15 000 Zeichen aus Achim Szepanskis' Erstling
Text: Achim Szepanski aus De:Bug 149

CC-BY LonePlacebo

Achim Szepanski, Macher von Force Inc und Mille Plateaux, hat sich die letzten Jahre bedeckt gehalten, jetzt bricht er das Schweigen und zwar ziemlich gründlich: 2011 erscheinen gleich zwei Romane aus Szepanskis Feder und sowohl “Verliebt ins Gelingen” als auch “Saal 6” sind wortgewaltige Wälzer mit mehr als 500 Seiten. Als Kostprobe drucken wir vorab eine Passage aus “Saal 6”, der in der Bankerszene spielt und sich anhand von minutiösesten Details und einem Wahn an Vermengung zwischen Geld, Revolution und Sex zu einem Word-Tsunami aufbäumen. Die Handlung ist in der nahen Zukunft angesiedelt, Protagonisten sind die Top-Manager der fiktiven Esperanto-Bank Dr. Dr. Hanselmann und Sam Kimberlay.

Der Himmel ist trüb und dunkel, rund 1350 Polizeibeamte sind in den Geschäftszentren großer Banken in der Innenstadt von Frankfurt im Großeinsatz. An der von einer Expertenkommission des Bundeskriminalamtes mithilfe der Anwendung des Instrumentariums der Reaktionsdiffusionsgleichungen strategisch bis ins kleinste Detail vorbereiteten Großrazzia, wobei die Computer die lokalen stochastischen Interaktionen von Individuum und Computer zur Verhinderung der Ausbreitung von Kriminalitätsmustern schon im Vorfeld nach einem Aktivator-Inhibitor-Modell berechnet hatten, sind unter anderem hochrangige Beamte der Steuerfahndung und des Bundeskriminalamtes an den Durchsuchungen beteiligt, wie die Generalstaatsanwaltschaft in Frankfurt auf einer Pressekonferenz um 15:00 Uhr im Römer auch bekanntgeben wird. Es geht bei den ins virtuell kontrollierende Fahndungsvisier des BKA geschlitterten Banken und auch bei den privaten familieneigenen Gesellschaften der Geldverwertung offenkundig um die Hinterziehung von Steuern in Millionenbeträgen, die insbesondere durch den Handel von Emissionsrechten für Treibhausgase, Vulkanasche und Wüstensand erzielt worden waren. Es werden unter anderem auch Büroräume der Deutschen Bank und der Esperanto Bank durchsucht, das bestätigt auf N-TV ein Sprecher der Esperanto Bank im Mittagsmagazin um 10:24 Uhr. Laut Onlinenachrichtendiensten wie Spiegel-Online.de oder Bild.de fuhren vor dem Gebäude der Esperanto Bank am nördlichen Mainufer die ersten Wagen schon gegen 8:20 Uhr vor. Die Flagge der Esperanto Bank wehte angeblich faltenlos in einer frischen Brise vom Main, was für Frankfurt eher unwahrscheinlich ist.

Circa fünfzig hightechnologisch abgepolsterte Fleischklöpse, die ansonsten hauptberuflich meistens in den Umgebungen des Stadtwaldes im Einsatz sind, besetzen im Moment das Kundenberatungszentrum im Erdgeschoss der Esperanto Bank, formieren das Spalier für eine zwanzigköpfige Gruppe um den Computerspezialisten MC Iwan, einem Spezialisten für das Scannen von verschlüsselten und geheimgehaltenen Finanzdaten, der seine Aktionen immer ohne größere Vorwarnungen ankündigt, um O-Ton sekundengenau zuzuschlagen. Die Ermittlungen richten sich nach Angaben der Justizbehörden gegen exakt dreiundneunzig Beschuldigte, darunter fünfzehn von der Esperanto Bank, aber angeblich nicht direkt gegen Dr. Dr. Hanselmann, der um 10:55 Uhr immer noch ganz besonnen mit einem MP3-kompatiblen Yamaharekorder in der Hand auf der weißen Couch von Sam Kimberlays Büroraum abhängt, seit mehr als zehn Minuten vereinzelte Kommentare des Nachrichtensprechers auf N-TV eher süffisant als nachdenklich resümiert. Der finanzielle Schaden der illegalen Transaktionen und Transferierungen beläuft sich für den Staat angeblich auf 300 Millionen Euro, wobei nach laufenden Ermittlungen der Umsatzsteuerbehörde UMSTWBFGD die beteiligten Banken und Unternehmen ein sogenanntes Umsatzsteuerkarussell gebildet, Emissionsrechte aus dem Ausland bezogen und diese im Inland über eine Kette von zwischengeschalteten Gesellschaften in der Rechtsform der GmbH & Co KG weiterverkauft, dabei weder Umsatzsteuererklärungen bei den zuständigen Steuerbehörden abgegeben noch Umsatzsteuer bezahlt hatten und das jeweils letzte Glied in der Kette der Unternehmen hatte die Zertifikate dann wieder ins Ausland vertickert, um die Umsatzsteuer vom deutschen Finanzamt erstattet zu bekommen. Nichts umwerfend Besonderes, meint Dr. Dr. Hanselmann, sitzt leicht nach links versetzt vor der vor ihm stehenden Sam Kimberlay, kneift die Knie eng zusammen, presst den Rekorder an das linke Ohr und fährt den rechten Ellbogen aus wie ein Rabauke, der bereit ist, auf die heran stürzenden hightechgeschützten Polizeigestalten einzudreschen, um dann selbst kreischend oder wimmernd davonzurennen.

