Die Schweizer Raphaël Ripperton und Mirko Loko reüssieren mit Minimal zum Schicken, der durch einen Schuss Trance-Atmosphäre allzu psychotische Abgründe vermeidet.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 108

Minimal

MINIMAL LÄCHELN
LAZY FAT PEOPLE

Die Schweiz ist ja prinzipiell eine saubere Sache, und in der Gegend um den Genfer See kommt auch noch französisches Leckermaultum dazu, die Vereinigten Nationen, urlaubende Scheichs und betuchte Alterflüchtlinge auf den Spuren Charly Chaplins verbreiten dazu ein sattes internationales Flair. Von Genf bis Lausanne hat man schließlich durchgehend den grandiosen Blick auf den Mont Blanc, der einem jederzeit versichert, dass man auf der richtigen Seite steht. Wer einmal ein paar Tage auf der Schweizer Seite des Seeufers verbracht hat, weiß um die enorm beruhigende Wirkung der Szenerie, die neben den besten Blätterteig-Apfeltaschen der Welt auch die Apotheke des Henri Nestlé hervorgebracht hat. Die Heimat der Lazy Fat People, Lausanne, stellt dabei das relativ anrüchige, arme Gegenstück zu Genf dar, wobei die Betonung allerdings ganz klar auf relativ liegt. Raphaël Ripperton und Mirko Loko schätzen dieses Set-Up ganz offensichtlich, die kleine, aber feine elektronische Szene der Stadt ist ihnen eine kuschelige Basis. Diese Jungs haben die Ruhe weg, sie blinzeln zufrieden über den Genfer See und harren zuversichtlich der Dinge, die da kommen mögen, weil die Dinge, die bislang kamen, eigentlich immer freundlich zu ihnen waren. In was für Dimensionen Lazy Fat People die Ruhe weghaben, erschließt sich beispielsweise, wenn man nach dem Ursprung ihres Projekt-Namens fragt: ”Ja, das ist ein witzige Geschichte“, sagen sie dann, aber anstatt uns daran teilhaben zu lassen, lächeln sie nur versonnen und blinzeln wieder auf den Genfer See, der natürlich versonnen zurücklächelt.

Gut, dass das geklärt wäre
Ripperton und Loko haben jeweils solide DJ-Karrieren hinter sich, Loko hat zwischenzeitlich auch mal in New York gelebt und betrachtet Carl Craig, Derrick May und Laurent Garnier als seine Mentoren. 2005 ist Loko aber wieder in der Schweiz, Ripperton hat gerade ein Projekt mit Stephane Attias namens “Good Samaritans” (People Records) zu laufen. Bis zu diesem Zeitpunkt herrscht zwischen Ripperton und Loko allerdings “das Missverständnis” eines tiefen kulturellen Grabens: Der eine kommt vom Elektro und Detroit, der andere eher vom New York- und Chicago-House. Das Missverständnis wird dann aber ausgeräumt, als Ripperton und Loko jeweils beim Caprices Festival im gleichnamigen Skiort gebucht werden, auf der Skipiste fangen die Jungs an, über ihre musikalischen Einflüsse zu diskutieren und doch jede Menge Gemeinsamkeiten zu entdecken. Und was auf der Loipe gefunkt hat, geht dann auf die unirritierte Schweizer Tour auch geschmeidig im Studio weiter, weshalb nur wenige Monate nach der Verbrüderung im Schnee die “Big City and Dark Water”-EP auf James Holdens Label Border Community kommt. Das plockert, das hoppelt, Synthies modulieren pflichtschuldig ein Stück ins Psychotische, aber das Blinzeln über den Genfer See lächelt immer über allem, weshalb es nie richtig fies wird. Heiterer Stoff für die nächste Tanzflächenschubse also, nach der es auch eine ordentliche Nachfrage gibt: Für Steve Bugs Audiomatique wird remixt, eine EP für Wagon Repair ist in der Mache und die Lazy-Fat-People-EP “Pixel Girl” kommt demnächst auf Planet und wartet mit einem Carl-Craig-Remix auf.

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Elektronische Lebensaspekte.