Lobo sind ein verschworener Mischkörper ohne Einzelköpfe. In der Konstellation können die brasilianischen Clipdesigner perfekt auf ihre Auftraggeber von Diesel, Viva bis Legowelt eingehen, ohne ihren Hang zur Niedlichkeit aufgeben zu müssen.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 88

Lobo aus Brasilien

Was für ein Getue. Er mag nicht sagen, wer er ist. Er arbeitet bei Lobo, der brasilianischen Design- und Animationsagentur in São Paulo. “Wir sehen uns als Einheit“, heißt es nur. Eine geschlossene Komplettheit wie der orangefarbene Klotz auf der Webseite von Lobo, aus dem dünne Ästchen sprießen. Obwohl ich wette, dass es einer der beiden Gründer ist und das nicht verraten mag: Mateus de Paula Santos war bei MTV und Nando Cohen Architekt, sie kennen sich schon seit Kindertagen. Vor zehn Jahren gründeten sie Lobo, seit sechs Jahren gehen sie es professioneller an. Lobo bedeutet “Wolf”, eigentlich wollten sie ihre Unternehmung Miguelito oder Koyote nennen. Das haben ihnen aber ihre Eltern nicht erlaubt, ernsthaft. Und als wohlerzogene Jungs sind sie gefolgt. Sie arbeiten für den Disney Channel, den Cartoon Network, für Diesel und neben den dicken Kumpels MK12 und den ebenfalls brasilianischen Nakd haben sie gerade Trailer für VIVA fertig.
Clips, Trailer und Spots von Lobo gibt es viele, und viele unterschiedliche. Ein Wesenszug streift da immer wieder durch: Die Kindlichkeit, die mit klassischen Techniken beginnt und mit Maya (der Software) aufhört. Eine humorige Putzigkeit, die die mittlerweile 50 Mitstreiter mit einer Truppe wie vergleichsweise Pixar verbindet. Lobo, man stelle sie sich vor als eine grinsende Krake, deren 50 Fangarme mit Kinderspielzeug rumwuseln und ihren Fantasien aus dem Zauberland freien Lauf lassen. Einem Land, das sich vom Stil her zwischen japanischen Animés und der Trickwelt vom Sandmännchen und den Mumins verortet. Denn wer bitteschön außer der Kindlichkeit käme denn auf die Idee, für Weichspüler-Spots der Marke Comfort eine ganze Welt aus Filzstückchen nachnähen zu lassen: Die Erde ist eine Kugel aus Patchwork, um die weiße Filzbollen als Satelliten kreiseln. Der Filzmann fährt im Filzauto in die Werkstatt und will eine neue Farbe. Da wäscht der Mechaniker ein rotes Deckchen und streift es über die Oberfläche. Fertig ist der neue Anstrich. Filzies Welt entstand als Storyboard, dann wurde sie in 3D modelliert, bis sie als Trickfilm im Studio gedreht wurde. Kindlichkeit, die auch mal die Zeitlupenbullets aus der “Matrix“-Trilogie mit Klötzchenfiguren in minimaler Pixelästhetik nachstellt. Oder für die Intro-Spots beim BMX-Festival Gravity Games den Skateboarder zu einem After-Effects-Zombie macht, der frei nach Frank-Miller-Comics durch eine zweifarbige wie zweidimensionale Landschaft geifert.

Tuschästhetik und Kratztechniken
Den Lobo-Style, wenn schon als übergreifendes Merkmal, sieht man am Rückgriff auf klassische Methoden, wenn sie zum Beispiel Tuschästhetik und Kratztechniken zum Motion Capturing frei nach Oskar Fischingers Animationen hernehmen oder hin und wieder eine Vorliebe für aus Buntpapier digital Zurechtgeschnittenes an den Tag legen. Sie sind die Kids, die oldschool mit “cel animation” arbeiten, dem guten alten Zeichentrick, einer handgemalten Schufterei. Altmodisch sind sie aber nicht und verbinden Puppentrick mit dem üblichen Kram an CG wie Motion Graphics und 3D gekonnt. Wie beim VIVA-Trailer für die Sendung “neu“. Sieht aus wie Live Footage, wenn sich da ein 3D-Päckchen rigoros von allein entpackt, die Befestigungsklammern sich ruppig vom Kästchen darin lösen und es energetisch aufklappt. Raus kommen die Buchstaben n, e und u und sind so schick wie formvollendete italienische Designermöbel.
Egal, was sie tun, es ist immer vollgestopft mit tausend Ideen und Spielereien, ohne überfrachtet zu wirken. So wird die Frühjahrskollektion von Diesel zum Ausprobierort für sämtlich verfügbare Techniken wie Ideen: Die Stoff-Muster werden verlebendigt zu Escher-artigen, fluppenden Fischen und Accessoires werden zu wabernden Tierchen auf dem Meeresgrund. Krabben in Stopptrick besaufen sich im Aquarium, gleich darauf wird die Rasterästhetik des Koordinatennetzes im ungerenderten Maya als Oberfläche für rosa Flamingos genommen. Daneben machen sich die fliegenden, aufblasbaren Schweine beim Clip für Diesel Dreams genauso hübsch.
Die Clips, die Lobo bastelt, sind bisher monothematisch, auch schon die Tracks zeichnen sich in ihrer Stimmung durch die fröhliche Fiepsigkeit aus. Für Golden Showers “Total Control” animierten sie ein flottes Autorennen auf der Carrerabahn als 80er-Cartoon-Verschnitt. Und erst das meisterliche “Disco Rout” für Legowelt: Luis Trenker als fesche 3D-Klobgestalt, die durch den Tiefschnee pflügt, in einem visuellen Augenschmaus gebastelt nach Reiseplakaten der 20er.
Eins noch: “Wir hassen Videoclips, wegen Michel Gondry und Shynola“, heißt es. Jetzt isses aber gut und der Ungenannte will entschwinden – ins kollektive Bad. Nach der Arbeit gamen sie nicht oder tischkickern, nein. Oft gehen sie zwischen sieben und neun Uhr abends rituellerweise in den hauseigenen Pool “nach Art der Skythen“. Eine Runde planschen für die Grinse-Krake.

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Elektronische Lebensaspekte.