Kunst und Konsum gehören eben genauso zusammen wie Spaß und Kommerz. Das ist kein Geheimnis, sondern mit der Pop-Art zu Thema und Material der Kunst geworden. Doch was aus deren Ideen heute geworden ist, zeigt "Let's Entertain" im Kunstmuseum Wolfsburg.
Text: Anne Pascual aus De:Bug 47

Let’s Entertain
Eine Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg
Das Verhältnis von Kunst und Unterhaltung ist ambivalent. Geradezu verwegen. Denn dem, was unter dem Label Kunst läuft, haftet die Aufgabe an, kritisch zu sein. Kunst soll enttarnen und sichtbar machen, was so nicht zu sehen ist. Auf der anderen Seite geht es auch um Emotionen und darum, wie die Message transportiert wird. Style-Aspekte inbegriffen. Wenn’s gefällt, steigt der Wert. Kunst und Konsum gehören eben genauso zusammen wie Spaß und Kommerz. Das ist kein Geheimnis, sondern Thema, Material und Ort der Kunst geworden. Der Pop-Art sei Dank! Doch was aus deren Ideen heute geworden ist, zeigt “Let’s Entertain”.
Inzwischen funktioniert auch das Museum als institutioneller Showroom, als Bühne für die Gegenwartskunst. Genau wie bereits bei den Ausstellungen “Young British Art” und “German Open” zeigen junge (Doug Aitken, Douglas Gordon, Damien Hirst, Mariko Mori) und alte Stars (Cindy Shermann, Mike Kelley, Paul Mc Carthy, Martin Kippenberger, Jeff Koons, Dan Graham), was sie mit der postulierten Spaß- und Konsumgesellschaft anfangen, mit ihren Mechanismen und Auswirkungen auf Wahrnehmung und Denken.
Ihre Arbeiten zitieren die Strategien der Unterhaltungsindustrie, Formate aus Film, Fernsehen, Werbung, und verwenden jene Codes, wie sie Mode, Magazine, oder Comics entwickeln. Irgendwie eine paradoxe Situation: die Mittel werden sich zum Verwechseln ähnlich und niemand stört sich daran. Schließlich geht es auch in diesem Kontext darum, Aufmerksamkeit zu erzielen.
Jeder wird zum Konsumenten, auch derjenige, der die Ausstellung Let’s Entertain betritt. Sobald er den goldenen Glitter– und Glamour Vorhang (Gonzalez-Torres) beiseite schiebt, ist er Teil einer bunten, lauten Disney-World. Be famous! Ein roter Leuchtkasten blinkt unentwegt und gibt das bekannte Talkshow-Kommando “Applause!”, das macht aber keiner. Überall Ereignis, das zwar subjektiv erlebt wird, aber in der kollektiven Erfahrung wieder verbindend wirken soll. Überhaupt wecken die einzelnen Arbeiten so viele Assoziationen, dass meist ein flüchtiger Blick genügt, um Zitate zu erkennen. Es scheint so, als ob die Lust an der Differenz verloren gegangen ist und stattdessen das Edelrecycling der Alltagswelt als Investitionsanlage zu haben ist. Die lebensgroßen Mangafiguren (Takashi Murakami), die eine mit Riesenbrüsten, die andere wild ejakulierend, erinnern nur noch daran, dass es keine Grenze des Anstands oder des Geschmacks mehr zu übertreten gibt. Sie sind einfach nur niedlich obszön, aber nichts zum Wegsehen oder Verführen. Irgendwie herrscht eine langweilig pubertäre Stimmung. Nur einige Situationen der Ausstellung machen mit ihrer Kritik am Hedonismus auch vor sich selber nicht halt, so wie die Wohnstills von Dike Blair, Rineke Dijkstras Videoarbeiten oder Paul Mc Carthys Raum.
Wird die Kunst so wie in Wolfsburg nur als eine weitere Pleasure Zone unter vielen inszeniert, schneidet sie neben Reality TV und Shopping Mall schlechter ab und ist viel zu harmlos, um wirklich stören zu können.

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Elektronische Lebensaspekte.