Neben ESG waren Liquid Liquid das Hauptaushängeschild der New Yorker No-Wave-Sene in den 80ern. Jetzt schlagen sie wieder auf ihre Toms.
Text: Felix Denk aus De:Bug 93

T-Shirt-Typen in der Disco
Sal Principato/Liquid Liquid

Irgendwann Ende der 70er erschien den New Yorker Dilettanten aus der Downtown-Galerienszene im Kokain-Rausch der große Afro-Gott und befahl: ”Kickt eurem amateurhaften Punkgelärme endlich den Funk in den Tank, lernt den James Brown zu klau’n.“ Daraus entstand um Labels wie 99 Records und ZE eine Szene, die etwas hilflos nach dem gleichnamigen Minisampler ”No New York“ oder ”No Wave“ benannt wurde. James White & The Contortions, ESG, Lizzy Mercier Descloux, Aural Exciters entwickelten eine kühle Offbeat-Überspanntheit mit DiY-Attitüde, die New Wave, HipHop und Disco kurzschloss. Liquid Liquid, damals mittendrin, erwachen gerade aus einem 20-jährigen Dornröschenschlaf.

Debug: Comebacks enden oft im Desaster. Liquid Liquid hat es trotzdem gewagt. Wie kam es dazu?

Sal Principato: Wir haben immer wieder Anfragen für Auftritte bekommen. 2002 haben wir dann mal eine kleine Jam-Session gemacht, die uns echt umgeblasen hat. Alles hat noch funktioniert wie damals. Im März 2003 hatten wir zwei ausverkaufte Gigs in der Knitting Factory in New York. Die Jungs von DFA kamen vorbei, Optimo aus Schottland und auch ein Paar Leute aus Paris. Seitdem spielen wir wieder gelegentlich zusammen. Bei dem Movement-Festival in Detroit sind wir z. B. mit ESG aufgetreten.

Du legst jetzt manchmal als DJ auf. Seit wann machst du das?

Sal Principato: Seit zwei Jahren. Ich bin aber noch ein ziemlicher Anfänger. Es dauert, bis man seine eigenen verdrehten Details richtig rüberbringen kann. Letzte Nacht haben die Leute vor allem auf sehr straighte Sachen reagiert, auf die 4/4-Beats, weniger auf Swing.

Ist das für dich enttäuschend? Liquid Liquid waren schließlich berüchtigt für ihre verwinkelten Grooves.

Sal Principato: Nein, das ist eine Herausforderung. Liquid Liquid galt auch nie als zugängliche Band. So ist das eben jetzt auch. Die eine Hälfte hat keine Ahnung, wer Liquid Liquid ist, die andere meint, wir hätten die Tanzmusik mit erfunden. Dabei haben wir uns nie als Disco begriffen, sondern nur ähnliche Quellen gehabt, die man aus unserer Musik raushören kann. Wir haben uns mehr als Rockband mit Groove gesehen.

Eine Rock-Band? Hattet ihr überhaupt einen Gitarristen?

Sal Principato: Eigentlich nicht. Wir kamen aus einem Punk-Background. Punk hieß ein Instrument in die Hand zu nehmen und darauf rumzumurksen. Damals hat auch jeder – egal ob er Filmemacher, Journalist oder Automechaniker war – in einer Band gespielt. Wir eben auch. Und irgendwie hat das schon geklappt, auch wenn wir oft haarsträubend schlechte Presse bekommen haben. Was tun diese Typen nur? Die können ja noch nicht mal einen Song schreiben!

Die Texte, die du gesungen hast, versteht ja auch kein Mensch …

Sal Principato: Alle Hinweisschilder zur Orientierung haben eben gefehlt. Nur die Essenz war da. Die ersten, die darauf reagiert haben, war die Tanzmusik-Szene. Die Leute aus der Paradise Garage. Larry Levan hat unsere Stücke oft gespielt, auch Afrika Bambaataa im Roxy. Damals gab es kaum Orthodoxien. Nicht so wie heute, wo es so viele Genres gibt und alle ihre eigenen festen Konventionen haben.

In der Paradise Garage tanzte die schwarze Gay-Szene aus Downtown. Im Roxy trafen New-Wave-Leute auf die HipHop-Kids aus Uptown. Warst du überrascht, dass eure Platten in so verschiedenen Szenen ankamen?

Sal Principato: Nicht überrascht, aber fasziniert. Damals gab es viele Berührungspunkte zwischen recht unterschiedlichen Szenen. Es war schon merkwürdig, wenn Stücke wie Cavern in der Danceteria, dem Mudd Club oder auf den Street Parties in der Bronx gespielt wurden. Wir haben natürlich an unsere Sachen geglaubt, aber sie klangen schon recht speziell. Es waren ja akustische Songs mit viel Percussion.

Jemand, der auch an euch geglaubt hat, war Grandmaster Flash. ”Cavern“ fand er so toll, dass er gleich die Bassline für White Lines übernommen hat. Wart ihr sauer?

