Jörg Sundermeier steckt mit seinem Verbrecher Verlag mitten drin in der deutschsprachigen Literaturlandschaft. Hier nimmt er eine aktuelle Kartografie vor.
Text: Jörg Sundermeier aus De:Bug 106

Die Roman-Macher
Der Literaturbetrieb, einmal umgekrempelt

Was kann, will, darf, ist, bezweckt, wird, mag, muss, verändert, soll, ahnt, macht, beweist, denkt, fühlt, beschreibt, kritisiert, bearbeitet, verdrängt die junge deutschsprachige, vielfach auch bei vollständiger Ignorierung Österreichs und der Schweiz so genannte “deutsche“ Literatur heute? Wer ist drin, wer draußen, was bleibt? Wie kann diese Literatur wirken? Wer verdient was? Und wer hat mit wem …?
Reden wir zunächst über das Geld. Und nicht über das, welches die Autorin und der Autor vermisst, sondern über das Geld, das zählt. Jüngst erst ist der Buchhandel in den deutschsprachigen Ländern regelrecht in sich zusammengefahren, weil sich zu dem einen Großkonzern Thalia plötzlich ein zweiter mit dem einfallslosen Namen DBH Buch Handels GmbH gesellt hat, der fast doppelt so groß ist. Unter seinem Dach vereint der neue Riese die Hugendubel-Buchhandlungen und den Weltbild-Konzern, der Bücher in Vollsortimenten, kleinen Sortimenten und via Katalog vertreibt. Beide werden darüber hinaus Beteiligungen an den kleineren Filialisten Weiland und Buch Habel halten. Damit bewegen sich nunmehr zwei Riesen auf dem Buchmarkt, die das literarische Leben schon deshalb dominieren, weil sie mit ihrer Marktmacht den Verlagen vorschreiben könnten, was sie gedruckt sehen wollen und was nicht – noch tun es diese Unternehmen nicht, doch im Kapitalismus ist es ja stets nur eine Frage der Zeit, bis man auch die letzte gewinnbringende Option ausgenutzt hat. Und bei den traditionell geringen Margen dauert das nicht lang. Bereits jetzt moniert der Weltbild-Chef Carel Halff, dass Bücher heute zu teuer seien – wiewohl Bücher eine der wenigen Waren sind, die, gerechnet an der Inflationsrate, stets günstiger werden. Weltbild selbst ist bereits als Buchproduzent tätig – und das im unteren Preissegment. Es ist klar, wohin diese Reise geht.
Angesichts dessen wird das Duckmäusertum, das in größeren Verlagshäusern eh schon vorherrscht, nicht abnehmen, sondern weiterhin eine Literatur fordern und befördern, die niemandem wehtun kann. Mit der Chic-Lit einer Ildikó von Kürthy jedenfalls ist mehr Geld zu machen als mit einem Roman, von, sagen wir mal, Marlene Streeruwitz, obschon beide Autorinnen durchaus vergleichbare Frauenfiguren porträtieren.
Doch, und hier wieder geht es um Geld, wenn auch zunächst nicht im materiellen Sinne: Eine Autorin wie Streeruwitz wird dennoch und gern von einem größeren Verlag verlegt, da sie kulturelles Kapital mitbringt, das dann, so die Mischkalkulation des Verlages, auf die populäreren Bücher abfällt. Doch die Garantie, dass man ein solches Kapital mitzubringen imstande ist, muss sich eine Autorin beziehungsweise ein Autor erst mal erwirtschaften.
Der so weitergegebene wirtschaftliche Druck lässt bereits etwas vorwegnehmen, was bei der Frage nach der “jungen“ oder “neuen“ Literatur zumeist untergeht: die Texte, die man unter dieses Rubrum fasst, sind nahezu ausschließlich Romane. Theatertexte, wie sie der penetrante Falk Richter, wie sie Martin Heckmanns, Gesine Danckwart oder Dea Loher verfassen, wie sie René Pollesch schreiben lässt, spielen im Buchmarkt keine Rolle, sind manchmal auch gar nicht erhältlich. Und, von Dea Loher einmal abgesehen, spielen all diese Autoren und Autorinnen auch in der Prosa keine Rolle. Das müsste nicht zwingend so sein, Heckmanns etwa verfasst schöne, lesenswerte Kurzprosa. Doch auf dem Markt ist für Texte von Theaterleuten eher kein Platz, außer eben, wenn sie doch einen Roman verfassen.
