Live, die beliebteste Loopschleuder unter der Sonne, erfreut sich größter Beliebtheit. Diese wird sich nun mit Live 3.0 noch steigern, dank des neuen Hüllkurven-Features, dass für mehr Leben im Loop-Dschungel sorgen wird. Robert Henke, Live-Miterfinder und Monolake in Personalunion über den Spagat zwischen Softwareentwicklung und Musikerdasein.
Text: Robert Henke aus De:Bug 76

Mein Leben in Live
Ein erschütternder Tatsachenbericht von Robert Henke

Persönlichkeitsspaltungen höherer Ordung

Ich bin Monolake. Ich mache Musik mit Computern. Ich bin Robert Henke, ich bin einer von den Leuten, die Ableton Live erfunden haben. Welche Visitenkarte wollen Sie denn? Ich gebe Ihnen am besten beide. Aha, Sie machen auch Musik, Mono… was sagten Sie? Hab noch nie was von Ihnen gehört, aber kommen wir nun zur Software, ich habe neulich mit (Technogott X, Y, oder Z) gesprochen, der ist ja auch ganz begeistert
davon.

Es gibt Tage, da würde ich am liebsten kündigen bei Ableton und wieder nur Musik machen. Und trotzdem als verkanntes Genie sterben. Aber erstens kann ich nicht kündigen, das geht in meinem Fall gar nicht so einfach, juristisch. Und außerdem macht es leider Spaß, Software zu entwickeln. Es ist aufregend und es verschafft große Befreidigung, wenn man sich Dinge ausdenkt und diese nach teilweise wochenlangen, heftigen und oft auch kontroversen und sehr emotionalen Diskussionen ein Teil des Kulturgutes dieses Planeten werden.

Der Charm des Programierens liegt in der prinzipiellen Existenz einer Lösung.

Manche Probleme sehen kompliziert aus und sind es auch, andere sehen sehr einfach aus und stellen sich als sehr komplex heraus. Wie viele Menschen können sich wie lange mit so etwas scheinbar Banalem wie dem Kopieren und Löschen von Automationsdaten befassen? Viele Menschen viel zu lange, und wenn man glaubt, man hat wirklich alles bedacht kommt ein weiterer hinzu und sagt, dass er jetzt aber Probleme bekommt, wenn er neues Material einfügen will. Doch selbst in so einem Fall kommt man irgendwann durch genügend Nachdenken zu der objektiv besten Lösung.

Wie viele Menschen können wie lange ein Drumpattern optimieren und wann ist es objektiv am besten? Eben. Deshalb ist Software entwickeln manchmal so entspannend, wegen der Lösbarkeit.

Einer von den Aspekten, über die ich mir manchmal Gedanken mache ist die Frage nach der Qualität der Musik, die mit unserer Software gemacht wird. Einerseits stecke ich viel Energie in mein eigenes Schaffen, um wenigstens zu versuchen, etwas zu erzeugen, dass nicht schnell hingerotzt, beliebig oder der hundertste Aufguss des immergleichen Schemas ist, andererseits trage ich dazu bei, dass immer mehr Menschen mit immer weniger Aufwand scheinbar komplexe Werke erzeugen und vortragen können.

Mittlerweile habe ich mich dazu durchgerungen, Musiksoftware als Bleistift zu betrachten. Jeder kann einen kaufen aber nicht jeder ist Albrecht Dürer, und wirklich gequält wird man doch eher von Phil Collins auf allen Radiokanälen, als von einer weiteren unnötigen aber harmlosen Technomaxi. Und die Qualiät von Kunst ist weitgehend unabhängig von der verwendeten Technologie.

Vielleicht ist das ein interessanter Ansatz: Alle müssen Live haben. Dann ist die Technologie komplett entmystifizert und keiner fragt sich mehr, was der Typ da auf der Bühne tut, sondern nur noch warum er jetzt ausgerechnet genau das tut, was er da macht, wo man doch auch was anderers tun könnte und das wäre jetzt doch wirklich besser! Als Geschäftsmodel ist “alle müssen Live haben” jedenfalls unschlagbar. Ich werde es mal bei einer Marketingsitzung anregen. Am besten es wäre Bestandteil des Betriebssytems.

