"Betrunken sind wir doch alle gleich."
Text: Sarah Brugner aus De:Bug 143

Neben Jay-Z hat in den letzten Jahren wohl kaum jemand unser Bild von New York so maßgeblich und umfassend mit einem Sound ausgestattet wie der LCD-Bandleader, Musikproduzent, DJ und Label-Besitzer James Murphy. Wir haben ihn kurz vor der 1,5 Jahre dauernden Welttournee zu einem knackigen Gespräch getroffen. Über das Saufen, den Gemüsegarten und den tiefverwurzelten Optimismus der Stadt New York.

“New York, I Love You But You’re Bringing Me Down” – mit einer ambivalent schimmernden Ode an die Heimatstadt beschließen LCD Soundsystem ihr erstes Konzert seit drei Jahren und somit die längste Auftrittspause seit Bandbestehen. Der LCD-Bandleader, der sich als Musikproduzent, DJ und Label-Besitzer schon immer zwischen den Stühlen eingerichtet hat, ist für seine Umtriebigkeit bekannt. Er hat damit den Sound des Big Apple in der letzten Dekade so maßgeblich geprägt wie kaum ein anderer, auch dann, wenn er nicht die Rampensau gibt. Während in NYC um 2000 Bands in sharpen Lederjacken, Skinny-Jeans oder gar maßgeschneiderten Anzügen, wie The Strokes, Yeah Yeah Yeahs oder Interpol die Rock-Renaissance zelebrieren, kramten der stramme, im Schlabber-T-Shirt-Look auftretende Soundbastler James Murphy und der schmalbrüstige englische Rave-Veteran Tim Goldsworthy die Discokugel hervor und schmissen Parties.

“Disco-Rock”, “Dance-Punk” oder einfach “Body Music” nannten sie ihr durch oszillierende Drums volltönendes Gewitter, das dreckige Beats wie Blitze in die Magengrube der Kids einschlagen ließ. Dem gemeinsamen Partymachen folgte die gemeinsame Gründung von DFA (aka Death From Above)-Records, das heute Bands wie Black Dice, Hercules & Love Affair, The Juan Maclean unter Vertrag hat. Mit der ersten LCD-Soundsystem-Veröffentlichung “Losing My Edge” legte Murphy das Bekenntnis eines Musiknerds ab, indem er seine Best-Of-Momente als Szeneritter in der Rock- und Dance-Musikgeschichte und gleichsam seine Angst, alt und redundant zu werden, offen formulierte. Der Hype war seziert, LCD Soundsystem war geboren!

Murphy ist fortan ungebrochen Kandidat für gekonntes Namedropping in seinen Lyrics, ohne dabei je bemüht-besserwisserisch rüberzukommen. “I have been filmed being ridiculous or eating Michael Musto“ singt er zum Beispiel auf dem Song “Pow Pow” der neuen Platte und verewigt damit nicht nur den Kolumnisten der Village Voice, sondern legt auch den Blick auf eine andere Inspirationsquelle frei. Das alltägliche Peinlichkeitsgefühl, mit dem man sich nicht nur als alternder Hipster konfrontiert sieht, ist für den einnehmend-nonchalanten Musiker nichts, wo er die Nase rümpfend drübersteht: Er taucht sie mitten rein.

In dem “Drunk Girls“-Videoclip von Spike Jonze fällt eine Horde aufgebrachter Menschen in Tierkostümen über die Band her und James Murphy wird prompt noch in Frauenkleider gesteckt, bevor er dann endgültig vermöbelt wird. Autsch! Dass Murphy nicht einfach als spaßiger Radaubruder wahrgenommen wird, liegt daran, dass er ganz unpathetisch durch Verlegenheit berühren vermag. Beim Soundtrack für die melancholisch-romantisch Komödie “Greenberg“ von Noah Baumbach hat Murphy dies jüngst unter Beweis gestellt und der Wurf eines großen, weil glaubwürdig herzerwärmenden Liebesliedes findet sich mit “I Can Change” auch auf dem neuen Album.
 
