Wie klingt Berlin?
Text: Ji-Hun Kim aus De:Bug 165

Die ganze Pop-Welt zieht nach Berlin, immer noch. Es scheint vor allem auch eine British Invasion zu sein, wenn man sich die Liste der mittlerweile hier ansässigen Musiker und Produzenten ansieht. Folgt ihnen nun auch das schreibende Volk aus London nach? Lisa Blanning ist kurz davor: Sechs Jahre lang war die 37-Jährige Redakteurin beim wahrscheinlich besten internationalen Musikmagazin The Wire in London und lebte zuvor in San Francisco. Sie ist eine der großen Expertinnen der Popkultur und trinkt ihren Tee üblicherweise mit Tim Lawrence oder Simon Reynolds. Nun hat sie ihren Job gewechselt, ist nach Köln gezogen und schreibt für das Online-Magazin der Red Bull Music Academy. Bald wird es wohl auch sie in die deutsche Hauptstadt ziehen. Warum sie sich von London verabschiedet hat, das aus unserer Perspektive doch immer noch der Nabel der Popkultur zu sein scheint, wie Berlins Sound und Szene von außen wahrgenommen werden und wie bedeutend der Zusammenhang von Immigration und Musikinnovation ist, erzählt sie im Interview. Natürlich in Berlin.

Debug: Wie ist in London die Wahrnehmung der Berliner Musikszene? Wir in Berlin wür- den eher sagen, dass wir, im Vergleich zur englischen Hauptstadt, nicht allzu viel an Popkultur und Popgeschichte anzubieten haben.

Lisa Blanning: In den Bereichen Pop- und vor allem Rockmusik denkt man wahrscheinlich nie an Berlin. Aber für die englischsprachigen Musikjournalisten sind Techno und House aus Berlin eine wichtige Angelegenheit. Die Szene, die Clubkultur, außerhalb dieser Phänomene wird es dann sehr spezi- fisch. Auf jeden Fall sind es weder Rock, Reggae noch Jazz. man darf natürlich die experimentelle Szene nicht vergessen, aber auch da gibt es Beziehungen zur Techno- Szene, zumindest wenn man die Elektronik als historische Basis nimmt. Es geht aber nicht nur um die musik, sondern Berlin wird als bedeutende Kulturstadt wahrgenommen. Hier gibt es einige der wichtigsten Kultur- und Kunstszenen Europas.

Debug: Was erwartest du selbst von dieser Stadt?

Lisa Blanning: Im Vergleich zu Städten wie New York oder London erscheint mir Berlin ein ganzes Stück entspannter. Es ist mehr laid back, und ich wollte mich dem hysterischen Lifestyle in London ein bisschen entziehen. Was mich an dieser Stadt reizt, ist, dass sie klein genug ist, um sich ein arrangierbares Leben vorzustellen, aber sie ist groß genug, um all jene Dinge zu bekommen, die man von einer größeren, internationalen Stadt erwartet. Dinge wie gutes Essen, Ausgehen, und die Menschen hier sind sehr freundlich. Zumindest erscheinen sie netter als in London oder New York. Das ist für die Lebensqualität von großer Bedeutung. Selbstverständlich darf man auch nicht unter den Tisch fallen lassen, dass das Leben hier im Vergleich zu europäischen Großstädten einfach billiger ist.

Debug: Man meint ja gerne, dass in einer günstigen Stadt, die von vielen Kreativen bewohnt wird, auch der kreative Output groß sein muss. Aber mir persönlich – um zur elektronischen Musik zurück zu kommen – erschien in den vergangenen Jahren London bzw. UK weitaus stilprägender zu sein, was neue Impulse, Stile und Potentiale betraf.

Lisa: In Städten wie London musst du arbeiten, um zu leben. Da gibt es keine Auswege, es ist ein rauer Ort. Man muss arbeiten, um irgendwie über die Runden zu kommen. Das ist hier vielleicht anders. Aber man lernt in London auch, dass man eben produzieren und wirtschaftlich denken muss, dass man sich auch an einem internationalen Standard messen muss, um über die Runden zu kommen. Es ist schwierig, diese Arten des produktiven Outputs miteinander zu vergleichen, weil Fakt ist, dass in London zehn Millionen Menschen leben, hier hingegen offiziell etwas mehr als drei Millionen. Natürlich gibt es viel gute Musik aus London, aber es wäre weitaus bedenklicher, wenn das in einer 10-Millionen- Metropole nicht der Fall wäre.

