Und wieder steht das Vinyl unter schwerem Beschuss, denn nach Traktor und Finalscratch erobert ein weiteres Software-basiertes DJ-Tool die Discos. Debug sprach mit dem Berliner WMF-Platzhirsch Highfish, der "Live" live getestet hat.
Text: Pit Schulz aus De:Bug 66

Ein Gespenst geht um auf Mailinglisten und Mainfloors, auf Wired Newstickern und in Entwicklerkreisen. Es ist der digitale DJ, der die analoge Ära des Plattenkistentragens ablösen soll. Die Vorteile sprechen auf den ersten Blick für sich, tausende Tracks sind verfügbar, man kann sie vom Netz laden, gleich abspeichern, und es gibt keinen Stress mehr, dass die Platte ausläuft. Mittlerweile sind zahlreiche Mp3-Mix-Share- und Freewares verfügbar, im Pro-Bereich regieren Native Instruments’ Traktor, das in Kürze als 2.0 Version (auch für Macs) erscheint, Richie Hawtins Finalscratch und das Alchatech BpmStudio. Dennoch wurden diese Tools bisher selten beim Danceflooreinsatz gesichtet.

Im Prinzip ist ein DJ-Set nicht unterscheidbar von einem Liveset am Laptop. Performt wird mit konzentriertem Blick auf den fahl leuchtenden Monitor, die Hände an Midicontrollern, Maus, Trackball, oder eben einer präparierten 12″. Die Entwicklung des DJs zum Luftgitarren-Hero, als Vogue-Cover und Tanzbär war aber ursprünglich so auch nicht vorgesehen, darum sollte am DJ-Laptop der fehlende Showeffekt eigentlich kein Manko darstellen, ebenso wie der dazukommende Nerd-Effekt keine Rolle spielt. Es zählt, was unten rauskommt auf dem Floor, bzw. was von dort zurückkommt. “Sound, keine Show.”

Herr Highfish, Resident im Berliner WMF, gab kein Pardon. Zur Eröffnung der WMF-Location no#6 in der Karl-Marx-Allee trieb er die Gespenster von der Tanzfläche. Ein derartig geschlossenes, brutal treibendes und perfekt getimtes Set hatte man lange nicht von ihm gehört. Nur einigen seiner Bekannten war aufgefallen, dass Marcin in den letzten sechs Wochen wenig auf die Straße gegangen war. Man hatte ihm zum Geburtstag einen Plattenspieler geschenkt, das nutzte er zum Digitalisieren seiner Sammlung. Aus Warschau zurückgekommen, wo er mit Jacek Sienkiewicz, der gerade sein Liveset auf Ableton umgestellt hatte, am neuen WMFrec Longplayer bastelte, war er so vom Live-Virus infiziert, dass innerhalb weniger Tage der Inhalt einer Plattenkiste, ca. 150 Vinyls, als Wavs auf der Festplatte landeten.

Kopfrechnen für DJs

200 Tracks passen auf 50 bis 70 Gigabyte, ein Projektfile braucht etwa 5 Gigabyte und 15% der Rechenleistung. “Es ist Zufall, dass es für DJs funktioniert.” Die Ableton-Software ist eigentlich für das Bearbeiten von kleineren Soundschnipseln in Echtzeit gedacht. “Ich nutze es zum Mixen von ganzen Tracks.” So lassen sich Looppoints setzen und die Synchronisierung der Tracks vorbereiten, durch Timestretching ändert sich beim Pitchen nicht die Tonhöhe. Beatgenaue Übergänge sind so kein Problem mehr. “Synchron abspielen ist das Handwerk, das kann jeder, wenn mir das jemand abnehmen könnte, könntest du dich auf den dritten Track konzentrieren, den Bootleg-Monstertrack.” Exakt Breaks setzen, bestimmte Teile mehr als vier Takte loopen, zwischen den Tracks beliebig switchen. “Es wird mein Stück, meine Musik.”

Was man durch die virtuelle Plattenkiste (in Sekundenschnelle) gewinnt, geht in 100% Aufmerksamkeit und Geschwindigkeit ein. Das Set wird schneller, “ca. 134 bpm” im Gegensatz zu früher, oder ca. “125 bpm wie bei Clé (Märtini Brös.)”. Durch Normalisierung der Wav-Dateien wird die Dynamik auf ein Maximum hochgepegelt. Der Effekt ist eine Perfektion am Limit. “Nun muss ich mich über die Weiterentwicklung kümmern, wie das Set aufgebaut ist, in verschiedene Teile sich über die Zeit entwickelt. Ich kann live darauf Einfluss nehmen. Das Interface ist ganz gut dazu geeignet, den Überblick zu behalten. Die verschiedenen Farben und Namen. Die Tracks sind optisch lokalisierbar. Das ist intuitiv zu bedienen per drag and drop”. Hinzu kommen die Loop-points, eigene Samples und sonstige Tricks. “Es kann immer noch einiges schiefgehen, nach zwei Stunden Liveset bin ich fertig, das ist wie ein Sechs-Stunden-Set.”

Entscheidend für ein flüssiges Setup ist das analoge Interface über Schiebe- und Drehregler. Einige Bereiche lassen sich über den Midicontroller steuern, die einzelnen Kanäle über das Mehrkanal Audiointerface auf einen DJ-Mixer aussteuern und dort regeln. Der Rest läuft über die Maus. Für die Tastaturbedienung fehlt in der Regel das Licht und damit die Zielgenauigkeit. “Die anderen DJ-Mixer sind falsch gedacht”, sie versuchen das DJ-Set zu kopieren und auf den Bildschirm zu holen. Live ist für jegliche Art elektronischer Musik gemacht. Momentan experimentiert Highfish mit Hiphop- und Technotracks. Ohne Kopfhörer, was die Nachbarin aber nicht stört.

“Mp3 sind soundmäßig scheiße, die Deepness ist weg. Wir reden hier von Hightechsound. 15 Kilowatt, 15 Hz Bässe.” Die Kompression findet eher auf der Produzentenebene statt, mehr Konzentration, mehr Präzision, höhere Auflösung. Der direkte Druck von Vinyl muss möglichst verlustfrei rüberkommen. Mp3 nimmt aus dem Frequenzspektrum bestimmte Anteile weg, die nicht hörbar, aber eben spürbar sind. Auf die Copyrightfrage angesprochen, meint Highfish. “Ein Vorteil ist, dass man jederzeit direkt CDs anfertigen kann, perfekte Kopien des Live-Sets. Ich kaufe aber weiterhin die Platten im Laden.” Er würde Mix-CDs als Promo verschicken, “live auftreten, nicht veröffentlichen”.

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Elektronische Lebensaspekte.