Text: jesper schäfers aus De:Bug 24

Zunächst durfte ich erleichtert feststellen, daß meine umfangreiche sprachliche Vorbereitung auf dieses Interview völlig umsonst gewesen ist. Die letzten drei Tage krönte französisches Fernsehen (TV5) meinen Abend, weil dieser Jacques Lu Cont, der für Les Rythmes Digitales verantwortlich zeichnet, nun wirklich alles daran gesetzt hat, nach aussen den Anschein zu erwecken, er sei Franzose. Aber den untrüglichen Gegenbeweis zu meiner Annahme liefert der rothaarige Knallkopf sofort selbst, indem er fliessend Englisch spricht. Natürlich kippt mit dieser überraschenden Erkenntnis meine schön zurechtgelegte Interviewstrategie, und ich kann seine Musik nicht mehr auf den übermässigen Konsum von Croissants, Milchcafé und Boule spielen zurückführen. Mais c’est la vie, n’est-ce pas? Auch eine Art mit seiner Vergangenheit fertig zu werden. Es verhält sich nämlich in dem Fall “Darkdancer” in etwa wie mit diesen Typen, die heutzutage, als Zwanzigjährige, die Musik der späten Sechziger nachspielen, re-interpretieren und dann plötzlich von Rober Plant und Jimmy Page gebeten werden, sie als Liveband auf der nächsten Tour zu begleiten. Wie gesagt, in diesem Fall nur in etwa, weil Jacques Lu Cont immerhin theoretisch die Möglichkeit gehabt hätte den ganzen 80iger Kram wie du und ich in Echtzeit mitzubekommen, hätten seine Eltern nicht vorsätzlich einen Konzertpianisten aus ihm machen wollen. Übrigens: Sein Bruder ist Bankangestellter geworden und fasst seit Jahren kein Instrument mehr an. Aber die Geschichte lest bitte in der nächsten Ausgabe von Banker’s Trust… DEBUG: Also, deine Eltern zwangen dich schon im zarten Alter von nur fünf Jahren zum Klavierspielen? Hey, im Vergleich zu den Millionen Autodidakten, die sich in der Electronic-Music-Scene stapeln, hast Du damit einen unglaublichen Vorteil in der Tasche. Jaques Lu Cont: Naja, wenn du kaum theoretisches und praktisches Wissen über Musik besitzt und dennoch die Energie hast, dich mit einem komplizierten Instrument wie einem Synthesizer oder Sampler auseinanderzusetzen, dann machst du Sachen aus dem Bauch heraus, die ein ‘richtiger Musiker’ niemals tun würde, da es einfach FALSCH! ist. Tja, und irgendwelche Typen holen gerade weil sie etwas unbeabsichtigt falsch machen genau das Richtige aus ihren Kisten heraus. Manchmal bin ich direkt neidisch auf diese unschuldigen Künstler (lacht), denn sie sorgen tatsächlich für Innovationen: Denk an Todd Terry oder Armand Van Helden im Bereich der Housemusik oder viele der Drum&Bass-Producer – von denen kann keiner Noten lesen, geschweige denn ein Instrument spielen – und dennoch haben sie der zeitgenössischen Musik frische Impulse gegeben. Andererseits weiss ich eine Menge über Harmonie, Rhythmus, Struktur, Textur, Akkorde und Komposition und – ok, ich geb’s zu – es ist ein verdammter Vorteil, denn ich muss nicht lange fackeln bis ein Melodiebogen sauber klingt, ich spiele ihn einfach ein, und habe mehr Zeit über das gesamte nachzudenken. DEBUG: Du sagtest, deine Eltern wären sehr streng gewesen, und Popmusik stand in eurem Elternhaus auf dem Index. Was haben die den gesagt, als du mit Techno-Equipment angerückt kamst? Damit hast du den Flügel im Wohnzimmer noch drastischer entweiht, als es einer harmlosen Single der Pet Shop Boys im Haushalt echter Konzertpianisten jemals möglich war, oder? JLC: Am Anfang wars schon schwierig. Als ich den ersten Synthie nach Hause schleppte, haben sie schon schnippisch geguckt, aber… (zögert) als ich zehn, elf Jahre