Erick Sermon und Parrish Smith erfanden 1988 den Funk im HipHop neu. "Strictly Business" steht immer noch als ein Fels von einem Album da. Zwanzig Jahre später nennen sie ihr neues Album "We mean Business" – beteuern aber, dass sie nur aus Spaß an der Freude im Studio waren.
Text: Jan Kage aus De:Bug 128


Die George Clintons von heute – Back in Business

Als sich Ende der 80er Jahre eine dritte Generation von Rapgruppen wie N.W.A., Public Enemy, Ultramagnetic MCs und Jungle Brothers anschickte, die Staffel von Eric B and Rakim, Run DMC und Boogie Down Productions zu übernehmen und mit Funksamples und Slangtalk die Golden Era des Rap einzuläuten, da waren auch EPMD ganz vorne mit dabei. Ihr Album ”Strictly Business“ holte 1988 Gold und wurde zum Meilenstein der Rapgeschichte, denn die Art und Weise, wie hier abseits von James Brown im Funk-Fundus gesampelt wurde, die Nonchalance der genuschelten Raps auf Klassikern wie ”You Gots To Chill” und ”It’s My Thing” … all dies gilt als Blaupause für den HipHop der 90er und Platten wie Dr. Dres ”The Chronic“. Allein die Bassline von ”It’s My Thing“ wurde ungezählte Male wieder gesampelt und war Basis für Hits von Jay Z (Ostküste) bis Tha Alkoholics (Westküste).

Erick Sermon und Parrish Smith, beide Jahrgang 1968, lernten sich bereits in der Schule auf Long Island kennen, bevor sie sich siebzehnjährig als ”Eric and Parish Making Dollars“ = EPMD zusammentaten, um Rapgeschichte zu schreiben. 1990, auf dem Höhepunkt des Erfolges, heuerten sie auf dem Genreflaggschiff Def Jam an und veröffentlichten weitere großartige Alben wie ”Business as Usual“ und ”Business Never Personal“, bevor sie sich 1992 erstmals trennten. Nicht auf Dauer, denn nach erfolgsgekrönten Soloprojekten meldete man sich 1997 mit ”Back in Business“ wieder zurück, allerdings 1999 dann mit dem Album ”Out of Business“ auch gleich wieder ab. EPMD halfen anderen Künstlern wie Das EFX, Redman und Keith Murray ins Geschäft und Erick Sermon produziert heute noch Beats für einige von ihnen. Mit Keith Murray formierte er um die Jahrtausendwende auch noch als Def Squad.

HipHop ist in den 80ern als selbstbestimmte Jugendkultur zu kommerziellem Erfolg gekommen. Dass diese Kultur allerdings den Laden Popbiz übernehmen würde, um von der seichten R&B-Nummer bis zur Rockproduktion alles zu beeinflussen, haben in den 80ern nur wenige geahnt. Auch dass Rapvokabeln wie ”dissen“, ”chillen“ und ”real“ ihren Weg aus der Subkultur bis tief in den Mainstream und auf die Titelseiten ehrwürdiger Zeitungen wie der New York Times finden würden, war nicht abzusehen. Für Erick Sermon, The Green Eyed Bastard, war die Zeit eh zu rauschhaft, als dass er sich etwaigen reflektierenden Spekulationen hingegeben hätte. Heute, anlässlich des Erscheinens des zweiten, lang erwarteten EPMD-Comeback-Albums ”We Mean Business“ allerdings, wirft er gerne einen Blick zurück.

Das Interview findet am Telefon statt. Erick Sermon sitzt im Hotelzimmer in Helsinki, wo er gerade gastiert. Es ist Mittwoch, der 6. November, und CNN hat den ganzen Morgen über nur das eine Thema: Barrack Obama ist zum ersten schwarzen Präsidenten der USA gewählt worden. Das ist zwar nicht der Verdienst von HipHop, aber wer weiß schon genau, welche Rolle der Popularität afroamerikanischer Kultur der 90er Jahre beim Abbau weißer Phobien zupass kommt.

Black President
Dein Kollege Will Smith hat mal proklamiert, er wolle der erste schwarze Präsident werden. Das klang damals, Ende der 80er, genauso wahrscheinlich wie der Titel seines Songs als Fresh Prince mit DJ Jazzy Jeff: ”I Think I Can Beat Mike Tyson“.

