Ode an die Nacht
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 117


House ist ein merkwürdiges Biest und Lerosa sein feinfühliger Dompteur. In Irland empfing der gebürtige Italiener die Detroiter Weihen, jetzt machen seine Tracks deepe Wellen. Gepriesen sei House und seine Offenheit.

House ist beständig. Im Umfeld elektronischer Musik war das lange ein Grund, House fast als statisch zu sehen. Als einen Nullpunkt. Nach ersten fast wöchentlichen Explosionen war die Entwicklung gelegentlich so langsam, dass nur an den Rändern dessen, was House zu einem Rückrad des Dancefloors seit zwei Jahrzehnten macht, festzustellen war, dass es sich – auch jenseits der technologischen Parameter von Musik – entwickelt. Irgendwie hatte Techno die Funktion des Fortschritts übernommen und House schien zu einem klar umrissenen Genre geworden zu sein.

Und fast immer waren es vor allem die leichteren Momente, die der Gimmicks, in denen man diese Entwicklung feststellen konnte, gleichzeitig aber blieb das Gebilde House davon in seinen Grundfesten völlig unberührt. House ist immer schon Tiefe und Leichtigkeit in einem. Aber zugleich auch ein Genre, oder vielmehr eine Haltung, die ihre eigene, oft zersplitterte Geschichte in sich trägt und immer wieder in den richtigen Momenten darauf verweist, dass nichts schwieriger ist, als House wirklich auf einen Stil zu reduzieren. Und je deeper es bei House wird, desto geschlossener wirkt es, desto uneinsichtiger sind die Referenzen und Gründe, House zu machen, zu hören, an House zu glauben, und mitten in der viel beschworenen Deepness zeigt sich nicht selten dann auch wieder die Freude an den Entdeckungen eines Undefinierbaren von House.

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Italien + Irland = Detroit

Leopoldo Rosa ist ein Römer. Italien war – besonders in der Anfangsphase von House und in der ständigen Wiederholung der Ausgangspunkte – immer schon wichtig für Housemusik. Damals lagen hier Kitsch und Innovation nahe zusammen und die Auswirkungen oder das Zusammenspiel von Italo und House sind immer wieder in Wellen überdeutlich zu spüren. Seit über zehn Jahren aber lebt Rosa in Dublin und ist dort nicht nur von der Detroit-Dublin-Achse infiziert worden, sondern auch von der Tradition elektronischer Musik Englands, die ihre Wurzeln selbst bis tief in die Bereiche dessen, was man später mal IDM nannte, aus Detroit zieht. Seit zwei Jahren nun releast er – zunächst auf dem Traditionslabel D1 – Platten, die das Herz von House treffen, in dem sie viel von der Geschichte bewahren, gleichzeitig aber auch eine Komplexität und Tiefe haben, die ihn zum Zentrum einer neuen Housebewegung machen könnten.

In Lerosas Tracks spürt man z.B. seine Vorliebe für Drexciya genauso wie die für frühe Chicagohouse-Platten, man fühlt in den Beats, dass er nicht eine Sekunde an eine abstrakte bereinigte Housegeschichte gerader Beats denkt, sondern den Groove immer aus etwas herausbricht, das in sich schon Tiefe trägt. Seine drei EPs dieses Jahr für Enclave Recordings, Real Soon und A Touch Of Class rufen einem nicht nur die Momente zurück, in denen Legenden wie Fragile und Carl Craig entstanden, sondern sind immer auch Oden an die Nacht. Bei aller Intensität der Grooves schweben die Sounds in einem Medium, das, ähnlich wie Drexciyas tiefer Unterwasserglaube, nicht einfach die Luft ist, durch die sich die Klangwellen verbreiten, sondern etwas Dichteres, in dem Sounds ihre eigenen Wellen fast sichtbar zu schlagen scheinen.

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Zeit-Zeichen

Wie bei The Other People Place sind auch seine Tracks von einem eigenwilligen Spiel zwischen Intensität, Funk und Tiefe getragen, die seinen Stücken ein völlig eigenes Flair geben. Gleichzeitig aber sind sie so eingebettet in die besten Momente der langen Geschichte von House, dass man die langsame Verschiebung, die in der Ruhe liegt, die Brüche und das ständige Aufbrechen, die Macht der Tracks eben, gar nicht überhören kann. Plötzlich wird aus einer Bassline Acid, die HiHats setzen zu flirrendem Funk an, das durch den Track führende Saxophon oder Pianosample bekommt in einer ganz anderen Umgebung dennoch keinen anderen Sinn, und immer wieder scheint Lerosa auf einer EP die Genres zu wechseln, bleibt aber unverkennbar bei seinem Stil, der eben diese Offenheit in sich trägt.

Wie ein Zeichen für eine Zeit, als House von schweren Beats zu leichtem Klimpern übergehen konnte, ohne daran zu zerbrechen und sich teilen zu müssen, und wie ein Zeichen für eine Zeit, die nicht vergehen kann, weil sie sich eben einfach nicht nach den Parametern der Linearität richtet, sondern nach den ganz eigenen Gesetzen von House, die zur Zeit kaum einer besser zu verstehen scheint als Lerosa.
http://www.myspace.com/lerosa

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Elektronische Lebensaspekte.