Sal Principato: Meine Reaktion war nicht: Hey, der klaut unsere Musik. Grandmaster Flash war der heiße Scheiß damals, und White Lines war der Nachfolger von The Message, einem großen Hit, der HipHop eine neue Richtung gab. Es war also ein dickes Kompliment, wenn Grandmaster Flash dich gut findet. Außerdem hat das auch für uns viel bewirkt. Vor 1982 hatten wir es schwer. Obwohl wir mit 99 Records ein gutes Management hatten, mussten wir ganz schön kämpfen. Wir hatten ein paar gute Auftritte, aber wir kamen nicht groß raus. Nach 1982 fanden uns plötzlich alle gut. Nicht nur in New York. Wir sind auch in Paris im Rex aufgetreten.

Ihr habt also von White Lines auch profitiert?

Sal Principato: Oh ja. Danach kamen die Auftritte im Roxy, der Paradise Garage, dem Zanzibar und dem Fun House. White Lines und Cavern haben für einen ziemlichen Wirbel gesorgt. Wir waren ja eher so T-Shirt- und Sneakers-Typen und plötzlich spielten wir in diesen angesagten Clubs. Das war eine merkwürdige Situation: Der Vorhang geht auf und da stehen so fünf Normalos vor einem echt glamourösen Publikum.

99 Records hat Sugar Hill, wo White Lines erschien, verklagt und gewonnen. Da Sugar Hill aber insolvent war, ist kein Geld geflossen. An den Prozesskosten ist 99 Records dann Pleite gegangen. Wessen Idee war denn der Prozess?

Sal Principato: Ed Bahlmans. Es war sein Label und seine Entscheidung. Ich habe die Einzelheiten und die ganze Dynamik, die sich entwickelt hat, nie ganz verstanden.

Sugar Hill soll Verbindungen zur Mafia gehabt haben und Ed Bahlman damit eingeschüchtert haben. Hast du davon etwas mitbekommen?

Sal Principato: Nein. Nur dass die Sache undurchsichtig wurde. Wir haben das ja auch nicht forciert. Ich war auch nicht so vertraut mit der Musik-Branche und das ganze Drama drumherum ist mir erst später bewusst geworden.

Was macht Ed Bahlman denn heute so?

Sal Principato: Keine Ahnung. Ich glaube, das weiß niemand so genau.

Habt ihr euch eigentlich als Teil der No-Wave-Szene gesehen?

Sal Principato: No Wave war eigentlich das, was auf dem ”No New York“-Sampler von Brian Eno erschien, also DNA, Mars und James Chance. Eher Noise Rock. Damals hat niemand ESG oder uns als No Wave bezeichnet. Im Rückblick macht das schon eher Sinn, wir waren ja weder Rock noch New Wave. Wir haben das Ganze Body Music genannt. Aus heutiger Perspektive wirkt das immer so, als wäre No Wave so eine zusammenhängende Szene gewesen und als ob alle immer mit allen zusammengearbeitet hätten. Wir kannten zwar eine Menge Leute, aber als Teil einer Szene haben wir uns eigentlich nicht gesehen. Die Band war eher ein Universum in sich.

Heute beziehen sich viele Produzenten auf die Musik aus den frühen 80er Jahren in New York. Was denkst du darüber?

Sal Principato: Ich höre natürlich, dass viele Leute sich auf ähnliche Sachen beziehen wie wir und dass wir Teil des Referenzmaterials geworden sind. Wir haben ja auch ständig Kuhglocken verwendet. Ich freue mich natürlich darüber. Deshalb möchte ich wieder mehr Musik machen und auch auflegen. Es macht Spaß, mit Leuten wie DFA und Kaos zu arbeiten. Ich bin immer wieder beeindruckt, was sie alles über Musik wissen. Ich befinde mich in einem Lernprozess über die gegenwärtige Musik, was in Clubs funktioniert und was Leute erwarten. Andererseits ist die Musik heute schon sehr stark in einzelne Segmente gegliedert.

Ist das der Hauptunterschied zu den frühen 1980er Jahren?

Sal Principato: Ja. Wobei das damals auch nicht der Garten Eden war. Aber es gab keine so enge Vorstellung, was man so zu hören hätte. Heute sind Marketing, Produktion und Werbung so ausgefeilt, dass komplette Realitäten geschaffen werden können. Alles wird so zugespitzt, dass kaum Raum für die eigene Phantasie bleibt.

Leiden die Hipster unter ihrer Überinformation?

Sal Principato: Vielleicht. Viele Sachen klingen jedenfalls sehr zusammengebastelt. Nicht frisch, sondern fertig. Es geht immer um das Wiederverarbeiten von etwas, was bereits wieder verarbeitet wurde. Im Grunde wird seit 25 Jahren zu denselben Sachen getanzt. Nur immer mit kleinen Veränderungen. Das Gefühl, das etwas völlig Neues entsteht, bekommt man heute nicht mehr. Ende der 1970er Jahre war das schon so.

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Elektronische Lebensaspekte.