Hubert Burda rief und alle kamen. Ein Tag lang feierte die Mediaagentur-Szene Technik, die begeistert und in ihrer Absurdität einen synthetisierten Retro-Hauch des fast vergessenen StartUp-Booms in unser langweiliges Leben zurückbringt. Endlich wieder Visionen!(Das war ironisch)
Text: Gunnar Krüger aus De:Bug 91

Selbstbeherrschung

Einfach mal die Kirche im Dorf lassen
Digital Lifestyle Day 05

Ort: Hubertussaal auf Schloss Nymphenburg, Datum: 22 Februar, Zeit: 8:00 – 20:00 Uhr.

Am Vorabend raunt es
Vor dem eigentlichen Großereignis hatten am Montagabend Referenten, Sponsoren und eine Schar Journalisten die Gelegenheit, eine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen. Hubert Burdas Studentenbude im Münchner Univiertel gab den Rahmen für ein “Get-Together” in ungezwungener Atmosphäre. Studentenbude ist gut. Auf gefühlten 400 Quadratmeter tummelten sich neue und alte Stars, Starlets und die Medien-Mischpoke. Manchen, wie Peter-ich-hau-in-Sack-Kabel, sah man die harten Zeiten an, die sie mit ihren Millionen haben durchmachen müssen. Andere hatten noch “diesen alten Hunger” von früher in sich, der glücklicherweise durch das wandernde Buffet vor Ort gestillt werden konnte. Und denen, die sowieso schon immer weiter waren, wie etwa Yossi Vardi, Urgestein der neuen Medien und Erfinder von ICQ, sieht man sowieso nie etwas an. Aber, unter all diesen Schönen, Reichen oder einfach nur Staunenden raunte es aus allen Ecken. “Es geht wieder was.” “Es ist ‘ne Menge Geld in Bewegung.” Und Best-of: “Die Party geht weiter.” Geisterbeschwörung.
Einer blieb entspannt: Hubert Burda ist ein gastfreundlicher Mensch, der es so gar nicht nötig hat und dank besten Kontostandes noch nie hatte, jedem neuen Voodoo zu folgen. Er schüttelte viele Hände, fragte kurz nach, was man so macht und hörte für diesen Augenblick auch zu. Unfair zu sagen, hier handele es sich nur um Altersmilde.

Der Kongress tanzt
Am nächsten Morgen sieht man winterlich vermummte Gestalten durch den Schnee zum Hubertussaal im Schloss Nymphenburg stapfen. 8 Uhr, “Early-Bird-Breakfast”, so steht’s im Programm, so wird das auch gegessen. Zumindest der Zeitplan hält sich an die Tugenden der Old Economy.
Im Erdgeschoss des betreffenden Schlossflügels halten neben Mingle-Zone für die Kontaktanbahnung und Gastronomie die Sponsoren der Veranstaltung eine Minimesse ab. Die ganz in orange gehaltene Lounge von Cyberport wartet mit (nicht angeketteten!) iPods, iShuffles und MiniMacs auf Kunden. Klar, Mac ist cooler als eine PC-Möhre hinzustellen und Orange ist ja sowas von loungig. Hier klauen ist zwar den ganzen Tag Dauerthema, es traut sich aber niemand.
Multimediales Highlight ist neben diversen Microsoft X-Box Demoterminals, Blueberry-Infoständen und einem herumgeisternden Focus-TV-Team eine interaktive Driving Range für Golfspieler. Feuchte Augen bekommt man allerdings angesichts einer kleinen Ausstellung des Vintage Computer Festival Europe, die eine komplette Palette aller frühen Apple bis hin zum Mac-Performa zeigt. Eine der erwähnten Perlen.

Beam us up!

