Das Sheffielder Industrial-Trio Cabaret Voltaire ist einer der legendären Vorläufer elektronischer Tanzmusik. Bevor sie sich von John Robie auf Disco remixen ließen und noch viel früher, bevor Gründungsmitglied Kirk als "Sweet Exorcist" auf Warp landete, unterwarfen sie sich autodidaktisch den Maschinen im Geiste von Burroughs und Brian Gysin. Eine neue CD fasst diese Phase von 74 bis 78 zusammen.
Text: Ulrich Gutmair aus De:Bug 73

Die Psychedelic der Enfremdung

“Exhaust, exhaust, exhaust, exhaust.” Man schreibt das Jahr 1974, und drei junge Männer, Kirk, Mallinder und Watson sitzen in der Mansarde einer elterlichen Wohnung in Sheffield und hantieren mit elektronischen Gerätschaften, Tapes und Effektgeräten. Dabei entsteht unter anderem das vier Minuten und 45 Sekunden lange “Exhaust”, in dem nur zweierlei zu hören ist: An- und abschwellender White Noise sowie eine verzerrte Stimme, die auf zwei unterschiedliche Weisen das Wort “Exhaust” artikuliert, zweimal eher kurz, dann einmal gedehnt, dann wieder zweimal kurz, und so weiter. Mit diesem Twostep des Worts startet die erste von insgesamt drei CDs bisher unveröffentlichter Stücke aus den Archiven Cabaret Voltaires, die sich in den Händen des Nachlassverwalters Richard H. Kirk befinden und jetzt unter dem Titel “Methodology ’74 / ’78. Attic Tapes” auf Mute veröffentlicht wurden.

Mit “Methodology” hat Kirk ziemlich genau den Umstand beschrieben, dass das junge Trio, anfangs alle unter 20, hier noch mit den musikalischen Methoden experimentierte, die Cabaret Voltaires Musik auf die eine oder andere Weise noch lange bestimmten: Wiederholen, Verfremden, Auseinanderschneiden und Stück für Stück wieder zusammenfügen.

“Exhaust” hat wie viele der Stücke der Box, die aus den Jahren 1974 bis 1978 stammen, ihren Titel erst vor kurzem bekommen, als Kirk aus einigen Stunden Material diejenigen Tracks herausgefiltert hat, die immer noch Bestand haben. “Exhaust” ist typisch für die erste Periode bis ca. 1976: Es dominiert der experimentelle Umgang mit Synthesizern und anderem elektronischen Gerät, das vor allem dazu benutzt wird, Gitarre, Drumcomputer und diverse andere Tonquellen zu verfremden. Das führt manchmal zu einer Form von minimalistisch-industriellem Free Jazz, etwa auf “Treated Clarinet”, das genauso klingt, wie es heißt. Beats sind in der ersten Phase eher selten zu hören, es dominiert ein Gefühl von Stetigkeit, wie sie die schweren Maschinen der Industrie hervorbringen, einen durchaus psychedelischen Sound der Entfremdung. Roxy Music waren die Band der Stunde, und Brian Eno, der Keyboarder der Band, verkündete in Interviews, dass jeder Musik machen könne. Cabaret Voltaire nahmen den Mann beim Wort und ließen sich von ihrer schwerindustriellen Umwelt inspirieren, die gerade dabei war zu verfallen, wenn sie nicht schon seit den letzten Kriegsjahren zerbombt war, als es deutsche Flottenverbände auf die nordenglische Industrieproduktion abgesehen hatten. “Entschuldige, wenn ich darauf hinweise”, sagt Kirk. Ein Tal voller Fabriken, Baulücken, wo einst Häuser standen, und die brutalistische britische Architektur der 60er dominierten die Stadt, die heute mit Shopping Malls und Drive Ins überzogen ist, wie Kirk klagt.

Technik statt Handwerk

Cabaret Voltaire gehörten dank der Fürsprache von Journalisten wie Jon Savage bald der vordersten Front einer kleinen, aber einflussreichen Bewegung an, die sich dank Throbbing Gristles PR-Arbeit das griffige Label “Industrial” zugelegt hatte. Auf “Methodology” lässt sich en detail die Ironie dieser Geschichte anhören: Junge Leute, die Zeuge des Verfalls der alten Industrien werden, produzieren in Bezug auf eben diese Industrie die erste postindustrielle Musik.

Dabei sind die frühen Cabs vor allem von Gitarrenmusik aus den Sechzigern inspiriert: Stones, Kinks, Stooges, Velvet Underground, 13th Floor Elevators, Seeds. Diesen Einfluss kann man allerdings eher auf Stücken der zweiten Phase hören, in denen Cabaret Voltaire eine immer noch frisch klingende Idee von Pop entwickeln. Auf “No Escape” von ’78 etwa ist ein psychedelischer Westcoast-Einfluss unüberhörbar. Natürlich seien später auch German Bands wie Can, Kraftwerk, Neu sowie James Brown und Dub dazugekommen. Auch letzeres lässt sich gut nachvollziehen, etwa bei Stücken wie “Talkover”. Überhaupt habe man sich immer als “experimentelle Popband” verstanden, und sowieso habe keiner eine nennenswerte musikalische Ausbildung genossen, sagt Kirk.

Einer der wichtigsten Einflüsse auf die generelle Idee, wie Cabaret Voltaires Musik klingen sollte, zu deren Fans sich später New Yorker HipHop-Produzenten ebenso zählten wie diverse Technomeister aus Detroit, dürfte wohl die Lektüre von Burroughs und Gysin gewesen sein, eine Vorliebe, die sie mit Throbbing Gristle genauso teilen, wie einen dem Stand der Technik entsprechenden Sound. Tatsächlich sind einige der frühen Texte aus Cutups entstanden, die erste EP der Band sollte ursprünglich auf TGs “Industrial Records” erscheinen. Dabei wirken Cabaret Voltaire im Vergleich zu der aggressiv-hysterischen Haltung der frühen TG trotz aller Krassheit eigentlich immer zurückgelehnt, als hätten sie sich vollständig Apparaten unterworfen. Eher als Ausnahme erscheint da der Klassiker “Nag Nag Nag”, der hier in seiner Ur-Version zu hören ist. Auch in den anderen Stücken von Phase zwei ist der jetzt einsetzende Punk Einfluss unüberhörbar, etwa in “Do the Mussolini (Head Kick)” oder “Baader Meinhof”, das die unvermeidlichen O-Töne bringt und als Idee bald darauf ironischerweise von Eno geklaut wurde.

Insgesamt klingen die Stücke aus ’77 und ’78 seltsam zeitlos und außerdem wie Musik, die unter dem Einfluss von J.G. Ballard entstanden sein könnte. Als der Name fällt, fangen Kirks Augen zu leuchten an, man hört es durchs Telefon. Na klar, Ballard hat er dauernd gelesen, überhaupt sei der Mann einer der besten Schriftsteller überhaupt. “Die Gegend in Sheffield, in der wir gelebt haben, das fühlte sich so an wie in ‘Atrocity Exhibition’.” Dann kam Thatcher, die der Arbeiterklasse den Rest gab, und der Miners’ Strike, der quasi zum Ausnahmezustand führte. “There was almost a revolution, which didn’t happen, unfortunately.”

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Elektronische Lebensaspekte.