Kennerschaftlicher Diskobums zum Mitgröhlen, die Berliner Le Dust Sucker holen aus jedem Metro-Area-Jekyll den Van-Halen-Hyde hervor. Wenn esdarum geht, die coolsten Samples zum dreistesten Stomper aufzumischen, sind Le Dust Sucker ganz weit vorne.
Text: Felix Denk aus De:Bug 84

Stadion im Studio
Le Dust Sucker

Die Musik verklingt und alles jubelt, das ganze dosenbierselige Stadion. Le Dust Sucker zieren sich einen Moment, aber nur so lange, wie es das Protokoll verlangt, und lösen dann ein, was die johlende Menge fordert. Mit einem satten Rock-Schlagzeug poltert die Zugabe los, schwillt zu einem bratzigen Breitwand-Soundteppich an und mündet schließlich in ein jaulendes Gitarren-Outro. Der Stagediver in Springerstiefeln und der Open-Air-Profi im verschwitzten Karohemd nicken sich zu: die volle Satisfaktion hier.

Moment mal! Ist das hier der Musikexpress? Rock? Und dann noch im Stadion? Wo, bitteschön, bleiben da die elektronischen Lebensaspekte? Na gut, zugegeben, alles nur von Le Dust Sucker erfunden: Sie fingieren die Situation in ihrem Studio und beenden damit ihr fulminantes Album, das natürlich kein Rockalbum ist, auch wenn es höllisch rockt und mit einem Stück namens “(Formerly known as) Satisfaction” beginnt. Vielleicht handelt es sich eher um Disko-Rock, Elektro-Rock oder welchen Genremutanten man sich dazu auch immer ausdenken mag. Jedenfalls setzen Le Dust Sucker den rockistischen Wertekanon mit elektronischen Mitteln in Szene. Aber warum beschwören Fabian Grobe und Markus Schöbel diese Geister, die sich so leicht nicht abschütteln lassen?

“Bei Techno und House kocht viel in seinem eigenen Sud“, meint Markus und Fabian ergänzt, dass da manchmal etwas mehr “Freshness“ nicht schaden könnte. Neben Kopflastigkeit und Intellektualisierung ist den beiden das reibungslose Funktionieren vieler Stücke so gar nicht geheuer. Das Gruselige, meinen sie, ist nicht der Rock, sondern das Ravesignal. Markus leicht pikiert: “Wir wurden gefragt, ob wir die Stücke nicht noch ausfeilen hätten können und mit Ravesignalen versehen können, um so richtige Burner daraus zu machen.“ Und Fabian ergänzt entrüstet: “Auf keinen Fall tun wir das! Auf keinen Fall wollen wir Ravesignale einbauen, wir wollen andere Lösungen finden. Wenn man schon davon spricht, ist doch was faul. Das bedeutet ja, dass da ein Weg gegangen wurde, der schon zig Mal gegangen wurde.“

Abgehen auf Ansage
Ob dabei wohl Freshness rausspringt? Le Dust Sucker jedenfalls suchen den rechten Schlenker, um fest gefügte Hörerwartungen aufzulockern. Wie sie sich in den Groove hineingraben, beeindruckt dann auch Menschen, die es sich zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben, die Gitarre für immer aus der elektronischen Musik fernzuhalten: böse Platte, so das häufig gehörte Urteil. Böse, weil das tiefste Brummen gerade tief genug ist und nie locker lässt. Böse aber dann doch nicht, weil der Normbruch mit zu viel Lust begangen wird und mit guter Laune und Sinn für Ironie über die Bühne geht. Die euphorisierende Sause ist eben nicht nur ein derber Spaß, um sensiblere Gemüter zu verschrecken. Sobald einen der wippende Disko-Beat erstmal ins Boot geholt hat, freut man sich über das lustige Schaukeln und die ordentliche Schlagseite nach den ersten wuchtigen Soundböen.