Ja, so ist es. Das war unvorstellbar und man hat Witze über die Vorstellung eines schwarzen Präsidenten gemacht. Und ganz plötzlich passiert das 2008 vor unser aller Augen. Wir sind alle ziemlich aufgeregt wegen Obama.

Die Präsidentschaft Obamas ist ja nun nicht der Verdienst von HipHop. Aber genauso wie ein schwarzer Präsident Mitte der 80er noch unvorstellbar war, konnte man sich auch nicht den Siegeszug der HipHop-Kultur und ihre Dominanz im Popmarkt vorstellen. Hast du, als du Mitte der 80er als Teenager anfingst, erwartet, dass HipHop diese Entwicklung machen wird?

Nein, ich glaube, niemand hat erwartet, dass HipHop dermaßen groß werden würde. Russel Simmons, der Gründer von Def Jam Recordings, sagte 1979, dass HipHop den Rock’n’Roll überleben wird. Aber niemand hat sich auch nur vorstellen können, dass es so groß werden würde, wie es jetzt der Fall ist. Dass ich jetzt mit dir telefoniere oder dass ich hier in Helsinki sitze oder nach Hamburg und Deutschland im Allgemeinen reise, in all diese unterschiedlichen Länder! HipHop ist heute überall und das haben nur wenige Musikarten geschafft. Aus New York zu kommen und überall hin zu reisen, das ist schon verrückt. Das hat niemand so erwartet.

Als die Sugarhill Gang Ende der 70er von Farbfernsehern und Swimming Pools gerappt hat, waren das die materiellen Träume unterprivilegierter Jugendlicher, während HipHop sich heute tatsächlich als Karrierechance darstellt. Wie hast du damals HipHop betrachtet und wie siehst du ihn heute?

HipHop ist heutzutage definitiv Mainstream, weil es zum Teil der corporate Culture geworden ist. Das hat ihm etwas von dieser Aufregung genommen. HipHop als Ganzes ist zwar gewachsen, aber es ist nicht mehr die originäre Kultur, wie wir sie noch kannten. Du hast Recht: Als wir anfingen, ging es im HipHop noch darum Spaß zu haben. Es macht zwar auch heute noch Spaß, aber damals noch viel mehr und es war auch sehr viel realer. Es war ehrlicher. Wir haben zwar auch großspurig geredet, aber nicht in dem Maße, wie man das heute macht: das Geld, die Autos und die Herabwürdigung der Frauen. In dieser Hinsicht hat es sich geändert. Und es ist eben eine große Industrie, weil wir die Inhalte nicht mehr so stark kontrollieren können. Das, was man heute HipHop nennt, ist inzwischen einfach überall. Die Definitionsmacht über das, was HipHop ist, wurde der Szene definitiv weggenommen. Orte wie New York haben ihren Biss verloren. Kalifornien hat seinen Biss verloren. Die Kultur hat sich verjüngt. Als wir jung waren, wurden uns die richtigen Dinge beigebracht. Die neue, jüngere Generation aber hat etwas anderes mit auf den Weg bekommen. Es ist schade, dass ich das sagen muss, und andere stimmen mir hier zu: Es ist nicht mehr der HipHop, den wir kennen.

Straighter Talk ohne Schminke
Trotzdem kommt EPMD 2008 mit seinem neuen Album ”We Mean Business“ raus. Außerdem hast du in der Zwischenzeit auch fünf Soloalben veröffentlicht und andere Projekte verfolgt. Offensichtlich hat dir dieser Wandel der Kultur nichts anhaben können. Worum geht es auf dem neuen Album?

Es ist straighter Talk ohne Schminke. Wir sind nicht angetreten, um eine Auseinandersetzung mit dem heutigen HipHop zu suchen. Wir sind definitiv älter geworden. Meine Kinder mögen die aktuelle Musik, weil sie mit ihr aufgewachsen sind. So wie ich selbst mit Run DMC, Rakim und Boogie Down Productions aufgewachsen bin. Aber HipHop macht derzeit auch wieder eine Welle. Es gibt viele Liveshows, die unsere Art Musik zurückbringt. Parrish (Smith) und ich haben dieses Album gemacht, weil die Leute danach gefragt haben. Es ging nicht ausschließlich darum Platten zu verkaufen. Wir haben einfach ein Album gemacht. The real deal, ob es sich verkauft oder nicht. Wir haben da keine Erwartungen und ich hoffe, dass auch sonst niemand welche hat.