Debug: Wollte man es harsch ausdrücken, dann gab es in den letzten zehn Jahren keinen wichtigen Sound aus Berlin. Wohingegen Dubstep in einer riesigen Welle bis in die USA schwappte, interessante Künstler wie Floating Points, Four Tet, Burial kommen alle aus UK.

Lisa: Du hast Recht! Das ist der Grund, wieso ich dort zehn Jahre gelebt habe und unbedingt hin wollte. Berlin ist ein wichtiger Ort für Dance Music, aber für mich persönlich ist britische Dance Music noch immer die wichtigste. Auch, weil sie sich immer verändert, es wird viel mehr interpretiert. Aber außerhalb Londons ist der dominierende Clubsound seit Ewigkeiten House und Techno. Let‘s face it. Es gibt kaum Innovationen außerhalb dieser Szenen. Aber das betrifft ja nicht nur Berlin. Ich hab aber auch eine Theorie, wieso es gerade in London so vielseitig ist.

Debug:Die da wäre?

Lisa: Ein Grund ist auf jeden Fall die offene Immigrationspolitik der Briten nach dem Zweiten Weltkrieg. Menschen sind aus allen Teilen der Welt dorthin gezogen. Diese Einflüsse haben sich vor allem in Londons DNA fest eingewebt. Die erste Generation war noch eine Einwanderergeneration, aber die zweite war bereits britisch, zumindest hat sie sich selber so definiert. Die kulturelle Vielfalt ist ausschlaggebend für die musikalischen Dinge, die in UK passieren, am offensichtlichsten sind hier die Einflüsse aus Jamaika und den karibischen Inseln. Jamaikanische Musik hat die britische Popkultur maßgeblich geprägt, das ist eine Art Ground Zero für alles, was danach passiert ist. Das eindeutigste Beispiel ist vielleicht die Verbindung von Reggae und Jungle. Aber auch Hardcore, Rave, Acid House und Breakbeats wären ohne diese Verschränkungen nie passiert. In Deutschland gibt es diese extreme kulturelle Immigration wohl nicht. Zwar gibt es gerade jetzt in Berlin sehr viele Einwanderer aus allen möglichen Ländern, aber bislang war es die türkische und arabische Gemeinde, die das Gros der Immigration ausmachte. Ich habe mitbekommen, dass es viel türkischen HipHop gibt.

Debug: Der wird meistens komplett isoliert vom aktuellen Popgeschehen betrachtet, und auch die türkischen Gemeinden eher exklusiv als inklusiv wahrgenommen.

Lisa: HipHop ist aber auch ein spezielles Phänomen, weil er ja wirklich auf der gan- zen Welt produziert wird, sei es in Russland, Asien oder in den arabischen Ländern. Es bleibt weiterhin das vielleicht einflussreichste Musikgenre weltweit. Interessant für Berlin wäre es natürlich, irgendwann türkische Einflüsse in elektronischer Tanzmusik hören zu können. Wenn es denn passiert. So weit ich weiß, sind die Türken die größte ausländische Bevölkerungsgruppe. Aber es hängt immer damit zusammen, inwieweit Integration betrieben wird. Denn wenn es einen Dialog gibt, dann entsteht, wie man in London sieht, auch eine neue Musik, die einen Neubeginn der Gesellschaft markieren kann. Als sie anfingen Grime, Dubstep und Jungle zu produzieren, haben sie britische Musik gemacht. Es wäre nie jemand auf die Idee gekommen, zu sagen, das wä- re jetzt Immigranten-Sound.

Debug: Sind die Leute in England oder den USA denn neidisch auf die Berliner Clubszene?

