Mit Version 4 setzt Ableton die Flinte endgültig auf die Sequencer-Riesen wie Logic oder Cubase an. War bis dato in LIVE alles Audio, protzt die neue Version mit kompletter Midi-Implementierung. Achtung, Konkurrenz, hier kommt ein neuer global Player. Bugs muss man mit der Lupe suchen.
Text: Benjamin Weiss aus De:Bug 85

Ableton entdeckt MIDI

MIDI
MIDI ist das herausragendste neue Feature von Live. Behandelt wird es allerdings beinahe genau wie Audio: Ein MIDI-Track erscheint im Mixer genauso wie die Audiotracks. Zum Editieren muss man ihn nur anklicken und kann dann in einem Piano-Rolleditor die Noten eingeben. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig ist hier allerdings die Tatsache, dass der Stift sowohl neue Noten setzen kann, bei nochmaligem Anklicken aber wieder löscht. Auch das Verlängern und Verkürzen per Werkzeug ist nur möglich, wenn man den Draw Mode verlässt; mit dem Nachteil, dass man dann für neue Noten wieder in den Draw Mode zurückkehren muss. Da finde ich das Werkzeugwechseln über die zweite Maustaste eigentlich praktischer, aber man gewöhnt sich dann doch recht schnell an die neue Arbeitsweise.
Auch an MIDI-Effekte wurde gedacht: Zur Verfügung stehen Chord, Pitch, Random, Scale und Velocity. Chord erzeugt auf Basis der eingespeisten Noten einen Akkord, der aus bis zu sechs zusätzlichen Noten bestehen kann. Pitch ist eigentlich einfach nur ein schnelles Transponiertool, Random erzeugt mehr oder weniger zufällige Variationen der eingespeisten MIDI-Daten. Die Wahrscheinlichkeit und die Abweichung von der Originalnote kann eingestellt werden. Scale sorgt dafür, dass eine MIDI-Spur so abgeändert wird, dass sie einer bestimmten Skala entspricht.
Velocity ist schließlich eine Art erweiterter Velocityfilter: Je nach Einstellung werden Noten, die außerhalb eines gewissen Bereichs liegen, verschluckt oder ihr Velocitywert wird auf den Bereich angepasst.

Instrumente
Zwei Instrumente gibt es jetzt auch, allerdings leider nur im Liveformat. Simpler ist ein einfacher Sampler mit ADSR-Hüllkurve, einem Filter, Einstellungen für Start, Ende und Loop, einem einfachen LFO und der Möglichkeit, das Sample zu stimmen. Praktisch für den schnellen Einsatz, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Impulse ist eine Art Drumsampler mit Pads, die sich per Drag & Drop mit Samples belegen lassen. An Parametern stehen zusätzlich zu denen des “Simpler” noch ein Drive zur Verfügung, dafür gibt es statt der ADSR-Hüllkurve nur Decay. Auch für Impulse gilt: kein Spezialist, aber ein durchdachtes Werkzeug mit allem, was man so auf die Schnelle für Beats braucht.
Aber auch die Spezialisten lassen sich einsetzen: Live 4.0 unterstützt jetzt nämlich VST-Instrumente und Audio Units, die sich einfach per Drag & Drop aus dem Browser auf MIDI-Spuren ziehen lassen.

Routing
Auch das Routing wurde reformiert: Jeder Track, ob MIDI oder Audio, besitzt nun In- und Output. Bei MIDI-Tracks kann mit dem Input festgelegt werden, woher die MIDI-Daten kommen sollen, wobei nicht nur die angeschlossenen MIDI-Devices, sondern auch bereits vorhandene Spuren als Quelle dienen können. Darüber hinaus können bei Bedarf auch nur bestimmte MIDI-Kanäle der Quelle genutzt werden. Bei Audio-Tracks können die Eingänge der Soundkarte, Rewire-Slaves wie Reason (ebenfalls bei Bedarf auch nur bestimmte Kanäle), aber auch andere Audiospuren als Quellen genutzt werden. Sobald ein Instrument auf eine MIDI-Spur gezogen wird, wechselt das Output in den Audiomodus. Inserts können dann einfach per Drag & Drop dahintergeschaltet werden.

Swing & More
Shuffeln konnte live bisher nicht, Version 4 bietet es gleich für Midi und Audio an. Swing 8, Swing 16 und Swing 32 stehen zur Verfügung, die zwar pro Track individuell angewählt werden können, die Intensität lässt sich jedoch nur global einstellen. Ansonsten gibt es noch ein paar kleinere neue Features wie Sample Reverse, Automatic Jamming, Session View Scenes, die das Projekttempo ändern oder auch automatisch zur nächsten Scene springen können.

Performance & Bedienung
Die Performance von Live ist nach wie vor gut. Ich muss sagen, dass ich keine großen Unterschiede zwischen der alten und der neuen Version bemerkt habe, was Performance angeht, allerdings auch keine Verbesserung, wie sie angeblich für den Mac implementiert wurde. Die Bedienung ist mit wenigen Abstrichen (siehe oben) weiterhin extrem flüssig und logisch, viel besser kann man es eigentlich nicht machen. Durch die Unterstützung von MIDI, VST-Is und Audio Units ist Live nun auch ein noch größerer Konkurrent zu Logic und Cubase, die jeweils nur eine der beiden PlugIn-Plattformen unterstützen. Insgesamt mit den vielen und sinnvollen neuen Features ein sehr gelungenes Update, das die User Base von Live erheblich vergößern dürfte.
Zwei kleine Bugs gibt’s aber noch: Der MIDI-Output von VST-Instrumenten wird nicht erkannt und kann daher auch nicht benutzt werden, außerdem gibt es noch keinen Latenzausgleich, was zum Beispiel den Einsatz von DSP-Karten wie UAD-1 unbequem macht. Bleibt zu hoffen, dass diese beiden Dämpfer so schnell wie möglich behoben werden.

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Elektronische Lebensaspekte.