Die amerikanische Literaturszene liebt den unkonventionellen Autor schon lange: Jonathan Lethem verbindet Motive klassischer Literatur mit modernen Einflüssen und stöbert zwischen Pop, Science Fiction und Formspielen kriminal-ähnlichen Stories hinterher.
Text: wolfgang frömmberg aus De:Bug 60

Zwischen Pop, Sci-Fi und Literatur
Hybride basteln mit Jonathan Lethem

Jonathan Lethems neuster Roman “As She Climbed Across The Table” handelt von einem gescheiterten physikalischen Experiment, bei dem – sozusagen als Abfallprodukt eines ungeschaffenen neuen Universums – ein Materie schluckendes Nichts im Labor verbleibt. Die Physikerin Alice projiziert all ihre Sehnsüchte auf “Lack”, wie das Tor zu einer anderen Welt bald getauft wird, denn: “Lack” weiß durchaus, was es will, ist wunderlich mysteriös sowie seriöser Experimente wert. Da kann ihr Freund und Kollege Philip, der an Wissenschaft bloß im zwischenmenschlichen Bereich interessiert ist, nicht mithalten. Lethem begleitet den schaurigen Prozess ihrer zerfallenden Beziehungskiste durch ein abenteuerliches Geflecht aus physikalisch-politischen Streitigkeiten, die sich alle um die Frage einer möglichen objektiven Beobachterposition bei der Interpretation eines bestimmten Phänomens drehen (Codename Love).
Wie in “Motherless Brooklyn”, seinem Krimi um den Tourette-verhafteten Sympathikus Lionel Essrog, versteht der New Yorker Autor es hier, Science so mit Fiction zu verbinden, dass er an literarischer Adaption sozial relevanter Topoi der kontemporären Wissenschaft einem Bruce Sterling kaum nachsteht, erheblich mehr Tempo/Rhythmus entwickelt und auch verbal-politsche Themen (z.B. Hate-Speech) aufgreift – wobei er Ernsthaftigkeit nicht unbedingt wörtlich interpretiert. Seine Kunst speist sich aus der Technik, die Hingabe an diverse traditionsreiche Genres so sprachgewandt zur eigenen Galaxie zu inszenieren, dass sich Soundtrack und Romancharakter-kompatible Comic-Figuren während der Verfolgung des durchdachten Plots wie von selbst in die Phantasie der Leser schleichen. Auf die Frage, was er von Thomas Pynchons Meinung halte, dass die Autoren der Cyberspace-Generation unter Zuhilfenahme “faulen Zaubers” die magische Kunst des “anologen” Romans zu Grabe getragen hätten, antwortet Lethem, ein paar Minuten zuvor noch gedankenverloren in der Lobby des Hotels über sein Notebook gebeugt und kaum von einem solitären Produzenten elektronischer Tracks zu unterscheiden: “Das ist interessant. Das Gegenteil wäre der digitale Roman. Ich denke, jede digitale Verkleidung lässt eine analoge Seele erkennen, die darunter liegt. Jeder Schreiber, der als Postmodernist beginnt, endet als konventioneller Schriftsteller.” Sein persönliches Verhältnis zur Wissenschaft bezeichnet der Formwandler zwischen Paranoia und Spurensuche als sehr naiv. Das sei ihm verziehen, wenn man sein literarisches Treiben als Beispiel dafür ansieht, dass Naivität nicht gleich Dummheit ist – und eine Portion Naivität Grundlage der Verarbeitung jeglicher logisch systematisierten Speicherkapazität sein sollte. Sein Faible für die Funktionen des menschlichen Gehirns, das er hemmungslos mit seinem Faible für die scheinbar funktionslose Tiefe menschlicher Emotionalität konkurrieren lässt, speist sich vor allem aus einem Interesse für die Fähigkeit der Erinnerung. Lethem begreift es als eins seiner größten Talente, gleichsam als größte Herausforderung beim Schreiben, die Handlung eines gesamten Romans im Kopf zu tragen, ohne irgendwelche Notiz-Zettel zu verwenden. Ich glaube, dass das Erinnerungsvermögen das Zentrum der menschlichen Intelligenz darstellt.” Allerdings: “Was ich seit einiger Zeit versuche zu ergründen, ist der Dialog zwischen Erinnern und Vergessen. Ich betrachte das Vergessen nicht mehr nur als eine Art Bösewicht.” Wenn “Motherless Brooklyn” in Bälde von und mit Edward Norton verfilmt wird, hat Lethem den Kampf Gut gegen Böse in diesem Fall schon längst abgeschlossen: “Mein Job ist es, ein neues Buch zu schreiben.” Der Held wird ein Musik-Journalist sein. Demnächst. In diesem Universum.

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Elektronische Lebensaspekte.