Warum habt ihr euch denn nach bislang zwei Splits wieder zusammengetan? Rostet alte Liebe nicht und ihr müsst euch ab und an als Künstler-Team wieder zusammentun oder war die Kohle alle?

Nein, jeder, der mich kennt, weiß, dass ich kein Geld brauche. Ich bin nicht pleite. Darum geht es bei Erick nicht. Außerdem kriegt man sowieso kein Geld, wenn man wie wir jetzt independent ist. Es gibt keinen Vorschuss. Man muss Platten verkaufen, um Geld zu verdienen, und das ist das Risiko, dass man eingeht. Wir tun das, weil wir das auf jeden Fall tun wollen. Und die Produktion hat uns einfach Spaß gemacht. Wir haben das vermisst. Das ganze Touren und der Rest, der damit verbunden ist, macht einfach Spaß. Die HipHop-Heads haben danach gerufen. Wir machen das wirklich nicht wegen der Competition oder weil wir die Kultur verändern oder HipHop zurück haben wollen. Wir wollen einfach mit den Heads, die es hören wollen, unseren Spaß haben.
Wir lieben HipHop. Und auch wenn wir immer wieder mal Probleme untereinander haben und der ganze Kram: Die Dinge halten nicht ewig. Man wünscht es sich zwar, aber so was passiert nun mal. So ist das Leben und das gilt auch für EPMD. Als Parrish und ich auf Def Jam das Album ”Out of Business“ veröffentlichten, hatten die gerade so viele neue Künstler am Start, dass wir für uns das Gefühl hatten, dem Ganzen entwachsen zu sein. Und wir hatten das Gefühl, das Label würde uns nicht mehr so viel Aufmerksamkeit schenken. Wir haben das damals niemandem erzählt, aber wir wussten für uns, dass wir sie nach der CD verlassen würden.

Der Sound des neuen Albums zieht eine Linie zurück zu euren Ursprüngen. Wart ihr euch bei der Produktion eures Debüts ”Strictly Business“ bewusst darüber, dass es ein solcher Meilenstein sein würde?

Nein, wir haben einfach das gemacht, von dem wir dachten, es sei hot, das, was wir selber mochten. Wir wussten nicht so genau, was wir taten, bis es tatsächlich passiert war. Die ganzen anderen New Yorker Rapper sampelten James Brown oder irgendwelche Drums und Breaks. Ich und P hatten eine komplett andere Art Auswahl getroffen: Roger Troutman, Basslines von ”Seven Minutes of Funk“, Parliament, Funkadelic. Die Basslines und Melodien dieser Stücke nahmen wir. Und wir verstanden erst hinterher, dass wir etwas Besonderes gemacht hatten.

Du scheinst nie mit der Arbeit aufgehört zu haben. Mit EPMD hast du sieben Alben und fünf Soloalben veröffentlicht und du hast für andere Künstler produziert. Hältst du dich auf dem Laufenden, was gerade aktuell ist? Wie fühlt man sich als erwachsener Mann in einer Kultur, die so jugendorientiert ist?

Es ist für uns ein Segen, dass wir damals klassisches Material produziert haben, das überlebt immer. Es ist also ganz egal, welche Ära und welches Genre angesagt sind: Klassisches Material übertrifft alles. Wir, die Rakims, Boogie Down Productions, Slick Rick, De La Soul, A Tribe Called Quest: Diese Musik stirbt nicht. Und die gesamte Jugend sampelt diese Musik oder es gibt einen 80er-Revival-Trend oder man versucht die Golden Era zu kopieren.
Natürlich kenn ich MIA! Seit Jahren schon. Ich kannte sie schon, bevor sie ihren Durchbruch hatte. Ich kenne sie seit fünf Jahren. Und der Typ aus Baltimore, der den Baltimore Sound quasi übernommen hat und mit seinem digitalen Zeugs riesig geworden ist: Na klar weiß ich, wer Spank Rock ist. Auch die neue Single ”Universal Mind Control“ von Common feat. Pharrell Williams von den Neptunes: Es ist heute, was es heute ist. Natürlich weiß ich als Produzent darüber Bescheid. Aber es berührt mich trotzdem nicht auf die Weise, dass ich mich auch darauf einlassen müsste. Es ist ein weiteres Kapitel in der Entwicklung von HipHop und das ist großartig. Früher haben wir diese Musik ”House“ genannt. Und jeder Rapper hatte einen House Track auf seinem Album.