Fuge für Nokia

Live ist so ein Tool für “loop-based music production”. Das ist für viele Menschen ein Heilsversprechen, für viele andere jedoch ungefähr so anregend wie ein lauwarmer Cheeseburger, eben kompett indiskutabel und ungenießbar. Für die meisten Menschen auf diesem Planeten ist “loop-based music production” aber eh kein Thema, da sie weitaus elementarere Sorgen plagen.

Was einen Loop so angenehm macht ist die Tatsache, das er als Baustein so einfach zu verwenden ist. Anderer Groove? Kein Problem, tausche ich halt den einen Sampleloop durch einen anderen aus. Der grosse Charme von loopbasiertem Arbeiten liegt in der Effizienz und Geschwindigkeit mit der komplexe Strukturen erzeugt werden können. Wie viel mehr Aufwand ist es dagegen, jeden einzelnen Ton innerhalb eines solchen Loops selbst zu erzeugen? Es braucht Seuqenzer, Klangerzeuger, Effektgeräte, das Timing ist nicht ganz so stabil und mal schnell ein anderer Beat geht nicht.

Was spricht also gegen den Loop? Was spricht also gegen den Loop?
Was spricht also gegen den Loop? Was spricht also gegen den Loop?
Was spricht also gegen den Loop? Genau das. Loops sind böse. Loops sind statisch und tot. Loops haben das perfekte Timining und die Persönlichkeitsstruktur einer Bachfuge für Nokia.

Sampling war schon ekelhaft. Man war ausgezogen, die perfekte Nachahmung des perfekten Naturklangs herzustellen. Man drückte auf die Tasten eines unglaublich teuren digitalen Gerätes und hörte: Ein Klavier !!! Was man dabei tunlichst überhörte, war die fürchterliche Erkenntnis, die sich bei sensibleren Zeitgenossen eigentlich schon nach dem zweiten Tastendruck auf die gleiche Taste offenbaren hätte müssen: Es klingt jedesmal 100% gleich und hat damit soviel mit Leben zu tun wie eine Ikea-Vase mit der chinesicher Glaskunst des 13. Jahrhunderts. Und der Loop ist das Ganze ausgedehnt auf einen viel bedeutenderen Grundbaustein musikalischen Schaffens. Diese Ästhetik kann man mögen und damit stilbildend arbeiten oder man lehnt sie ab.

Ich persönlich finde exakte Wiederholung meistens ziemlich anstrengend und bin nur froh darüber, das die meisten Menschen, die ich kenne oder denen ich beim Spielen mit Live zugehört habe es geschafft haben, aus dieser Falle rauszukommen, sei es durch den Einsatz von Effekten, durch trickreiche Schichtung oder durch geschicktes Abwechseln verschiedener Loops. Denn je länger der Loop loopt, umso deutlicher wird er zum Loop. Ist ja so ein Wesenszug des Loops an sich. Andererseits legt eine Software wie Live es nahe, viele verscheidene Loops nur ganz kurz zu benutzen, und das erzeugt dann auch gerne eine gewisse Beliebigkeit. Die Tatsache, das alles im Beat ist, führt eben nicht zwingend dazu, dass das Resultat einen sinnvollen Aufbau bekommt.

Das Rad, die grossen Primzahlen

Hier musste Abhilfe geschaffen werden. Das Ergebnis ist vermutlich schon im Handel wenn dieser Artikel erscheint, hört auf den Namen Live 3 und wirbt mit “animated samples”. Wie so viele schöne Ideen ist auch in diesem Fall der Grundgedanke ziemlich einfach. So ein Sampleloop enthält ein bisschen Audio, das sich wiederholt. Das Sample befindet sich in Live und auch in jeder anderen Audiosoftware in einem “Track”, auch Kanal oder Audiospur genannt. Und bevor das Sample aus dem Lautsprecher kommt, durchläuft es Effekte wie Filter oder Echos und wird dann mit den anderen Tracks gemischt. Jeder moderne Audio-Editor ermöglicht es, Samples auf einer Zeitachse hintereinander anzuordnen und dann Kurven zu malen, die definieren, wie sich bestimmte Zustände des Tracks im Zeitverlauf verhalten.