Während die Aufnahmen zu “This Is Happening” größtenteils in einer Villa in Hollywood in entspanntem, von Partys durchzogenem Workflow über die Bühne gingen, kehrten James Murphy und das sich um ihn versammelte Sextett für den Auftakt-Überraschungsgig an die Ostküste in seine New Yorker Hood Williamsburg zurück. Jetzt ist Murphy nervös. Denn heute, so erklärt er, ist nicht nur genau eine Woche nach dem Gig in New York, sondern vor allem genau nur zwei Tage vor einer “eineinhalb Jahre langen, die Seele überwältigenden, an der Beziehung nagenden, die Gedanken bereinigenden, das Leben einschmelzenden Welttournee”. Auf die erste Show nach der langen Live-Durststrecke in der Williamsburg Music Hall angesprochen, meint James, der den Abend mit einem Champagner-Whiskey-Mix begossen hat: “Es war verrückt, ein Heidenspaß und ich war überdies sturzbetrunken.”

Debug: Die erste Single des neuen Albums heißt “Drunk Girls”. Gibt es eigentlich Unterschiede zwischen betrunkenen Jungs und Mädchen?

James Murphy: Ha! Betrunken sind wir doch alle gleich. So gesehen handelt der Song auch nicht speziell von Mädchen und Jungs, sondern von uns als betrunkener Band.

Debug: Und was hat es mit der großartigen Drum&Rhythm-Nummer “Dance Yourself Clean”, die das Album eröffnet, auf sich? Wie kann man sich clean tanzen?

Murphy: Wenn man eine beschissene Zeit erlebt, tanzen geht, alles um sich herum vergisst, Spaß hat und den Moment auskosten kann. Das ist eine Art Bewältigungsstrategie für schwierige Situationen.

Debug: Das Party-Machen ist ein konstantes Thema in deiner Musik. Bist du wirklich so ein Druffi und wie geht das, wenn man auf Tour ist?

Murphy: Das kommt ganz darauf an. Wenn wir auf Tour gehen, ist Vorsicht geboten, denn dann haben wir sehr viele Auftritte. Das ist ziemlich intensiv, trotzdem versuche ich mit maximaler Energie in jedes Konzert zu gehen. Da muss man Acht geben, ansonsten endet der Ausflug im Krankenhaus.

Debug: Lass uns übers Ausgehen in NYC reden: Du hast die Williamsburg-Show mit “Yr City’s a Sucker” eröffnet und mit “New York, I Love You, But You’re Bringing Me Down” geschlossen.

Murphy: It sucks! Es ist zur Zeit unglaublich langweilig in New York. Daher müssen wir auch unbedingt von der Tour zurück kommen und immer weiter Musik machen, weil wir hier deutlich mehr Spaß vertragen können.


Foto: Brantley Guiterrez

Debug: Und warum ist NYC für dich noch immer “the place to be”?

Murphy: Es ist einfach mein Zuhause. Ich mag wie anonym man hier ist, ich liebe das Essen und dass man zu jeder Tages- und Nachtzeit essen und trinken gehen kann. Die Stadt ist voller interessanter Leute, die ich ins Herz geschlossen habe. Es ist spaßig, kühl, schrullig und optimistisch – das mag ich.

Debug: Eine Nummer von “This Is Happening” heißt dann auch “Home”. Braucht man das zum runterkommen?

Murphy: Ja klar, Freunde, all die großartigen Leute um mich. Wir lieben uns alle sehr, das ist wie eine große Familie!

Debug: Und wenn es mal vorbei ist mit der Musik, was machst du dann?

Murphy: Ich habe Musik überhaupt noch nicht satt, ich schreibe gerne Songs. Das ist etwas, das bleiben wird. It’s my thing! Und wenn ich Musik höre, dann höre ich Unterschiedlichstes. Für gewöhnlich verfalle ich einer Sache für eine ganze Weile. Im Moment höre ich nur O.M.D., Orchestral Manoeuvres In The Dark. Was kann man sonst machen? Ein Buch lesen oder einen Gemüsegarten pflanzen.