Mit dieser hübsch eingeflochtenen Beschwörungsformel eröffnet Marcel Reichart, Marketing Direktor von Burda, den DLD, während das Publikum noch vergeblich nach Franz Beckenbauer, Paul van Dyk und Eva Padberg sucht. Wo sind die nur?
Im ersten Panel wird die Blogosphere erkundet. Expeditionsleiter Jochen Wegner, Wissenschaftsredakteur vom Focus, führt die tapfere Schar ins Blog-Dickicht: Meg Hourihan, Mitbegründerin von blogger.com, Caterina Fake (no fake) von der Foto-Sharing-Plattform flickr.com, Michael Breidenbrücker von last.fm und Loic Le Meur von movable type erklären, was das Usenet schon lange weiß. Aber das sei als Social Software ja gescheitert, sagt Frau Fake. Nun gut, Blogs und Filesharing via Webplattform sind massentauglich. Aber das ist ja nichts, was gerade erst von Professor Honigtau-Bunsenbrenner erfunden wurde. Die im Saal befindlichen CEOs und Produktmanager jedoch staunen. Viel Neues erfährt man darüber hinaus nicht. Blogger gibt’s wie Sand am Meer, Bilder tauschen alle gern, mobiles Blogging per Handy ist die Zukunft und Asiaten sind anders drauf und finden eMail altbacken. Etwas mehr Hintergrund wäre schön gewesen. Die Ausführungen von Yat Siu, Gründer und CEO von Outblaze, sind zumindest erhellend. Asiatische Jugendliche lieben mobiles Internet, Spiele und Instant Messaging. Sie sind im Gegensatz zu ihren westlichen Pendants enorme Bandbreiten (100 MBit/s als Standard in Südkorea) gewohnt. Und das exzessive Gaming-Verhalten der asiatischen Jugendlichen hat in thailändischen Game-Cafés zu staatlich verordneten Öffnungszeiten zwischen 6 Uhr abends und 6 Uhr morgens geführt. Zu guter Letzt versetzt der über die Ursache der Blogosphere grübelnde Stefan Heidenreich den Saal in mystische Schwingungen. Mit dem Verweis auf confluence.org hat er indes eine kleine Preziose überreicht, die lange Freude bereitet.

9Live grüßt Sie!

Am Nachmittag erfahren wir dann, was demnächst in der Glotze läuft. 200 Programme müssten es schon sein, sagt Manuel Cubero von Kabel Deutschland. Schließlich gäbe es ja auch Hunderte von Zeitschriften am Kiosk. Ach ja, Internet wird es dann auch über Kabel geben. Wann? Da hält es Cubero mit seinem Vorredner John Marcom, Senior Vice President Yahoo: Man darf Termine oder Zahlen voraussagen, aber nie beide gleichzeitig.
Das Beste zum Fernsehen hat Christiane von Salm auf Lager. Ihr Sender 9Live sei aus dem Tal der Schuldentränen innerhalb von 3 1/2 Jahren zum profitabelsten Kanal in Deutschland emporgestiegen. Christiane redet sich warm, verkauft Heizdecken. Sie spult eine Zahl nach der anderen herunter, die Zuhörer suchen automatisch nach dem Fehler im Bild und warten auf die Einblendung der Call-in-Nummer. Wie toll das sei, dass jeder Anrufer seine Daten hinterlassen müsse. “Stellen Sie sich vor: 9Live grüßt Sie zum Geburtstag im Fernsehen!” Einigen wird übel. Noch Übleres verheißt Christianes Ankündigung, dass auch das britische Empire demnächst mit stammelnden, untalentierten Moderatorinnen überschwemmt wird, die man klaren Verstandes niemals anrufen wird. Auf der Website der Veranstaltung steht als Kommentar zu lesen: “With this speech Christiane zu Salm has proven who the Steve Jobs of German Television is. Just perfect.” Na bitte. Oder ist die Fernbedienung von Steve Wozniak gemeint?
Danach gibt’s ein tolles Handyspiel, das die Zuhörer mit Tuwiah “Tubi” Neustadt (inLive) spielen dürfen: Man wählt sich für 12 Cent pro Minute ein und nimmt an einer Echtzeit-Statistik teil, wie oft man denn schon fremdgegangen sei. Digitaler Lebensstil eben. Gerüchteweise haben einige Netzbetreiber soviel Geld von den Prepaid-Karten mancher Mitspieler gezogen, dass diese abends kein Taxi mehr bestellen konnten.
Wie die Logitech-Maus von morgen aussieht, warum die X-Box so super ist (“Früher gab’s das Spiel zum Film, heute gibt’s den Film zum Spiel”), das muss die Welt nicht wirklich wissen, wird aber ausgiebig erzählt. Noch besser ist die Präsentation von Victor Shenkar, (Geosim Systems). In seiner virtuellen Nachbildung von Philadelphia fliegen wir zum Kino, klicken auf ein Filmplakat und ordern eine Karte. Das ist besser als echt. Das hat Klasse. Das erinnert an jene denkwürdige Bertelsmann-Präsentation auf der Frankfurter Buchmesse 1998, die mit dem Avatar, der die Seiten in – prust – virtuellen Büchern umblättert.

