Die Softwrare "Live" der Berliner Firma Ableton wird im Oktober allen Laptop-Liveacts, Remixern und sogar Bands ein neues, mächtiges Tool in die Hände geben. Freies Jonglieren mit Audiofiles aller Art, Editing und Looping inklusive. Doch auch DJs können mit Live den Mix komplett neu erfinden.
Text: thaddeus herrmann | thaddi@debug-digital.de aus De:Bug 51

Zukunft des DJs

Die Zukunft des DJs
Live spielen mit Ableton

Das Berufsbild des DJs ist auch nicht mehr das, was es mal war. Immer mehr Mitglieder dieser Zunft bollern nicht mehr mit schwerem Alukoffer gen Plattenspieler, sondern betreten den Club mit slicker Schultertasche. Hier teilt sich die Spreu vom Weizen. Denn einerseits kann die Tasche CDs beinhalten (ich bin Traditionalist und urteile: langweilig) oder aber ein Laptop (ich bin Nerd und urteile: super). Zugegeben: für die große samstägliche Rave-Sause auf dem Mainfloor kommt man damit vielleicht nicht so weit. Spätestens aber seit die Backrooms der Clubs nicht mehr nur Leichensammelstellen sind, sondern sich dort das Zuhören durchgesetzt hat und viele Menschen sich auch bewusst für das Line-Up in diesen Lounges jedes Wochenende neu in den Club aufmachen, haben sich auch die Tools der DJs erweitert. Einfach, weil viel mehr geht und man viel mehr ausprobieren kann. Laptop also, MP3s, tolle neue Interfaces für den Mix, der nicht 150% sitzen muss oder aus mehr als zwei Quellen besteht. Nicht nur Jeff Mills kann das.

Ich mach das live

Eigene Tracks spielen, diese mit anderen Produktionen mischen, Loops setzen, Effekte dazugeben, Sound bauen aus Millionen von kleinen Versatzstücken. Jammen. Ohne 20 Mitmusiker und daddelige Stressphasen und schon gar nicht mit Tonnen von Equipment. Alles was ich brauche, liegt in digitaler Form auf dem Laptop bereit. Einfach aufklappen und “ive” starten. Zugegeben. Den DJ hatte das Entwicklerteam der Berliner Firma Ableton bestimmt nicht im Kopf, als Live langsam aus einer Idee codiert wurde. Zumindest nicht vorrangig und ausschließlich, deshalb jetzt mal der Reihe nach. Live ist eine Art Sequencer für Audiofiles, ungefähr so wie man das aus den Audioabteilungen von Logic, Cubase oder Digital Performer schon kennt. Dass bei diesen Programmen noch einiges im Argen ist, sobald man mit ihnen live arbeiten möchte, wissen wohl alle. (Live heißt hier eben nicht nur auf die berühmte ‘Enter’-Taste drücken, um dann gebannt auf den Bildschirm zu starren, den Audiofiles zuzusehen und vielleicht noch mal ein PlugIn zu öffnen oder wieder zu schließen.) So nützlich diese Monsterprogramme im Studio auch sind, auf der Bühne verkommen sie mehr oder weniger zu digitalen Bandmaschinen – Controllerboxen hin oder her. Solange alle Audiofiles nicht perfekt vorbereitet sind – sprich zum Beispiel auf das Mastertempo hingebogen sind, das man für seinen Liveauftritt erkoren hat – wird alles extrem holprig, und die herrlichen Drop-Outs, die ein Audiofile in Logic zum Beispiel verursacht, wenn es in ein laufendes Arrangement geschmissen wird, kommen beim Publikum nicht wirklich gut an. Hier setzt Live an, weil: das muss gar nicht so sein.

Hallo Archiv

Ohne geht bei Live gar nichts. Die Festplatte ist also voll. Breaks, Basslines, Flächen, Einzelsamples oder ganze Tracks lungern da so rum und warten nur darauf, endlich ins Arrange-Fenster geschmissen zu werden. Hier wird dann geschichtet. Sound über Sound über Sound. Und jetzt kommt das Tolle: Alle Audiofiles können automatisch an das gewählte Mastertempo angeglichen werden, ohne Ruckelei und schon gar nicht mit Veränderung der Tonhöhe. Toll, so ein Beatmatchbot. Ich weiß nicht, warum bisher noch niemand auf diese Idee gekommen ist. Nennt mir einen Musiker, der dieses Feature in den letzten 100 Jahren nicht schmerzlich vermisst hätte, und ich beweise euch, dass er gar kein Musiker ist. Es ist brilliant, und vor allem: es funktioniert. Die Files können über eine Soundkarte, die mehrere Outputs hat (im mobilen Betrieb könnte das zum Beispiel Emagics emi 2|6 sein), vorgehört, editiert oder geloopt werden. Für jede Spur können zahlreiche Effekte dazugeschaltet werden (im Live-eigenen Format oder aus der unendlich großen VST-Welt). Alles loopt brav vor sich hin und das Schrauben kann beginnen.

Was bin ich?

Was das Programm an sich angeht, ist das erst der Anfang der Geschichte. Ein ausführlicher technischer Herz- und Nierentest folgt dann bald hier im Heft – kaufen kann man Live erst ab Oktober. Ich könnte jetzt zur definitven Lobpudelei ansetzen, denn Live scheint mir in vielen kleinen, aber entscheidenden Details einfach besser durchdacht als Konkurrenzprodukte, aber wartet ab. Zurück zu unserem DJ, der brav Nachmittag um Nachmittag seine Lieblingstracks daheim digitalisiert hat, dazu passende Versatzstücke gesammelt und sich unter dem Kopfhörer so seine Gedanken gemacht hat. Auch wenn Live nicht primär für unseren imaginären Titelhelden konzipiert ist, bietet das Programm doch immense Möglichkeiten. Losgelöst vom Interface Schallplatte (Final Scratch), ist Live das mit Abstand offenste System und lässt sich am universellsten einsetzen. Und was bin ich nun? Vielleicht jemand, der DJ. Sein etwas anders buchstabiert, als man es gemeinhin tut. Vielleicht eher der Produzent, der das traditionelle Plattenauflegen gerne den anderen überlässt, auch weil man eh etwas anderes im Sinn hat. Sei es nur, beim Auflegen oder Aufführen lieber zu sitzen als hinter dem Pult zu rocken. Mit Live kann man die alten langweiligen Grenzen Livegig (Band, Bühne, schwitzen), dem klassischen Clubprogramm (DJ, auflegen, also tanzen, aber doch immer mal wieder gen Pult schauen) oder aber der Band, die sich mit DJ auf der Bühne in Sachen Hipness ganz nach vorne schießen will (schlimmer geht’s nimmer) endlich aufbrechen. Und einfach machen, was man immer wollte: Musik spielen.

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Elektronische Lebensaspekte.