Die Norweger Lindstrøm & Prins Thomas lassen bei ihrer Interpretation der Cosmic Disco alle stilistischen Scheuklappen außen vor und werfen mit Begeisterung zusammen, was Puristen für groben Unfug halten können. Tänzer weltweit danken es ihnen.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 97

Der endlose Abflug

Andreas Vollenweider auf afrikanischer Stammes-Percussion, Talking Heads auf minus 8, Weltraum-Synthies auf Tony-Carrasco-Bonusbeats und Roy Ayers über Wahlgesängen – wer soll denn solch einen Mix ertragen? Cosmic als der nächste Retro-Hype nach Acid und Trance ist doch eine Totgeburt. Oder etwa nicht? Wenn ich mir anhöre, was derzeit unter Space Disco an ausschlappernden Wabergrooves mit Italo-SciFi-Sounds läuft, schmelzen die Gewissheiten hinfort. Nie wurde zwischen Kuhglocke und HiNRG-Beat so viel weggetrippter Unfug getrieben wie gerade jetzt. Und wir sind erst am Anfang. Die Fackel für eine Disco, die es mit Spannungs-Ökonomie und Geschmacks-Konsens ganz locker nimmt, tragen voller bärtiger Begeisterung die Norweger Hans-Peter Lindstrøm und Prins Thomas voran. Klar haben sie funktional eingedampfte 5-Minuten-Tracks dabei, die gerade noch ins immer noch aktuelle Discoclash-Alphabet passen, allein schon wegen der packend cheesigen Melodien, die sie gerne einbauen. Aber so richtig mit vollem Herzen dabei sind sie bei ihren 8-Minütern, auf denen sie die Gitarren schlängeln lassen und die pluckernden Grooves auf Endlos-Repeat stellen, bis man sich fühlt wie ein Hippie im falschen Film. Slow-Motion-Daddel-Disco ist die letzte Wegbiegung vor Cosmic, die man als Purist für die satanische Verhöhnung von Metro Area halten kann, als offenherziger Tänzer aber für eine neue Oblate im Disco-Tempel mit einer Geschmacksrichtung, die nur als bedenklich gilt, weil sie noch so unabgesichert ist.
Machen wir uns also an die Absicherung. He, Lindstrøm und Prins Thomas, was verzapft ihr da eigentlich für kurioses Zeugs? Ein Fragebogen soll Klärung schaffen.

Gibt es einen speziellen Moment in der Disco-Geschichte, den ihr gerne rekonstruieren würdet? Wie das erste Mal, als Gino Soccios ”Dancer“ auf einer von Julian Schnabels Loftpartys gespielt wurde?
PT: Es gibt Tonnen von Meilensteinen in der Disco-Geschichte und der Musik-Geschichte generell, in die man sich noch mal cool reinschmeißen könnte. Deshalb packt historische Musik uns oft auch mehr als die aktuelle – Legenden, Mythen etc. Als DJ, Produzent, Plattenkäufer ist es definitiv ein Teil des Spaßes, all diese Geschichtsmomente zusammenzupacken und in einem eigenen Mix zu präsentieren, so wie man Szenen, Genres, Trends für sich selbst versteht.
HP: Ich hätte gerne Mäuschen gespielt in Frank Farians Hauptquartier. Ich frage mich bis heute, wie er diese fetten Drums hingekriegt hat.

Könnt ihr mir eine Top-5-Liste von den Tracks geben, von denen ihr am liebsten ein Edit machen würdet? Wäre ein Country-Song dabei?
PT: Ich gehe ungern mit meinen Favoriten hausieren. Aber wenn du schon fragst: Ich würde gerne die Einzelspuren von Barbara Streisands ”Never give up“ bearbeiten dürfen. Das ist einer meiner All-Time-Favorites und ich wüsste gern, wie es sich anhört, wenn das Stück am Ende sanft ausblenden würde. In schwachen Momenten träume ich auch davon, Kris Kristoffersons ”Loving her was easier than everything I’ll ever do again“ eine weggedubbte Ambient-Behandlung zu verpassen. Es hatte zumindest super geklungen Rücken an Rücken mit einem deutschen Dubtechno-Track am Ende eines 16-Stunden-Sets vor einigen Jahren …

Wenn ich eure langen Jams wie ”Horseback“ oder ”Plukk og pirk“ höre, die wie Amon Düül im Giorgio-Moroder-Mix klingen, frage ich mich, wohin ihr Disco treiben wollt?
PT: Wir arbeiten uns nicht an einem bestimmten Gerne ab, wir starten einfach dahin durch, wohin uns unser Freiheitsdrang treibt. Wer vorab alles festlegt, hat keinen Spaß. Es ist viel besser, wenn man erst während der Arbeit merkt, aha, hier soll’s also langgehen. Dabei kann auch mal Scheiße rauskommen, aber von der ”Toothpaste & Grapefruit“-Fusion sind wir noch weit entfernt – hoffe ich. Amon Düül und Giorgio Moroder hört sich ziemlich cool an, muss ich sagen …
HP: Wir waren ganz schön progressiv drauf, als wir die beiden Tracks gemacht haben, die du erwähnst. Man sollte wenigstens immer ein neues Element in seine Musik bringen, egal wie retro man drauf ist.