Er selbst hatte die letzte Nacht gemeinsam für circa zwei Stunden mit der Tabletänzerin Sylvie den Technoclub Cocoon besucht, eigentlich hundertpro out der Club, wie ihm Sylvie hieb- und stichfest schon im Taxi erklärt hatte. In einer eiförmigen, beigen VIP-Lounge erzählte Sylvie ihm auch stundenlang davon, dass sie zusammen mit ihm im unheimlich hippen Frankfurter Westhafenviertel unheimlich gerne ein dreistöckiges Loft kaufen würde, ein paar Designer-Möbel von Monet, Hightechküche, mit Orchideen und Palmen bepflanzte Terrasse und etwas Kunst à la Neo Rauch, Gregor Schneider oder Thomas Demand. Im neondurchleuchteten Flur trafen die beiden Turteltäubchen auf das einförmige Gebrüll einer brasilianischen Sambagruppe, die barfuß – die Mädchen mit Bikinis der brasilianischen Nationalfarben bekleidet und langem Federschmuck auf dem Kopf – an ihnen rattengeil vorbeitanzten, außerdem auf eine Unzahl braungebrannter, älterer Männer mit faltengeworfenem Gesicht und auf ein paar sehr junge braungebrannte Mädchen ohne Falten, makellos. Einen bekannten Fernsehschauspieler am Ende des Flurs erkannte Sylvie im Blitzlichtgewitter trotz seiner schrecklich großen Sonnenbrille, blondgetöntem Haar und weißem Jackett sofort wieder. Zuvor musste man schon im Fahrstuhl, der zu den VIP- Loungen im zweiten Stock führt, mitanhören, wie eine weiterer Schauspieler mit München- Frisur einem Gazellenmädchen, auf jeden Fall mammutmäßig fitnessstudio- und wasserbettgestählt, vorlamentierte, dass die Filmindustrie ihn derzeit komplett schneidet, während das Mädchen ihn mit pathologischen Double-bind-artigen Gesten – sie trug einen paillettenbesetzten Disco-Romper, so nennt man Overalls in Hot-Pants-Länge – eindeckte und -dickte und in American English auf ihn einredete und davon erzählte, dass der Liftboy im Boundies-Hotel am Westhafen in seiner Freizeit Tabletänzer ist, und der Schauspieler kicherte nur zurück und sagte: Siebenstellig wird der nicht. Nach entspannungstechnischen Kriterien war der Abend für Dr. Dr. Hanselmann eine einzige Katastrophe gewesen, denn Sylvie pappte ihn mit unendlich quälenden und ellenlangen Storys aus dem Celebreties-Milieu zu, als ob sie vom Pornographischen umfassend besessen gewesen wäre, und in filmischen Sexgesten machte Sylvie ihm den Kussmund von der Monroe bis zur Alba, koaleszierend mit dem typisch entblößten Nacken, und summte dabei abwechselnd die neuesten Melodien von Lady Gaga oder Lena.