So elegant wie Metro Area klingen Le Dust Sucker nie, und nicht so professionell-transparent wie Get-Physical-Produktionen, obwohl auch bei ihnen der Patenonkel Disko heißt. Sie stehen breitbeinig auf der Party und tragen lieber etwas dicker auf, als schlau zu verfeinern. Dabei kommt gerade das Dreiste und Feiste bei Le Dust Sucker aus einer Connaiseur-Haltung. Die geht so weit, dass Fabian und Markus nicht unbedingt beleidigt wären, wenn man ihre Platte prollig nennen würde. Fabian: “Wir haben auch schon viel Spaß mit Proll-Platten gehabt. Mit so was rumzuspielen, macht schon Spaß. Man benutzt mal prollige Elemente – Rotzen und Saugen und so.“ Markus abstrahiert: “Sich mit der Musik in verschiedene Räume zu begeben – das Extreme auszuprobieren, ohne extrem sein zu müssen – ist doch super. Je unbekannter und schräger der Raum ist desto besser.“

Den Ärger der höflichen Dust Sucker zieht man sich aber garantiert zu, wenn man das Material, das sie heranziehen, als prollig bezeichnen würde. Das lässt der Connaisseur-Stolz keinesfalls zu. Markus: “Wir arbeiten gerne mit Samples, weil die viel transportieren.“ Fabian ergänzt: “Echtheit transportieren!“ Echtheit, dieses rockige Rockwort! Le Dust Sucker verwenden es ganz schön ungeniert. Dabei ist Echtheit doch eine Pose, die sich so schwer durchhalten lässt! Egal, Le Dust Sucker lassen sich darauf ein. Das Spiel “Wie viel ist von der Atmosphäre des Originals noch vorhanden, wenn ich einen völlig anderen Track um das Sample herumbaue“ betreiben die beiden mit derselben Begeisterung wie den Trick “Ich spiele jetzt etwas per Hand ein, das dann voll wie ein Sample klingt“. Le Dust Sucker freuen sich, Bezüge herzustellen und Dinge zitieren zu können, die ihnen wichtig sind. Aus einem Liebhabergestus heraus, aber auch um mit dem Hörer in Kommunikation zu treten: “Guck mal hier! Wer hat das auch? Wer kann das finden?“, fragen die Samples.

Kein klassisches Nerd-Tum, nein

Denn jenseits der 30 hat man eben eine lange Karriere als Musikhörer und Plattensammler hinter sich. Und Markus besaß schon als Teenager einen Sampler. Fabian war als 16-Jähriger in der äußerst beneidenswerten Situation, Tapes aus New York geschickt zu bekommen, auf denen komplette Sendungen von Kiss FM aufgenommen waren. “Da waren all die Stücke drauf, die auf Westend rauskamen und so. Es macht irre Spaß, sich diesen Dingen wieder mit ausgefeilterer Technologie zu nähern.“
Bei den Dust Suckern darf das Sample noch Sample sein und muss sich nicht verschämt verstecken. Es wird noch nicht mal versucht, die Nähte irgendwie subtil in den Saum einzufügen, um den Sound-Schnipseln ihren Fremdkörpercharakter zu nehmen. Mit der derzeit dominanten “Handwerk hat goldenen Boden“-Antisampling-Ideologie lässt sich das kaum verbinden. Wenn Gil Scott-Heron “Mandate my Ass“ fordert, fällt dem Orchesterleiter Matthew Herbert prompt der Taktstock aus der Hand. Aber hey, in der HipHop-Oldschool wurde meistens der ganze Loop und eben nicht nur irgendeine klitzekleine Snare entnommen. Bei House in seiner Frühphase Ende der 80er-Jahre klang das ja wohl auch nicht anders. Und ist damals irgendwer auf die Idee gekommen, an dem Freshness-Faktor zu zweifeln?

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Elektronische Lebensaspekte.