Ähnlich steht es um die Lyrik, auch dort wird kaum übergreifend gearbeitet, von allen zur Zeit gefeierten jüngeren Romanautoren und -autorinnen wird man keinen Lyrikband finden, von den meisten auch keinen suchen wollen. Lediglich ein kleiner Verlag, kookbooks der rührigen und sehr begabten Literaturauffinderin Daniela Seel, setzt so lautstark und beeindruckend auf Lyrik, dass seine – optisch allerdings auch sehr auf ein jüngeres Publikum zugeschnittenen – Bücher für so viel Aufmerksamkeit sorgen, dass bereits eine Schule zu entstehen droht. Doch der ökonomische Druck ist damit nicht vom Verlag genommen. “Wir müssen die Händler erst an unsere Produkte gewöhnen“, sagt Seel. Die Preise allerdings, die die kookbooks-Autoren und -autorinnen zurzeit en masse einheimsen, werden von Jurys verliehen, die eher mit älteren Semestern besetzt sind. Gerade bei diesen aber zieht “Jugend“ als Auswahlkriterium ungemein.
Die junge deutsche Literatur setzt ebenfalls nur selten auf Essayistik, sofern man jetzt mal die Aufsatzsammlungen von einigen Autoren beiseite lässt, die einige Zeitungsrezensionen versammeln, die aber hochtrabend als Essays feilgeboten werden. Den Glauben an die Gewitztheit eines Daniel Kehlmann verliert man schnell, wenn man die Aufsätze dieser notorischen Betriebsnudel liest, in denen selten über Erkenntnisse hinausgegangen wird, die die sonstige Sekundärliteratur nicht bereits in der Einleitung zu ihrer Analyse präsentiert. All das aber verdecken die Romane dieses fleißigen Handwerkers ganz leidlich, sodass er zum Fernsehphilosoph allemal taugt. Zudem, ein alter Trick, beschimpft er als Nutznießer den Literaturbetrieb, was dieser ganz besonders schätzt, goutiert er doch jede Beschäftigung mit sich als Anerkennung. Auch anderen jüngeren Literatinnen und Literaten ist keine Ästhetik abzuverlangen. Sollten Sie dennoch ihre ästhetischen Erwägungen verkünden, so kann es schnell peinlich werden. Clemens Meyer etwa, dessen Romandebüt “Als wir träumten“ zurecht sehr gelobt wurde, auch wenn ein weniger schlampiges Lektorat dem Buch gut getan hätte, erscheint dort, wo er sich erklären will, als eher kleines Licht.
Daran ist er, ist auch Kehlmann nicht allein schuld, der Literaturbetrieb, dem sich in die Arme zu werfen den jungen Autoren oft als einziger Ausweg erscheint, umarmt gern, was er zu fassen kriegt, und zwingt ihm allerlei Verrenkungen ab. Wenn sich eine oder einer dann genug blamiert hat, lässt sie der Literaturbetrieb wieder fallen. Das macht er seit Jahren, allerdings gewinnt man seit geraumer Zeit den Eindruck, er mache es mit noch größerem Sadismus. Vielleicht aber findet er auch seine Opfer leichter.

