Das Medienformat als kulturelles Tool: Der russische Medientheoretiker Lev Manovich blickt auf das Digitale durch die Kameralinse des Films. Im historische Vergleich pirscht er sich an die neuen kulturellen Formen des Digitalen heran. Sein erstes Buch über "die Sprache der Neuen Medien" ist gerade auf englisch erschienen.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 55

Zwischen Kino und Komputer
Lev Manovich

DeBug: In Ihrem Buch bezeichnen Sie Software als neue symbolische Form der Gesellschaft…
Lev Manovich: Bei der Definition beziehe ich mich auf den Kunsthistoriker Erwin Panofsky, der es von Ernst Cassirer adaptiert hat. Er schrieb darüber, wie die Zentralperspektive in der Renaissance die Weltsicht der bourgeoisen Gesellschaft verkörpert hat. Ähnlich denke ich, dass Programme die Gesellschaftsstruktur verkörpern. Der Computer ist nicht einfach ein kulturelles Tool für Repräsentationen, er ermöglicht erst die Informationsgesellschaft. Die Welt kann aus dem hierarchischen Filesystem geformt werden oder aus der hierarchielosen Struktur von HTML.

DeBug: Was kann ein freies Betriebssystem für die Gesellschaft bedeuten?
Lev Manovich: Ich bin angesichts der Forderungen skeptisch, die im Namen der Open Source gemacht wurden. Ein Beispiel dafür, wie sich politische Ideen seit den 60ern verändert haben. Die globale Idee der Befreiung der Gesellschaft, wie sie der Marxismus verfolgt, wurde zur Mikropolitik für lokale Veränderungen. Wo ist da der große Unterschied? Ob die Gesellschaft freie Software benutzt oder nicht, ändert nichts an ihr. Seit den 80ern hatten wir endlose Diskussionen über den Postmodernismus und eine neue kulturelle Logik. Es scheint, als ob es in unsere Kultur weniger um originäre Kreation geht und mehr um Aneignung, um Wiedergebrauch, um Remix. Wir reden über eine konzeptuelle Sprache mit Begriffen, die in sich nicht befriedigend sind. Open Source könnte uns ein neues Set an intellektuellen Begriffen liefern. Es wird interessant, wenn da über neue Lizenztypen geredet wird.

DeBug: Was ist das Konzept Ihrer “Info-Ästhetik”?
Lev Manovich: Ich vermute, dass sich die heutige Ästhetik in den 20er Jahren etabliert hat. Damals wurde nach einer neuen Ästhetik für die Industriegesellschaft gesucht. Im Bereich der Kultur konnte man sie nicht finden, weil sich dort alles um Ornamente drehte. Also trug man Industriedesign ins tägliche Leben und in die Kunstwelt hinein. Heute geht es uns ähnlich. Ästhetik definiere ich als Repräsentation der Welt im kulturellen und logischen Sinn – und als Informationsstruktur, die man in der Software und im Alltagsgebrauch des PCs findet. Ich arbeite an der Installation “Soft Cinema”, die nächstes Jahr in Karlsruhe im ZKM zu sehen sein wird. Sie beschäftigt sich mit der Filmästhetik der multiplen Bildschirme mit multiplen Informationsströmen, wie man sie im Fernsehen bei den Financial News findet. Ich möchte wissen, ob sich diese Ästhetik mit der des Erzählkinos verträgt.
Bei “Info-Ästhetik” geht es mir auch um Telekommunikation, um die ganze Aufregung um Handys, Newsgroups und Chats und dem PC als Träger des Informationsnetzes. Der Zugang zu Informationen und die Telekommunikation sind kulturelle Formen, bei denen faktisch keine neuen Objekte entstehen. Das ist der Unterschied zur traditionellen Kultur, in der der Autor ein Werk schafft, das vom Publikum konsumiert wird. Wenn zwei Leute chatten, ist das eine kulturelle Form.

DeBug: Sie sprechen von multiplen Bildschirmen, sind die Frames bei CNN eine neue Art der Montage?
Lev Manovich: CNN benutzt nicht wirklich Montage. Die Idee dabei ist, individuelle Teile zu benutzen, die zusammen eine Gestalt ergeben. Die Ästhetik der Montage bedeutet von Eisenstein bis MTV, die Elemente so zu positionieren, dass sie in gegenseitigen Konflikt treten. Auf Webseiten und im Fernsehen geht es dagegen um Zugabe von Informationen. Man nimmt ein Textelement und erweitert es durch Bilder und virtuellen Raum. Das ist ein anderes Konzept als bei der Montage, bei der eine einzelne Botschaft durch Elemente und ihre Positionierung in Raum und Zeit kommunizieren soll. Heute aber ist Effektivität für Information immer wichtiger, also wie man immer mehr Infos simultan über einen Datenstrom transportieren kann.

DeBug: Ist “Time Code” von Mike Figgis, der die Kinoleinwand in vier Frames unterteilte, eine Umsetzung davon?
Lev Manovich: Ja, er ist einer der wenigen Versuche, sich dem zu öffnen, was durch die Digitalkamera möglich wurde. Die Zuschauer sind irgendwie verwirrt, aber wenn man auf CNN schaut, bekommt man genauso vier bis sechs verschiedene Informationsströme. Die Frage ist nicht, wie viel Infos man erhält, sondern welche Erwartungen man daran hat. Dieselbe verwirrte Person aus dem Zuschauerraum hat kein Problem, am Computer zwanzig Fenster und fünf Programme gleichzeitig offen zu haben, weil sie das von einer interaktiven Kultur erwartet.

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Elektronische Lebensaspekte.