alt war, litt ich an einer starken Depression. Niemand verstand wieso, denn ich war gut in der Schule, zuhause hatte ich offenbar alles, was ein Junge brauchte und trotzdem wurde ich psychisch krank. Meine Eltern brachten mich in eine Klinik, weil sie nicht wussten, was sie machen sollten. Nachdem ich wieder entlassen wurde und zurück nach Hause kam, vermieden meine Eltern natürlich alles, was mich wieder hätte zurückfallen lassen können. Also liessen sie mich einfach machen. heute machen meine Eltern allerdings keinen Hehl daraus, dass sie die Musik die ich mache eher verabscheuen. Für sie bleibt es schlechte Pop-Musik. Lediglich der Umstand, dass ich mit diesem Müll tatsächlich Geld verdiene, um die Welt toure und Interviews gebe entlockt ihnen etwas Respekt. DEBUG: Woher kommt eigentlich deine für Engländer so untypische Francophilie? Auf deinem Debüt-Album “Liberation” tragen alle Titel französische Namen, z.B. “La Solution” oder “Vive Le Velo”, und dass dein Alter Ego lediglich ein nom-de-guerre ist, kann man deshalb schwer erkennen, weil es auf dem Cover sogar heißt: ‘Ecrit et produit par Jacques Lu Cont ˆ Midivalle, Paris’. Hey, ist das gezielte Desinformation? JLC: Meine Eltern sind Engländer, und als meine Mutter mit mir schwanger war sind sie nach Frankreich, genauer: nach Paris, gefahren und ich erblickte das Licht der Welt in der Stadt der Liebe. (lacht) Ehrlich! Naja, sie gaben mir zwar diesen typisch-englischen Namen ‘Stewart’ – der steht in meinem Reisepass – aber gerufen haben sie mich immer ‘Little Jacques!’. Das habe ich so sehr verinnerlicht, daß ich mich selbst, nach wie vor, Jacques und nicht Stewart nenne. Naja, der ‘Nachname’ Le Cont ist eine unbeholfene Adaption des englischen Wortes ‘Cunt’. Immer wenn mich jemand mit Mr Jacques Lu Cont anredet, könnte ich mich kaputtlachen! Dann weiss ich wieder, warum ich das alles überhaupt mache: Ich möchte einfach Spass haben. (lacht) DEBUG: Auf deinem neuen Album arbeitest du unter anderen mit Nik Kershaw und Shannon zusammen. Zwei Gallionsfiguren der Achtziger, deren Stimmen ich allein deshalb nie vergessen werde, weil meine jüngere Schwester seinerzeit die bessere Anlage hatte und meinen müden Cassettenrekorder immer übertönte, wenn sie es wollte. Und “Wouldn’t It Be Good” oder “Let The Music Play” waren für sie immer zwei verdammt gute Gründe, während ich auf irgendwelchen Drogen nebenan hockte und darauf wartete, das dieser Kelch an mir vorüberging. JLC: Nik Kershaw hat mich angerufen, nachdem mein Manger lanciert hatte, daß ich mit ihm zusammenarbeiten wolle. ‘Hi, hier ist Nik Kershaw. was möchtest Du von mir?’ Ich war überrascht, aber froh, und stellte erstmal klar, dass es mir nicht darum geht, ihn als Zugpferd zu missbrauchen, sondern seine wunderbare Stimme in einen meiner Tracks zu integrieren. Wir haben dann die Aufnahmen in seinem Studio gemacht und ich habe es daheim in den Track eingebaut. Es war sehr easy und angenehm. Mit Shannon war es ein wenig anders: Sie kam mit ihrem Roadmanager vorbei und der hat erstmal erklärt wie die Sache läuft. Wenn du mit einer Electronic-Disco-Diva arbeitest, muss man offenbar strikte Regeln einhalten. Pro Stunde 15 Minuten Pause, alle 10 Minuten ein Glas frisches Mineralwasser usw. Aber letztenendes hat es doch hingehauen. Und als Person gesehen ist Shannon einfach unglaublich liebenswert. Und wie du hören kannst, hat sie immer noch diese starke Stimme. Ah, Let The Music Play.”

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Elektronische Lebensaspekte.