CC-BY César Ochoa

Dr. Dr. Hanselmann gibt echt ein Lebenszeichen, er gähnt, wobei ein eigentümlicher und unbeschreiblicher Knoblauch-Vitamin-E-Gestank seinem Mund entweicht, der Sam Kimberlay beinahe die Tränen in die Augen treibt. Welche Falschticker der Esperanto Bank bei diesen unprofessionell durchgezogenen oder einfach nur plemplemoiden illegalen Finanztransaktionen die Finger mit im Spiel hatten, komplett Durchgeknallte oder zahnlose Raubtiere in der dritten Person Plural, aber doch verbissen am Rentierdasein mit Gaggenauküche, Gegenwartskunst und Langeweile-zum-Tode arbeitend oder prozessierend, was Dr. Dr. Hanselmann auf die gleiche Art und Weise faszinierend wie etwa die Cyberwaraufnahmen im Irankrieg findet, die ihm am Arsch vorbeigehen, das wird er noch herausfinden. Die Marotten oder Spleens einiger Broker in den Front-Offices wird ihn letztendlich schon auf die richtige Spur bringen, denn diese Händler verhandeln zeitweise doch ziemlich lautstark und unflätig oder unvorsichtig mit Fondsmanagern oder Maklern, und er kann sich nur allzu gut vorstellen, dass man auch beim Abhören der Tonbandaufzeichnungen mehr als nur einen Hinweis auf die illegalen Übermittlungen von Geschäfts- und Finanzdaten erhält, nebst des absolut scheußlichen Audiokonsums von Tiraden fast intuitiv durchgezogener sexueller Verbalbelästigungen gegenüber Brokerinnen, die seinen Ohrenfetischismus einfach nur noch zum Weinen bringen, scheußlich vor allem deswegen, weil er selbst des Öfteren fast suchterzeugend und fesselnd an seinem Panik-Ego herumbastelt, indem er beispielsweise Sam Kimberlay phasenweise immer noch Eigenschaften zuschreibt, welche angeblich sein Nervenzentren in Gehirn und Rückenmark tatsächlich stimulieren, um ihm ad hoc Impulse über die Penisnerven zum Schwellkörpergewebe zu senden, ohne dass er mit Sam Kimberlay jemals gemeinsam die Detumeszenzphase erreicht oder bewusst eingeschlagen hatte, scheußlich aber auch deswegen, weil seine beste Performance die zugegebenermaßen erstklassige Ambition war, Sam Kimberlay das Design seines Penis gleich der Beschreibung der Eigenschaften eines Porsche-Carrera nahezubringen, was er in der Art eines tolpatschigen Werbesprechers kundtat (die Stimme flach und kräftig zugleich), der den Erwerb eines Reinigungsmittels mit der oralen Säuberung eines Ständers assoziiert, okay, zugegebenermaßen war es von seiner Seite ein höchst solipsistischer Monolog, der sich da in der Kingkamea Suite über dreißig Minuten hinzog, um jedoch letzten Endes die Taktik bzw. Sinn und Zweck der Rückkopplungsschleife drastisch zu vernachlässigen, und bisweilen war es für Sam Kimberlay so belustigend, dass sie sich echt vorstellte, welch ein Segen die von Freud soufflierte Kastrationsangst für die Frau doch ist, und wie kolossal sie selbst doch ihre knallharte, polymorphe (fiktive) Perversität zu inszenieren befähigt ist, während sich das Begehren des Bankers doch bloß ins Artikulationsgefüge der schnöden Repetition stellt, fiktiv mit seinem Sperma konnektierend, spritzend und schneidend, ohne die wunderbaren Maschinentransformationen und maschinellen Übergänge assoziieren zu können, als hätte es nie Intervalle gegeben, die ein Bild von einem anderen durch einen Wimpernschlag trennen, eine Zwischenzeit, in der sich nichts und alles zugleich ereignen kann, oder ihre wunderbare W-Lan-gestützte Kommunikation, die ihren Biofeedback-Körper aus Fleisch, Blut und kybernetischen Stromkreisen ganz gewiss medusenhaft ins rechte Licht rückt, einfach nur noch schön.

CC-BY Randy Le’Moine Photography

Eine der hübschesten Sekretärinnen in der Esperanto Bank stürzt ins Büro, als ob sie kurz vor dem Defibrillieren wäre, alles angeblich nur, um mit haufenweise neuen Informationen zur Hausdurchsuchung rumzuprahlen, deren Wichtigste wohl ist, dass man nach Aussagen des Einsatzleiters Mühlmann jetzt auch beabsichtigt, Dr. Dr. Hanselmanns Büroräume zu durchsuchen, die bisher als sogenanntes Untersuchungsobjekt nicht auf der Liste der Paragraphenreiter gestanden hatten, aber durch Zwischenmeldungen auf Reuters insuliert, wonach ein rauschgiftumnachteter junger Mann mit schwarzer Sonnenbrille, schwarzen Handschuhen und schwarzer Bomberjacke gegenüber einem Reporter des Spiegel im Morgengrauen behaupte, Dr. Dr. Hanselmann hätte in der Nacht gegen 4:40 Uhr stapelweise Aktien aus dem Esperanto-Building geschleppt, bleibt es den Beamten nun einfach nicht erspart auch die Räume des Topbankers zu durchsuchen. Dr. Dr. Hanselmann steht kommentarlos auf, betrachtet die Nachricht wohl eher als Niederlage für die Deutsche Bank, denn er geht ganz gelassen zur nordwestlichen Glasfront, von der aus die beiden Tower der Deutschen Bank im Sonnenlicht erblühen, kippt den Daumen nach unten und kritzelt dann mit einem grünen Filzmarker in Großbuchstaben das Wort LOOSER an das Fenster.

