Mickey Mouse und Themenparks belegen es: Disney ist die fürhrende Autorität bei der Inszenierung bürgerlicher Idyllen. Da frohlockt man doch, wenn Disney jetzt in den realen Städtebau einsteigt, historistische Plattenbauten entwickelt und Wäsche im Vorgarten verbietet. Endlich kann man dort einziehen und selbst zur Disney-Figur werden.
Text: frank roost aus De:Bug 63

Lebensraumdesign

Living in Disneyworld
Der Vergnügungskonzern Disney baut jetzt auch “echte” Städte

Die Walt Disney Company ist mit ihren zahlreichen Tochterfirmen heute der zweitgrößte Medienkonzern der Welt. Durch die konsequente Anwendung des Prinzips der In-House-Cross-Promotion, bei dem ein Produkt das andere bewirbt, wurde aus dem kleinen Zeichentrickstudio ein Unternehmen, das etwa ein Fünftel der Hollywood-Kinofilme produziert (so sind z.B. fast alle Filme mit Robin Williams, Julia Roberts oder John Travolta von den Disney-Filmfirmen Miramax oder Touchstone produziert worden). Zum Konzern gehören aber auch der größte amerikanische Fernsehsender ABC, die Disney Music Group (die u.a. den Country-Music-Markt beherrscht, aber auch Bands wie Aerosmith unter Vertrag hat und diverse Independent-Label besitzt) sowie Zeitschriften- und Buchverlage und natürlich auch Aktivitäten im Internetbereich (Infoseek, Go). Die Bandbreite an Produkten reicht dementsprechend von Kaffeetassen und Pyjamas bis hin zu Ferienclubs und Kreuzfahrtlinien mit konzerneigener Karibikinsel.
Angesichts dieses Erfolgs ist es nur konsequent, dass der Konzern sich nun auch entschlossen hat, sein familienfreundliches Image auch im Immobiliensektor zu nutzen und ganze Städte mit dem Markenzeichen “Disney” zu bauen. So ist die Walt Disney Company nicht nur federführend am wichtigsten Stadterneuerungsvorhaben der USA der letzten Jahre, dem Times Square Redevelopment, beteiligt, sondern baut in Florida auch eine komplette Stadt für 20.000 Einwohner, die sich ihr Alltagsleben vom Vergnügungskonzern organisieren lassen wollen. Dabei nutzt das Unternehmen neben dem familienfreundlichen Image sein kulturelles Kapital, seit Jahrzehnten mit seinen Themenparks die Vorstellungen der amerikanischen Mittelschicht von urbaner Qualität beeinflusst zu haben.

Inszenierung touristischer Urbanität
Der New Yorker Times Square ist seit der Jahrhundertwende Inbegriff amerikanischer Großstadtkultur, doch seit dem Niedergang der Kinopaläste in der Nachkriegszeit und dem Boom der Peepshows war er auch ein Symbol der Krise amerikanischer Metropolen geworden. In den 80er-Jahren begann die New Yorker Stadtverwaltung, das Gebiet um die 42nd Street aufzukaufen und 200 kleine Geschäfte und Peep-Shows zu räumen, um das Gelände für den Bau von Bürotürmen vorzubereiten. Als die Mieter vertrieben waren, sprangen die privaten Investoren jedoch wieder ab, so dass danach jahrelang mehrere Blocks im Zentrum Manhattans leer standen.
Dies änderte sich erst, als 1994 Robert Stern, Architekt und Mitglied des Disney-Aufsichtsrats, einen Alternativplan vorlegte und die Renovierung der historischen Theater, touristenorientierte Geschäfte und Restaurants sowie den Bau von Hotels vorschlug. Dank diesem Plan betreibt der Disney-Konzern heute nicht nur drei Musicaltheater am Broadway, sondern auch einen großen Disney-Store, ein Themenrestaurant seines Sportfernsehsenders ESPN und ein TV-Studio seiner Tochterfirma ABC. Damit ist Disney zum Markenzeichen der Renaissance des Times Square geworden, wobei das familienfreundliche Image des Konzerns als Leitstern und Schutzschild der weißen Vorortbewohner dient, die sich vorher gar nicht mehr an den Times Square getraut hatten.
Den Wünschen des Konzerns entsprechend wurde zu diesem Zweck auch noch ein beispielloses Programm zur Veränderung der Sozialstruktur des Quartiers aufgelegt. So beschloss die Stadt New York ein auf den Times Square ausgerichtetes Regelwerk, das Sexshops im Umkreis von 150 Metern um eine Kirche, eine Schule, ein Wohngebiet oder einen anderen Sexshop verbietet. Damit können von 300 Sexshops im Quartier nur noch drei bestehen bleiben. Gleichzeitig wurde der so genannte Midtown Community Court ins Leben gerufen – ein von den Grundstücksbesitzern am Times Square privat finanzierter (und von der Stadt genehmigter) Sondergerichtshof für die Gegend um die 42nd Street. Dort werden Prostituierte und Taschendiebe zu „Gemeinschaftsaufgaben” wie Reinigungsdienste mit dem Besen verurteilt.
Mit solchen Maßnahmen ist die 42nd Street zum Aushängeschild der Null-Toleranz-Politik des Bürgermeisters Giuliani und seines Nachfolgers Bloomberg geworden. Disneys Anwesenheit am wieder populären Times Square kann dabei als Symbol des vermeintlichen Erfolgs der Zero-Tolerance-Strategie gelten. Und umgekehrt trägt der Ruf der Polizei, hart durchzugreifen, dazu bei, dass potentielle Kunden aus den Vororten wieder an den Times Square kommen – und so zur Umsatzsteigerung in den Disney-Unterhaltungseinrichtungen beitragen.