Autoren ohne Schulen

Womit wir zu den Autoren selbst kommen. Die Schulen, die der Journalismus ausgemacht hat, gibt es kaum noch. “Alle Versuche, in jüngerer Zeit ‘Strömungen’ zu etablieren, blieben in Absichtserklärungen stecken – für die großen ‘-ismen’ früherer Epochen scheint die Welt und die Formensprache doch zu vielfältig geworden zu sein“, meint der literarische Agent Uwe Heldt. Michael Fisch, der Vertriebsleiter des Parthas Verlages, resümiert trocken: “Es gibt so wenig eine junge Literatur, wie es eine alte gibt. Es gibt immer wieder Bücher von jungen Autoren, die sich zufällig in einer Metropole (mal ist es Köln, mal ist es Berlin, mal ist es München) zusammenfinden und dann für einen gewissen Zeitraum das Geschrei der Medien bedienen. Ein Verlag wie Kiwi zeigt dem Markt, dass mit diesem Geschrei Geld zu verdienen ist.“ Tom Kraushaar, einer der beiden Betreiber des Tropen Verlages, argumentiert ebenfalls vom Markt her, hält allerdings dagegen: “Es fehlten in der jüngsten Vergangenheit die relevanten Auslöser für funktionierende Vermittlungskategorien. Das waren in den Neunzigern etwa Bücher wie ‘Faserland’ oder ‘Sommerhaus, später’. Bücher wie ‘Die Vermessung der Welt’ stehen so solitär in ihrem literarischen Umfeld, dass sie als Auslöser für neue Kategorien nicht herhalten können.“ Lars Birken-Bertsch vom Blumenbar Verlag meint ebenfalls, dass es die “junge Literatur“ weiterhin als Marke gäbe, allerdings wisse niemand, was sich dahinter verberge: “Nicht zuletzt durch die Schreibschulen in Hildesheim und Leipzig wird dies befördert – unabhängig davon, wie man zu diesen Schulen steht.“ So auch der Autor Dietmar Dath: “Das Schöne an der Kultur: Alles, was irgendwer spinnt, gibt es, sobald es gesponnen ist.“
Gunther Nickel, Privatdozent der Universität Mainz und Lektor des Deutschen Literaturfonds in Darmstadt, ergänzt: “Es gibt zumindest Gruppenbildungen. Ein sehr interessanter Kreis ist etwa der um die Zeitschrift Bella triste in Hildesheim. Ihn eint eine programmatische Abwendung von ‘realistischen’ Schreibweisen. Aber das ist auch schon die einzige Gemeinsamkeit, es gibt keine darüber hinaus verpflichtende Programmatik. Auch Verlagen kann man bestimmte Stile zuordnen. Es gibt schon so was wie den Kookbooks-Lyriker, wie es auch einen Suhrkamp-Stil gibt, so dass ein Roman von Eva Demski dort sofort als Fremdkörper begriffen wird. Vor einiger Zeit konnte man auch einen DLL-Stil ausmachen. Er hat eine sehr uniforme, erfahrungsarme und sich in kleinteiligen Redundanzen erschöpfende Literatur mit sich gebracht.“
Dass das DLL, das Deutsche Literaturinstitut Leipzig, einen eigenen Stil hervorgebracht hat, ist dem Unterricht dort geschuldet. Aus den Klassenzimmern kommt in der Regel handwerklich mehr oder minder sauber gearbeitete, oft sehr unspektakuläre Literatur, die selten aus der Phantastik oder der Science Fiction schöpft – was man bei junger Literatur ja eigentlich erwarten dürfte -, stattdessen heißen die weiblichen Hauptfiguren beinahe ausnahmslos Nele oder Marie, die männlichen Paul oder Tim, die Titel sind gezwungenermaßen originell, die Handlung ist dünn, oft im eigenen Lebensumfeld angesiedelt und die ganze Erzählung einem, wenn man so will, symbolistischen Realismus verpflichtet, im besten Fall einer Mischung aus dem Stil von Doris Dörrie und Heinrich Böll, dem ein Schuss Hofmannsthal beigegeben ist. Um es in aller Kürze zu beschrieben: Erst wagt es Lena, ein wildes Pferd zu berühren, einen Absatz weiter schläft sie dann mit Tom, den sie seit einiger Zeit “irgendwie“ begehrte, der Geschlechtsakt wird entweder sehr ausführlich beschrieben oder nur zart angedeutet, nachher dann fühlen sich beide schlecht. Der Kritiker Martin Büsser spitzt es zu: “Wenn es in Deutschland überhaupt noch etwas Charakteristisches gibt, was sich zu jungen Autoren sagen lässt, dann ist es dasselbe, was sich auch auf die neue Befindlichkeit in der deutschen Popmusik (Tomte, 2raumwohnung etc.) sagen lässt: Gefühlsfaschismus.“ Ob das gewichtige Wort “Faschismus“ hier angebracht ist, sei dahingestellt, doch Büsser weist auf einen Umstand hin, der gern ausgeblendet wird: Diese Autoren zwingen ihre Leser zur peinlichen Anteilnahme. Sie müssen aufgrund ihrer Erfahrungsarmut, da sie zwischen Schule und Literaturschule nichts erlebt haben, auf ihren Gefühlshaushalt zurückgreifen, um einen Plot entwerfen zu können. Da sie oft unbewusst, seltener aus Not, angelesene Gefühle für ihre eigenen halten, gleichen sich die Texte sogar dann, wenn niemand abgeschrieben hat. Der Kulturwissenschaftler Tom Holert: “Wie das so ist mit Marketinginstrumenten, literaturkritischen Rubrizierungen und sonstigen Anschlussangeboten – sie wirken auf die Rubrizierten und Instrumentalisierten zurück, retroaktiv. Nachträglich werden diese zu dem, als die sie andere identifiziert haben.“ So entsteht die viel geliebte, viel geschmähte Literaturschule Leipzig.