Am Revers seines beigefarbenen Hugo-Boss-Anzuges trägt Dr. Dr. Hanselmann ein schwarz- weißes Namensschild mit großgeschriebenen Anfangsbuchstaben seines Vornamens und Nachnamens. Sam Kimberlay fordert Dr. Dr. Hanselmann mehrmals eindringlich auf, doch bitte zumindest mit einer grob skizzierten Taktik politischer Interventionsmöglichkeit an den Start zu gehen, was er auf der für 18:00 Uhr im Konferenzraum 29/4 im 29. Stock kurzfristig anberaumten Pressekonferenz ja auch zum Besten geben könne, welche aber mehr hergeben müsse, als die Nacherzählung des (De)konstruktionspapiers des in Frankfurt-Eschborn ansässigen Marktforschungsinstituts DM, wonach hauptsächlich in Bankerkreisen, aber inzwischen auf alle Berufs- und Bevölkerungsschichten übergreifend, ein höchst bedenkliches, notorisches oder infektiöses, aber bisher durch keinen Verbreitungsalgorithmus oder etwa durch Reaktionsdiffusionsgleichungen identifizierbares Mikro-Herdenverhalten hauptsächlich in urbanen Ballungszentren zu beobachten sei, das am effektivsten außer Kraft gesetzt werden könne, wenn man es den Medien zum Ausverkauf anbiete, indem man beispielsweise an der eventtechnisch, akklamativen Aufblähung arbeite, um das Event in hyperkomplexe Kontexte zu transferieren, zu transkommunizieren, wenn nicht gar zu transzendieren, bis man einen Tipping Point erreiche, an dem das Event eine massenpsychologische Popularität bzw. Anziehungskraft gewänne, dass die Veranstaltung sich für einen großen Kinofilm z.B. des deutschen Regisseurs Eichendorf bestens eigne bzw. sich als eigenständiges Genre in der auf Unterhaltung bedachten TV- und Internetwelt wiederfände, was das in seiner Komik kaum zu überbietende Herdenverhalten endgültig abkühlen könnte, um stattdessen mit Hilfe der Medienindustrie die kulturelle Leitfigur des glücklich neuronalen Menschen als reizbares kybernetisches Maschinenwunder mit Affirmationskraft zu propagieren, dessen weltdurstigen Sinne als die Obertonreihen komplexer psychopolitischer und körperlicher Funktionen in komplexe Schaltpläne, Zeitreihen und Gleichungen eingehängt seien, am besten natürlich in der EB.