Seid ihr sicher, dass ihr nicht nur an einem Novelty-Gag beteiligt seid?
PT: Keine Frage, wir meinen es todernst.

Ihr nehmt zwei Stile, die lange Zeit als schlechter Geschmack betrachtet wurden, und fusioniert sie zu einem Hipster-Ding?
PT: Ouch, lieber novelty als Hipster …

Jetzt wird es ernst. Ich habe ein paar Paare zusammengestellt von Leuten, die für euch wichtig sein könnten. Könnt ihr euch jeweils für einen Namen entscheiden?
Toto oder Doobie Brothers?
PT: Toto wegen ”Georgy Porgy“ mit Cheryl Lynn, ”Africa“ und ”Hold the line“. Echte Virtuosen spielen so slicke wie bescheuerte, großartige Popmusik. Die Doobies mag ich auch …
HP: Ich war ein großer Toto-Fan bis zu ihrem siebten Album. Mittlerweile ist mein Interesse irgendwie verblasst. ”Africa“ ist mein Favorit. Ich sollte mir die frühen Alben noch mal anhören, da stecken ungeahnte Inspirationen drin, ich bin mir ganz sicher.

Amanda Lear oder Grace Jones?
PT: Amanda Lear ist nichts als billig. Ihr Stück ”Japan“ hat grandiose Lyrics: ”Oriental people are a mystery, strange little women making origami.” Grace Jones steht ganz oben in meiner Helden-Liste.
HP: Ihr Album ”Nightclubbing“ ist eines meiner All-Time-Favorites. Produktion, Stimme, Songs, alles.

Tony Carrasco oder Patrick Cowley?
HP: Patrick Cowley wegen ”Seahunt“.

Daniel Wang oder Metro Area?
PT: Ich mag beide. Daniel Wang ist allerdings der Knuffigere …

Glaubt ihr, dass das burleske Auftreten der Village People eine Diskriminierung von Disco bedeutete, Disco lächerlich machte, oder war es ein Triumph auf dem Weg, schwule Ästhetik in den Mainstream einzuschleusen?
PT: Ich bin mir nicht sicher. Aber ganz sicher haben Freddie Mercury, Elton John und Liberace schon früher den Weg für schwule Ästhetik geebnet. Ich würde sagen, Village People waren nichts anderes als schlechter Geschmack … allerdings mag ich ”Fire Island“. Ihr Live-Album hat auch seine Momente.
HP: Solange die Musik gut ist, ist es egal, wie du sie verpackst. Gute Musik überlebt die albernsten Präsentationen. Die Disco-Geschichte ist eine Geschichte der bizarren Outfits.

Wenn die Idjut Boys die Grateful Dead des House sind, dann seid ihr die … des House?
PT: Hans-Peter hat mich mal als den Walter Gibbons Norwegens betitelt. Er hat’s wohl als Kompliment gemeint, aber ich habe mich revanchiert, indem ich ihn den Liberace der Housemusic genannt habe.

Jetzt eine Frage ausschließlich an Hans-Peter Lindstrøm, weil Prins Thomas nie in der Modeindustrie gearbeitet hat, oder?
PT: Ich war dreimal Haar-Modell. Crewcut und Pferdeschwanz 1987, Rastas im Randy-Crawford-Stil 1992 und lilafarbene, rasierte Punkte 1994 … damit du im Bilde bist.

Würdest du lieber in der Musik- oder der Modeindustrie arbeiten?
HP: Ich habe mich entschieden, wie du hören kannst. Und es war eine meiner leichtesten Übungen.

Ist das nicht toll? Da macht sich ein altes Musikfeld noch mal ganz neu auf: ”Georgy Porgy“ und ”Africa“, Randy Crawford, ”Seahunt“ (gerade als anonymes Bootleg wieder veröffentlicht), Frank Farian. Die Freiheit des unabgesicherten Geschmacks nehmen sich Lindstrøm und Prins Thomas. Und irgendwann wird man sie feiern als das dekadente Ende von Disco, so wie man die Doobie Brothers als das dekadente Ende vom Westcoast-Sound feiert und Toto als das dekadente Ende vom Studiomucker-Schlock.

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Elektronische Lebensaspekte.