblendeten Opfer einer Geschichtsschreibung von Mittdreißigern, die immer noch verarbeiten müssen, dass sie als Teenager Pink Floyds “The Wall” wegen seiner Kapitalismuskritik liebten, ohne zu sehen, mit welchen kapitalistischen Methoden die Kritik an die Konsumenten gebracht wurde.
Dieses schlechte Gewissen der Diskurs-Führer hat eine anti-rockistische Geschichtsschreibung durchgesetzt, die das Utopiemodell “UFO” von Model 500s “No UFOs”-Track zurückverfolgt zu Sun Ra, George Clinton und Lee Perry, den “schwarzen” Erdenüberwindern – und die “weißen” UFOs aus synphonischem Hardrock, Fliegenpilzweltraumkitsch und aufgedonnerten Konzeptprätentiositäten der 70er in Bausch und Bogen abkanzelt.
Genau diese weißen UFOs entdeckt Laurent Garnier auf seinem neuen Album “The cloud making machine by Laurent Garnier” für sich. Die “Cloud making machine” ist nichts anderes als Pink Floyds rosa Schwebeschwein vom “Animal”-Cover, eine Paraphrase auf den Albumtitel “The aerosol grey machine” von Van Der Graaf Generator, die Wagner’schen Gewitter über Bayreuth. Dunkel, gewichtig, gedankenschwanger, konzeptuell von der assoziativen Covercollage über den Märchentext zur Wünsche erfüllenden “Cloud making machine” bis zur theatralisch betrübten Experimentalität der Musik, alles ruft: Das hier ist so philosophisch, wie es Artrock auch immer von sich behauptet hat. Für manch’ Raver kommt das vielleicht überraschend. Aber war Garniers Saxophonist Philippe Nadaud von “The man with the red face” je was anderes als Ian Anderson, der Querflötist von Jethro Tull? Außerdem hat sich Laurent Garnier in seinem fortgeschrittenen Alter an den Spruch erinnert, den ihm Derrick May bei ihrem ersten Treffen mitgegeben hat: “Never make a record for fun.” Und nichts ist Ernst-geblähter als der Artrock der 70er. Mit “The cloud making machine” hat Laurent Garnier die Tür zu einem musikgeschichtlichen Arm von Pink Floyd, King Crimson, Yes, Deep Purples Jon Lord etc. aufgestoßen, der heute so obskur ist, wie er in den 70ern den Mainstream bestimmte.
Wer als UFO-Freund nicht nur auf dem Fuß von Sun Ra und seinen Space-Brüdern stehen will, der kann sich ausgehend von “The cloud making machine” an folgende “Werke” rantrauen:
Van Der Graaf Generator: Aerosol Grey Machine, Fontana 1968
Alles, was an Artrock lachhaft bis verblödend ist, ist auf diesem Debüt von 1968 schon angelegt: die eruptiven Stimmungswechsel, der Theaterdonner, die Steigerungen mit Paukenschlag, die verquaste Eindringlichkeit, das ganze schwere Brimborium, das Rock die Weihen des Orchestergrabens von Bayreuth verleihen soll. Aber es wird von Peter Hammill und Konsorten noch mit soviel Sinn für den nackten Song, den Folk in seiner jazzigen Destruktion angelegt, dass man an die Konservatoriums-geschulte Effekthuberei gerne als einen lohnenden dritten Weg zwischen Glam- und Hardrock glauben wollte, der einen aus der Swinging-Sixties-Harmlosigkeit befreit.

King Crimson, Red, Polydor 1974
Komisch, wie Musik mit soviel Lärm und roher Energie so beherrscht und mit Taktstock eingespielt klingen kann. King Crimson sind das große Vorbild für Steve Albini. Kein Wunder, Gitarren waren nie so in Stahl geschnitten, Perkussion nie so maschinenpräzise verfremdet, ein Zusammenspiel jenseits von Strophe-Refrain-Schema so kompakt wie auf dieser Trio-Platte. Hier ist übrigens Robert Fripp dabei, der später gerne mit Brian Eno zusammengearbeitet hat.

Pink Floyd, Relics, EMI 1971
Pink Floyd sind der Inbegriff eines Industrieunternehmens, das das Produkt “kritisches Bewusstsein” als gigantomanische Inszenierung verkauft. Aber in ihrer Frühphase mit Syd Barrett hat ihre Art-Rock-Semantik noch die verspielte Distanz von psychedelischen Hippiekindern, denen egal ist, ob man sie für einen schlechten Witz oder guten Ernst hält. Erst später wurde schlechter Ernst daraus. Auf “Relics” sind frühe Aufnahmen von 1967 bis 1971 versammelt zwischen Kinderlied, Horrorthriller, Folkpflänzchen und Hardrockgeisterbahn. Naja, und “Breathe” von “Dark side of the moon” ist auch eine ephemere Freude.

