Lo Recordings addressieren ihre Musik an Menschen mit Bewusstsein. Visuelle Menschen, die beim Hören auch was sehen wollen. Deshalb klotzen sie bei Grafikfragen ordentlich ran und verpflichten die renommierten Designer von non fomat.
Text: Christoph Cadenbach aus De:Bug 122


Ein Teller, umrahmt von Silberbesteck. Darauf, recht sauber sortiert, ein Klecks Rührei, etwas blasser Speck und zwei verschrumpelte Würstchen. Die halbe Tomate am Tellerrand ist von mintgrauem Staub überzogen. Ein britisches Frühstück, wie es Martin Parr nicht schöner hätte fotografieren können – nur etwas angegammelt, das Ganze.

Oder: ein schwarzes Quadrat. Von oben schieben sich violett schimmernde Kreise ins Bild, transparent, die an gebrochenes Sonnenlicht in einer Linse erinnern. Darüber steht, in weit geschwungenen, dünnen Disko-Font-Linien, der Name der Compilation: “Milky Disko”.

Zwei Plattenhüllen des englischen Labels Lo Recordings, die augenschmeichelnd veranschaulichen, worum es den Londonern bei der Verpackungsgestaltung ihrer Musik geht: um das Cover als eigenständiges (Kunst)Werk. Keine langweiligen Künstlerporträts, kein kostengünstiges Whitelabel-Stakkato, sondern reinste, in Schönheit badende Verschwendung.

Denn verantwortlich für den Lo-Recordings-Look ist das ebenfalls in London beheimatete Designbüro non format, und dessen Betreiber Kjell Ekhorn und Jon Forss dürften für ihren kreativen Einsatz das ein oder andere Pfund gezahlt bekommen. Schließlich werden der Norweger und der Engländer in der Grafikwelt hoch geschätzt. Sie gestalten für Nike und Coca Cola, haben das britische Musikmagazin The Wire gerelauncht und stellen nebenher in der Tate Modern aus. Echte (und teure) Künstler also – und das in Zeiten sinkender Musikumsätze und MP3-Vormarsch, der ja das Plattencover längst zu Grabe tragen sollte.

Lo Recordings halten am aufwändig produzierten Cover fest, dafür muss man sich bedanken, zum Beispiel bei Vincent Oliver, einem der Manager, Musiker und Inhouse Designer des Labels. “Bewusste Menschen wollen Musik nicht nur hören, sondern auch sehen und anfassen“, sagt er. “Unsere Zusammenarbeit mit non format hat Produkte geschaffen, die schön sind und mehr Ebenen haben als nur audio.” Die Digitalisierung sieht Oliver als Ansporn, kreativ nicht stehen zu bleiben.

Wie weit das Coverdesign gehen kann, zeigt die Gestaltung der Sublabel-Reihe LOAF. Auf eine schlichtgraue Plattenhülle wird eine Ritter-Sport-große Zeichnung geklebt und mit Folie überzogen, wie der Lieferschein bei einem Postpaket. Dann besiebdrucken non format die Pappe in fetten Lettern mit dem Namen des Künstlers. Eine haptische Spielerei, die durch den blockigen (non format benutzen hier eine Schrift mit gefüllten Punzen), unsauberen Font ein wenig an einen Kartoffelstempel erinnert, dadurch aber augenblicklich wieder zu erkennen ist. “Eine Corporate Identity ist für ein Label sehr wichtig“, sagt Vincent Oliver. Gerade heute, wo die Musikwelt so unübersichtlich sei. “Ein Label muss als Marke erkennbar sein, um dem Kunden Orientierung zu bieten.“

Beim Dach-Label Lo Recordings gibt es eine vergleichbar eingängige CI jedoch nicht. Hier steht jedes Cover für sich selbst, ohne roten Faden. Nur die aufgeräumte, klare Gestaltung (zum Beispiel in den Foto-Illustrationen für Cursor Miner) und die kunstvoll geschnittenen Fonts verbinden die Arbeiten miteinander und verweisen auf ihren Urheber, non format. Über die Musik verraten die Cover indes nicht viel. “Wir sind da altmodisch”, sagt Vincent Oliver. “Die Musiker machen ihr Album, die Designer die Verpackung.”

Wenn überhaupt, werden gefühlige Brücken zwischen Musik und Design gebaut. Bei der Compilation “Milky Disco“ mit Künstlern wie Daniel Wang und Morgan Geist sperren noch die violetten Lichtkreise den Assoziationsraum “Tanzfläche“ samt funky-funkelnder Diskokugel auf. Bei King Of Woolworths besteht dagegen keine Verbindung mehr – ein pilzbefallenes Ei-Speck-und-Wurst-Frühstück ist dann doch sehr weit weg von jeglicher Klangwelt.

Ein Zahnrad mit Henkel: Das Logo von Lo Recordings sieht wie ein Relikt aus den Neunzigern aus. Wäre es da nicht langsam Zeit für ein Neues? “We can’t talk about this, i’m afraid”, sagt Vincent Oliver. “For fear of offending a particular person …” Fest steht nur: non format haben das Logo nicht gestaltet.

http://www.non-format.com

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Elektronische Lebensaspekte.