Mit dem Trio MyMy hat Lee Jones sich Minimal-Vorbehalte vom Leib gespielt. Als Electronic Frank schaufelt er sich ein Sahnehäubchen Trance auf den House-Leib.
Text: Bastian Thüne aus De:Bug 127


Scheinbar mühelos, wie die Lockerheit seines Sounds, kam der 35-jährige Lee Jones von England nach Deutschland und damit raus aus den Post-Drum-and-Bass-Gefilden des United Kingdom, in denen er als Hefner wuselte, hinein ins Techno-Nest auf dem Kontinent. Berlin als zweite Heimat ist für ihn beides: Neubeginn und Katalysator zugleich.

Dank Nick Höppner und Carsten Kleemann entdeckte er Techno für sich: “Bevor ich mit Carsten und Nick auf Techno-Partys ging, dachte ich, Techno ist rein funktional. Um 2002 herum, während der Alcachofa-Zeit, merkte ich, dass ist gar nicht mehr das Bumm Bumm Bumm, sondern wirklich qualitativ hochwertige Musik.” Nach dieser geglückten Missionierung schlossen sich Lee, Nick und Carsten zum Minimal-Kollektiv MyMy zusammen und legten mit “Songs for the Gentle” ein herzöffnendes Album auf den Floor.

Aber dass das MyMy-Konzept aufging, ist kein Grund, nicht auch andere Wege einzuschlagen. Carsten spielt weiterhin als DJ, Nick arbeitet für das Ostgut-Label und Lee emanzipierte sich vom Minimal-Sound und produziert nun unter seinem richtigen Namen sehr elegante Tracks mit trancigen Einschüben an der Schnittstelle von Deep-House, Minimal und Cut-Up-House.

Dieser Sound erscheint angesichts seiner Leidenschaft für Cheesecake zwangsläufig. Aber Lee war auch einmal zusammen mit Jacopo Carreras Café-Betreiber und war dort für die Kuchen verantwortlich. “Ich probierte viele Jahre an dem Cheesecake herum. Aber am besten ist er, wenn du saure Sahne und anstatt Biscuits Haferflockenkekse nimmst. Mit viel Butter zerkrümeln, Vanille hineintun und die Créme ganz vorsichtig rühren, damit die Luft nicht entweicht.” Und genauso geht Lee auch im Studio vor: behutsam gerührte Cut-Up-Elemente ergeben ein fluffiges Beatgerüst. Der Schuss Minimal-Ästhetik macht die Tracks schön luftig und ein Teil Trance sorgt für Genuss statt Völlegefühl.

Mit dem Interview-Termin läuft es zunächst weniger glatt. Auf der Record-Release-Party Mitte September im Watergate sagte Lee, dass diese nicht so lange ginge, da sie unter der Woche sei. Und sein adrettes Äußeres mit grauem Pulli und weißem Hemd darunter erwecken auch weder den Eindruck eines Studio-Nerds noch eines AfterHour-Affiniciandos. Trotzdem wunderte es mich auf eine ungewohnt-selbstverständliche Art wenig, dass Lee den Termin am folgenden Abend im Wortsinn verschläft. Danach ging es für ihn ersteinmal Freitags wieder die ganze Nacht in die Bar 25, von dort ins Flugzeug nach Mailand auf eine Party, auf der Nick und er als Live-Act eine Nacht beschallten.

Montags kam er entsprechend erschöpft zum zweiten Interviewtermin. Lee lebt diese für Techno-Biographien typische Trennung von Wochenende und Woche, schaut aber dennoch nach vorne, ohne sich nach diesem Marathon zurückzuziehen. “Jetzt muss ich erst mal überlegen, wo ich vor zwei Wochen war. Die letzten 14 Tage habe ich komplett damit verbracht meinen Live-Act vorzubereiten und nun war ich das ganze Wochenende unterwegs und muss mich wieder daran erinnern, was vor dieser Zeit war.”

Schwierigkeiten bereitet ihm allenfalls sein in England absolut gewöhnlicher Name, der ihm dank des Schauspielers Tommy Lee Jones und der Sängerin Ricky Lee Jones auch die oberen Ränge bei Google verwehrt. Übel nimmt er es ihnen nicht. Schließlich wären die beiden vor ihm dagewesen und er sei sehr begeistert von ihren Künsten.

Das Lee “Electronic Frank” Jones mit seinem alltäglichen Namen dennoch bald bessere Google-Rankings haben dürfte, ist weniger einer kühl-kalkulierten Offensive geschuldet: “Eigentlich war es ein Witz eines meiner besten Freunde, der das Cover gestaltete und den Titel als Platzhalter für den Text einsetzte. Es ist ein alter Spaß zwischen uns, seitdem ich mit dem Produzieren elektronischer Musik anfing. Electronic Frank klingt, wie wenn du ein Büro hast und das dann als Signatur auf deine Briefe stempelst (lacht). Vielleicht sollte ich auf das nächste Album ’produced by Electronic Frank’ schreiben.”

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Elektronische Lebensaspekte.