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Text: felix denk aus De:Bug 31

/techno/frankreich Freizeitverhalten der Superstars Laurent Garnier: The Sound of the Big Bildungsauftrag Laurent Garnier steckt ein etwas weiteres Feld ab. Wenn er nicht gerade über Sinn und Unsinn von Remixanfragen von Bands wie INXS oder Texas grübelt, Techno von dem in Frankreich lange Zeit von den Medien gepflegten Ruf der durchgeknallten Drogenfreak Musik befreit, tingelt er mit Jazzmusikern durch die Lande und verlässt den Tourbus, um unter anderem beim diesjährigen Montreux Jazzfestival zu spielen. In den letzten zwei Jahren allerdings hat sich Laurent Garnier stark auf seine Produzententätigkeit konzentriert. Das erste Ergebnis ist “The Sound of the Big Baboo”, ein archaisch anmutender Rave-Klopfer, der gerade weil er ein archaisch anmutender Rave Klopfer ist, schon wieder hörbar wird, da er geschmackssicher den guten Geschmack unterwandert. “The Sound of the Big Baboo”, das übrigens nicht, wie man aufgrund des Namens vielleicht vermuten könnte, mit Fusselpuppen-Crossovermarketing vertrieben wird, also nicht in die Fusstapfen von Flat Eric tritt, ist die erste Auskopplung des im Januar erscheinenden Albums Unreasonable Behaviour und legt musikalisch eigentlich eine falsche Fährte. Denn Clubtracks mit eingebautem Abgeh-Faktor sind hier eher die Ausnahme. Atmosphäre, Vielseitigkeit und Musikalität sind die neuen Tugenden des Produzenten Laurent Garnier, was durchaus einen Bruch zu seinen Alben “Shot in the Dark” und “30” darstellt. Auf den Grund für die neue Vielseitigkeit angesprochen, entfacht der charmante Medienprofi aus Frankreich ein wahres Feuerwerk an Bonmots und Aphorismen. “Würdest du jeden Tag Hühnchen essen wollen?” Nö. Eine rhetorische Frage mit 100%iger Verneinungsgarantie nimmt einem schon mal den Wind aus den Segeln. Gut gemacht, Laurent. “Ich trage ja auch nicht jeden Tag Jeans und T-Shirt. Manchmal mag ich mich auch schicker anziehen. Je nach Anlass.” O. K, kann man nachvollziehen. Und: “Ein Bild macht noch lange keinen ganzen Film!” Stimmt. Ich bin jetzt Fan. Sich auf Musik, die nicht nur im Clubgeschehen rezipiert werden kann, zu konzentrieren führt, Laurent Garniers vor allem auf seine Live-Erfahrung mit Musikern zurück. Auf dem für manche Ohren vielleicht überambitionierten “Man with the Red Face”, das die zweite Singleauskopplung von “Unreasonable Behaviour” sein wird, spielt Philippe Nadaud, der bei der Live-Show in Montreux dabei war, den Saxophon Part. Auf jeden Fall ist “Unreasonable Behaviour” das stringenteste Album von Laurent Garnier und auch das persönlichste, wie er nicht müde wird zu betonen. Vielleicht will sich hier der Produzent von seinem übermächtigen DJ Alter Ego emanzipieren. Der hervorgekehrte Listening Aspekt soll sich aber auch gegen diejenigen richten, die mit ihren Produktionen nur auf die Funktionalität schielen: “Ich finde, zu viele Leute denken beim Produzieren nur daran, wie kraftvoll der Track auf der Tanzfläche sein wird. Musik sollte zu allen Tageszeiten gehört werden können. Deswegen langweilen mich diese Loopgeschichten. Das funktioniert nur im Club und lässt damit viel aussen vor.” Laurent Garnier macht ernst. Das ist verständlich. Um allerdings sein Anliegen zu unterstreichen, greift er schon mal in die pädagogische Trickkiste und lehrt uns verirrten Schafen wie das so ist, das mit dem richtigen Technoverständnis: “Locking our minds to a single groove, closing ourselves to a unique style, forgetting the roots and the freedom of sounds, the techno ghetto will disease our minds. Tolerance, freedom are the essence of our music and we should never forget that deep underground the roots of techno have grown from other kinds.” Diese kleine, vocoderierte Ansprache auf “Unreasonable Behaviour” klingt irgendwie nach Dr. Motte auf der Love Parade-Abschlusskundgebung. Offen bleibt allerdings, ob nicht die Retrobewegung der letzten Jahre mehr zu einem offenerem Technoverständnis beiträgt, als der ein wenig zu gut gemeinte historische Exkurs in die Genese der elektronischen Musik und dem daraus abgeleiteten Idealrezeptionsverhalten. Kaufen eingefleischte Raver jetzt plötzlich Funkadelic Platten auf dem Flohmarkt? Oder womöglich Stockhausen? Muss ich meine Plattensammlung umsortieren? Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Laurent Garnier neben einer persönlichen Handschrift als Produzent auch einen Bildungsauftrag für sich entdeckt hat.

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