Lisa: Ich denke, dass das in London schon der Fall ist. Aber Neid ist vielleicht der falsche Ausdruck, weil House und Techno dort eben nicht diese große Rolle spielen. Das Interessante an Berlin ist der zeitliche Umfang, den das Ausgehen einnehmen kann. Dass Partys 72 Stunden dauern kön- nen, und wie genau das die Wahrnehmung und den Sound von Musik beeinflusst. DJs wie Ricardo Villalobos habe ich schon einige Male auf Festivals gesehen habe, da spielt er drei Stunden und das war‘s. Wenn er aber acht Stunden in Berlin spielt, dann ändert das alles. Die Umgebung, das Augmentierte. Oder man geht Sonntag mittag in einen Club oder Dienstag abends um neun, das macht die Erfahrung letztendlich zu einer gänzlich anderen, weil der Kontext außerhalb der Party ein komplett anderer wird. Das ist der wirklich interessante Aspekt an dieser Stadt, das passiert nur hier und nirgendwo anders.

Debug: Es geht also nicht um die Clubs an sich?

Lisa: Nein. Es gibt genug Clubs in London und auch immer wieder Events, die länger dauern. Aber das Berghain ist ein Laden mit Lizenz, der genau das anbieten kann. Wenn es so etwas in London gibt, dann sind es Warehousepartys. Als die Fabric irgendein Jubiläum gefeiert hat, hatten sie ein ganzes Wochenende offen, doch das sind Ausnahmen. Wobei es jetzt ja diese GEMA- Diskussion gibt.

Debug: Dass genau das ein Thema in der internationalen Presse ist, scheint mir in dieser Reichweite ebenfalls komplett neu.

Lisa: Das mag daran liegen, dass die GEMA die Berliner bzw. die deutsche Clubkultur be- droht, das macht die Angelegenheit international.

Debug: Und das Internationale daran ist?

Lisa: Dass Berlin eben für die Clubs bekannt ist (lacht), aber nicht nur Berlin, die deutsche Haltung zu Clubbing im Generellen ist berühmt. German Techno, dieser Begriff hat eine Bedeutung, das ist ein eigener Sound. Das und die Clubkultur sind etwas, das internationales Renommee genießen. Das ist der Grund, wieso so viele Menschen aus anderen Ländern sich bekümmert zeigen über die aktuelle Situation. Der ganze Easyjetset, der Tourismus in Europa, der um die Szene entstanden ist. Leute reden zwar über French House, aber das ist nicht im Geringsten so bedeutend wie German Techno.

Debug: Damals ist man, vor allem aus England, im Sommer nach Ibiza gereist, um zu feiern, auch das scheint sich geändert zu haben.

Lisa: Ibiza ist sehr speziell. Es hat eher was von einer Sekte, die jährlich dort hin pil- gert, es ist kommerziell und sehr cheesy. Wenn man am Underground interessiert ist, dann spielt Ibiza eigentlich keine Rolle. Das Ganze ist auch in die Jahre gekommen. Ibiza ist der Grund, wieso es das Genre Balearic House gibt und das wird heutzutage ja nun wirklich nicht mehr mit etwas Modernem in Verbindung gebracht.

Lisa: In den 90ern gab es mit Basic Channel, Hardwax oder Tresor auch eine Riege von Leuten, die für einen neuen Sound standen. Heute erscheint Berlin eher wie eine Plattform für eine globalisier- te Clubkultur, wo ein lokaler Sound kaum noch auszumachen ist.

Debug: Wenn Leute heute über einen Berlin- Sound reden, dann ist es in der Tat entwe- der Basic Channel oder Minimal Techno. Und du hast Recht, dass das nichts ist, was irgendeine tagesaktuelle Relevanz hätte. Aber es ist ja nicht so, dass in Berlin niemand mehr Musik machen würden. Und wie ich sagte, der Rest der Welt hört noch heute House und Techno und das trägt eine gewisse Macht in sich. Da ist die Schablone, die durch Basic Channel oder eben Minimal mit geprägt wurde, noch immer inhärent.

Debug: Was wird deiner Meinung nach in Zukunft aus dieser House-/ Technodominanz?

Lisa: Wahrscheinlich wird sie für immer bleiben. In einer Form, wie Rock oder HipHop nie sterben werden. Auch die Arten haben sich verändert, waren mal populärer und dann wieder weniger. Mal sind sie spannender und dann ebben sie ab. Aber es ist an der Zeit, an den richtigen Hebeln zu dre- hen, um Dinge wieder aufzufrischen und neu klingen zu lassen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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