Mark Rothko, Angela Bulloch, Thurston Moore und David Toop unter einem Dach? So etwas geht nur, wenn man einen extrem weiten künstlerischen Horizont hat. Jon Tye von Lo Recordings hat ihn.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 122


Lo Recordings existiert schon länger als die De:Bug. Das von Jon Tye 1995 gegründete Label ist paradigmatisch sowohl für eine sehr spezielle britische Herangehensweise des tiefen Wühlens in der Musikgeschichte verbunden mit einer konstanten Erneuerung als auch für die ständige Neuerfindung von Möglichkeiten, selbst in kriselnden Zeiten ein Label zu handeln, das immer wieder etwas wagt.

Schon bei den ersten Releases des Labels war einem klar, Lo Recordings, das ist ein Label von Musikliebhabern für Musikliebhaber. Eklektizismus (sie selber nennen es gerne mal etwas albern Esoterik) war immer schon ein Thema, weshalb schon die ersten Compilations des Labels eine Bandbreite verfolgten, die es ermöglichte, dass sich Drum-and-Bass-Acts wie Omni Trio mit Legenden wie David Toop auf einer CD trafen, Generationen und Genres ständig aufeinander prallten (wo sonst findet man eine Kollaboration von Thurston Moore mit Eugene Chadbourne neben David Kristian und Luke Vibert?) und sich in einen neuen Austausch begaben. Kollaboration, Verwandlung, Mutation. All das sind immer schon die zentralen Themen von Lo Recordings gewesen. Nicht Stil, nicht Labeldefinition, sondern Definition der eigenen Herangehensweise.

Nicht selten ist Lo Recordings dabei nicht nur der Hub, um den herum sich eine Welt aus obskurer, kongenialer Musik versammelt, sondern auch Initiator von Projekten, die gelegentlich ambitionierte Ideen zu einem unwahrscheinlichen Ergebnis führen. Die von Thurston Moore durch die Welt geschickten einminütigen Gitarrenstücke z.B., die nicht nur als Audio, sondern auch als Bild von Leuten wie Angela Bulloch oder David Bowie verarbeitet wurden.

Und bis heute besteht zwischen Artist-Alben und Compilations, zwischen thematischen Releases, die tief in der Kiste musikalischen Widerstands graben (Überblick über den politischen Radikalismus Schwarzer Musik der 60er und 70er z.B.) und fast kunstorientierten Releases (Rothko) eine Ausgewogenheit, die man sonst nirgendwo findet. Und dabei entstehen eben nicht einfach nur Kunstprojekte, sondern die grundlegende Qualität der Musik steht immer im Vordergrund. Kein Wunder also, dass sich rings um Lo die gesamte Garde der britischen Querköpfe wie Aphex Twin, Squarepusher etc. gerne versammelt, wobei die Herkunft von Tye, Cornwall, mit Sicherheit nicht ganz unwichtig ist, denn Lo Recordings war immer auch ein Label von Freunden für Freunde.

Und weil ein Label nicht genug ist, wird auch die Firma mit einem ähnlich weitsichtigen Engagement immer wieder neu erfunden. Sei es als Publishing Company, Hub100, oder als Lizenzierungswebseite Lo Editions für eine neue Welt der so genannten Librarymusic, auf der man Tracks der angeschlossenen Artists und mehr sofort für was auch immer lizenzieren und sie nach Stimmungen, Instrumenten, Genres durchsuchen kann.

Gebrauchsmusik ist neben Elektronik, Absurditäten, Mutationen, Discovariationen, Edits, Dubs, Kollaborationen und Design immer schon eins der ideellen Standbeine von Lo Recordings gewesen, denn Musik ist, egal wie abstrakt das auf der inhaltlichen Ebene manchmal wirken kann, immer auch ein Gegenstand. Esoterischer Materialismus. Könnte man sagen.

Und wenn es auf dem Label inhaltlich doch mal zu eng werden sollte, dann gründet Jon Tye gerne mal Variationen davon. Letztes Jahr war die Zeit dafür mehr als reif. Alles wurde noch mal neu sortiert. Lo Recordings war von da mehr das Mutterschiff für Releases auf CD, LoEB (das EB steht nicht für electronic, sondern für Experimental Beats) wurde das fein durchgestylte Label für 12″s, LoAF das Label für Bandmusik von Folk über japanische Süßigkeiten bis hin zu quirky Indie- und Punkrock (und auch hier verschränken sich Format und Inhalt in einer sehr eleganten Serie von MiniCDs).

Vermutlich versteht man das Label am besten, wenn man sich all das als Erweiterungen von Jon Tye vorstellt. Hier sitzt ein Labelmacher, der gleichzeitig Musiker und Produzent ist, das ist nicht selten, dessen Interesse für ein extrem breites Feld von Musik sich in den Labeln widerspiegelt, der Musik nicht als nur Musik sieht, als einen internen Diskurs, sondern der vor allem auch nach Schnittstellen sucht. Sei es die soziale Wirkung, der Einfluss auf die Kunst, die medialen Konstellationen oder auch der Fokus auf Design.

Und auch ein weiteres der Merkmale von Lo Recordings ergibt sich wie von selbst, wenn man sich die Bandbreite der verschiedenen Projekte, die Tye mit anderen im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte hatte, genauer ansieht. Von Funtopia in den späten 80ern über MLO mit Peter James Smith auf R&S, Rising High und Aura Surround, 2 Player mit Pemberton auf Ninja Tune, Echo Park mit Tony F. Wilson, Hairy Butter mit Richard Thomas und zuletzt Black Mustang mit Jon Brooks stand Tye in seiner eigenen musikalischen Entwicklung nie still und hat vor allem nahezu ausschließlich Musikmachen als Kommunikation mit anderen betrachtet. Und genau das hört man auch auf jedem Lo Recordings Release. Das ist immer auch Kommunikation, nicht nur mit dem Hörer, sondern schon in seiner Entstehung. Genau das also, was Musik immer sein sollte.

http://www.lorecordings.com

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Elektronische Lebensaspekte.