Im Bemühen den zwiespältigen oder zwielichtigen Traum der letzten Nacht ausführlich zu extrapolieren, schiebt Sam Kimberlay ihren Oberkörper immer wieder dicht an das konzeptionelle Kunstwerk hinter ihrem Schreibtisch heran, das auf einem kleinen Glastisch steht und komplett aus Alufolie besteht und die Form einer Giraffe hat. In diesem Traum war Sam Kimberlay zusammen mit Dr Dr. Hanselmann eine Zeit lang in dessen Keller, um Kohlen in einen überdimensionalen Eimer zu schippen. »Die Kohlen mussten wir mühsam hoch schleppen«, sagt sie leicht würgend oder schluchzend zu Dr. Dr. Hanselmann, »weil der Fahrstuhl gerade mal wieder kaputt war und als wir oben angekommen waren, waren wir ganz schwarz. Wir haben ein bisschen brav und ein bisschen neckisch gelacht und uns dann schnell ausgezogen, weil du ja angeblich schon wieder um 19:00 Uhr MEZ am Airport Zürich einchecken musstest, und plötzlich waren unsere Körper weiß und nur noch die Köpfe schwarz. Dein Schlafzimmer (kenne ich ja nicht) war so eine Art Glaskuppel und wir lagen nur so da, verdammt nochmal, so tiefgründig ineinander gesteckt, huhu, und du in meinem Rücken, und ich sah dich im Spiegel wie du mich ansahst, mit diesen Augen der Liebe und du hieltest meine Hand und du warst ganz entspannt und hast autochthon gegrinst, wie eben nur Schweizer grinsen können«. »Von mir aus kann das emphatisch sonst wohin gleiten, wenn es das denn so wäre oder gewesen wäre«, entgegnet Dr. Dr. Hanselmann ruhig und trocken, »denn ich bin da eher ein Kontrollfreak, wie du sicherlich weißt, und gleichzeitig solltest du den Signifikantentraum nicht allzu wörtlich nehmen, du weißt ja, hüte dich davor, den Signifikanten mit dem Signifikat gleichzusetzen bzw. zu verwechseln, und, na ja, auch mit dem individuellen Glücksanspruch ist das so eine Sache, denn eigentlich kann man jemanden schlecht von innen her kritisieren, indem man dieses oder jenes banale individuelle Glücklichsein als bloßes Resultat der ihn einem Individuum wirkenden falschen Umstände ihm vorhält=deklariert, wobei das Individuelle eher ein schlecht Virtuelles ist, und wie du schon wieder mit den Augen klickklackst und deinen eigenen Sound fährst, ja deinen höchst autonomen Sound, das ist und bleibt einzig und allein dein Problem«. Ein seltsames Intermezzo. Sam Kimberlay überlegt, ob sie ein bisschen schmollen oder schlichtweg einfach weinen oder einfach nur zähneblendendweiß lachen soll. Ein Zimmer im 25. Stock des Alina- Hotels wäre jetzt bestimmt wunderbar saunaheiß und extrem südseitensonnig. Mit einem rasanten Schwung schleudert Sam Kimberlay ihren silbernen Stöckelschuh vom rechten Fuß auf die weiße, rechteckige Plastiktischplatte, die ein großes Wandtattoo aus rosafarbenen Magnolien schmückt. Sie sagt:

»Mmmh, Schokolade, soweit das Auge reicht. Begegnung from now on wie Cola Light, alkoholfreies Bier, cholesterinfreie Butter, das war einmal und keine Angst Hansi, Miss Melody darf mit dir und ihrer Angst ruhig auf der Zeil spazieren gehen. Man weiß, welch eruptive Ausbrüche das bei ihr erzeugt.«

»Hm, deine Themensprünge machen mich ganz nervös.«

»Dein Technizismus effizienter Lebensplanung mich nicht weniger.«

»Mein Leben ist offensichtlich weniger statisch als du denkst. Erinnere dich bitte an den denkbar miesen Einsatz deiner social Software in der letzten Zeit oder an deinen Absturz in den internen Rankinglisten.«

»Aber auch die Taktik deiner Biografiearbeit ist weit davon entfernt, eins zu eins aufzugehen.«

»Achte bitte auf die Kompetenzdatenbank.«

»Hansi, mir fehlen einfach die großzügigen monetären Anreizsysteme.« Sam Kimberlay malt sich lebhaft aus, wie sie dem dreckigen Hurenbänker tonnenweise die schleimige Substanz von Austern ins Gesicht kippen könnte, weil er zur Vagheit ihrer emotionalen Intentionen wieder einmal keinen einzigen beschissenen gescheiten Satz rausgebracht hat, normalerweise sind ihr Lügen hoch und heilig, denn selbst das Nackte ist ja verkleidet, wenn es sich nicht als solches kenntlich macht, aber sie wird dieses Mal ganz schön dreckig lügen und dem Hurenbänker sagen, dass er sie echt doch endlich am Arsch lecken kann, wobei sie ja die Doppeldeutigkeit der Lüge schon ein bisschen stört, wenn nicht am Arsch vorbeigeht. Aber ohne Hansi klarzukommen, um endlich a-romantisch clean zu werden, wäre ungefähr so, wie ihre verfickte Tendenz zum Masochismus auszureihern.

Da “Saal 6″ gerade erst erschienen und noch schwer erhältlich ist, haben wir uns ein paar Exemplare gesichert und ihr könnt euch hier für 24 Euro die 756 Seiten des fundamentalen Machwerks sichern.

5 Responses

  1. De:Bug Magazin » Achim Szepanski: Autor werden

    […] Romane Saal 6, Pole Position und Verliebt ins Gelingen erscheinen 2011 bei Rhizomatique. Hier haben wir eine Leseprobe von “Saal 6″ für euch. Da das Buch gerade erst erschienen und noch schwer erhältlich ist, haben wir uns ein paar […]

  2. naja

    sprachlich sicher ganz toll, aber es gefällt mir überhaupt nicht. nach 15.000 zeichen kann ich mir weder hansi noch sam nicht im geringsten vorstellen. das beschreibende fehlt.