Aus gegebenem Anlass: Eines der ältesten Feindbilder muss wieder ran. Der Studenten-Habitus, was ist so schlimm an ihm? Studenten fehlt jegliche Schärfe. Punkt.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 83

Leinenhalbschuhe / An der Kurve der Style-Spirale

Aus gegebenem Anlass: Eines der ältesten Feindbilder muss wieder ran. Der Studenten-Habitus, was ist so schlimm an ihm? Studenten fehlt jegliche Schärfe. Punkt. Sie sind haltungsfaule Liberale, geboren aus privilegierter Sicherheit. Ohne Kampf kein Stil. Beatniks und Punks haben sich ja nicht gegen die Weiße-Kragen-Mafia über ihnen aufgelehnt, die haben nämlich in ihrem selbstverherrlichenden Profit-Kampf einen klaren Stil – Respekt, ihr Arschlöcher. Nein, Beatniks und Punks haben sich gegen die studentischen Schlaffis neben ihnen aufgelehnt – Verachtung, ihr Gutmenschen.
Studenten können weder tanzen noch eine Bierflasche mit der Augenbraue öffnen noch eine Krawatte binden – also so gar nichts, womit man eine Position beziehen würde. Und außerdem tragen sie Leinenhalbschuhe zum Schnüren. Autsch.

Leinenhalbschuhe – jetzt sind wir am Punkt. Jedes Kleidungsstück kann umgedeutet werden. Der historische Moment muss nur stimmen. Für den Leinenhalbschuh stimmte der Moment 1980. Punk war so was von durchgereicht und damit das letzte Extrem an anti-bürgerlicher Uniform, das umgekippt war. In die Richtung gab es kein Weiter mehr. “Also – was werden wir tun? Gehen wir alle nach Hause und legen uns schlafen?” (Die Regierung, “So drauf”, L’Age d’Or.) Nein, in New Yorks Vorstädten kam eine kleine, unorganisierte Gruppe auf den richtigen Trichter: Wenn Provokation Alltag ist, dann machen wir den Alltag zur Provokation. Wir sehen so studentisch normal aus, dass es gefährlich wird. Bundfaltenhosen, rasierte Nacken und – Leinenhalbschuhe. Nägelkauende Suburb-Bands mit ihren hippeligen 60s-Verballhornungen wie The Bongos, dB’S oder Feelies lichteten sich ostentativ so ab, dass man sich nach zwei Sekunden garantiert nicht mehr an sie erinnerte; bis man nachts angstgebadet mit ihrem Foto vor Augen aufschreckte: Sind das die Schläfer im Namen der Revolution?

(hier Fotos der Feelies)

Und wo stehen wir heute? An der gleichen Kurve der Style-Spirale. Schrill ist schick, Geiz ist geil, Deregulation der dernier cri. Wer es in dieser Situation zynisch findet, dass man mit anti-kapitalistischer Garderobe die allerkapitalistischsten Funktionen erfüllt heutzutage, dem/der seien folgende Waffen im Kampf gegen einen bigotten Zwang zur Unkonventionalität empfohlen: unsere Galerie von Leinenhalbschuhen für Normalo-Rebellen.

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Elektronische Lebensaspekte.