Nach mehr als einem Jahrzehnt im House-Geschäft begeistert Levon Vincent mit seinem Debut-Longplayer "Double Jointed Sex Freak" gleichermaßen daheim in New York als auch in Übersee. Nach den düsteren Jahren des Niedergangs ist dieser Erfolg auch eine späte Genugtuung für den House-Stoiker Vincent.
Text: Eike Kühl aus De:Bug 138

New York. Melting Pot. Superlative. Klar, nur wenige Städte haben ähnlich viele unterschiedliche Musikrichtungen hervorgebracht: Die Geschichten von Bebop, Cool Jazz, dem Folk-Revival, HipHop und Disco lassen sich über kurz oder lang in New York verorten. Und natürlich House, nicht umsonst gilt NYC neben Chicago als der Ursprungsort von House schlechthin.


Levon Vincent weiß um diesen Einfluss, schließlich ist er hier aufgewachsen; zunächst in New Jersey und später in New York selbst. Ende der 80er Jahre, als House zum ersten Mal durch die Clubs und Radios der Metropole schallte, war er gerade in der Pubertät und es ist nicht verwunderlich, dass gerade diese Phase einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat:

“Ich bin mit House groß geworden und House war immer ein Teil von NYC. Ich kam zum erste Mal mit DJs und Clubs in Kontakt, als ich als Jugendlicher Anfang der 90er im “Sugar Reef”, einem Restaurant in Downtown, als Tellerwäscher gearbeitet habe. Um die Ecke gab es jede Woche eine Partyreihe im CBGB namens ’Sugar Babies’ und dort lief House. Viele bekannte Gesichter verkehrten hier: Debbie Harry, Joey Ramone und auch Bill Laswell. Das war mein erstes richtiges Aufeinandertreffen mit der Musik, die ich geliebt habe, seit sie im Radio lief.“

Wiederbelebung eines Kulturguts
Levon Vincent gehört, wie auch andere aus dem Umfeld von Jus-Eds Label Underground Quality einer älteren Generation von Produzenten an, die von der Wiederbelebung des Genres der letzten Jahre profitiert haben. Denn zwischenzeitlich schien die Szene durchaus zu stocken: “Es gab so etwas wie die dunklen Jahre unter Bürgermeister Giuliani, in denen es schwierig war, mit all den Verboten und Einschränkungen.

In den letzten Jahren geht es aber wieder bergauf und House ist wieder ein wichtiger Teil der New Yorker Kultur geworden.“ Seit gut zehn Jahren ist er nun als Produzent sowie Labelmacher tätig und hat inzwischen mit Novel Sound und Deconstruct Music, das er mit seinem Kumpel Anthony Parasole betreibt, gleich zwei davon am laufen. Um die Jahrtausendwende arbeitete er noch im Brooklyner Plattenladen “Halcyon“, über den er auch mit Jus-Ed in Kontakt kam – wenig später erschien seine erste Platte.

Und doch darf man gerade die letzten beiden Jahre wohl als die erfolgreichsten seiner Karriere betrachten: Mit einem Track auf Ostgut Ton und seinem ersten Gig im Berliner Berghain im vergangenen Sommer hat er letztendlich auch den Sprung auf die europäischen Tanzböden geschafft. Eine späte Genugtuung für den Mitt-Dreißiger, aber vielleicht musste auch so kommen, wie er herausstellt:

“Ich bin inzwischen geerdet. Als ich jünger war hatte ich einen recht wilden Lebensstil, der es einfach nicht erlaubt hat, die Musik wirklich zu reflektieren – sie war einfach da, ein Teil von mir. Erst jetzt kann ich auf Erfahrungen und Gedanken zurückblicken, die es mir erlauben, daraus auch Kreativität zu schöpfen. Daher bin ich froh, diesen Weg gewählt zu haben, der Musik gefolgt zu sein.“

Historie und Visionen
Vincents Produktionen vereinen gleichzeitig den Einfluss der alten hedonistischen House-Schule als auch den Deep-House-Sound der aktuellen Stunde. Eine Konvergenz, die alle Facetten der New Yorker House-Historie aufgreift und die Vision von House weiter verarbeitet. Dass Vincent auch formal Musik studiert hat und großes Interesse an Musiktheorie und der kompositorischen Komponente besitzt, lässt sich seiner Meinung nach im Übrigen bestens mit der Philosophie von House kombinieren:

“Man muss einen Mittelweg zwischen persönlicher Ausdrucksform sowie der Rolle und Pflicht als Musiker finden. Manchmal muss man sich einfach hinsetzen und seinen Gefühlen freien Lauf lassen, aber dann auch wieder das ‘größere Ganze‘ im Blick behalten und die vorhandenen Möglichkeiten ausnutzen, Grenzen auszureizen. Solange ich lebe, werde ich auch ein Schüler von Musik sein. Ich kann mir nicht vorstellen, das Interesse zu verlieren. Und letztendlich gibt es doch nur ein Ziel: die Leute zum Tanzen zu bringen.“

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

One Response