Ende der 80er der ”HipHouse“, wie es auch genannt wurde.

Ganz genau. Und das war die gleiche Bewegung, bloß dass sie ein bisschen schneller war.

Tanzen statt kiffen
Das ist ja auch das Tolle, dass Rap auf diese Weise wieder an seine Ursprünge als Tanzmusik zurückgeführt wird, nachdem der Marihuana-geschwängerte HipHop der 90er-Jahre eben eher zum Kopfnicken animierte.

Wir experimentieren auch mit neuen Sounds, aber wir machen als EPMD natürlich einfach, was schon immer unser Ding war. Und die neue Platte ist eine Reaktion darauf, dass die Leute sie wollten und uns auch wieder sehen wollten. Wir hatten überhaupt kein Problem, sie zu machen. Man weiß nicht, was die Zukunft bringt. Aber für uns gilt: Wir konnten nicht zurückkommen und dabei versuchen, irgendetwas anderes als eben EPMD zu sein. Um es kurz zu fassen: Alle anderen machen das Immergleiche wieder und wieder und noch einmal mehr. Warum sollte ich also ankommen und das tun, was sie tun? Das macht keinen Sinn. Es geht darum, originell zu sein. Und originell zu sein heißt, man selbst zu sein. Wir machen HipHop-Musik und der Rest ist uns egal. Wir reimen, die Beats, die Samples – das ist es, was wir machen, das ist die Kultur.

Du hast gerade erzählt, wie ihr damals Parliament, George Clinton und andere gesampelt habt und dass ihr heute selber gesampelt werdet. Kann man sagen, dass ihr die George Clintons von heute seid?

Ja. Die klassischen Tracks gehen der Zeit immer voraus. Man kann gar nicht sagen, wie weit vorne Rakim, KRS One und Public Enemy und EPMD und NWA, auch Special Ed, damals waren. Die Golden Era war eine unglaubliche Zeit in der HipHop-Musikgeschichte. Du musst wissen: Die ganzen Alben aus dieser Zeit wurden ohne Special Guests zum Klassiker. Es waren Gruppen, die das für sich allein gemacht haben, ohne die Unterstützung irgendeines anderen Stars. Und das will ich auch den jungen Leuten sagen: Man kann es auch schaffen, ohne den gleichen Scheiß wie die anderen zu machen. Und da die Kultur nicht mehr uns gehört, muss genau das unsere Strategie sein, um wieder zu gewinnen. Anstatt dass man die gleichen Kollaborationen hat, den gleichen Sound und das gleiche Ding immer weiter wiederholt, nur um zu gewinnen.

Auf dem neuen Album sind Kollaborationen mit euren ganzen alten Freunden wie Raekwon, Method Man und Keith Murray. Ich nehme mal an, dass ihr nicht KRS Ones Manager, sondern ihn selber angerufen habt, um ihn zu fragen. Wie kam es zu den Features?

Ja, wir haben ihn einfach gefragt und ihm gesagt, dass wir eine neue Platte machen würden. Er hat sogar zwei Lieder mit uns gemacht, weil er es so cool fand. Es war ganz einfach: Wir schickten ihm die Beats rüber und er nahm sie auf.

Letztes Jahr hatte der Film ”Wildstyle“ 25. Jubiläum. Wo siehst du HipHop nach dem nächsten Viertjahrhundert?

Er wird dann wieder so sein, wie er damals war, als so viel unterschiedlicher Kram draußen war und jeder davon inspiriert wurde. Ich kann nicht sehen, wie der momentane Trend, bei dem man nicht kreativ ist, sondern das immergleiche Material mit den immergleichen Rappern und Leuten wiederholt, bestehen soll. Ich glaube, das wird die Leute ermüden.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

3 Responses