Illusion einer historischen Stadt
Angesichts der Eintönigkeit der Einfamilienhausgebiete in den Vororten der Großstädte in den USA erfreut sich bei amerikanischen Architekten in den letzten Jahren der so genannte “New Urbanism” wachsender Beliebtheit. Dessen Anhänger schlagen als Alternative zu den endlosen Highways und immer gleichen Shoppingmalls neohistoristische Siedlungen vor, die die Form einer Kleinstadt des 19. Jahrhunderts mit einer fußgängerorientierten Hauptstraße haben sollen. Das erste Projekt dieser Art war die kulissenhaft-idyllische Siedlung Seaside in Florida, die bekannt wurde als Drehort des Films “Truman Show”.
Der Disney-Konzern, dessen Hauptachse von Disneyland “Main Street U.S.A.” das kollektive Gedächtnis der Mittelschicht über das Aussehen historischer Kleinstädte nachhaltig geprägt hat, erkannte, dass er auf diesem Markt gute Chancen hat, und errichtet mit der Stadt Celebration südlich von Orlando die bisher größte neotraditionelle Siedlung. Um das Flair einer historischen Südstaaten-Ortschaft zu schaffen, wurde ein umfassendes Musterbuch entwickelt, nach dem sich die Hinzuziehenden bei der Gestaltung ihrer Einfamilienhäuser zu richten haben. Sie müssen sich zunächst für einen von sechs möglichen historischen Stilen entscheiden und dann ihr Haus aus den festgelegten Gestaltungselementen zusammenstellen. Dadurch sollen Einheitlichkeit und Vielfalt miteinander verbunden werden, um ein geschlossenes romantisierendes Stadtbild zu schaffen. Die langsam entstandene Vielfalt einer gewachsenen Stadt wird so simuliert.
Doch die Harmonie bezieht sich nicht nur auf die Gestaltung der Gebäude, sondern auch auf das Verhalten der Bewohner. Der Konzern hat sich umfassende Einflussmöglichkeiten in Celebration gesichert, denn einen Stadtrat oder gar einen frei gewählten Bürgermeister gibt es nicht. Die entsprechenden Aufgaben werden von Disney-Tochterunternehmen wahr genommen. Diese erlassen dann Verhaltensregeln wie zum Beispiel die Verbote, reparaturbedürftige Autos auf der Straße abzustellen oder Wäsche im Vorgarten aufzuhängen. Auch die Art und Zahl der Vorgartenpflanzen sind geregelt, und Vorhänge müssen weiß sein. Bürger von Celebration, die sich nicht an solche Vorschriften halten, werden von Disney-Kontrolleuren ermahnt.
Mit dieser Kombination aus historisierender Gestaltung und rigider Organisation präsentiert sich die Siedlung als die adaptierte Version einer Kleinstadt, die deren Vorteile in eine mit den technologischen Anforderungen des neuen Jahrhunderts kompatible Form bringen soll. Eine Illusion zwar, von Disney wird sie aber als Wiedergewinnung einer verlorenen Idylle für die Mittelschicht vermarktet.

Geheime Verführungen
Der am ehesten innovative Aspekt an Disneys Stadtplanungsprojekten dagegen ist, dass dabei auch wieder die ganze Bandbreite an Cross-Promotion genutzt wird. Schon immer nutzt das Unternehmen die Popularität seiner Kino- und Fernsehfilme zur Werbung für seine Themenparks, und im Gegenzug trägt Disneyland dazu bei, die Markenloyalität der Kunden langfristig zu erhöhen. Oft sind die Werbestrategien gar nicht direkt als solche erkennbar. Zum Beispiel wurde die Handlung von ABC-Fernsehserien wie “Roseanne” so umgeschrieben, dass die Hauptdarsteller eine Reise nach Disneyland machen, um damit indirekt für den Themenpark zu werben.
Nach dem selben Prinzip wird nun auch für den neuen Times Square geworben. So brachte der Medienkonzern zum Beispiel kurz nachdem der Disney-Store eröffnet worden war den Kinofilm “Jungle2Jungle” heraus. Der Film wurde so konzipiert, dass er wie eine Werbung für einen Familienausflug nach New York wirkt. Damit die potentiellen Kunden auch nicht vergessen, den Times Square zu besuchen, integrierte man in den Film eine Szene, bei der einer der Hauptsdarsteller an diesen Ort pilgert – auch wenn diese Szene ansonsten keinen Bezug zur Handlung des Films hat. Sollten diese Hinweise auch nur bei ein paar Prozent von den Millionen Zuschauern des Filmes ihre Wirkung entfalten, wird es sich für den Konzern günstig auf den Umsatz des Disney Store am Times Square auswirken. Der Konzern, der schon seit Jahrzehnten mit seinen Themenparks Vorreiter im Bereich Merchandising und Cross-Promotion ist, setzt so einen weiteren neuen Trend: medial inszenierte Stadtplanungsvorhaben, die vollständig in den Vermarktungszyklus eines Unterhaltungskonzerns eingebunden sind.

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Elektronische Lebensaspekte.