Da aber die Lektorate ebenfalls genau das Manuskript am meisten schätzen, das sich so liest wie jenes, das sich gerade gut verkauft, werden gerade diese Retortentexte gern genommen. Der Gerechtigkeit halber muss man allerdings einräumen, dass am DLL auch andere Texte entstehen, wie etwa der oben erwähnte Roman von Meyer, der sich mit der Verelendung der Unterschicht beschäftigt und im Stil eher Hemingway verpflichtet ist.
Die literarische Form, derer man sich am DLL scheinbar ausnahmslos bedient, ist der Roman. Doch der Eindruck stimmt nicht, es werden dort beileibe nicht nur Romane produziert und die Fabrikation von Romanen gelehrt, allerdings werden von den Absolventinnen und Absolventen des DLL nur Romane gekauft – liegen von ihnen, wenn sie einen ersten kleinen Literaturwettbewerb gewonnen haben, lediglich Erzählungen vor, wird eine davon zum Roman “umgearbeitet“.
Aus dem Erfolg, den die bewundernswert geschäftstüchtige Judith Hermann mit ihren possierlichen Fingerübungen mit ihrem Band “Sommerhaus, später“ feierte, haben die Verlage nichts gelernt, die Erzählung gilt weiterhin als ein randständiges Stück Literatur. Kurzprosa, Short Story und Epiphanie werden erst recht nicht verlegt, siehe Lyrik, Theater und Essay. Manch ein “Kurzroman“ dagegen, den man auch “Erzählung“ nennen könnte – beides Begriffe für Erzähltexte, die vielerlei sein könnten, auf die Lukács’ Romantheorie jedenfalls nicht zutrifft -, wird heute als Novelle verkauft, dies aber offensichtlich nur, weil das Wort Novelle hübsch klingt (gibt es, übrigens, schon eine Band, die so heißt) oder eine falsche Übersetzung aus dem Englischen gemacht wurde.
Die hier auch aufgerufenen Hildesheimer agieren nicht so gleichförmig wie ihre Leipziger Schulkameraden, daher aber gilt “Hildesheim“ auch nicht so sehr als Label. “Literatur ist das Geschäft von Individualisten. Gruppen mit gemeinsamen ästhetischen Anschauungen bilden sich vielleicht hie und da, spielen nach meiner Beobachtung aber keine wesentliche Rolle. Wichtiger sind Seilschaften und Netzwerke, deren Funktion nicht ästhetisch definiert ist, sondern ökonomisch: Es geht darum, durch Freundschaften und Beziehungen das Überleben im Literaturbetrieb zu sichern“, meint Thomas Keul, leitender Redakteur der Literaturzeitschrift Volltext. Doch diese Freundschaften müssen in einer Gesellschaft bestehen, deren Prinzip die Konkurrenz ist. Labels helfen dann zu einen, wo persönlich nicht zu einen ist. Debatten werden in diesen Seilschaften eher vermieden.