Debug: Baust du etwa Gemüse an?

Murphy: Nein, ich habe keine Zeit, mich darum zu kümmern, aber ich würde es gerne machen. Ich würde gerne leckeres Gemüse ernten.

Debug: Ist es nicht sehr anstrengend, in der Musik immer wieder von Neuem zu beginnen?

Murphy: Das ist hart, aber dann muss man sich nur vor Augen halten, dass das passt. Es spielt nicht wirklich eine Rolle. Es ist nur ein Song. Niemand wird sterben.

“This Is Happening Now” ist auf DFA/EMI erschienen.
http://www.lcdsoundsystem.com

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

Mit seinem Label DFA und der von ihm und Tim Goldsworthy produzierten New Yorker Vorzeige-No-Wave-Formation The Rapture hat James Murphy in den letzten zwei Jahren ordentlich musikalisches Futter für die Hipster-Disco von nebenan geliefert. Jetzt kommt sein Solodebut als LCD Soundsystem auf den Markt, um noch mehr Disco-Staub aufzuwirbeln.
Text: Renko Heuer aus De:Bug 89

LCD Soundsystem

Die Antithese zu Murphy’s Law

James Murphy und Tim Goldsworthy von The DFA sind nicht zuletzt seit The Raptures “Echoes” aus dem vergangenen Jahr – ein Album, an dem sie sage und schreibe “30 Monate” arbeiteten und sich konsequenterweise nur schwer von dieser Arbeit trennen konnten – zum absoluten Producer-Gütesiegel avanciert. Ihr Akronym, dass sie erst kürzlich gegen zwei inzwischen in “Death From Above 1979” umgetaufte Kanadier (die unfassbar guten Chaoten auf Vice Rec.) verfechten mussten, stand und steht für den Funk of Now. Das ist unumstritten. Doch der aus Princeton stammende Murphy (34) hat auch schon immer selbst Musik gemacht. Früher in für seine Begriffe viel zu demokratischen (Punk-)Bands, mit geklautem Equipment, heute weitestgehend allein, als LCD Soundsystem. Da von “Losing My Edge” bei ihm und seinem gerade erst bei der EMI unter Vertrag genommenen Label sicherlich noch lange nicht die Rede sein kann, kann er von einer noch besseren Zukunft träumen. Wie nicht anders zu erwarten, hat diese natürlich auch etwas mit Outkast zu tun.

Debug:
Wie siehst du die Unterschiede zwischen deinem Dasein als Produzent und als Musiker?
James Murphy:
Na ja, technisch sind beide Dinge komplett identisch. Es kommt nur darauf an, wer der Künstler ist. Ich glaube, dass es bei mir sogar so ist, dass ich bei einer Produktion genauso viel von mir einfließen lasse wie bei einem eigenen Album. Es sind halt unterschiedliche Dinge, die man einbringt, aber man bringt sich immer ein.

Debug:
Heißt das, dass du gerne mal eingreifst, wenn du eine Idee hast, die gut in einen Song passen würde? War das so, z.B. bei The Rapture oder Automato etc.?
James Murphy:
Ja, ja, sicher. Das erste, was Tim und ich zu jemandem sagen, mit dem wir arbeiten, ist: “Von nun an ist es eure Aufgabe, euch zu verteidigen. Nehmt bloß nicht die Fäuste runter, denn dann werden wir zuschlagen.” Es ist wie beim Boxen. Die Bands müssen dafür kämpfen, was sie in sich selbst sehen. Denn normalerweise sind ca. 50% von dem, was eine Band über sich selber denkt, totaler Quatsch. Und wenn man das nicht ändert, ist es doch Zeitverschwendung, vergebene Liebesmüh.

