Der durchaus angenehm verschrobene Bristoler DJ und Produzent Lil Mark macht sich mit seiner Musik für die UK-House-Label Classic und Music for Freaks auch in kontinental-minimalen Gefilden Freunde. Für Debug Grund genug, sich einen Termin vor Ort geben zu lassen.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 68

Lil Mark ist spät dran. Sein Wagen ist zwischen Bristol und London unter ihm zusammengebrochen. Auch um seine physische Konstitution ist es heute dank Schlafmangels und des ein oder anderen Pints letzte Nacht nicht gut bestellt, ganz zu schweigen von seiner Stimmung. Er bellt seine voraussichtliche Ankunftszeit ins Handy, garniert das Ganze noch mit ein paar allgemeinen, sarkastischen Beobachtungen über den Zustand der Welt und das Leben an sich, lacht gequält und verspricht, rechtzeitig zur Music for Freaks-Weihnachtsmottoparty (“Pimps and Hoes”) in London zu erscheinen. Ohne Verkleidung natürlich, denn jemand wie Lil Mark versammelt in seiner ganzen liebenswert griesgrämigen Freundlichkeit schon genug natürliche Pimp-Attitude, als dass er sich deswegen extra noch mal umziehen müsste.

Bristol-Connection

Wie auch Luke Solomon und einige andere aus dem Music for Freaks- und Classic-Umfeld kommt Lil Mark aus Bristol, wo er seine Jugend als B-Boy mit Skateboardfahren und der Liebe zur Musik im Allgemeinen und der frühen Raveszene im Besonderen verbringt. Ansonsten aber ist in Bristol nicht viel zu holen. Und wie seine Freunde Jonnie Rock (Gitarrist der Freaks-Band und Vinyljunkie mit dem vielsagenden Spitznamen “Jonnie Four Copies”) und Matthew Styles (Mitbewohner von Jonnie, auch echter Bristolianer, ehemaliger Schulpunchingball von Mark (bevor er rausfand, dass Matthew zwei Technics besitzt) und dessen zukünftiger Partner bei furiosen Live-Acts unter dem Namen ”Nautiloids”) versichern, ist allein die Tatsache, dass er dort (“one of the shittiest places on earth”) immer noch lebt, Grund genug, in einem permanenten ”Walter Matthau meets Begbie of Trainspotting-Fame”-Zustand zu verweilen. Die Welt schuldet ihm was. Ganz klar.

Mit Derrick L. Carter auf Bildungsreise

Dabei kann nicht jeder von sich behaupten, Classic-Labelchef Derrick L. Carter als Protegé zu haben. Denn die DJ-Legende und House-Diva Carter verguckte sich in Mark, schenkte ihm einen kleinen Sequenzer und nahm ihn als Zugabe drei Monate mit auf Tour durch Amerika, auf seine Kosten natürlich. “An educational tour”, wie Mark die drei Monate grinsend beschreibt. Das war 1997. Zwei Jahre später veröffentlichte er zusammen mit Rob Mello als Detox Twins die vielbeachtete “Love Shared EP” auf MFF. “Als ich wiederkam, habe ich mir eine 505 Roland Drum Machine gekauft. Auf der habe ich dann auch den Detox Twins-Remix gemacht. Ich verwende immer nur kleine Parts, die ich dann selber sequenziere. Das hat Derrick früher auch immer so gemacht. Eigentlich entwickle ich meine Songs eher aus Sequenzen als aus Musik. Ich benutze meinen MPC Akai Sequencer für die Sounds, die ich aus der 505 heraushole. Die meisten davon sind irgendwie scheiße. Man muss sie ordentlich twisten, um zu bekommen, was man will. Aber ich mag das. Ganz im Gegensatz zur Arbeit mit Computern. Da hast du coole Sounds, aber rein gefühlsmäßig verliere ich persönlich beim Produktionsprozess am Rechner etwas.”

Bitte keine Breakdowns

Etwa zwei Jahre später kam dann Marks erste Maxi, gefolgt von einer Remix-Maxi auf Classic heraus und unterstrich den Eindruck, den man durch seinen Detox Twins-Remix gewonnen hatte. Von allen Produzenten im MFF-/Classic-Umfeld ist Mark wahrscheinlich mit Abstand der minimalste, trockenste, ja kontinentaleuropäischste, wenn man sich seine Tracks anhört. Da weben minimale, verdrehte Sounds eine auf Reduktion basierende Funkyness in die gleichzeitig auch etwas verschrobenen, teilweise an Lachgas-induzierte Dubversionen mancher Chicagoklassiker (z.B. eben von Derrick Carter) erinnernden Tracks, bis man beim Vibe mancher Perlon-Tracks wieder rauskommt. Nicht umsonst waren seine beiden Maxis auf Classic die auf teutonischen Minimaltechno-Floors wahrscheinlich am meisten gespielten Classic-EPs der letzten Jahre (und nicht umsonst wird es demnächst wohl auch auf WMF Records eine Maxi von Lil Mark geben). Das mag an seiner Vorliebe für alte Bleep-, Clonk- und Acidtracks liegen, verwundert dann aber doch, wenn er als DJ, ganz britisch, ausladende Percussion-Setups und nicht weniger opulente Garagevocals im Hysteriewettstreit gegeneinander antreten lässt. Dies hängt wahrscheinlich mit seinem musikalischen Alltime-Hero Mark Kinchen zusammen, der mit süßen siebzehn via Kevin Saundersons KMS Label und gemeinsam mit Terrence Parker die Detroit Techno liebende Welt eroberte, um sich dann später ganz seiner Liebe für Garage hinzugeben (mittlerweile ist er übrigens R&B Produzent. Aber das nur am Rande). “Es ist schon komisch. Ich produziere Musik, die ich als DJ nicht spiele. Aber wenn ich produziere, will ich wirklich nur mit den minimalsten Mitteln, den ’basic elements‘, arbeiten. Ein Statement muss ich übrigens abgeben. Das ist mir wichtig. Bitte keine Breakdowns! Ich hasse cheesie Breakdowns. Das ist der größte Scheiß. Sie ruinieren den Track. Das musste ich (als Engländer) mal loswerden (lacht). In Australien, wo ich gerade war und demnächst wahrscheinlich auch eine Platte veröffentliche, sagen sie, dass ich Techno machen würde. Aber im Endeffekt ist es doch sowieso alles House.”

Überhaupt Australien. Dort, auf dem sonnigen fünften Kontinent, ist Mark, ganz im Gegensatz zu seiner ungeliebten, grau-tristen Heimat Bristol, eine kleine Underground-Berühmtheit. Sowohl als DJ als auch als Produzent. Grund genug, einem mehrmonatigen Aufenthalt im Herbst jetzt einen weiteren folgen zu lassen. “Meine Frau und ich brauchen wirklich mal eine Auszeit von Bristol und in Australien habe ich einige DJ-Bookings, die mir den Aufenthalt finanzieren. Außerdem wohnt dort eine Sängerin, mit der ich unbedingt zusammen ins Studio gehen möchte. Eigentlich ist sie eher eine Spoken-Word-Performerin, aber sie hat eine wirklich sehr besondere Stimme. Ich will unbedingt mit Gesang arbeiten, Tracks mit Songstruktur und fetten Vocals produzieren.” Vielleicht nähert er sich ja so seinen DJ-Sets etwas an, so dass bald auch mehr seiner eigenen Tracks in seiner Plattenkiste und später dann auch auf dem Plattenteller landen. Wir werden sehen.

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Elektronische Lebensaspekte.