Die “junge Literatur“ selbst ist so ein Label. “Solche Labels brauchen Journalisten, logischerweise, weil ihnen zu den Neuerscheinungen, die so ins Haus kommen, erst mal nicht viel einfällt und weil da häufig formal und inhaltlich eh so wenig passiert, dass es schon ein Wunder wäre, wenn ihnen was einfiele. Also labelt man“, schreibt Jan-Frederik Bandel, einer der Herausgeber des neuen Kulturmagazins Kultur & Gespenster. “Und natürlich brauchen auch die Verlage solche Labels, aus ganz ähnlichen Gründen. Die Lektoren der Verlage haben zwar die Tische voll mit Romanexposés, trotzdem rennen sie die ganze Zeit durch die Gegend, panisch auf der Suche nach Autoren, die wenigstens halbwegs druckbare Erzählprosa zustande bringen. Ich glaube ja nicht, dass es weniger gute Debütanten gibt als früher, es gibt nur einfach zu viele Verlage.“
Ob es tatsächlich zu viele Verlage gibt, ist fraglich. Immerhin machen kleinere Verlage wie Tropen, Blumenbar, kookbooks, Luftschacht, Tisch 7, Aufbau, Matthes & Seitz Berlin, der Verbrecher Verlag oder der Implex Verlag als “junge Verlage“ einigen Wind, bewerben sich Suhrkamp, Kunstmann, Hanser, Eichborn Berlin, Dumont, Fischer, Wagenbach, Wallstein, Rowohlt, Luchterhand, Piper oder eben Kiwi regelmäßig um junge Autorinnen und Autoren, die beim Open Mike vorgestellt werden, auf Lesebühnen sich abhampeln oder als “Geheimtipp“ gehandelt werden. Doch ist es inzwischen so, dass die Verlage offensichtlich – nicht nur im Stil prägenden Sinne – zu einem eigenständigen Sprechort werden. Blumenbar oder Tropen stehen mittlerweile synonym für “junge Literatur“ in Deutschland, ihre größten Verkaufserfolge feiern sie allerdings mit Titeln aus Skandinavien oder den USA. Ähnlich verhält es sich bei den größeren Verlagen. Der Umstand, dass Suhrkamp in diesem Herbst “Dirac“ von Dietmar Dath zum Spitzentitel macht, wird im Literaturbetrieb mit Skepsis gesehen oder sogar für ein Zeichen des Niedergangs gehalten, kaum jemand spricht von einer klugen Entscheidung oder wenigstens von Mut. Selbstverständlich ist die Lektüre des Romans dafür nicht ausschlaggebend, der Literaturbetrieb urteilt grundsätzlich, bevor er etwas gelesen haben kann. Vor diesem Urteil aber scheuen die Verlage in der Regel gewissermaßen prophylaktisch zurück.
Dabei könnten gerade sie “junge Literatur“ “machen“, so wie es Kiwi eine Zeit lang vorexerziert hat. Dass sie das könnten, liegt vor allem daran, dass über die Publikationsorte, die “Schulen“ und Veranstaltungsorte (LCB, LiteraturWERKstatt, Kaffee Burger, Machtclub, aber auch der vor Jahren mal initiierte Internetspaß “Am Pool“) der Hype bereits als ausgemacht gilt, auch dann, wenn sich das, was in den Verlagen und auf den Bühnen gemeinsam präsentiert, nicht auf einen Nenner bringen lässt. Das Haus, das die Literatur vermarktet, wirkt dabei zunächst einmal stärker als die Literatur selbst.
Um dieses Verhältnis zu verschleiern, braucht es eben die Label, die suggerieren, der Verlag und das Literaturhaus stellten sich in den Dienst einer Bewegung. Im Zweifel ist das Label daher immer “neue“ und “neueste“ und immer auch wieder Popliteratur. Oder es wird die Literatur hervorgehoben, die alles, nur keine Popliteratur sein will – und damit wieder als Popliteratur wahrgenommen werden kann. Der Hype jedoch funktioniert nur kurze Zeit. Der Autor Ambros Waibel schreibt auf die Frage, ob es überhaupt noch Popliteratur gäbe: “Die Popliteratur gibt es, wahrscheinlich seit Kerouac. Motiv ist die Suche nach Abenteuer ohne Krieg und zunächst auch ohne Fernreisen. Musik ist der Verständigungscode für in und out. Dann geht das seinen Weg in den Nationalliteraturen. Nach 68 wurde den gescheiterten Revolutionären in der BRD die Kultur als Betätigungsfeld zugewiesen (ähnlich schon in den 50ern in Italien). Daher die Verzögerung in Deutschland, die Ablehnung z.B. Fausers, dann der Durchbruch mit ‘Irre’ von Goetz. Danach werden nur noch tote Schweine geschlachtet. Die Abenteuer bleiben aber Ersatz (Stalingrad ist stärker als Pop, Punk und Madonna zusammen), deswegen häuten wir immer noch Zwiebeln.“
Den so genannten jungen Autorinnen und Autoren, die zumeist eher über als unter dreißig sind – oder, wenn sie, wie Rabea Edel, doch noch sehr jung sind, so schreiben oder so lektoriert werden, als seien sie über dreißig -, bleibt aus ökonomischen Gründen oft nichts anderes als sich anzupassen. Also wird der Roman geschrieben, der konventionell erzählt ist und kaum etwas mitzuteilen hat.