Debug:
Wenn du dann aber LCD Soundsystem selber einspielst und aufnimmst, dann fehlt dir ja die Instanz, die die “50% Crap” entfernt …
James Murphy:
Ja, absolut. Wahrscheinlich sind sogar noch mehr als die Hälfte der Songs Schrott. Vielleicht fehlt die außenstehende Person in diesem Fall – aber ich habe auch so schon mein Bestes getan, um einfach einen Großteil der Musik auszumisten. Ich hatte sehr einfache Regeln für mich selbst aufgestellt.

Debug:
Was sind das für Regeln?
James Murphy: Alles ist einfach. Alle Songs sind sehr sparsam, sehr spartanisch in ihren Elementen. Manche sind um eine Note aufgebaut. Ein einfacher Bass ist immer besser als ein zu aktiver Bass.

Debug:
Und mit diesen wenigen Regeln willst du jetzt den Mainstream “breaken” … Ist es also das Outkast-Ding, das ihr da abziehen wollt?
James Murphy:
Genau. Outkast sind der Grund. Coldplay sind auch so ein Grund. Radiohead auch. Sie könnten z.B. noch mehr aus sich rausholen. Sie könnten besser sein, denn sie haben eine sehr genau definierte Nische gefunden: leftfield, gefühlvoll, dunkel. Eigentlich glaube ich, dass sie sich da langweilen. Wenn ich mir Outkast anschaue, dann sehe ich, dass sie nach jemandem suchen, der es mit ihnen aufnehmen kann. Sie suchen jemanden, der gegen sie kämpfen will. André 3000 macht diesen beschissenen D&B-Mix von “My Favorite Things” wahrscheinlich auch nur, weil es für ihn niemanden gibt, der seine Sprache spricht. Das ist alles das Produkt von Einsamkeit. Oder schau dir Coldplay an: Da ist jemand mit einer unfassbaren Stimme, einer großen Gabe, wenn es darum geht, Songs zu schreiben – und was macht er damit? Was soll er jetzt noch machen? Er hat doch schon alles gemacht. Ein paar Alben, viele Hits, was soll da noch kommen außer Langeweile …

Debug:
Vielleicht kommst du auch mal in so eine Situation.
James Murphy:
Nein, ich will das alles noch weiterbringen. Ich will das herausfordern. Wenn wir heute in einer anderen musikalischen Ära leben würden, müssten diese Leute auch bessere und interessantere Musik machen. Schau dir doch mal die Beatles-Platten an. Das war 1970, 1971, drei Jahre vorher hatte man Jimi Hendrix, 1968, und die Beach Boys, und so weiter … es war eine Zeit der konstanten Hinterfragung von Regelwerken – nie war sicher, ob man etwas Gutes oder totalen Blödsinn macht. Damals konnte man kein Album abliefern, das genauso wie der Vorgänger klang. Ebenso konnte man kein Album machen, das nur auf einer Trendwelle mitreitet. Ich glaube, dass wir ein Zeichen setzen können. Denn viele Menschen wissen gar nicht, was sie eigentlich alles anstellen können, wenn sie es denn nur machen. Wenn wir also erfolgreich werden, könnte sich dieses Bild ändern. Outkast wäre schon ein super Beispiel dafür, aber da André von Outkast so eine krasse Person ist, zählt er leider nicht, er wird nicht als Normalsterblicher wahrgenommen. Alle denken, dass nur er das kann. Und dann komm ich und sage: “Nein, es ist nicht nur André, der das kann. Es ist eine Denkweise, eine Arbeitsweise. Er war früher auch nur ein schüchterner Junge, bis er sich dazu entschlossen hat, dass er was anfangen will.” Tim und ich sind eher dumme Jungs, wir haben nicht viel gelesen oder gelernt – wenn wir es also schaffen, dann werden die Leute endlich sehen, wie einfach es sein kann. Und wenn selbst ich eine interessante Platte aufnehmen kann, dann kann Chris Martin das sicherlich auch, denn er hat viel mehr Talent als ich.

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