Scherzartikel von Daniel Düsentrieb
Herrlich ist auch, was von der Designfront zu erwarten ist. IDEO-Germany-Gründer Roby Stancel zeigt Designstudien von Stühlen, die den Rücken des Sitzenden auf die Außenseite der Lehne projizieren. The vision you can touch, sozusagen. Das Panel wird von – man muss zweimal hinschauen, ja, sie ist es wirklich – Verona, geborene Feldbusch, Pooth moderiert. Aber Madame beweist unerwartetes Gespür für Situationskomik und kommentiert die Stancel’schen Beispiele mit der Bemerkung, sie habe sich wie bei Daniel Düsentrieb gefühlt. Und: “Sagen Sie mal, so was hätte man doch früher als Scherzartikel verkauft, oder?” Pradashops flimmern über die Leinwand. Designer Clemens Weisshaar erzählt dazu. Mit dem Rem Kohlhaas habe man einfach super arbeiten können. Sein Designkumpel Reed Kram philosophiert über Informationsdesign, zeigt eine flashanimierte Karte und dass man toll damit illustrieren kann, wie Armut und Prada auf der Welt verteilt sind. Zynischer geht’s nimmer, der Saal lauscht andächtig.

Das Küken klingelt
Doch da geht noch mehr. Der absolute Höhepunkt des Tages wird mit Marc Samwer von Jamba erreicht. Nicht nur, dass er wie Captain Unsensibel persönlich die Zuschauer mit den Jamba-Werbespots quält (“Kennen Sie das Nilpferd? Ja? Egal, is’ ja immer wieder schön.”) Nein, er sitzt wie der Kreuzritter vom heiligen Klingelton auf seinem Stuhl und bricht Lanze um Lanze für das Hassobjekt schlechthin. Man hätte einen dieser schweren Bagels vom Buffet zum Werfen mit in den Saal nehmen sollen. Er habe zwar kaum noch Freunde, dafür aber viele Abonnenten. Glückwunsch, Marc, du kreativer Heißsporn. Erst flott Ebay kopieren und dann ungestraft an selbige Firma verkaufen, war schon eine beachtliche Leistung. Jetzt aber Tweety und Quietschy, Nationalhymnen und Nilpferdgesänge als Umweltverpestung im Abo anzubieten, da gehört schon eine geistige Einbahnstraße dazu. Schließlich fällt der Satz, der vermutlich noch in Jahren den Bodensatz deutscher Marketinggemütlichkeit markieren wird. “Mir ist es lieber, meine Kinder kaufen Klingeltöne statt Gummibären oder Zigaretten.” Schweigen.
Man kann verkraften, dass der derzeitige Interimsgeschäftsführer von Apple Deutschland, Jan Sperlich, nicht weiß, wann der iPod herausgekommen ist und vom Apple II noch nie gehört hat. Man kann vielleicht auch noch damit umgehen, dass Tim Renner für Motor.FM mit einem Plakat wirbt, auf dem “Faschismus. Kommunismus. Mainstream. Wir haben einen Auftrag.” steht. Aber Samwers Weisheiten, das geht gar nicht. Noch eine zum Absch(l)uss: “Einfach mal die Kirche im Dorf lassen.”
Wir essen Weißwurst am Flughafen.
Es lebe der Digital Lifestyle.

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Elektronische Lebensaspekte.