Autoren wie Kevin Vennemann, Kolja Mensing, Tanja Dückers, David Wagner, Kathrin Röggla, Jörg-Uwe Albig, Angelika Overrath, Kathrin Passig, Hans-Peter Kunisch oder Barbara Kirchner, die man allesamt als “junge“ Autoren begreifen kann, werden zwar durchaus an prominenter Stelle besprochen, aber merkwürdigerweise nicht kanonisiert, sondern eher mit Skepsis betrachtet. Autoren wie die aufgezählten, deren Werke entweder stilistisch aus dem Gros der bejubelten Bücher herausragen, die tatsächlich ihre fiktiven Texte mit Analysen und Kritik unterfüttern oder zumindest auf sympathische Weise versuchen, in die öffentliche Debatte einzugreifen, gelten eher als merkwürdig, wenn nicht als Randfiguren. Sie stören ein wenig, da sie sich mit der literarischen Tradition auseinander setzen, in die sie sich stellen, mehrere Kommata in einem grammatikalisch korrekten Satz unterbringen und komplex beschreiben können und wollen. Ihr Thema ist die Welt, wie sie ist oder sein müsste.
In einem Literaturbetrieb, den das Erscheinen des nachgelassenen zweiten Bandes von Karl Mickels einzigem Romanwerk “Lachmunds Freunde“ ebenso kalt lässt, wie er sich lange Zeit an und über Grass erregen kann, zählt jedoch nicht das Werk, sondern dessen schnelle Verwertbarkeit. Ähnlich wie in der Kunst-, Film- und in der Theaterszene gilt zunächst für gut, was sich schnell begreifen oder kategorisieren lässt, alles, was da nicht passt, wird passend gemacht oder abgetan. Der Literaturwissenschaftler Jörg Drews hat einmal angemerkt, dass gewisse komplexe Werke von der Kritik nicht aus Boshaftigkeit ignoriert werden, es fehlt ihr einfach die Zeit, die es braucht, um ein komplexes Werk verarbeiten zu können. Daher setzt sich das Einfache durch, das Gegenwärtigkeit behauptet. Noch einmal Ambros Waibel: “Es gibt immer Generationen in den Literaturen (man lese Robert Escarpit ‘Das Buch und die Leser’), gebunden an Epochenbrüche, 45, 68, 89. Die 89er werden gerade alt. Wesentlich gemeinsam waren ihnen das Ende des Sozialismus (der Alternativen) und die elektronische Musik. Durchgesetzt hat sich immer das, was die Eltern der Schreibenden lesen wollten. Wer Eltern hat, die nicht lesen, scheidet aus.“
Damit ist die Klassenfrage gestellt, denn Teilnahme oder auch nur Beobachtung des Literaturbetriebs ist ein teures Hobby. Wer nicht mithalten kann, scheidet aus oder richtet sich sofort abseits des Betriebs ein. Das ist im Literaturbetrieb nicht anders als im sonstigen Leben.
Der Autor und Kritiker Kolja Mensing ist dementsprechend von den ganzen Debatten genervt: “Die Frage nach dem ‘Zustand der jungen Literatur’ gilt ja eigentlich nicht der Literatur, sondern der Gesellschaft, in der diese Literatur in den letzten zehn Jahren einen hohen Stellenwert eingenommen hat. In diesem Sinne spiegelt die ‘Debatte’ um die ‘junge Literatur’ einen Teil der ‘großen Fragen’, die derzeit in der Luft liegen: Wie wollen wir alt werden? Wie viel darf Kultur kosten? Wie viel Politik ist überhaupt noch drin? Ist der Inhalt eines Buches in erster Linie eine Frage des Urheberrechts (vgl. Google)? Ist die Popkultur der neue Kanon? Was ist gesellschaftliche Wirklichkeit? (… und wer beschreibt sie? Clemens Meyer? Florian Illies? Christoph Peters? Daniel Kehlmann? RTL?)“ Wir geben die Fragen ins Publikum.

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Elektronische Lebensaspekte.