Ein klassisches Beispiel hierfür ist eine Lautstärkenkurve. Damit kann man prima einen Song-Fadeout hinbekommen oder auch eine einzelne Snare mal ein bisschen lauter machen. Dafür ist es nötig, dass man Samples auf einer Zeitachse anordnet und ganz gemächlich ein Stück konstruiert. Nun ist das besondere von Live die Tatsache, dass man nicht konstruieren muss, sondern Samples in Echtzeit spielen kann. Leider nutzen diese schönen Kurven in einem Track dann nichts, denn die sind an definerte Zeitpunkte gebunden. Schade, haben wir uns gedacht, und dann die naheliegende Idee aufgegriffen, das wir solche Kurven eben nicht nur in den Tracks haben wollen, sondern dass jedes Sample in Live seine eigenen Kurven haben kann, die ablaufen, sobald man es spielt.

Diese Idee wurde dann bei Hühnercurry und Grünem Tee weiter ausgewalzt und verdrängte nach und nach vieles andere, was an großen Themen für Live 3 angeplant gewesen war, denn so ist das mit kleinen einfachen Sachen: sie sind echt kompliziert, wenn man sie schön machen will.

Es ist schon sehr faszinierend, wie aus der Kombination von ein paar kleineren Einfällen etwas Grosses werden kann. Sie wissen schon: Man schnitze eine runde Scheibe aus Holz, bohre ein Loch in die Mitte, stecke einen Ast durch und etwas später fällt den Anderen beim Mamutessen der Unterkiefer runter vor staunen. Naja, ganz so ist es bei den Cliphüllkurven, wie das in Live heißt, nicht. Aber zwei wichtige Eigenschaften dieser Kurven sorgen dafür, dass die Sache ins Rollen kommt, um im Bild zu bleiben. Erstens kann man mit den Kurven so ziemlich alles kontrollieren was in einem Track liegt, also nicht nur den Lautstärkenverlauf eines Loops, sondern auch jeden Parameter jedes Effekts und zweitens können diese Hüllkurven unabhängig von dem Sampleloop sein. Und das zusammen ermöglicht es, aus dem langweiligsten Houseloop ein sich ständig veränderndes, schillerndes, irisierendes Klanggebilde zu formen. Und davon wiederum unendlich viele Varianten.

Ich habe das deutliche Gefühl, meine Begeisterung für dieses Feature teilt sich noch nicht so richtig mit. Es folgt also die notwendige Erklärung für das Wunder der unabhängigen Cliphüllkurve.

Stellen wir uns einen Loop vor : “boing – bummm tschackkk” Und jetzt drehen wir ein bisschen Echo dazu, “boingboingboing… bummmbummbummm tschacktschacktschack”. Ungefähr drei Durchgänge lang ist das cool, dann nervt es. Also nehmen wir eine Hüllkurve und machen das Echo überall weg bis auf das “k” von “tschack”: “boing – bummm tschackkk-k-k-k”. Schon ziemlich sophisticated, aber es wiederholt sich trotzdem bei jeden Durchlauf. Und jetzt entkoppeln wir diese Hüllkurve, die das Echo auf und zu dreht und machen sie etwas länger oder kürzer als der Sampleloop, so das bei jedem Durchgang eine anderer Teil des Loops mit Echo versehen wird.
Und dann nehmen wir eine weitere Kurve, die den Klang des Echos verändert und deren Länge ist um das Verhältnis zweier sehr großer Primzahlen unterschiedlich von der Länge der anderen Hüllkurven. Und schon wiederholt sich das Geschehen das erste Mal, wenn unsere Sonne zu einem hässlichen kleinen Neutronestern zusammengefallen ist und dazwischen ist : Leben, Veränderung, Swing, Feeling oder auch Chaos, Zerfall, Irrsinn, kurz die ganze Palette menschlicher Emotion in zwei Takten Audio. Naja, kann sein, dass ich die Palette hier unterschätze, aber trotzdem ist das Ergebins ziemlich geil.

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Elektronische Lebensaspekte.